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Kairos- Dokument Indien


KAIROS INDIEN

Auf dem Weg zu einer

egalitären, multireligiösen, multikulturellen, gerechten und menschlichen Gemeinschaft

Vorlage für

Glaubensgemeinschaften, Volksbewegungen und alle, die sich für eine gerechte und menschliche Gesellschaft einsetzen

Herausgeber

Community Contextual Communication Centre, New Delhi

für Kairos India

September 2000

Inhalt

Vorwort

Einführung

  1. Gottes Sache in den Kämpfen der Unterdrückten
  2. Bedeutung der „Zeichen der Zeit":

    Wohin uns der Geist Gottes führt

  3. Kairos und die von Gott vorgegebene Ordnung für Indien
  4. Unsere Weise zu urteilen und zu handeln

Epilog – Zum Weitergehen

Vorwort

Zwischen Wandel und Zeit gibt es einen inneren Zusammenhang. Beide spielen im Leben eines jeden Menschen eine wichtige Rolle. Geburtstagsfeiern für Einzelne, Jahrestage für Institutionen, Jubiläumsfeiern für Individuen, Institutionen, Nationen und andere Anlässe gehören zu den Rhythmen unseres Lebens. Solches Erinnern bietet immer die Gelegenheit, Vergangenes ernsthaft zu überdenken und die Zukunft im Licht der Gewinne und Verluste, der gewonnenen Einsichten und Erfahrungen zu planen.

In der jüdisch-christlichen Tradition stellt Gott selbst sich in Gottes Zeit hinein. Diese Gotteszeit wird aus mehreren Gründen als Gnadenangebot für die Menschheit betrachtet. Wenn diese Zeit Gottes ansteht, geschieht etwas Entscheidendes und Vielversprechendes, von dem die Gemeinschaft profitiert, weil sie in dieser Zeit besonderes Wohlwollen erfährt. Selbst ein strenger Aufruf zur Rechenschaftspflicht ist als solches Wohlwollen für die Gemeinschaft zu verstehen, weil die, die von der Norm abgewichen sind, in den Lebensbund zurückgeführt werden.

Das griechische Wort für solche Gotteszeit heißt Kairos. Die Kirchen haben mit großer Erwartung die Vollendung des Zweiten Jahrtausends seit der Geburt des Jesus von Nazareth verfolgt und warten auf den Übergang ins dritte Jahrtausend. Da die Inkarnation das zentrale Ereignis in der Geschichte des Christentums ist, kommt auch der Zeit dazwischen eine entscheidende Bedeutung zu, denn es geht um Gottes eigenes schöpferisches und erlösendes Wirken, das mit großer Begeisterung und Hoffnung gesehen wird.

Die Bedeutung und die Forderungen des Kairos haben die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf sich gezogen. 1985 wurde die christliche Antwort auf die durch die Apartheid verursachte einzigartige Krise in Südafrika in Form eines Kairos Afrika Dokuments zum Ausdruck gebracht, das eine engagierte Gruppe von Christen initiiert hatte. Im Mai 1998 folgte das Dokument über den Europäischen Kairos, eine gründliche theologische Reflektion über die Lage in Europa. Und es gab noch andere Kairos-Dokumente, die die Krise unserer Zeit zum Thema hatten. Das zentralamerikanische Kairos-Dokument (1988), dem Die Straße nach Damaskus: Kairos und Umkehr einiger Länder des Südens folgte, hat ebenfalls zu weiterem Erwachen christlicher Gemeinschaften beigetragen.

Wenn es in Südafrika die Apartheid war, die eine christliche Antwort herausgefordert hatte, so war auch in Indien eine vergleichbare Apartheid der Anstoß für die 1999 erfolgte Initiative von Pfr. Dr. habil. James Massey, dem geistigen Vater für den Entwurf eines indischen Kairosdokumentes. Die schreckliche Institution und Praktizierung des Kastenwesens, sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft Indiens, ist genauso abstoßend wie es die Apartheid in Südafrika war. Das Dokument wurde auf unterschiedlichen Foren diskutiert und das Schlußdokument dann bei einer gesamtindischen und gesamtchristlichen Konferenz eingebracht, die im Februar 2000 in Delhi abgehalten wurde.

Einmaliges Charakteristikum dieser Zusammenkunft von mehr als 60 Teilnehmenden war die Anwesenheit und Teilnahme von acht Wissenschaftlern und Aktivisten anderer Religionen – Buddhisten und Hindus – und ihre wertvollen Beiträge. Sie haben zusammen mit den christlichen Delegierten das jetzige Dokument unterzeichnet.

Das gegenwärtige Dokument soll zu weiteren Diskussionen und Aktionen anregen. Der Ausschuß, der den Entwurf erarbeitet hat und bei der Konferenz in Delhi im Februar 2000 eingesetzt wurde, erwartet von der Leserschaft Vorschläge, Abänderungen oder Kommentare, die eingearbeitet werden sollen, bevor das Dokument in verschiedene indische Sprachen übersetzt wird. Wir hoffen, dass dieses Dokument zum Anlass genommen wird, zu einer möglichst umfassenden Reflektion in der Kirche anzuregen, die zu neuen Initiativen führt, um dem kommenden Jahrtausend gerecht zu werden.

Sr. Shalini P.B.V.M. Mitglied der Arbeitsgruppe Kairos India

Fr. Monodeep Daniel Mitglied der Arbeitsgruppe Kairos India

Mr. Philip Jadhav Mitglied der Arbeitsgruppe Kairos India

Rev. Fr. Dr. T.K. John S.J. Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kairos India

Rev. Dr. habil. James Massey Sekretär/Koordinator der Arbeitsgruppe Kairos India

Einführung

A. Gottes Zeit ist jetzt. Und es ist Gottes Aufforderung, zu Gott zurückzukehren. Gottes Angebot von Versöhnung, Frieden und Gnade ist überall zu hören. Gottes Ruf nach Recht und Gerechtigkeit kann nicht ungehört bleiben. Am Beginn des dritten Jahrtausends, an dem überall der Ruf nach einem Erlassjahr zu hören ist, wächst dieses Bewusstsein unter den Christen und Christinnen auf dem Subkontinent sehr schnell. Gott will, dass die Entfremdeten wieder aufgerichtet, die aus der Gemeinschaft Gefallenen reintegriert werden und die ganze Menschheitsfamilie zum ursprünglichen Plan zurückkehrt, den Gott für sie bereithält.

Dies ist auch eine entscheidende Phase auf dem Weg der Menschheit, ihr volles Menschsein zu erlangen. Durch die unterschiedlichsten Stimmen der Urvölker der fünf Kontinente und durch die Erklärung für die Rechte aller – ethnisch, kulturell, wirtschaftlich, geschlechtsspezifisch – unterdrückten Weltregionen dringt die Stimme Gottes an unsere Ohren. In den vielen Protestbewegungen derer, die jahrhundertelang durch die Mächtigen gefangengehalten wurden, bricht sich das unterdrückte Bewusstsein des Menschlichen Bahn.

Am Beginn des dritten Jahrtausends, dem großen Jubeljahr der Inkarnation, ist für die Kirche in Indien und für die weltweite Kirche die Zeit – der Kairos – angebrochen. Diese von Gott geschenkte Zeit soll dazu dienen, die Stimme des Herrn aus den vielen Stimmen der Völker Indiens herauszuhören und mit den Worten des scharfsichtigen und gehorsamen Propheten Samuel prompt und aus ganzem Herzen zu antworten. „Sprich, dein Diener hört" (1 Sam 3.10). Dieselbe Sensibilität und Unmittelbarkeit finden wir auch bei Frauen wie Sara und Hannah im Alten Testament, die durch die Geburt ihrer Söhne Isaak und Samuel Entscheidendes zur Geschichte Israels beigetragen haben.

Im Neuen Testament haben wir in Maria das Vorbild einer Frau, die in beeindruckendem Gehorsam die göttliche Einladung akzeptierte, denn mit der Geburt Jesu hat die Erfüllung des Kairos eindeutig Gestalt und Richtung angenommen. Die Zeit, die durch Hoffnungslosigkeit gezeichnet war, wurde mit Hoffnung erfüllt. Ihre „fruchtbringende" Antwort offenbarte, dass sowohl Kairos wie auch Chronos unter der heiligen Herrschaft Gottes standen. Die Propheten und der Messias riefen die Menschen in ihrer jeweiligen Zeit mit größter Ernsthaftigkeit auf, ihrem Ruf zu folgen: wirklich Buße zu tun, Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu entsagen und die Türen zu öffnen für Gerechtigkeit und Versöhnung, Recht und Frieden.

Vielleicht haben wir in Indien den von Gott kommenden Kairos nicht erkannt, denn die Menschen in Indien und vor allem die Christen haben sich gegenüber den jahrhundertelangen Ungerechtigkeiten, die den Dalits, den Tribals, den Frauen und anderen schwächeren Schichten unserer Gesellschaft widerfahren sind, allzulange gleichgültig und lieblos verhalten. Zum einen ist die christliche Gemeinschaft gespalten, was dem Willen Jesu widerspricht, der wünschte und darum betete, dass alle eins seien; und schlimmer noch, Kastendenken und die Ungleichheit in der Genderfrage sowie Ungerechtigkeit werden innerhalb des Leibes Christi in unchristlichster Weise aufrechterhalten. Jetzt wird diese Gemeinschaft von rechtsextremen Gruppen angegriffen, die entschlossen sind, als Teil ihres Planes, Indien zu einem Hindu Rashtra zu erklären, die Christen aus ihrem Land zu vertreiben und auszurotten und unter der scheinbar harmlosen Fassade eines kulturellen Nationalismus ihre besondere Version eines hinduistischen Machtblockes zu verwirklichen. Was will uns der Geist Gottes durch diese unglückseligen Ereignisse innerhalb der Kirche und in der Gesellschaft mitteilen?

Wir sind fest davon überzeugt, in einer Zeit zu leben, in der dieser vom Geist belebte Aufruhr in der menschlichen Gemeinschaft sehr einfühlsam beobachtet werden muss. Es ist auch Zeit für ein promptes, entschiedenes und gemeinsames Engagement und wirkungsvolles Handeln.

Wir müssen reagieren. Die Kirche in Indien wird vom Geist Gottes in die Pflicht genommen, sich auf ihr authentisches Erbe zu besinnen und andere Gemeinschaften und Menschen guten Willens einzuladen, um miteinander nachzudenken, zu planen und Schritte einzuschlagen, die zur allmählichen Entstehung eines neuen Gemeinschaftsgefühls in Indien beitragen können. Die Kirche könnte so die entstellte Vergangenheit hinter sich lassen und zu einem neuen Lebensgefühl beitragen, nach Gottes Bild geschaffen zu sein.

Es geht in diesem großartigen Jahrtausend-Erlassjahr um die Inkarnation. Das höchste Ziel der Inkarnation ist „Leben in Fülle", wie der Herr selbst gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen." (Joh 10,10). Der Missionsauftrag, den die Jünger und somit auch die Kirche erhalten haben, heißt Schutz, Pflege und Förderung des Lebens der Kinder Gottes in all seiner Fülle. Im Laufe der Jahre hat sich unser Verständnis von „Leben" erweitert und vertieft. Heute sorgt sich die Menschheitsfamilie um das gesamte Lebenssystem auf unserem Planeten. Im Mittelpunkt dieser Sorge steht die Natur als Quelle allen Lebens. Die Sorge um das gesamte Ökosystem und die Umwelt, wie auch die Sorge um die Bewahrung der Schöpfung sind wesentlicher Bestandteil der wachsenden Sorge um die Fülle des Lebens aller Menschen.

Gott, der Schöpfer alles kosmischen Lebens, offenbarte Gottes Identität zuallererst, indem Gott das Volk Israel verteidigte, schützte und ernährte, damit es Leben in seiner ganzen Fülle habe. Dies war so zu verstehen, dass Gott die ganze Menschheit die wesentlichen Bestandteile des Lebens erfahren lassen wollte. Derselbe Gott hat seinem Volk in der letzten Phase des Exodus, wie der Prozess zur Wiedergewinnung des Lebens genannt wurde, so etwas wie einen Entwurf hinterlassen, dessen Herzstück eine Anweisung enthielt, wie sie ihr Gemeinschaftsleben im Blick auf die Vorbereitung für das Erlassjahr neu regeln könnten. (Vergl. 3 Mose). Diese Weisungen Gottes waren Höhepunkt dessen, was Gott im Grunde schon immer in der langen und verworrenen Geschichte des Volkes Gottes, Israel, durch die Propheten verfolgt hat.

B: Die Prophezeiungen in Israel werden heute als ein integriertes System betrachtet, wodurch das Leben in seinen vielfältigen Dimensionen geschützt wurde. In ihrer gewissenhaften Treue zur Ursprungsvision kritisierten die Propheten schonungslos die sozialen Institutionen und die wirtschaftlichen Aktivitäten der eigenwilligen Gemeinschaft. Obwohl sie unter den Machteliten und Interessengruppen zu leiden hatten, haben diese Männer und Frauen bis zuletzt Gottes Handeln und Gericht jener Zeiten vermittelt. Wir kennen die Anweisungen Johannes des Täufers, dieses letzten Propheten, wie die Ankunft des Überbringers des Reiches Gottes vorzubereiten sei. Und wir kennen auch das Wirken und Lehren Jesu Christi zu seiner Zeit. Bekehrung, Buße, Rückkehr zum ursprünglichen Entwurf Gottes, das Verzerrte geraderücken, die abgebrochene Beziehung mit Gott, mit den Menschen und mit dem Land – Einebnung der Täler – wiederherstellen; alles dieses sind durch alle Zeiten hindurch nichts anderes als die unterschiedlichen Darstellungen der einen und immer gleichbleibenden Botschaft, die auch ein Auftrag ist.

Die Kirche in Indien wird vom Herrn zu einer dreifachen Aufgabe angehalten: erstens sollen wir in göttlicher Weise die „Zeichen der Zeit" lesen lernen, um Gottes Wort in heutiger Zeit zu hören; zweitens sollen wir überprüfen, ob wir in unserem Leben dem Bundesschluß verpflichtet sind (dem Ruf zur Umkehr); und drittens sollen wir uns der Förderung der Gottesherrschaft verpflichten, damit die „Fülle des Lebens" innerhalb der Reichweite alles Lebendigen, vor allem der Menschen, bleibt. Wir sind uns bewusst, dass die Gottesherrschaft blockiert wird durch die andauernde Dämonisierung der menschlichen Gesellschaft mittels der Kasten, und dies sowohl innerhalb der Kirche wie auch in der weiteren Gesellschaft. Dieses ungerechte System und Handeln wird von Gott verurteilt und muss verschwinden. Um es mit anderen Worten zu sagen, das Ziel, mit dem sich die indische Bevölkerung durch die Stimme Gottes in Form der gequälten Proteste der Dalits und Tribals usw. auseinanderzusetzen hat, ist die Wiederherstellung der umfassenden Bewahrung von Gottes Schöpfung.

Im ersten Kapitel wird versucht, die sozialen Prozesse des Subkontinents zu verstehen und einige wichtige soziale Bewegungen zu beleuchten. Im zweiten Kapitel wollen wir deutlich machen, welche Bedeutung die sozialen Prozesse unserer Zeit aus biblischer Sicht haben. Das dritte Kapitel stellt uns konkrete Aktionsmodelle vor, die hoffentlich zu einer gerechteren Sozialordnung beitragen werden. Im letzten Kapitel wird auf Perspektiven und Kriterien hingewiesen, die zum Verständnis helfen und zu konkretem Handeln ermutigen sollen.

Erstes Kapitel

Gottes Sache

in den Kämpfen der Unterdrückten

  1. Unsere ungerecht behandelten Menschen

Soziale Umwälzungen ungeheuren Ausmaßes erschüttern den gesamten Subkontinent und die Bevölkerung Indiens hat solche Erschütterungen nie zuvor erlebt. Die Menschen sind in allen Bereichen in zunehmendem Maße wachsam und entschlossen, ihr Recht geltend zu machen und ihrer Bestimmung gerecht zu werden, mit Würde das zurückzubekommen, was ihnen durch Betrug und Zwang vorenthalten wurde. Das Befremden und die Verabscheuung vieler unterdrückerischer Strukturen, Beziehungen und Werte sind weit verbreitet. Die Bemühungen, die jahrhundertealte Versklavung und Ausbeutung zu beenden, die die Menschen zu bloßen Gebrauchsobjekten reduziert hatte, werden mit unermüdlicher Ausdauer betrieben. Alle diese Bewegungen wollen sich selbst von diesen dämonischen Strukturen und Praktiken befreien und neue Bedingungen schaffen, um ganz menschlich leben zu können. Die Menschen sind entschlossen, die uralte Beziehung zwischen Beherrschern und Beherrschten zu ersetzen, da beide gleichermaßen durch sie erniedrigt und degradiert werden. Sie wollen nichts anderes als eine gleichwertige Beziehung, in der sie sich selbst als authentische menschliche Gemeinschaft organisieren können, der nichts mehr anhaftet von der befleckten Spur von Diskriminierung und Differenzierung. Das ehrenhafte Ziel, das in dieser Woge zum Ausdruck kommt, ist lobenswert. Überall in Indien sind solche neuen Initiativen für einen einmaligen Wandel zu finden. Dalits, Tribals und Frauen führen die Bewegung an, die von der Gegenwart und dem Handeln Gottes gekennzeichnet ist.

Solche verheißungsvollen Initiativen treffen aber gleichzeitig auf Widerstand, Verdrängung, ja sogar gewaltsame Unterdrückung. Solche Reaktionen von den Hütern und Nachfahren jener Baumeister, die die unmenschlichen Sozialsysteme und Strukturen geschaffen hatten, waren zu erwarten. Denn die, die jahrhundertelang ungeheuerlichen Nutzen aus diesen ungerechten und unmenschlichen Praktiken gezogen haben, finden sich nun durch das erwachende Bewusstsein auf dem Prüfstand. Sie stehen jetzt vor dem Tribunal für Gerechtigkeit und Menschlichkeit: und sie können nicht fliehen. Deshalb gehen sie verzweifelte und manipulative Allianzen ein, die dazu dienen sollen, die Ausrichtung und Stoßkraft dieser Bewegungen zu entschärfen und den Befreiungsprozess zu verzögern. Sie drohen diesen Bewegungen den Zusammenbruch an, was die Spannungen auf verschiedenen Ebenen erklärt.

Als Folge dieser Entwicklung ist die Gewalt zu einer alles durchdringenden Kraft geworden. In vielen indischen Dörfern gab es blutige Konflikte. Häuser wurden niedergebrannt, die Bewohner erbarmungslos niedergeschossen und beseitigt und die Gesellschaft im Ganzen terrorisiert. Die Widerständler verschwören sich, um den unausweichlichen Ausgang – den Sturz des ungerechten Systems – hinauszuzögern. Es bedarf äußerster Wachsamkeit, um die befreienden Prozesse zu schützen und zu fördern. Der Gott Jesu Christi ist aus theologischer Sicht ungeduldig mit der Taktik oder Strategie der satanischen Kräfte und wünscht sich, dass das Volk Gottes frei sei. Er rüttelt sein Volk auf, die Verantwortung für seine eigene Wiederbelebung und Erneuerung zu übernehmen. Indem wir die Entwicklungen im Lande im Licht des Wortes Gottes lesen, gewinnen wir Einsichten über die christliche Bedeutung dieser Ereignisse. Wie die Mitglieder der christlichen Gemeinden von Ephesus, Smyrna and Laodizea fragen auch wir: Was möchte der Geist des Herrn der Kirche in Indien mitteilen?

Wir wollen uns nun auf einige dieser Befreiungsbewegungen, ihre Bedeutung und ihre Dynamik konzentrieren.

  1. Erschütterungen in der Welt der Dalits

    Das Erwachen der Dalits war zweifellos eine der tiefgreifendsten sozialen Veränderungen in der heutigen indischen Gesellschaft. Dies wird eines Tages zu einer radikalen Neuordnung der heute noch bestehenden Sozialstrukturen führen. Im jahrhundertealten, vielschichtigen indischen Sozialgefüge offenbaren sich tiefe Risse und unter den Dalits wächst ein neues Bewusstsein heran. Gestern noch ruhig und unterwürfig sind sie heute wortgewandt und rebellisch. Langsam aber stetig fordern sie zurück was unveräußerlich ihnen gehörte, aber gewaltsam und betrügerisch weggenommen wurde. Sie engagieren sich in der Aufgabe, Entstelltes neu zu gestalten und fordern zurück, was ihnen Jahrtausende vorenthalten wurde. Sie verabschieden sich von den trügerischen goldenen Umklammerungen, durch die sie jahrhundertelang in herzlosester und unmenschlichster Weise zu Unterdrückung und Schweigen verurteilt waren.

    Indien, die größte Demokratie der Welt, ist für seinen gewaltlosen Befreiungskampf und für seine klare Haltung gegen rassische Diskriminierung, vor allem gegen die Apartheid, bekannt. Auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technologie ist Indien anderen Staaten meilenweit voraus. Obwohl das Land auch als mächtige Wirtschafts- und Militärmacht in Asien in Erscheinung tritt, ist Indien doch gefangen im Netz der jahrhundertealten dogmatischen Lehre des Hinduismus, wie sie in einigen ihrer Schriften wie den Veden, Smritis und Puranas zum Ausdruck kommt. Diese befürworten die im Varnashrama Dharma wurzelnde Hierarchie, aus der im Laufe der Zeit das gegenwärtige Kastensystem entstanden ist, und halten diese aufrecht.

    Das Kastenwesen ist ein System, das die Menschen in Brahmanen, Kshatriyas, Vaisyas und Sudras aufteilt. Die, die auch aus diesen Schubladen noch herausgestoßen werden, nennt man die Panchamas (oder die fünfte Kaste). Jede Kategorie erhält dann nach einer vorgegebenen Ordnung einen bestimmten Status und Machtpositionen. Dalits, die in dieser Aufteilung nirgends vorkamen, wurden ruchlos dazu gezwungen, stinkende, schmutzige und niedrige Arbeiten zu verrichten, was dazu führte, dass sie als „verunreinigend" gebrandmarkt und in der Gesellschaft in sicherem Abstand gehalten wurden. Um diese Kastentrennung aufrechtzuerhalten wurde jeder Kaste ein bestimmter Status und entsprechende Machtpositionen zugeordnet: und so eine göttliche Schöpfung geschaffen. Eine Kaste wechseln zu wollen und sich nicht an die vorgegebenen Jobs zu halten wurde infolgedessen unmöglich, weil die göttliche Ordnung dadurch verletzt wurde. Während die Brahmanen als Götter auf Erden verherrlicht wurden, waren die Dalits zur Unberührbarkeit verurteilt. Die gesamte indische Gesellschaft hat sich von diesem unmenschlichen System vereinnahmen lassen. Die Dalits und vor allem die Dalitfrauen sind vom Kastenwesen am schlimmsten betroffen, weil diesen beiden Gruppen nur ein minderwertiger Status eingeräumt und ihnen verboten wurde, Arbeiten zu übernehmen, die zur Hebung ihres sozialen und wirtschaftlichen Status oder irgendwelcher Machtpositionen beigetragen hätten. Witwenverbrennung und Kinderehen waren heilige Handlungen, um Heiraten zwischen den verschiedenen Kasten zu verhindern und das Kastenwesen vor einer Schwächung zu bewahren. Auch die Urbevölkerung der Adivasis/Tribals, die weit entfernt vom Kastenwesen waren, wurden verführt, Teil des Systems zu werden um den Preis, ihre indigene Kultur und Identität zu verlieren.

    Der Prozess der Globalisierung und Liberalisierung hat die Dalits und Adivasis in vielerlei Elend gestürzt und die Kluft zwischen arm und reich noch vergrößert. Die Kastenideologie hat unmittelbare, wenn auch in Form und Ausmaß unterschiedliche Auswirkungen gehabt auf die soziokulturelle und wirtschaftliche Entwicklung und die Machtpositionen von Dalits und indirekt auch von Adivasis, Frauen, Kindern und Menschen im informellen Sektor.

    Die Dalits blieben im Laufe der Geschichte stille Opfer abscheulichster gesellschaftlicher Diskriminierung. Die herrschende Sozialordnung der Frühzeit hat im Bündnis mit sogenannten „heiligen" Religionen diese unheiligsten aller Systeme, Werte und Praktiken aufrechterhalten, was dazu führte, dass den Dalits ein rechtmäßiger gesellschaftlicher Status verweigert und ihre Beteiligung am politischen Leben vorenthalten wurde. Sie waren von wirtschaftlichen Prozessen und deren Profiten ausgeschlossen und zu passiven Empfängern willkürlicher Gefälligkeiten degradiert. Dies wurde von religiöser Seite gutgeheißen, die sie auch in grausamer Weise daran hinderte, Gottesdienstorte zu betreten, die den höheren Kasten vorbehalten waren. Selbst ihre Götter und Göttinnen waren anders. Auch ihre Opfergaben an heiligen Orten waren verdächtig und wurden von den Priestern der oberen Kasten nicht angenommen. Sie wurden eben einfach aus der offenen Gesellschaft hinausgedrängt und konnten nur einen sehr begrenzten sozialen Raum genießen.

    Ihr langer Kampf hatte zum Ziel, ihre verlorene Identität und ihren Status zurückzugewinnen, was sie mit unterschiedlichen Mitteln zu erreichen suchten. Sie wandten Strategien an, die sie für angemessen hielten und die ihren Kampf unterstützten.

    Fanden sie in der Religion Erleichterung?

    Einheimische Versuche, die von einer Initiative von Bhakti-Reformern ausgingen, die dieses krankhafte System hinterfragten und diese Entstellung korrigieren wollten, waren nur von kurzer Dauer. Der letzte Versuch war die sogenannte „Harijanisierung" des modernen hinduistischen Führers Gandhi, die aber auch keine Lösung brachte.

    Brachte die Konversion zu anderen Religionen Erleichterung?

    Dies wurde versucht, war aber auch nur eine Teillösung. Obwohl das Kastensystem ein typisch hinduistisches Phänomen ist, hielt es auch in anderen Religionen wie dem Christentum, dem Buddhismus, dem Sikhismus und dem Islam, die einst egalitär waren, Einzug. In Indien hat der Egalitarismus allerdings eine ganz andere Geschichte. Die meisten Mitglieder dieser Religionen waren ursprünglich Hindus, die ihre hinduistische Kastenpraxis in ihre neuen Religionen, einschließlich des Christentums, mitnahmen. So gab es und gibt es bis heute unter den Christen Brahmanen-Christen und Dalit-Christen, die sich möglichst nicht heiraten sollten. In der christlichen Gemeinschaft gibt es viele diskriminierende Praktiken, die nicht einmal vor dem Friedhof halt machen: Christen der verschiedenen Kasten werden in unterschiedlichen Bereichen beerdigt! Diese Kastendiskriminierung dauert bis heute in der Kirche fort. Sie hat das Evangelium entstellt und den Dalits, die der Kirche in der Hoffnung auf eine kastenlose Gemeinschaft beigetreten sind, Schaden und Ungerechtigkeiten zugefügt. Sie haben ihre Ursprungsgemeinschaft verlassen um von der neuen Gemeinschaft verraten zu werden!

    Dasselbe geschieht auch in den anderen Religionen. Auch sie zeugen vom Kastenwesen in diesen „kastenlosen Religionen".

    Diese traurige Geschichte besagt, dass reine „Konversion" für die Dalits noch keine Lösung darstellt, ihre zu tief im System verwurzelte „unberührbare" Identität abzulegen.

    Ambedkar, Periyar und andere haben die Hindugesellschaft in Schrecken und Schockzustände versetzt. Ambedkars Formel und der massive Exodus sahen vielversprechend aus. So wie Mose das Volk aus Sklaverei und Unterdrückung in Ägypten herausführte, so hat Ambedkar den Dalits in seiner ureigensten Weise einen Weg aus ihrer angeketteten Lage gewiesen.

    Dieser soziale Eingriff wurde von den Verfassungsrechtlern mit einer „Vorbehalts" Klausel beantwortet. Der indische Chanakyanismus war aber erfolgreich und verfügte, dass diese Klausel nicht auf die zutreffen dürfe, die sich wegen der immer noch unverdauten und unverzeihlich diskriminierenden präsidialen Erklärung von 1950 für die christliche Gemeinschaft entschieden. Dalit Christen wird das Recht auf verfassungsmäßige Privilegien und Rechte verweigert!

    Globalisierung, freier Markt und Privatisierung hatten inzwischen auch die Grenzen des Subkontinents erreicht und die traditionellen Unterdrücker der Dalits waren schnell dabei, die neuen Geschäfte an sich zu reißen, was sich auf die Dalits negativ auswirkte, weil viele von ihnen ihre Kontrolle über das Land und andere für ihren Lebensunterhalt wichtige Ressourcen verloren. Schlimmer noch war, dass sie dadurch wieder in die Abhängigkeit der unterdrückerischen Kastenherren gelangten.

    Die begrenzten Bildungsmöglichkeiten, die ihnen durch die Missionare und durch die per Gesetz vorbehaltenen Plätze im unabhängigen Indien zuteil wurden, hatte sie wachgerüttelt, sodass sie nicht aufhören, ihre Rechte geltend zu machen und ihre verlorene Würde zurückzufordern. In einer gar nicht fernen Zukunft wird sich dieser Funke sicher zu einer Feuersbrunst entwickeln.

    Die aufsässigen Dalits sind sich in zunehmendem Maße der bitteren Wahrheit bewusst: befriedigende Lösungen werden sich nur finden lassen, wenn sie ihre Angelegenheiten in ihre eigenen Hände nehmen. Ihre Bemühungen, sich von ihren traditionell befleckten, schmutzigen, niedrigen, unterbezahlten und manchmal sogar unbezahlten Beschäftigungen zu distanzieren, haben oft furchtbare Folgen. Die Hinduschriften verbieten den Dalits, zu Wohlstand zu kommen. Aber auch ihr Bemühen, den Lebensunterhalt durch saubere Arbeit zu verdienen, wird nicht toleriert, was die Dalits inzwischen zum Widerstand herausfordert.

    Dieses Geltendmachen von Rechten wird nur allzuoft mit schlimmen Vergeltungsakten beantwortet. Die Folgen sind Massenmorde, vor allem der gebildeten und aufgeweckten Dalits, organisierte Vergewaltigung ihrer Frauen, das Niederbrennen ihrer Häuser oder Racheakte an öffentlichen Orten usw.

    Werden sie durch gewaltsame politische Aktionen befreit werden?

    In Bihar, Andhra und anderen Staaten führten verheißungsvolle Zusammenschlüsse mit linken Bewegungen zu rachsüchtigen Vergeltungen: Das Bündnis der höheren Kasten und Klassen mit ihren weiten Fangarmen hat eine Familie nach der anderen durch kaltblütiges Morden und das Niederbrennen ihrer Häuser ausgelöscht.

    Dieser Prozess wird dadurch verschlimmert, dass das Regierungsgesetz den besonderen in der Verfassung verbürgten Schutz und entsprechende Entwicklungsmaßnahmen nur auf Dalits überträgt, die bekennende Hindus, Sikhs oder Buddhisten sind, nicht aber auf solche, die sich zum Christentum oder zum Islam bekennen. Dadurch ist eine weitere Spaltung geschaffen worden, die sich auf die Sache der ohnehin schon gespaltenen Dalits auswirkt.

    Die Tatsache, dass sich die Dalits in eine Anzahl von Unterkasten zersplittert haben und im ganzen Land in entlegenen Dörfern und Weilern verstreut leben, und auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Religionen, Gebieten und politischen Strömungen und Ideologien noch mehr gespalten sind, hat ihre Zusammenarbeit für ein gemeinsames Ziel nahezu unmöglich gemacht.

    Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, dass die Dalits als eine Bewegung zusammenfinden müssen, in der ihre religiösen, regionalen, politischen und ideologischen Grenzen und die konfessionellen Kastengruppen überwunden werden.

    Das wachsende politische Bewusstsein unter den Dalits hat zu einer Neugruppierung bei den politischen Parteien geführt. Den Anspruch, den die politischen Parteien der oberen Kasten traditionell erhoben, gibt es so nicht mehr und letztere haben an Größe, Einfluss und Macht verloren. Mit heftigen Anstrengungen und oft dubiosen und niederträchtigen Mitteln und Tricks wird versucht, dieses wachsende Bewusstsein zu zerstreuen und aufzulösen. Die Parteien kaufen Leute, die von ihrer Abstammung und ihren Wurzeln her den höheren Kasten angehören und viele werden einfach vereinnahmt. Unermüdlich wird versucht, die Dalits zu spalten und sie den niedrigen Beweggründen der höherkastigen Parteien unterzuordnen.

    Es ist deutlich zu sehen, dass jeder von den Dalits eingeschlagene Weg von den traditionellen Unterdrückern blockiert wird. Das wachsende Bewusstsein gewinnt aber an Kraft und wird eines Tages explodieren.

    Als die ungeheuerliche Kastenpraxis in der Kirche ans Licht kam, zeigte der Geist Gottes der Kirche in Indien die befreiende Kraft der Wahrheit. Zögerlich und schmerzlich war die Gemeinschaft schließlich gezwungen, sich der schwer verdaulichen Wahrheit zu stellen. Die Kirche, die selbst tief in der Kastenpraxis verwurzelt war, war nicht in der Lage, diese in der sie umgebenden Zivilgesellschaft zu verurteilen. Die erstarkten „Dalitchristen" in der Kirche wurden zu einer wichtigen Bewegung, die das Potential in sich birgt, die Gemeinschaft von diesem Übel zu befreien und sich gemeinsam auf den Weg zu einer echten Gemeinschaft zu machen, in der es keine Diskriminierung mehr gibt.

    Um das Erwachen der Dalits in Indien beurteilen zu können, erinnern wir uns der prophetischen Ermahnung Johannes des Täufers: „Alle Täler sollen voll werden und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden". (Lk 3,5).

  2. Leben, Frauen und die indische Gesellschaft

    „Leben ist ohne Regeneration nicht denkbar. Von diesem wichtigen Grundsatz haben sich alle nachhaltigen Gesellschaften leiten lassen, denn ohne Erneuerung gibt es keine Zukunftsfähigkeit. Die immerwährende Erneuerung der menschlichen und nichtmenschlichen Natur, die allen Weltanschauungen der Antike zugrundelag, wurde vom Patriarchat unterbrochen. Der Mensch wurde von der Natur getrennt und die Kreativität, die mit allen regenerativen Prozessen verbunden ist, geleugnet. Kreativität wurde zum Monopol der Männer, die man mit der „Produktion" in Verbindung brachte, während die Frauen sich nur um die „Reproduktion" oder „Fortpflanzung" sorgten, die nicht als etwas Erneuerbares behandelt wurde, sondern als Reproduktion, als Wiederholung eines Prozesses betrachtet wurde." (Vandana Shiva, Development Dialogue, 1992; 1-2, S. 152.).

    Diese Analyse führt uns zu den Wurzeln der größten Tragödie in der Menschheitsgeschichte: der Ungerechtigkeit, die mit der Geschlechterdiskriminierung verbunden ist, von der die Hälfte der Weltbevölkerung nachteilig betroffen ist.

    Alle früheren Gesellschaften hatten tiefen Respekt vor dem Leben: seinem Geheimnis, seiner Macht und seinem Ursprung, und vor allen, die es mehrten, in sich trugen und nährten. So kam es, dass das Weibliche – in der Vegetation, im Reich der Tiere, in der menschlichen Gesellschaft und selbst unter den Göttinnen wertgeschätzt und geachtet wurde. Aus dieser Vision erwuchs die Achtung für die Mutter Erde. Die Lebensanschaung im Jainismus ist ein Überbleibsel dieser uralten Sensibilität für das Leben und die Lebenserzeugerinnen.

    Mit dem Beginn des Patriarchats, also mit der Übernahme der alles durchdringenden Kontrolle und Herrschaft, wurde diese Ordnung pervertiert. Heutige gesellschaftliche Übel, die das gesamte Ökosystem bedrohen und aufgrund der unwiderstehlichen Gier nach Kontrolle und Besitzergreifung entstanden sind, können auf diese Missachtung des Lebens zurückgeführt werden. Die Ungleichheit in der Gesellschaft war überall zu spüren und die Probleme, mit denen Frauen in der heutigen Gesellschaft konfrontiert sind, sind eine der Konsequenzen dieser Zerstörung der ursprünglichen Lebensvision.

    In allen gesellschaftlichen Bereichen und auch in den Kirchen ist inzwischen ein neues Bewusstsein zu spüren, das die hoffnungsvollen Aufbrüche von Frauen trägt. Das Patriarchat, Produkt des menschlichen Herrscherdrangs, wird als solches entlarvt und seine Auswüchse entschärft und vereitelt. Unter den verkrusteten Schichten auferlegter Entstellungen und Verunstaltungen kämpft sich das wahre Frauenbild ans Licht. Die vielen Frauenbewegungen, die in fast allen gesellschaftlichen Bereichen zu finden sind, sind Ausdruck dieses neuen Bewusstseins. Die indischen Frauen nehmen die diskriminierenden Wahrnehmungen der patriarchal geprägten Gesellschaft unter die Lupe. Sie kritisieren das ungerechte System und die unfaire soziale Behandlung und weisen diese zurück.

    Manchmal wird unterschieden zwischen den feministischen Bewegungen im allgemeinen und der nachhaltigen Kampagne zur Wiederherstellung von Geschlechtergerechtigkeit und der konsequenten Beendigung organisierter struktureller Gewalt und Ungerechtigkeit in allen Lebensbereichen.

    Alle diese Bemühungen haben ein gemeinsames Ziel: die jahrhundertealte ungerechte Partnerschaft in ehelichen Beziehungen, in der Familie, im wirtschaftlichen Handeln, in sozialen Beziehungen und vor allem in der Religion, bloß zu stellen.

    Frauen werden in der indischen Gesellschaft doppelt diskriminiert: als Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft und als Platzhalterinnen auf den ihnen zugewiesenen Plätzen in der gespaltenen und nach Rängen geordneten Gruppe in der kastendominierten Gesellschaft. Noch schlechter ergeht es der Dalitfrau: als Opfer des Kastenwesens erfährt die Dalitfrau eine dreifache Diskriminierung.

    In der Religion sind die Frauen aus den meisten Bereichen ausgeschlossen. Dies trifft auf das Christentum, den Islam und den Hinduismus zu, vor allem aber auf die Dalitbereiche in diesen Religionen. Witwen und menstruierende Frauen sind in den Tempeln nicht willkommen. In der Regel haben sie keinerlei Bildungschancen. Mädchen werden davon abgehalten und entmutigt, zur Schule zu gehen. Oft werden sie sogar schon vor der Geburt abgetrieben!

    Dalitfrauen haben familiär und gesellschaftlich nur einen sehr eng begrenzten Freiraum. Das Kastensystem schreibt ihren Lebensstil vor und verbietet ihnen, einen eigenen Lebensstil zu wählen. Auch Interaktion mit anderen ist nur begrenzt möglich. Bezahlte Arbeit wird ihnen meist vorenthalten, da Frauen nicht erwünscht sind.

    Die Braut muss den Brautpreis bezahlen und nicht der Bräutigam! Wenn der Ehemann stirbt muss die Witwe sich verbrennen lassen. Der Ehemann ist dazu aber nicht verpflichtet, wenn die Frau stirbt! Die Witwe kann sich nicht wiederverheiraten, wohl aber der Witwer! Kinderheirat ist gewährleistet, weil sie den Eltern Sicherheit bringt. Männern ist auch die Vielehe gestattet, nicht aber den Frauen! Abtreibungen von weiblichen Föten und Tötung von weiblichen Babies werden stillschweigend gebilligt, da Frauen oft als Belastung gesehen werden. Dies sind einige der willkürlichen Geistesprodukte des Patriarchats, die durch die Religion sanktioniert sind.

    Frauen leiden auch unter mangelnder wirtschaftlicher Macht und Sicherheit. Die patriarchale Kultur hat alle Wirtschaftsmacht in die Hände des Mannes gelegt: Landbesitz, Erbrecht und die Rolle des Haushaltsvorstandes in der Familie und in den örtlichen Gremien.

    Frauen haben meist auch keinen Zugang zur Ausübung politischer Macht. Die sich dahinziehende Debatte über eine proportionale Vertretung in den Entscheidungsgremien wie dem Parlament, den Staatsräten usw. muss erst noch entschieden werden. Die Globalisierug hat zwar einigen Frauen der höheren städtischen Klasse bessere Bildungs- und Berufschancen ermöglicht, die Frauen auf dem Lande und die indigenen Frauen (Tribals) aber eher nachteilig betroffen, weil durch die Globalisierung mit ihrer Technologie viele Frauen arbeitslos wurden und ihre Kontrolle über das Land und ihren Lebensunterhalt verloren haben.

    Um diesen Übeln begegnen zu können, haben sich die Frauen in Bewegungen zusammengeschlossen. Da es sich aber nicht um eine homogene Einheit handelt, waren diese Zusammenkünfte auch immer problematisch, weil die Frauen der höheren Kasten auf die Frauen der unteren Kasten herabblicken: sie sind nach Kasten gespalten. Diese Kastenspaltung behindert ihre Einheit auf dem Weg zu gemeinsamem Handeln.

    Jede missverständliche Regel oder Vorschrift, die Frauen unterdrückt, und jede Kette, von der sie sich noch eingeengt fühlen, wird von den vielen Frauenbefreiungsbewegungen in Frage gestellt oder gesprengt.

     

  3. Tribals (Adivasis): Moderne Exilanten in ihrem eigenen Heimatland

Die Schreie nach „jal-jungle-jamin-jamir" (Wasser, Wäldern, Land und Würde) widerhallten wie nie zuvor von den Fluren der Weltbank bis ins letzte indische Dorf. Den vom Narmada-Staudamm Betroffenen gelang es fast, einige Bereiche der internationalen Finanzsysteme und Organisationen, sowie die Planer und ihre Ausführenden in Indien lahmzulegen. Der verlängerte kollektive Widerstand konnte das Vorrücken der mächtigen Armeekräfte aufhalten, die geschickt worden waren, um Tausende Bewohner aus dem Tal des Mahuadarn umzusiedeln. Der Aufstand und das Erwachen der Tribals hat eine tribale Macht freigesetzt, die heute in vielen Bereichen der indischen Gesellschaft zu spüren ist. Dieser eben erwähnte Schrei ist aber kein archaischer und funktioneller Drang, eine uralte, kulturelle Eigenart zu erhalten. Er ist vielmehr Ausdruck einer integralen Lebenserfahrung, in der das Leben der menschlichen Gemeinschaft, die vitalen Kräfte der Mutter Erde, die Gaben des Waldes und der Vegetation wesentlich zur ganzheitlichen Vision und zum Rhythmus tribalen Lebens gehören. Dies droht aber ernsthaft auseinanderzubrechen. Die Bedrohung ist bereits Wirklichkeit geworden und der Verfall schon weitverbreitet. Die Tribals, die gezwungen wurden, vielen nationalen Fabriken Platz zu machen, sind auseinandergetrieben worden.

Die Tribals schwingen im gleichen Takt Tagores mit:

„Derselbe Lebensstrom, der Tag und Nacht durch meine Adern rinnt, durchströmt auch die Welt und tanzt in rhythmischem Gleichklang."

„Es ist das selbe Leben, das freudig aus dem Staub der Erde hervorspringt, in zahllosen Gräsern, die sich in stürmischen Wellen von Blättern und Blüten entfalten". (Gitanjali, LXIX).

Ein sensibles Herz für die Menschen, für die Pflanzen, für die Tiere, für die Vögel, für die gesamte Natur ist wesentlicher Bestandteil dieser Lebensvision.

Aber es gibt viel zu viele Blockierungen.

Die frühesten, aus der Geschichte bekannten Bewohner, die Advasis, die ein attraktives zusammenhängendes Sozialystem hatten und von den britischen Kolonisatoren „Tribals" genannt wurden, lebten jahrhundertelang ihr verhältnismäßig abgeschirmtes Leben. Sie bewahrten ihr Erbe und ihre Identität und widerstanden denen, die in ihr Leben und ihre Identität eindringen wollten. Vielleicht zum ersten Mal waren sie nun vor gewaltige Herausforderungen gestellt, die eine Antwort erforderten.

Die erste Herausforderung kam von ihren unmittelbaren Nachbarn, den Hindus, die selbst für sich Ursprungsrechte beanspruchten und anfingen, die Tribals unter den Geltungsbereich der Kastenhierarchie zu stellen. Die herrschenden Kastengruppen unternahmen unzählige Versuche, die Tribals in die Hindu-Gemeinschaft einzubinden, indem ihnen versichert wurde, in der Kastenhierarchie einen höheren Rang als die Dalits einzunehmen. In den meisten Fällen, in denen Tribals auf solche Anreize positiv reagierten, verloren sie ihr Land und die Kontrolle über Ressourcen. Dort, wo große Gruppen von Tribals zum Hinduismus konvertierten, verloren sie auch ihr indigene Kultur und Identität.

Danach kam die Herausforderung aus einer anderen Ecke: der Modernisierung. Die Tribals, Erhalter und Erben einer einzigartigen Kultur, waren zum ersten Mal gezwungen, sich einem identitätsbedrohenden Prozess zu stellen: der sogenannten Entwicklung. Diese vielseitige Bedrohung kam zuerst, einem Tintenfisch gleich, in Form von riesigen Staudämmen und Energieprojekten. In der ersten Phase ging es um die massenhafte Vertreibung von Tribals, in deren Folge sie Land und Ressourcen verloren. Dies beeinträchtigte ihre Kultur gemeinschaftlichen Zusammenlebens, die eigentliche Grundlage ihrer kollektiven Macht und Bollwerk gegen die Zersplitterung. Versprechungen, diese Verluste durch Kompensationszahlungen auszugleichen, wurden kaum je eingehalten. Dadurch, dass sie gezwungen wurden, ihre Heimat und ihre Lebensräume zu verlassen und in städtischen Gebieten mühsam ihren Lebensunterhalt zu verdienen, trugen sie selbst zu ihrer Eliminierung bei. In vielen Fällen konnten sie kaum ihre Grundbedürfnisse wie Nahrung und Unterkunft usw. befriedigen. Die unumkehrbare Beeinträchtigung der Kultur wurde von den exotischen Planern und ihren Unternehmern kaum je ernsthaft bedacht.

Auch die indigene Technologie, die die Tribals in den Bereichen der Land-, Wasser- und Forstwirtschaft, für Umwelt und Gesundheit, jahrhundertelang entwickelt hatten, ging dadurch verloren.

Verheerend aber war die dritte Herausforderung: die Kontrolle ihrer Bevölkerungszahlen. Die während der furchtbaren Zeit des Notstandes aufgezwungene Familienplanung hat die tribale Bevölkerung dezimiert, was zur Beeinträchtigung ihrer eigenen Identität, ihrer Sicherheit und ihres Fortbestandes führte. Auch die staatlich unterstützte Volkszählung trug zur scheinbaren Minderung ihrer numerischen Stärke bei, da viele der mit der Zählung Beauftragten dazu neigten, die Tribals in die Kategorie der Hindu Dharma einzuordnen.

Die vierte Herausforderung kam durch den Aufruf zur „Christianisierung". Wer auf diese christliche Einladung reagierte, konnte mancherlei Nutzen daraus ziehen (höhere Bewegungsfreiheit, finanzielles Wohlergehen, Bildung usw.). Es gab jedoch gewisse Meinungsunterschiede über die anfängliche christliche Einstellung gegenüber tribalen Bräuchen und Traditionen usw., die aber in neuerer Zeit geklärt werden konnten. Als Folge der Bemühungen um Inkulturation in der indischen Kirche wurden viele Bräuche wiederentdeckt und reintegriert.

Die positive Reaktion der Tribals auf das Christentum wurde natürlich von gewissen Bereichen der „Hinduisierer" unter den Hindus übelgenommen. So wird die Konversion der Tribals zum Christentum von den Hindutva Kräften in keiner Weise toleriert, weshalb die Tribals zu unmenschlicher Ausbeutung und Diskriminierung herabgewürdigt wurden. Christliche Tribals werden auch von nichtchristlichen Tribals diskriminiert.

Das theologische Verständnis der Tribals mag sich von der traditionellen Theologie unterscheiden. Deshalb ist es wichtig, die Bibel mit neuen Augen zu lesen und aus dem tribalen Kontext heraus eine alternative Theologie zu entwickeln.

Die fünfte Herausforderung stellte sich durch die politischen Prozesse im Land. Tribals, die jahrhundertelang an Selbstverwaltung gewöhnt waren und nun Teil einer föderalen Situation wurden, sahen sich in der Ausübung politischer Rechte und Macht fast mit vergleichbaren Problemen konfrontiert wie bei der Landfrage: machthungrige Parteien und Systeme wetteiferten an ihrer Stelle. Von den Anfängen bis heute wird allen Versuchen der Tribals, politisch aktiv zu werden, mit Widerstand, Festnahmen und Eifersucht begegnet. Wer politisch das Sagen haben will, muss deshalb Kompromisse eingehen: Führungskräfte kaufen, ungesunde und selbstmörderische Bündnisse schmieden, oder wie einst beim trojanischen Pferd innerhalb des Volkes Führer einsetzen. Auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung befinden sich die Tribals in einer entscheidenden Phase.

Die tribalen Gemeinschaften folgen dem biblischen Sabbatgebot und kultivieren ihr Land in naturgemäßen Zyklen. Wenn sie deshalb beschuldigt werden, die Wälder zu zerstören, dann entspricht dies nicht der Wahrheit, sondern macht das Ganze nur noch schlimmer.

Allen Widrigkeiten zum Trotz entwickelt sich das wache Bewusstsein der Tribals unaufhaltsam weiter und wird inzwischen von allen wahrgenommen. Die hartnäckige Selbstbehauptung der Tribals im bedrohten Narmada-Tal, der langanhaltende Kampf der Bodos in Assam und die erfolgreiche Kundgebung während des Aufruhrs um „Jharkhand State" sind Zeichen der Stärke und Lebendigkeit tribalen Bewusstseins und Zeugnisse ihrer Fähigkeit und ihres Willens zur Selbstbestimmung.

4. Minderheiten

Ob die wachsende Zerstörungswut im Land wohl ein mögliches Zeichen für einen Werteverfall, den Untergang des Pluralismus oder als Beginn dessen zu sehen ist, was als Prozess der Homogenisierung gefürchtet wird? Das wachsende Unbehagen über die Umklammerung der Kultur kam in verschiedenen Phasen zum Ausdruck. Es begann damit, dass die heikle Beziehung zwischen Hindus und Muslimen zerstört wurde, was zur geographischen Spaltung des Landes und seiner Menschen führte: Aufsplitterung. Das Ungeheuer wagte einen weiteren Schritt mit dem Anschlag auf den Goldenen Tempel und der Zerstörung des Akal Takt (des höchsten temporären Sitzes der Sikhs). Höhepunkt dieser Zerstörungen war das Niederreißen der drei altertümlichen Moscheen in Ayodhya. Jüngste Attacken auf jüdisch-christliche religiöse Symbole wie die Bibel und die tribalen Kirchen in Gujarat und an anderen Orten weisen darauf hin, dass diese Entwicklung weitergeht. Als die tobende Wut über die kommunale Spaltung herrschte, waren auch viele Menschenleben und der Verlust von Eigentum zu beklagen. Die angstmachende Frage wiederholt sich: Wird den Minderheiten, die dieses Land bewohnten, lange bevor diese Anwärter auf die Kultur den Subkontinent betreten haben, ein – sprachlich, kulturell, ethnisch, religiös – monokultureller Imperialismus aufgezwungen?

Es gibt eine beunruhigende Frage, die direkt mit dem Kairos verbunden ist: Wenn im Mittelpunkt christlicher Identität und christlichen Selbstverständnisses das allen geltende Heilsangebot steht, wie soll man dann den wachsenden Widerstand und Antagonismus gegenüber diesem Angebot erklären? Trotz christlicher Bemühungen um Inkulturation, interreligiösen Dialog und andere positive Zugänge zu den Religionen und Kulturen Indiens scheinen die Feindseligkeiten und eben auch Gewalt zuzunehmen. Selbst einzelne Vernichtungsdrohungen sind zu hören, wenn auch nicht öffentlich erklärt. Wie kann dieses Phänomen verstanden werden? Wenn Religionen, und zwar ausnahmslos alle, mehr oder weniger vergleichbare Ziele bekennen und verkünden, wie sollen dann die bestehenden Spannungen und Konflikte zwischen Religionen in diesem Land der vielen Religionen verstanden werden können? Was will der Herr der Kirche in Indien sagen, wenn es um den Gewissenskampf des „Erlassjahres" geht?

Politik- und Sozialwissenschaftler haben die landesweite Mobilisierung der Massen durch militante religiös motivierte Organisationen untersucht.

Die überraschende Untätigkeit, das wahrgenommene Schweigen oder gar vermutete Komplizenschaft von seiten des Staates haben die Besorgnis der betroffenen Minderheitengemeinschaften nur noch vertieft. Die sich ungerecht behandelten Gruppen haben den Eindruck, dass die Machthabenden auf der anderen Seite stehen.

In allen diesen Fällen ist das vorherrschende Gefühl: Hilflosigkeit. Die Sikhs hatten nach den Vorfällen in Bluestar, die Muslime nach der Zerstörung in Ayodhya und die Christen nun nach Gujarat das Gefühl, dass ihre Schreie um Hilfe, ihre Proteste gegen geplante Ungerechtigkeit, nicht gehört werden.

Minderheitengruppen umfassen in ethnischer, linguistischer, kultureller, professioneller, politischer und religiöser Hinsicht ein sehr unterschiedliches Spektrum. Wenn irgendeine Minderheit eine übermäßige Angst und Hilflosigkeit zum Ausdruck bringt, sollte man auf der Hut sein, weil die eine Seite oder gar beide Seiten in brutaler Weise intolerant werden können. Der Pluralismus wird zestört, die Rechte vieler Menschen verletzt, die Freiheit eingeschränkt und eine sich entwickelnde indische Mischkultur vereitelt. Es gibt raffinierte Versuche, einen monokulturellen Imperialismus überzustülpen und die Machthabenden lassen die Machtlosen ihre brutale Gewalt spüren.

Die Schwächung der Einheit der Minderheiten in Indien muss vor diesem Bild gesehen werden. Ihre Einheit wird auch dadurch zunichte gemacht, dass sie untereinander kein gemeinsames Verständnis haben um ihre religiösen und konfessionellen Unterschiede zu überwinden, ihre gemeinsamen Probleme zu lösen und sich in dieser Krisenzeit gegenseitig zu unterstützen.

Das Christentum ist Zielscheibe der Hindutva Kräfte geworden. Christliche Empfindsamkeit wurde aus folgenden Gründen erschüttert und verletzt: Erstens werden die feindlich gesinnten Kräfte durch ihren Hass angespornt und Hass schickt sich für keine Religion; zweitens werden die vielen vom Staat gegebenen Garantien ganz offen verletzt, meist ohne irgendeine Bestrafung; drittens setzt man sich in vielen Fällen ganz offen und mit staatlichem Stillschweigen, Inaktivität und Komplizenschaft über die von jeder zivilisierten Nation geschützten und verteidigten Menschenrechte hinweg; viertens beeinträchtigt die Kultur, auf körperliche Gewalt zurückzugreifen, die ohnehin zerbrechlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften. Die christliche Gemeinschaft fühlt sich hilflos.

Die Kirche wird als Kraft gesehen, die die Sache der Dalits und der Adivasis durch die Anwälte der Monokultur verficht. Dies wird als Bedrohung der auf Kastenunterscheidung beruhenden hierarchischen Sozialordnung der Hindus wahrgenommen und ist für die Verfechter der Kastenhierarchie unannehmbar.

Obwohl es in allen Minderheitsreligionen Dalits gibt, sind nur den dem Sikhismus und Buddhismus Angehörenden besonderer verfassungsmäßiger Schutz und andere Vorteile gewährt worden. Die ständige Verweigerung gleicher Rechte für solche Dalits, die sich für die christliche Gemeinschaft entschieden haben, bestärkt die gegenwärtige Haltung der Mehrheiten gegenüber dem Christentum in Indien. Es handelt sich um eine Verschwörung der höheren Kasten und um Missbrauch der verfassungsmäßigen Rechte.

Die Minderheiten, vor allem christliche Gruppen, haben ganz allgemein den Eindruck, ihre eigenen Kinder würden bei der Aufnahme in Schulen, Colleges und auch bei Fragen der Anstellung oder anderen verwandten Bereichen benachteiligt.

Die Kirche und andere religiöse Einrichtungen sind zu mehr inklusiver Offenheit aufgerufen, um auch anderen Menschen und Gruppen Raum zu geben, die bereit sind, ihre Ansichten zu teilen, ihre Probleme mitzutragen und sie in ihren Kämpfen zu begleiten.

Innerer und äußerer Druck hat jedoch einen gesunden Gemeinschaftsgeist erzeugt, der es mit sich bringt, den Minderheitenstatus behalten zu wollen und sich selbst durch stärkere kreative Einmischung in die unterschiedlichen Kulturen des Landes zu integrieren.

 

 

4. Die Arbeitswelt der Unorganisierten und der Kinder

Es war die Erfahrung ausbeuterischer Arbeitspraxis in Ägypten, die das Gewissen von Mose aufrüttelte. Später hat sein großer Nachfolger Marx das Gewissen der Welt für die unmenschlichen Praktiken in der Arbeitswelt der letzten beiden Jahrhunderte sensibilisiert. Inzwischen ist dank der Organisierung in Gewerkschaften viel getan worden um ihren Klagen und Beschwerden abzuhelfen, was weltweit viel zur Verbesserung ungerechter Arbeitsbedingungen beigetragen hat.

In Indien aber sind die Arbeiter, die noch nicht gewerkschaftlich organisiert sind und unter Ungerechtigkeit, Ausbeutung und schlechter Behandlung leiden, in der Mehrzahl, hilflos schweigend gefangen in den Händen der Mächtigen. Nicht organisiert zu sein bedeutet, keine Macht und keine wirkungsvolle Stimme zu haben und bei Beschwerden keine Hilfe erwarten zu können. Ihre Anzahl ist größer als die im organisierten Sektor und ihre Lage schlimmer. Sie leiden, weil das Lohngefüge ungerecht und äußerst ausbeuterisch ist, ihre Arbeitsbedingungen unmenschlich sind und sie keinerlei ihnen zustehende Sicherheiten oder Vorteile gewährt bekommen. Die meisten sind der Gnade ihrer willkürlichen Arbeitgeber ausgeliefert.

Die meisten Menschen im informellen, nicht organisierten Sektor haben einen Dalit oder Adivasi Hintergrund und sind nirgendwo angesehen. Zum einen sind sie Opfer der Kastenunterdrückung und zum anderen sind sie ständig von Armut und Ungewissheit bedroht, weil sie keine bestimmte Arbeit oder Beschäftigung haben, sodass sie nach und nach ihren Platz in der Gesellschaft verlieren werden.

Oft werden sie zu Opfern kalten Schweigens, ätzenden Spotts und Elends oder aber als Stimmvieh missbraucht. Ihre Bedürfnisse oder Forderungen werden nie wirklich berücksichtigt. Da sie im politischen Leben kaum Einflussmöglichkeiten haben, verfügen sie über keinerlei Macht, irgendwo ihre Rechte einzufordern.

Sie haben nicht einmal Zugang zu Grundbedürfnissen, wie Nahrung, Unterkunft oder Kleidung und auch keine Beschäftigungsgarantie. Am Arbeitsplatz erhalten sie neben den unbefriedigenden Arbeitsbedingungen auch keinen entsprechenden Lohn, keine Entschädigung und keine Arbeitsverträge.

Als Lohnempfänger sind sie oft unterbezahlt und manchmal gar unbezahlt. Durch die Invasion einer globalen Kultur sind ihre Kultur, ihre Identität und ihre religiösen Werte bedroht.

Sie sind die ersten und häufigsten Opfer ansteckender Krankheiten. HIV/AIDS hat sich in erschreckendem Maß auf ihre Gesundheit und ihre Zukunft ausgewirkt. Aufgrund mangelnder gesunder Ernährung und unhygienischer Lebensbedingungen sind sie zunehmend anfällig für Krankheiten und einen frühen Tod.

Weit sträflicher aber ist die Herzlosigkeit, mit der die entsetzliche Praxis der Kinderarbeit fortgeführt wird, aus der allein ihre Arbeitgeber Gewinn schlagen! Diese Kinder werden in Restaurants, Autowerkstätten, Mittel- und Kleinbetrieben eingesetzt. Sie arbeiten in Brennöfen zur Herstellung von Ziegeln. Viele sind in Teppichfabriken angestellt. Einige werden verstümmelt, um zum Betteln an Bahnhöfen oder Straßenkreuzungen usw. eingesetzt werden zu können. Ihre Bildungsschancen sind gefährdet, ihre technische Ausbildung unmöglich gemacht. Ihre Zukunft ist besiegelt: dazu verurteilt ihre Begabungen brach liegen zu lassen und zu ungelernten Arbeitern ohne Schulbildung verdammt, werden sie eines Tages der großen Masse unorganisierter und doch sprachloser Arbeiter angehören.

Hier muss festgestellt werden, dass der immense Reichtum weniger Leute auf Kosten der Ausbeutung in den Arbeitsbereichen der Unorganisierten und der Kinder zustandekommt.

Art und Umfang der Probleme von Kindern, die noch der Sorge ihrer Eltern unterstehen, unterscheiden sich von denen jener Kinder, die unversorgt und ungeschützt leben wie Straßenkinder, Hausangestellte, Kinderprostituierte und Kinder, die in riskanten Industrien arbeiten.

Die Rechte von Kindern, die in Industrien und im unorganisierten Sektor arbeiten, werden von ihren Arbeitgebern oft missbraucht. Sie haben kein Recht, ihren Arbeitgeber in Frage zu stellen, auch dann nicht, wenn sie unmenschlichen Demütigungen ausgesetzt sind. Es gibt auch niemanden, der ihnen unmittelbar helfen könnte. Oft sind diese Kinder unterbezahlt und manchmal arbeiten sie ohne Lohn.

Straßenkinder werden sexuell und zu unmoralischen Zwecken missbraucht. Zur Zeit gibt es für sie keinerlei wirksame Schutzmechanismen.

Die Kinder von Prostituierten werden unweigerlich in dasselbe Geschäft hineingetrieben, weil ihre sozio-ökonomische Lage dies erforderlich macht. Es gibt Versuche, diese Kinder vor der Prostitution zu bewahren. Gemessen am Ausmaß des Problems, sind diese Bemühungen allerdings völlig unzureichend.

Die Kinder in den ländlichen Gebieten, vor allem die Dalitkinder, entwickeln oft einen Minderwertigkeitskomplex, weil sie häufig an ihren niedrigen Kastenhintergrund erinnert werden.

Einige Organisationen haben sich der Anliegen dieser beiden Sektoren, Kinderarbeit und unorganisierte Arbeit, angenommen. Aber auch sie sind zu wenige, um diese Situation zu bewältigen. Trotz der Gesetze, die ihre Einstellung verbieten, gibt es in unserer Kultur nicht den politischen Willen und entsprechende Maßnahmen um dieses unmenschliche System auszumerzen. Macht und Einfluss der skrupellosen Arbeitgeber sind stärker als die zaghaften Schritte, die vom Staat initiiert werden. Analphabetentum und mangelndes Bewußtsein behindern die Initiativen der wenigen Organisationen, die sich der Sache der in Fabriken arbeitenden Kinder verpflichtet fühlen.

Dies ist ein Schandfleck auf der Kultur der Gewinnmaximierung.

Die christliche Gemeinschaft muss ihr Gewissen reaktivieren und mit all denen zusammenarbeiten, die sich bereits aktiv für die permanente Ausrottung der Praxis der Kinderarbeit einsetzen.

Eltern, nahe Verwandte zuhause sowie die Lehrer in der Schule können die Kinder in einer sehr gesunden Umgebung aufwachsen lassen, in der es keinen Missbrauch ihres Intellekts, ihrer Kreativität oder Begeisterung gibt, um neue Dinge ihrer Wahl lernen und damit experimentieren können. Wenn sie verstehen, wozu sie fähig sind und auch ihre Begrenzungen sehen, können sie ihre Intellegenz um so nutzbringender für ihre eigene Zukunft einsetzen. Wenn Methoden entwickelt werden, durch die Begabungen von Kindern zum Tragen kommen, kann verhindert werden, dass sie auf schlechte Wege geraten. In gleicher Weise verdienen Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen besondere Ermutigung, das zu sehen, was sie tun können, und nicht nur das, was sie nicht können.

  1. Menschen, aber ohne Rechte

Die Qualität einer Kultur wird daran gemessen, welchen Wert sie der Würde des Menschen in dieser Kultur beimisst. Eine Kultur, die dem Menschen, unabhängig von Reichtum, Stellung in der sozialen Hierarchie, Glaubenszugehörigkeit usw. hohe Achtung und Wertschätzung gewährt, kann als wirklich menschlich und fortschrittlich bezeichnet werden.

Diese Wertschätzung kann in folgender Weise zum Audruck kommen:

  • Erstens durch den Schutz und die Beachtung der Rechte, die jedem Mitglied der Gesellschaft zustehen;
  • Zweitens dadurch, dass in jedem Bereich der Gesellschaft – sozial und individuell – der Gerechtigkeit zu ihrem Recht verholfen wird;
  • Drittens dadurch, dass Bedingungen geschaffen werden, durch die jeder Mensch ohne Einschränkung die unveräußerlichen Freiheiten, die der Person angemessen sind, genießen kann. Die Würde des Menschen wird geachtet, wenn diese Werte in jener Gesellschaft hochgehalten werden.

Eine Vision und ihre Verwirklichung sind jedoch oft weit voneinander entfernt. In unserem Fall haben wir es in der indischen Gesellschaft mit Doppeldeutigkeit gegenüber diesen Werten zu tun, denn nur wenige genießen in der indischen Gesellschaft die Rechte, Freiheiten und die Würde, die jedem Bürger und jeder Bürgerin zustehen und durch die Verfassung verbürgt sind.

Niemand kann zum Beispiel leugnen, dass das, was von Menschen produziert wird, mehr kostet und wertgeschätzt wird als die Produzenten selber. Güter für den menschlichen Verzehr sind wertvoller und geschätzter als die Menschen, die sie produziert haben. Der Wert der Arbeitenden liegt weit unter dem Wert dessen, was er oder sie produziert hat. Die niedrige Wertschätzung für den Menschen liegt der Verletzung der Menschenrechte zugrunde.

Die Unterdrückung von Rechten, offen oder unverhohlen, ist aber geradezu im System verankert: zum Beispiel die männliche Unterdrückung der Rechte der Frau, die Unterdrückung durch die Oberschicht oder die Verweigerung der Rechte der Unterschicht, Verweigerung der Rechte der Arbeiter durch die Arbeitgeber. Noch dunkler ist das Schicksal der landlosen, in Schuldknechtschaft verstrickten Landarbeiter, die in buchstäblicher Gefangenschaft in den Händen ihrer Herren sind. Der Staat, der die Menschenrechte fördern und verteidigen sollte, ist in der Praxis oft eher eine Partei zur Unterdrückung der Bürgerrechte. Folterung von Gefangenen, verlängerte Haft ohne Gerichtsverhandlung, Einschüchterung oder Weigerung der Polizei, wenn Menschen aus der Unterschicht die Thana (die örtliche Polizeistation) bitten, einen Fall (FIR) aufzunehmen, der Einsatz von Muskelprotzen bei der Ausübung des Wahlrechts, negative Sanktionen in der Gesellschaft gegen Mischehen zwischen verschiedenen Kasten, alle diese Beispiele gehören in die Rubrik individueller Menschenrechtsverletzungen.

Dies entspricht fast der Realität, obwohl es im Gegensatz dazu Chartas und Gesetzesverordnungen gibt.

Die Menschen im Land erleben beides: einerseits eine massive Betonung und Geltendmachung der Menschenrechte und andererseits deren brutale Unterdrückung. Im Nordosten und im Staat Jammu und Kashmir haben Menschen wegen endlosem Blutvergießen, Zerstörung ihrer Häuser und der Macht der Gewehre in geistiger und kultureller Versklavung gelebt. Im Punjab erinnern sich die Leute immer noch an die jüngste Vergangenheit, als sie ähnlicher Gewalt ausgesetzt waren. Diesseits und jenseits der Grenzen Südasiens erlebt man immer wieder die Wut und den Schrecken verletzter Erinnerungen und unversöhnter Beziehungen. Wie soll man diese Unvereinbarkeit von Rechten deuten: das Rechtsverständnis des Staates und das der Bevölkerung? Ein weiteres Zeichen für die Aushöhlung der Menschenrechte ist darin zu sehen, dass Art, Ort und Zeit öffentlicher Proteste durch Demonstrationen – diesen wesentlichen Aspekt demokratischer Kultur – immer öfter mit Restriktionen belegt werden. Wie kann man in dieser Situation für Verständnis und Versöhnung kämpfen, wie es im Erlassjahr verfügt und gefordert wird?

Der Staat erweist sich selbst als größter Feind von Menschenrechten. Er ist zwar mit Macht bewaffnet, aber seine in Menschenrechtsfragen unerfahrenen Mitarbeiter missachten und unterdrücken die Rechte der Bürgerinnen und Bürger. „Nationale Sicherheit", „Recht und Ordnung", „der Wille des Volkes" sind vom Staat bemühte Umschreibungen, um die Rechte und Freiheiten der Menschen zu unterdrücken. Die Polizei, das Konsensinstrument zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung, hat sich zum brutalen Arm des Staates herabsetzen lassen und wird häufig dazu angehalten, friedliche Protestmärsche, die konstitutiver Teil demokratischer Kultur sind, gewaltsam aufzulösen. Analphabetische Opfer von Ungerechtigkeit, die sich zur Protokollierung ihrer Klagen an die Thana, die örtliche Polizeistation wenden, werden oft nicht gehört und abgewiesen. Unter dem Deckmantel politischer Sachzwänge greifen Politiker und Parteien zu Lügen, wenn die Macht bei ihnen liegt und missbraucht werden kann.

Aber der menschliche Geist lässt sich nicht unterdrücken. Der Geist Gottes stellt immer wieder Männer und Frauen auf, um einzugreifen, wenn ein ernstzunehmender Werteverfall die Bewahrung von Gottes Schöpfung bedroht. Die zahlreichen zivilen Befreiungsbewegungen, die wachsende Zahl von Menschenrechtsorganisationen, Volksbewegungen, die für ihre Rechte oder Freiheiten eintreten, sind die Silberstreifen über diesem dunklen Bereich. Dank unnachgiebiger Forderungen und Proteste aufgeklärter Einzelpersonen und Organisationen ist die Sache der Menschenrechte inzwischen endlich anerkannt. Die Einrichtung solcher Institutionen wie der Nationalen Menschenrechtskommission, der Nationalen Kommission für Minderheiten usw. sind Zeichen, dass der menschliche Geist Indiens aus den unterdrückten unterirdischen Bereichen sozialer Prozesse ausbricht.

Die Vernetzung und Annäherung vieler dieser Menschenrechts-organisationen auf nationaler Ebene trägt zur Stärkung dieser Bewegungen bei. In jüngster Zeit haben sich viele Menschenrechts-organisationen in einer Konvention zur Bildung einer Volksvereinigung für Menschenrechte (Peoples‘ Union for Human Rights) zusammengetan.

Auch auf globaler Ebene gewinnt die Bewegung an Stoßkraft. Internationale Organisationen wie Amnesty International und viele Menschenrechtskonventionen beraten die Möglichkeit, die Frage der Menschenrechte mit der Arbeits- und Beschäftigungspraxis zu verbinden. Dies sind vielversprechende Anzeichen für ein wachsendes Bewusstsein über die Rechte von Frauen und Männern.

Was will Gott uns durch solche Entwicklungen sagen?

  1. Volksbewegungen im freien Indien

    Die Eliten Indiens hatten es in der Hand, nach der Unabhängigkeit die Regierungsgewalt in Indien neu zu entwerfen und den Wiederaufbau der Nation zu planen. Diese elitäre Wahrnehmung hatte allerdings die vitalen Bedürfnisse der Massen oder den nichtelitären Bereich der indischen Gesellschaft nicht im Blick. Es galt aber auch, die zahlreichen Anliegen dieser Menschen, die außerhalb des Geltungsbereichs der Planer lagen, zu beachten und schnell zu handeln. Diese Themen wurden dann von Einzelpersonen und Gruppen aufgenommen. Aufgrund dieses Phänomens sind viele Initiativen entstanden, die man später Volksbewegungen nannte und die sich in Indien stark vermehrten. Diese Volksbewegungen sind ein wichtiger Ableger der demokratischen Kultur, der immer noch wirkt und innerhalb der demokratischen Struktur der Nation seinen Platz hatte. Sie könnten praktisch als die zweite Phase der Befreiungsbewegung des Landes und seiner Menschen bezeichnet werden.

    Die Kultur des Subkontinents scheint in hohem Maße unsensibel zu sein für die Schreie des Volkes und unfähig, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, denn neben dem scheinbar friedlichen Leben der großen Mehrheit bestehen menschenverachtende soziale Übel und Traditionen. Und was die rechtlichen Verordnungen und Prozesse des Staates nicht umzusetzen in der Lage sind, was die Zivilgesellschaft nicht tun kann, und was selbst Volksbewegungen durch friedliche Mittel nicht erreichen, wird mittels Gewalt behoben. Die vielen bewaffneten Volksbewegungen, wie die verschiedenen Gruppen der sogenannten Naxaliten oder die Volkskriegsgruppen, deuten auf die Ungeduld der Menschen hin, deren Anliegen bezüglich Land- und Bürgerrechten jahrzehntelang unbeachtet blieben. Sie sind aber auch ein Protest gegen die Unfähigkeit des Staates, seiner Verantwortung gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern nachzukommen. Die Zivilisation steht auf dem Prüfstand, weil der Staat die Forderungen der Opfer ungerechter Sozialstrukturen und Beziehungen unterdrückt.

    Die Tatsache, dass die Volksbewegungen in einem Land derart zunehmen, impliziert, dass es einerseits genug Raum für solche Bürgerinitiativen gibt, gesellschaftliche Themen anzusprechen und öffentliche Meinungsbildung zu betreiben. Andererseits drückt sich darin auch eine Kritik der Regierungsgewalt aus, und zwar insofern als die Regierungsmaschinerie keinen Blick für die Schwachpunkte der Demokratie hat. Wenn ganze Bereiche und Themen vom demokratischen Apparat unbeachtet bleiben, ist die der Regierungsmehrheit innewohnende Unfähigkeit zu kritisieren, den verwalteten Minderheiten in der Zivilgesellschaft Beachtung zu schenken.

    Es gibt viele Themen, die das Leben der Menschen betreffen und die von diesen freien Initiativen aufgenommen werden. Wie die Israeliten beim Auszug aus Ägypten, so haben sich auch hier Leute auf den Weg gemacht, um die ihnen verweigerten Rechte einzufordern und die Gerechtigkeitverstöße zu benennen.

  2. Die Armen Indiens und ihr Protest

    Alle bisher genannten benachteiligten Gruppen – ob ethnisch, kulturell oder religiös – haben einen gemeinsamen Nenner und das ist das Phänomen der Armut. Jede Form von Marginalisierung führt zu absoluter Armut. Dass Menschen aber weiterhin in Armut leben müssen ist die schlimmste Beleidigung Gottes, weil sich darin der menschliche Verrat offenbart, der dazu führte, dass einige Leute alle gottgegebenen Ressourcen bei sich angehäuft und anderen Menschen verweigert haben, und in Folge davon Teile des Volkes Gottes vielfältigste Entbehrungen auf sich nehmen müssen. Deshalb ruft der Herr der Geschichte die Völker, sich für diese große Verweigerung zu rechtfertigen. Das Erlassjahr ist Gottes Aufforderung an alle, die rechte Ordnung wiederherzustellen.

    In der gängigen Diskussion wird Armut meist auf die Individuen oder Gruppen reduziert, die unter einer gewissen Einkommensgrenze liegen, wobei vor allem die finanzielle Not gesehen wird. Aus christlicher Sicht ist Armut jedoch die Erfahrung, die vielen Grundbedürfnisse einer Person nicht erfüllen zu können. Im Entwicklungsdialog werden folgende Armutsmerkmale aufgezählt, die eine Person quälen und in lähmende Erniedrigung einbinden können:

    „Mangelnde Überlebenschancen (aufgrund ungenügenden Einkommens, Nahrung, Unterkunft usw.); mangelnder Schutz (aufgrund eines schlechten Gesundheitssystems, Gewalt, Waffenhandel, usw.); mangelnde Zuwendung (aufgrund von Autoritarismus, Unterdrückung, ausbeuterischen Beziehungen mit der natürlichen Umwelt, usw.); mangelndes Verständnis (aufgrund schlechter Bildungschancen); mangelnde Partizipation (aufgrund der Marginalisierung und Diskriminierung von Frauen, Kindern und Minderheiten); und mangelnde Identität (aufgrund der Auferlegung fremder Werte auf die örtlichen und regionalen Kulturen, Zwangsumsiedlung, politischem Exil, usw.)." (Development Dialogue, 1989:1, S. 21).

    Was als menschliche Mülltonne umschrieben wurde, die Slums in den indischen Metropolen, ist der Wohnraum der aus der indischen Gesellschaft Ausgeschlossenen und die Quelle der Armut. Im Wirtschaftssektor ist kein Platz für sie und in den politischen Prozessen sind sie Stimmvieh für die Senkrechtstarter. In der nationalen Planung kommen sie nicht vor. Für die gegenwärtige internationale Wirtschaftsordnung leben in den Slums die „nutzlosen Esser" der Welt. Dass sie dort nur gelandet sind, weil sie durch die Dynamiken des Kampfes um das Land vertrieben wurden, verschlimmert ihr Schicksal noch mehr. Die Slums sind wirklich die Orte, an denen man die verheerenden Auswirkungen der Armut erfahren kann. Und die meisten der dortigen Einwohner sind indische Dalits.

    Durch das Experiment der Selbstverwaltung während der letzten fünfzig Jahre ist in Indien inzwischen viel erreicht worden, aber vieles wartet noch auf Erfüllung.

    Und hier stehen unsere Leute. Jahrmillionen ist es her, seit sie anfingen, das Land zu besiedeln und noch immer sind sie nicht weitergekommen. Die meisten sind arm und ausgemergelt. Viele haben weder Land, noch Häuser, noch Ressourcen, von denen sie leben können. Sie sind gespalten, eingestuft und preislich ausgezeichnet: in höher und niedriger und am niedrigsten. Die Niedrigsten sind Menschen, die als Verunreinigung und Abfall betrachtet werden! Dorthin sind sie von der Zivilisation und den Religionen des Landes seit Jahrhunderten gedrängt worden. Diese Wahnvorstellung, dieser Mythos konnte auch durch tiefste Erkenntnisse und höchste Wertvorstellungen des Landes nicht gesprengt werden und die Menschen befreien. Der großartige Bund der wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Mächte hat dafür gesorgt, dass alles beim Alten bleibt.

  3. Neokolonialismus: Benachteiligung der ohnehin Benachteiligten

    „Aus der Bratpfanne ins Feuer", so könnte man den Zustand der Armen angesichts der neuen Wirtschaftspolitik des Landes beschreiben, die sich am Diktat der internationalen Finanzinstitutionen und deren Beratern ausrichtet. Der im Land herrschende abhängige Kapitalismus hat die Armen Indiens enttäuscht. Die Tropfen haben ihre leeren Tassen nicht gefüllt. Und in dieser Zeit kamen nun die schlimmsten Tage für sie: die Marktwirtschaft des Neokolonialismus.

    Die neu entstehende Wirtschaftsordnung – durchaus zum Guten fähig, wenn sie denn von wahrem Humanismus geleitet wäre – hat verheerende Auswirkungen auf die Armen. Die wachsende Konzentration von wirtschaftlicher Macht in einigen wenigen Finanzinstitutionen und das Phänomen der Zusammenschlüsse und Fusionen multinationaler Organisationen hat bereits dazu geführt, dass kleinere Landwirte und eine große Anzahl kleiner und mittlerer Industriebetriebe schließen mussten. Dies wirkt sich nicht nur durch zunehmende Arbeitslosigkeit auf den Arbeitsmarkt aus, sondern auch auf die Produktion von Gütern zur Deckung der Grundbedürfnisse.

    Die Armen sind von diesen Entwicklungen am schlimmsten betroffen. Die Macht des Staates, für die Grundbedürfnisse der Armen zu sorgen, ist aus zweierlei Gründen beträchtlich eingeschränkt. Zum einen haben sich die internationalen Finanzmärkte zu einer Supermacht entwickelt, die auch unabhängige Staaten beherrscht und zum anderen ziehen die Eliten die dann noch verbleibende Macht an sich.

  4. Kollidierende Religionen und der Preis, den die Armen dafür zahlen

Gott wird in diesem Land in vielfältiger Weise in immer neuen Kulten und Symbolen verehrt. Die Pluralität der Religionen hat sich aber unglücklicherweise als größte Bedrohung für Land und Leute erwiesen, weil sie voller Konflikte steckt. Dies fängt schon damit an, dass einem die eigene Religion genügt. Rigide Härte und die Unfähigkeit, je nach den Erfordernissen jeder Zeit zu wachsen, führen zu Fundamentalismus, der wiederum mit anderen Fundamentalismen kollidiert und zu Gewalt und zur Spaltung des Subkontinents geführt hat. Die Wunden sind bis heute nicht verheilt. Unser Kontinent stand nicht nur in der Vergangenheit aufgrund kommunaler Gewalt in Flammen, sondern auch heute noch schwelen die Flammen der Rache und Vergeltung.

Das Spiel mit den Religionen zwang die Regierung Indiens, ihre Außenpolitik so zu gestalten, dass diese absolut unreligiöse Haltung im Land der Religionen noch unterstützt wurde. Die Auseinandersetzung mit der Außenpolitik wurde dem Finanzminister aber zu teuer, da der Dialog und die Kommunikation unter einstigen Schwestern und Brüdern, die zu Feinden wurden, bald durch Waffengewalt ersetzt wurde.

Die unglaublich hohen Ausgaben, die die Zentralregierung jedes Jahr für Waffen in den Verteidigungshaushalt steckt, gehen letztendlich auf Kosten der vernachlässigten Bildungs- und Gesundheitsetats, nicht zu reden von den Straßen zu entlegendsten Dörfern oder Häusern für die Millionen Menschen, die in notdürftigen Hütten leben. Schulen ohne Wandtafeln, Dörfer ohne Elektrizität, ohne Trinkwasser und Basisgesundheitsversorgung, Menschen, die kein eigenes Zuhause haben, werfen ein dunkles Licht auf die Genialität des Subkontinents, der reich genug ist, als Teil der „nationalen Sicherheit" hochentwickelte Waffenforschung zu betreiben – der Ruin unserer Zivilisation, die gewaltfreie Mittel hervorbrachte, um Konflikte zu lösen.

Das Bild von Armut, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Verweigerung von Rechten und diskriminierenden Praktiken mindert die Lebensqualität der Menschen. Die „Verlierer der Geschichte" sind wie die „nutzlosen Esser" der Nazi-Version nicht das wichtigste Anliegen der Akteure im konkurrierenden Markt. Der Mensch wird aus der Szene hinausgedrängt und eine gesichtslose Wirtschaftsmacht und herzlose Prozesse an seine Stelle gesetzt.

Und Gott ist zornig.

B: Die Grundursache identifizieren

Für das Gnadenangebot des Kairos ist entscheidend, dass wirkliche Buße auch ein rechtschaffenes und gerechtes Leben erfordert. Weder Reformen noch Erneuerung genügen, sondern es bedarf einer Neuordnung auf einer viel tieferen Ebene als eine Erneuerung je erreichen könnte. Nur dann wird die Antwort auf den Aufruf zum Kairos diesem gerecht werden können. Dies kann nur erreicht werden, wenn die Grundursachen der Krankheit gefunden sind und diese ausgesondert und beseitigt werden.

Es gibt drei Faktoren, die eine sorgfältige, konkrete Übersetzung der Kairos-Verpflichtung in Indien erforderlich machen! Erstens ist das Christentum eine Minderheitsreligion. Zweitens leben wir in einem multireligiösen Kontext. Drittens misst das Christentum anderen Religionen einen sehr positiven Stellenwert bei. Dies kann dazu beitragen, Grenzüberschreitungen der jüdisch-christlichen Welt zu erleichtern, freundschaftliche und partnerschaftliche Brücken zu bauen und Bündnisse einzugehen, um gemeinsam für eine neue Art der Gemeinschaftsbildung zu kämpfen. Nur durch die Zusammenarbeit mit der weiteren Gesellschaft können wir jedoch hoffen, die Komplexitäten indischer Sozialprozesse verstehen zu lernen, die in Jahrhunderten gebildet wurden. Andernfalls würde solches Bemühen als Aggression ausgelegt und als ungerechtfertigte Einmischung in die Angelegenheiten der indischen Gesellschaft und ihrer Kulturen.

Einige gesellschaftliche Übel sind bereits berührt worden. Auch wurden wichtige Entwicklungen in den sozialen Prozessen hervorgehoben, die als gute Zeichen zu werten sind. Um erstere auszurotten und letztere zu fördern müssen wir an die Grundursachen der Übel kommen, die unsere Gesellschaft plagen. In diesem Teil des Dokumentes wollen wir die Grundursache der Unterdrückung herausarbeiten und beheben.

Das Erwachen der Dalits gehört zu den mächtigsten Bewegungen im Land. Namhafte Führer wie Kumaran Asan in Kerala, Ramasamy Naickar oder Periyar in Tamil Nadu, Mahatma Phule und Bhimrao Ambedkar in Maharashtra, sowie weise Männer wie Ravidas, Kabir und andere leisteten bedeutsame Beiträge für die Sache der Dalits. Gandhis Bemühungen zur Erhaltung des Varnasram hatten eher innere Bedeutung. Aber selbst heute erfährt dieses Erwachen Gegenwehr.

Die Jugendlichen der höheren Kasten organisierten in Gujarat drei große Agitationen gegen die in der Verfassung verbürgte Verordnung, den Dalits bestimmte Posten zu reservieren. Der Jugendbund der höheren Kasten in Uttar Pradesh revoltierte zweimal gegen diese Verordnung. Die jüngste Revolte fand in Delhi statt, als es sogar Versuche von Selbstverbrennung gab. Diese Proteste vermitteln die Einsicht, wie tief das Unbehagen sitzt. Die höheren Kasten können sich nicht leisten, auf die unterwürfigen Dienste der sogenannten „Unberührbaren" zu verzichten. Die Beziehung zwischen Beherrscher und Beherrschten darf nicht aufgelöst werden. In anderen Worten, beim Thema der Dalits geht es letztendlich um den instinktiven Drang der höheren Kasten, die Unterwürfigkeit der Beherrschten zu erhalten und weiterhin die Beherrschung zu genießen.

Durch das starke Erwachen der Dalits fordert Gott die Menschen des Subkontinents heraus, die ungerechten Praktiken fallen zu lassen und eine Gemeinschaft des Füreinandersorgens und der Gleichheit zu bilden. Gott sagt uns, dass sowohl Beherrschung wie auch Unterwürfigkeit von Übel sind und abgeschafft werden müssen.

Die zweite wichtige Krankheit unserer Gesellschaft ist die Geschlechterdiskriminierung, die vom schon so lange bestehenden Patriarchat herrührt. Der unkontrollierte Drang zur Beherrschung ist ein Grundpfeiler des Patriarchats und liegt auch der männlichen Dominanz im Land und in der Kirche in Indien zugrunde.

Kinderarbeit, aber auch unorganiserte und sogar gewerkschaftlich organisierte Arbeit weisen auf die versteckte Macht und auf das Netzwerk der kapitalistischen Herrschaftspraxis hin. Im Landwirtschaftssektor gibt es das rieisige Problem landloser Landarbeiter, von denen viele unter zusätzlicher Unterdrückung leiden, die als Schuldknechtschaft bekannt ist. Die Zahl aller dieser Arbeiter ist so groß und beweist die Gleichgültigkeit gegenüber den ungerechten Strukturen, die von Beherrschung und Ausbeutung leben. Die Grundursache dieser Übel ist schließlich die unersättliche Gier nach Bereicherung, um auf Kosten der großen, in Unterwürfigkeit gehaltenen Mehrheit sozialen und wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen.

Das Erwachen der Tribals zielt darauf ab, die subtilen Bemühungen der Hindugesellschaft abzuschütteln, die versucht, die partizipative Kultur der Tribals, die sich der hierarchischen Kultur der Kastenherrschaft und der monolithischen Kultur widersetzt, zu zerstören.

Die beiden in Indien existierenden semitischen Traditionen, vor allem das Christentum und der Islam, tragen, zumindest theoretisch, bestimmte kommunitäre Züge, was am Begriff „Umma" im Islam wie an „Ecclesia" oder „den Berufenen" in der christlichen Tradition zu erkennen ist. Scharfe Beobachter innerhalb der Hindugesellschaft wissen sehr wohl, dass dies eine wesentliche Bedrohung ihrer auf Kastenhierarchie beruhenden Gesellschaft bedeuten kann. Die jüngsten organisierten Anschläge und Einschüchterungen von Tribals und Dalits, die sich dem Islam oder dem Christentum angeschlossen haben oder dies vorhaben, sind hinreichend Beweis für die Auffassungen, die militante Hinduführer vertreten.

Der Ergründer des menschlichen Herzens in der Antike, Patanjali, hat die Grundursache allen Schmerzes angesprochen: vor allem die Gier. Herrschaft ist Ausdruck der Gier, sich bereichern und beherrschen zu wollen und diese kann schließlich nur überleben durch Ausbeutung und ihr verwandte Laster.

 

 

 

Zweites Kapitel

Bedeutung der „Zeichen der Zeit":

Wohin der Geist Gottes uns führt

  1. Für alle, die jahrhundertelang still gelitten haben, scheint die Befreiung

    nahe zu sein. Weite Teile der menschlichen Gemeinschaft in unserem Subkontinent standen immer unten, erdrückt von Demütigungen, die ihnen von anderen Menschen zugefügt wurden. Entstellte Beziehungen führten zu schlimmen Erniedrigungen ihres Menschseins. Geschlechterdiskriminierung verletzte den göttlichen Willen. Die Ungleichheit der Kasten und Klassen führte eine Rangordnung in die menschliche Familie ein, die dem Willen Gottes widersprach. Wirtschaftliche Ungleichheit hinsichtlich der gottgegebenen Ressourcen der Erde schufen Armut und schlimmste Formen von Entmenschlichung, die erneut dem Entwurf Gottes für seine Kinder widersprachen. In diesem Land mit seiner Vorliebe für Wissen führte das Analphabetentum dazu, dass diese und andere Formen sozialer Übel zusammenkamen und sich tief eingruben und die göttliche Ordnung entweihten. Immer wieder wurden unsere Leute bedrängt und von Plagen und Leiden heimgesucht, und viele sind bis heute davon betroffen. Zur Bestürzung vieler befanden sich selbst die Religionen, die Trost und Zuspruch spenden, Frieden und Gerechtigkeit schaffen sollten, in gegenseitigem Konflikt. Diese Uneinigkeit unter den Religionen verhinderte, dass sie zur Sinnstiftung einer Kultur beitragen konnten. Die Menschen stellten sich die beunruhigende Frage, ob unsere Gesellschaft denn gar keine Ausrichtung habe?

    Aus diesem Grunde ist die Zeit für eine tiefe Selbstprüfung gekommen, die Zeit, zu urteilen, zu entscheiden und zu handeln. Für die Menschen auf unserem Subkontinent und besonders für die Kirche ist jetzt die Zeit des Nirnayak kshan (des Kairos) gekommen. Die Gerechtigkeit Gottes erfordert die Unterwerfung unter seinen Willen.

    Jede Zeit, sei sie nun Kairos oder Chronos, gehört Gott. Die Sensibilität der Menschen für den Kairos, ihre Bereitschaft, die Initiative Gottes zu erkennen und darauf zu reagieren, hat es Gott ermöglicht, einen Bundesschluss mit seinem Volk einzugehen. Die Propheten und der Messias haben die Menschen in ihrer schicksalhaften Hilflosigkeit aufgerufen, Buße zu tun, Unterdrückung zu verwerfen und die Türen zur Befreiung zu öffnen. Sie sollten den Bundesschluss mit ihrem Gott und untereinander neu bekräftigen; eine Beziehung, die auf der Treue gegenüber den gegenseitigen Versprechen beruhte und sie dadurch zum Volk Gottes werden ließ.

  2. Die Einhaltung des Erlassjahres war eine besondere Zeit, um der Treue zu

diesem Bundesschluss Ausdruck zu geben (3.Mose 25-26). Das Erlassjahr wurde all fünfzig Jahre ausgerufen und so berechnet, dass sieben (der Sabbattag) mit sieben (dem Sabbatjahr) multipliziert wurde. Das Erlassjahr beinhaltete, dass:

  • Die Einkaufs- und Verkaufspreise für das Land festgelegt wurden;
  • Die Menschen zum Land ihrer Vorfahren zurückkehren und dieses wieder in Besitz nehmen konnten;
  • Alle Schuldne erlassen wurden;
  • Alle Sklaven freigelassen wurden.

Die wirtschaftliche Ungleichheit, die sich unweigerlich für einige Zeit in der Gesellschaft einstellen würde, wurde also durch die Erlassjahrgesetze kontrolliert. Die Umverteilung des Reichtums wurde durch den Schuldenerlass, die Inbesitznahme des Landes und die Befreiung der Sklaven vorgenommen. Diese Rückgabe von Besitz und Land an die Enterbten war ein Hinweis auf ihre Treue zu diesem Bundesschluss. Das Erlassjahr war in diesem Sinne deshalb genau die richtige Zeit. Für unsere Zeit beinhaltet dies, vieles aufzudecken, was ungerecht strukturiert ist und viele veraltete Verträge, die schriftlich, mündlich, stillschweigend durch Bräuche und Traditionen übertragen wurden, neu zu verfassen.

C. Im Griechischen bedeutet Kairos einen Zeitpunkt voller potentieller Möglichkeiten, ganz im Gegensatz zu Chronos, der sich lediglich auf die Zeitabfolge bezieht. In der Bibel kommt der Kairos meist dort vor, wo eine heilsgeschichtlich bedeutsame Zeit beschrieben werden soll. Kairos weist auf die Art von Zeit hin, die eine entscheidende Bedeutung für unsere Beziehung mit Gott und mit unseren Nächsten hat. Die bemerkenswertesten Texte in diesem Kontext sind:

„Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15).

„Ich habe dich in der angenehmen Zeit gehört und habe dir am Tage des Heils geholfen." (2Kor 6,2).

Diese Fülle kann mit keinem Maß gemessen werden. Sie unterscheidet sich von Chronos, wo Zeit durch Ziffern, Uhren und Kalender gemessen wird. Als der Statthalter Felix dem Apostel Paulus (Apg 24,25) sagt: „Für diesmal geh! Zu gelegener Zeit (Kairos) will ich dich wieder rufen lassen", benutzt er das Wort ganz allgemein. An anderen Stellen des Neuen Testaments hat Kairos dort, wo es direkt mit Christus in Verbindung steht, eine bestimmte Bedeutung (Mt 8,29; 26,18; 1Tim 6,15; 1Petr 1,11). Im Neuen Testament, wo den Menschen jedoch mindestens an drei Stellen gesagt wird, es gäbe eine von Gott bestimmte Zeit um ihre Entscheidungen zu treffen, wird Kairos benutzt, um eine günstige Zeit oder einen ganz bestimmten Zeitpunkt anzudeuten. Bei Lukas zum Beispiel (Lk19,44) sagt Jesus zu den Menschen in Jerusalem „Weil du die Zeit (Kairos) nicht erkannt hast, in der du von Gott heimgesucht worden bist" usw.

Wir in Indien haben – wie jene Menschen in Jerusalem – seit langem versäumt, den von Gott kommenden Kairos zu erkennen. Jetzt aber haben die ausbrechende Gewalt gegen die Dalits, das Eindringen in das Land der Tribals und ihre Kulturen, die Angriffe auf Minderheiten, in jüngster Zeit vor allem auf Christen und der Werteverfall, der in der alles durchdringenden Korruption zu spüren ist, viele Menschen aufgerüttelt und auf die Realität des Kairos hingewiesen – den Augenblick der Krise und Gnade, des Kampfes und der Chance – ja, einer günstigen Zeit, in der Gott eine Herausforderung an uns richtet.

Kairos ist der Augenblick der Wahrheit für jede und jeden von uns, um erneut feierlich und nachdrücklich zu bekräftigen, dass alle Menschen Kinder eines Gottes sind, denen Chancengleichheit, Gerechtigkeit und Ermächtigung zustehen. Wenn dies jetzt noch nicht Wirklichkeit ist, dann setze sie bald um. Die günstige Zeit ist gekommen, sagt der Geist Gottes zur Kirche in Indien.

 

Drittes Kapitel

Kairos und die gottgegebene Ordnung für Indien

Hier folgen die wichtigsten Kairos-Forderungen im indischen Kontext:

  1. Beseitigung aller Kastendiskriminierungen von allen Schichten, vor allem von Christen. Dies beinhaltet, den Dalits ihre ihnen vorenthaltenden Rechte, ihre Würde und ihre Freiheiten wiederzugeben. Dazu hat Gott uns erschaffen: und unser heutiges Bewusstsein erfordert dies.
  2. Anerkennung der Kulturen der Adivasis (Tribals) und Erfüllung aller ihrer Forderungen, die mit ihrer Identität, Sicherheit und ihrem unbeschränkten Fortbestehen verbunden sind.
  3. Wiederherstellung von Gerechtigkeit in allen Bereichen menschlicher Beziehungen und Aktivitäten (im wirtschaftlichen, sozialen, politischen, kulturellen und religiösen Bereich). Göttliche Gerechtigkeit wohnt in allen Menschen und die Benachteiligten erwarten heute dementsprechendes Handeln.
  4. Wiederherstellung der unveräußerlichen Rechte, die jedem Menschen zustehen, aber vielen in diesem Land verweigert, unterdrückt oder beschränkt werden. Der Staat, Machtstrukturen und andere Organisationen müssen gefordert werden, das mangelnde Bewusstsein zu beheben und den Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen.
  5. Abschaffung der Geschlechterdiskriminierung in allen Lebensbereichen und zuerst in der Kirche. Die Ergänzung und Gleichheit der Geschlechter entspricht dem Willen Gottes. Wer sich darüber hinwegsetzt, missachtet das Göttliche, das in und durch die Geschöpfe Gottes erfahrbar wird.
  6. Überwindung der Konflikte zwischen Hindus, Christen und anderen religiösen Gruppen, um zwischen den Religionen die Dialogkultur und eine gegenseitige Beeinflussung schöpferischer Art zu stärken, denn diese hat ihren Ursprung in Gott.
  7. Beschäftigung mit dem Problem des Fundamentalismus in den Religionen. Diese sollten sich verbünden, um bei der Verwirklichung sozialer Ziele zusammenzuarbeiten. Solch ein echtes, soziales Engagement kann dazu beitragen, dass ursprüngliche religiöse Inspiration sich in progressiver Weise neu interpretiert und für jede Zeit und Situation relevant wird.
  8. Abschaffung der Kinderarbeit in unserer Mitte und Schutz der Zukunft unserer Kinder. Wir müssen ihnen, und vor allem den Benachteiligten, eine gesunde Atmosphäre schaffen.
  9. Aufhebung der bestehenden wirtschaftlichen Ungleichheit unter den Menschen, um Armut zu überwinden und nach dem umfassenden Wohl des Volkes Gottes zu streben.
  10. Unterstützung und Stärkung aller Bemühungen, das säkulare und demokratische Gesellschaftsgefüge zu erhalten. Die multi-ethnische und multi-religiöse Zusammensetzung der Nation verlangt, die Achtung für die Vielfalt als Wert zu begreifen und dafür die Zusammenarbeit aller zu gewinnen.
  11. Bemühen um die Heilung der Verletzungen und Wunden der Vergangenheit. Dies wird möglich, wenn die Macht der Wahrheit, der Vergebung und Versöhnung zugelassen wird, die auf Gerechtigkeit und Liebe gründet.

Der Aufruf zum Kairos beinhaltet, sich mit den Befreiungskämpfen der vielen benachteiligten Menschen des Landes zu verbünden. Es geht um die Solidarität mit all denen, die um die Wiederherstellung der von Gott geschaffenen, menschlichen Sozialordnung kämpfen. Durch den Kairos sind alle aufgerufen, sich zu gemeinsamem Handeln zu verpflichten.

Gott greift in die Geschichte ein, indem er sich selbst mit den Versklavten und Unterdrückten identifiziert und sie befreit. Wir haben die Aufgabe und das Privileg, mit Gott in dieser Sache zusammenzuarbeiten. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir, wenn wir den Kampf derer aufnehmen, die ihre lang erwartete Befreiung sichern wollen, im Sinne Gottes handeln.

Wenn wir den Aufruf zum Kairos befolgen, bedeutet dies unausweichlich, unsere Sichtweisen und unsere Weltanschauung radikal zu revidieren und auch zu einer radikalen Antwort herausgefordert zu sein. Unser traditionelles Verständnis der Gesellschaft, ihrer Strukturen und Werte, muss neu überdacht werden, denn der Aufruf zum Kairos erreicht uns in einer Zeit tiefster Krise: der Krise der Einheit, der Krise einer wachsenden Kluft zwischen reich und arm, der Krise von Herrschaft und Unterdrückung und der Krise nationaler Identität.

Deshalb muss die indische Kirche auf diese Herausforderung reagieren, indem sie sich selbst zu entschiedenem Handeln verpflichtet. Wenn die Chance zum Handeln nicht genutzt wird oder zugelassen wird, dass sie ungenutzt verstreicht, wird dies für die Kirche in Indien, für das Evangelium und für alle Menschen dieses Landes einen unermesslichen Verlust bedeuten. Jesus weinte über Jerusalem, weil die Menschen dort es nicht verstanden, ihren Kairos wahrzunehmen. Ist die indische Kirche in der Lage, den ihr naheliegenden Kairos wahrzunehmen?

Die christliche Gemeinschaft wurde oft so gesehen, als beschränke sie sich auf ihre eigene Welt ohne die Verfolgungen anderer Gemeinschaften überhaupt wahrzunehmen. Diese mangelnde Solidarität mit dem Unglück anderer, die nicht zu vereinbaren ist mit dem lauten Geschrei und Gezeter, wenn sie selbst angegriffen wird, verdient ein Nachdenken.

Im Augenblick einer Krise wie dieser ist es wichtig, unser Augenmerk auf zwei Dinge zu richten: erstens müssen die indischen Kirchen und Christen ihre Meinungsverschiedenheiten wirklich beilegen und sich gemeinsam den Herausforderungen stellen. In einer solchen Krisenzeit kann nicht jeder für sich reagieren, denn getrennte, unterschiedliche Stimmen sind schwach. Sie werden weder gehört noch zeigen sie Wirkung. Nur eine vereinte, entschiedene Aktion wird eine entsprechende Antwort bieten. Zweitens müssen wir die Zeichen unserer Zeit analysieren und auch die verschiedenen Theologien, die wir bisher vertreten haben, einer kritischen Prüfung unterziehen. Wir brauchen eine unseren Anliegen entsprechende Theologie, um einen festen Grund für unser entschlossenes Handeln zu haben.

Dies ist der richtige Zeitpunkt, unsere Lethargie abzuschütteln, Zeit, uns zum Friedenschaffen zu verpflichten und nicht nur zur Erhaltung des Friedens. Unser Handeln sollte mehr und mehr in den Blick geraten. Jetzt ist die Zeit, dass die Kirche endlich aufwacht und aus vollem Herzen bereit ist, schnell zu handeln, neue Freunde zu finden und neue Bündnisse zu schließen. Diese „Zeit" höchster Bedeutung ist unser Moment: zu beobachten, zu verstehen, zu analysieren und zu handeln.

 

 

Viertes Kapitel

Unsere Art zu urteilen und zu handeln

Wir haben bisher unsere soziale Wirklichkeit beschrieben und analysiert. Wir haben erkannt, dass wir nicht in einer normalen Zeit leben, sondern in einer Krisenzeit – einer ganz entscheidenden Periode, die unser Land ruinieren oder mitgestalten kann. Wir leben in einer Zeit, die nach unmittelbarer Antwort und konzertierter Aktion schreit, in der wir endlich wahrnehmen, was alles schief gelaufen ist und mit klaren Sinnen Vision und Richtung sehen. In unserer Analyse haben wir die Grundursachen der meisten Probleme aufgezeigt, die wir als Nation heute vor uns haben. Wir haben auch festgestellt, dass die Dalits, Adivasis, Frauen und die durch Kinderarbeit und unorganisierte Arbeit Beschäftigten am schlimmsten betroffen sind. Diese Krise ist aber weit mehr als ein sozialer Konflikt, denn sie ist durch den Zusammenbruch unserer Werte und durch das Nachlassen alles Normativen entstanden, was zu einer beklagenswerten Abwertung des Menschlichen in unserer Kultur geführt hat. Letztendlich geht es um einen spirituellen und ethischen Kampf, der nach tief religiösen Antworten ruft.

A. Unser christliches Erbe ist voller Illustrationen, Beispielen und Einsichten, die uns sehr helfen könnten, unsere Situation zu erhellen. Auf sie können wir uns verlassen, uns auf sie beziehen und Unterstützung und Rat holen für unsere Antworten in unserer Zeit. Das Konzept des „Kairos", seine Bedeutung und Relevanz sind bereits erklärt worden. Es ist ein Konzept, das gleichzeitig auf die Bedeutung einer bestimmten historischen Zeit hinweist, aber auch auf Gottes eigene dynamische Einwirkung in die Geschichte und auf die Antwort, die Gott, von denen erwartet, die zur Zusammenarbeit bereit sind. Alle größeren Ereignisse in der Geschichte des Volkes Israel waren Zeiten eines Kairos: der Exodus und das Exil, aber auch der zweite Auszug und die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft.

Wir sehen hier ein bestimmtes Muster: Krisensituationen, in denen Ausbeutung und Unterdrückung zu Agonie und Aufschrei führen, sind gekennzeichnet durch die Intervention eines gerechten Gottes, der sich mitfühlend den Menschen zuwendet und sie bittet, ihn in diesem Entwurf zu ihrer eigenen Befreiung zu unterstützen.

Befreiung aus unterdrückerischen Regimen war für Israel kein Selbstzweck, sondern lediglich ein erster Schritt und ein Mittel, etwas Größeres zu erreichen – den Aufbau einer neuen Gemeinschaft. Nach dem Exodus und nach der Entlassung aus der babylonischen Gefangenschaft sollte Israel eine auseinandergebrochene Gemeinschaft wiederaufbauen – eine Gemeinschaft, die auf Gerechtigkeit für alle und dem Mitgefühl für die Armen gegründet war. Die politischen Regime, die Königshäuser und elitären Ordnungen wurden danach ständig in diesem Licht kritisiert, beurteilt und herausgefordert. Die Propheten beurteilten sowohl vor wie auch nach dem Exil die Regierenden danach, wie sich ihre Regierung auf die Armen, die Schwachen, die Witwen und Waisen auswirkte. Sie erinnerten Israel an seinen "Bund" mit Gott. Die Vereinbarung oder die Versprechen, die sie gaben, beinhalteten, dass ihre sozialen Beziehungen und die Sozialstruktur Werte der Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit hochhalten würden. Sie sollten sich den Armen gegenüber barmherzig erweisen, in anderen Worten also allem zum Recht verhelfen.

Dies war aber weder ein sentimentales Versprechen noch eine illusionäre Hoffnung. Es sollte konkrete Wirklichkeit werden, alle Beziehungen auszeichnen und in der Struktur der Institutionen vorkommen. Natürlich war man sich ständig der Schwierigkeiten bewusst und es gab auch Institutionen, die zu bestimmten Zeiten rückgabepflichtig waren. Sabbat und Erlassjahr waren aber Zeiten des Kairos, in denen die Nation als Ganze Buße tat und sich darauf besann, den Armen und Unterdrückten alles, was ihnen bisher vorenthalten wurde, zurückzugeben.

Hier muss daran erinnert werden, dass die prophetische Konzeption und Institution des Sabbat und des Erlassjahres ihre soziale und politische Bedeutung auch im Neuen Testament nicht verliert. Jesu Bekräftigung des Lebens und eines Lebens in Fülle inmitten römisch-kolonialer Besatzung, Oberschichtbündnissen und pharisäischer Entstellungen und Opposition, sollte in diesem Licht gesehen werden. Jesus hat sogar noch viel ausdrücklicher die Armen mit dem Reich Gottes in Verbindung gebracht.

Das Konzept der Berufung in der biblischen Tradition muss innerhalb bestimmter historischer Kontexte gesehen werden. Das Volk Israel war erwählt, weil es in Unterdrückung lebte und nicht weil es rechtschaffen war. Wer eine Gefangenschaftserfahrung hat, weiß die Freiheit am besten zu schätzen und unterstützt die Befreiung anderer mit der aus dieser Erfahrung erwachsenen Überzeugung und Verpflichtung. Sie waren noch nicht einmal ein Volk als Gott sie erwählte, wurden aber berufen, ein Volk, eine Nation zu sein, um Zeugnis abzulegen, was andere Nationen sein sollten. Dieser Gedanke der Berufung im Neuen Testament bekommt noch eine neue Dimension mit der ecclesia, der Versammlung von Menschen aus dem Haushalt der Nationen. Mit Ecclesia ist eine neue Gemeinschaft gemeint, ein Zusammenschluss von Menschen, die alle sozialen Grenzen überwinden und somit die Universalität und Einheit der ganzen Menschheit anerkennen. Dies ist ein neuer Kairos, eine neue Offenbarung, der Beginn einer wachsenden Anerkennung einer alle einschließenden menschlichen Gemeinschaft. Eine Offenbarung, die zeigt, dass Gott kein ausschließlicher Besitz irgendeiner bestimmten Gemeinschaft ist.

In Jesus Christus haben wir nicht nur einen Lehrer, einen Propheten, einen Priester und Herrn; in ihm verkörpert sich vor allem der Verfechter einer neuen Möglichkeit, auf ganz andere Art und Weise wirklich menschlich zu sein. In Christus verstehen wir das Geheimnis der Schöpfung. Das Neue Testament spricht davon, wie die ganze Schöpfung stöhnt und auf ihre Erfüllung wartet. Gott hat die Welt geschaffen und sie für gut erklärt. Heute aber muss diese Welt gerettet und wiederhergestellt werden. Die Krise, mit der wir heute konfrontiert sind, ist unser eigenes Produkt. Sie betrifft alle Menschen und wegen der engen und integralen Verbindung auch die ganze Natur. Sie ist das Ergebnis des menschlichen Egozentrismus, menschlicher Machtgelüste, des Wunsches nach Manipulation und Herrschaft und negativen Durchsetzungsvermögens. Diese negative Seite der menschlichen Natur wird passend umschrieben mit gefallener Natur. Gottes Handeln in der Welt ist ein Einwirken, ein Akt ständiger Erneuerung. Obgleich Gott ständig richtet und Menschen zur Buße ruft, fordert er uns genauso auf, uns an seinem Neues schaffenden Handeln zu beteiligen.

Wenn wir unseren christlichen Glauben und dessen Erbe betrachten, wird eines deutlich – Gott nimmt an den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kämpfen der Menschen teil. Auch wenn seine Liebe und Erlösung allen Menschen gilt, so steht er doch, wenn es zu sozialen Konflikten kommt, auf Seiten der unterdrückten Opfer der Gesellschaft, denn die Unterdrückten sind Folge der Unterdrückung.

Diese Krisenzeit ist auch günstig, um sozialen Wandel herbeizuführen, soziale Gerechtigkeit herzustellen und neue Sozialstrukturen und Institutionen aufzubauen, die Leben für alle garantieren. Es ist eine Zeit, die nach neuen Paradigmen in der christlichen Theologie ruft – einer Theologie, die lebendig, inklusiv und ganzheitlich ist. Gott will, dass wir uns selbst und unser Sozialleben erneuern.

B. Daneben haben wir durch die innere Stimme des Gewissens immer auch die gottgegebene Gewähr, uns redlich und integer zu verhalten. Diese innere Stimme dient als Brücke zwischen uns und den anderen Religionen und führt uns auch zur Pluralität der Glaubensgemeinschaften.

C. Gottes Immanenz wird offenkundig und wirksam in und durch die Wesensverwandtschaft mit Gottes Schöpfung (des Naturgesetzes, wie es oft genannt wird). Sie bezieht sich auf das Dharma der Schöpfung, das Teil der Teleologie ist, die allen geschaffenen Wirklichkeiten durch ihren Schöpfer eingraviert ist. Die Kirche hat sich gerade darauf als der sozialen Dimension der Erdengüter oft bezogen.

Diese drei Normen müssen erinnert und benutzt werden,wenn wir menschliches Handeln, Beziehungen und den Gebrauch von Dingen beobachten und bewerten.

Wir stellen uns selbst folgende Fragen:

  1. Ist unser Haus in Ordnung?
  2. Was sollte deshalb getan werden?

Wir versuchen, den Kairos zu erkennen. Wir haben die Zeichen der Zeit kritisch analysiert. Wir werden gerne JA sagen zu der „günstigen Zeit", wenn Gott in unsere Geschichte eingreifen will. Wie können wir es wagen, andere zu kritisieren, wenn wir an diesem Punkt uns nicht einer echten Selbstprüfung, einer Selbstkritik stellen, die uns dazu bringt, unser abweichendes Verhalten anzuerkennen und unsere Schuld und unsere Fehler zu bekennen. Diese metanoia oder Buße muss der erste Schritt und die eigene Vorbereitung sein, auf Gottes günstige Zeit einzugehen. Die Wahrheit sollte uns und andere wie uns frei machen.

Und so fragen wir uns selbst: Ist unser Haus in Ordnung? Diese Frage ist für jede Gemeinschaft oder Bewegung relevant. Unser Haus kann gesehen werden als die oikumene, als der Haushalt Gottes.

Es kann auch auf Widerstandsgruppen angewandt werden, die Alternativen anbieten oder gar auf Konfrontation gehen. Denn wir hören die Warnung in der Schrift: „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden." (Mt 7,1-2). So wie wir die Situation in unserem Land kritisch analysieren, müssen wir auch unsere eigene Identität prüfen. Sind wir eine wirkliche und authentische Gemeinschaft? Gibt es Barrieren, die innerhalb unseres Haushalts Gruppen von anderen Gruppen trennen? Herrscht in unserer Kirche eine Kastenungerechtigkeit? Gibt es in unserer Gemeinschaft eine Geschlechterdiskriminierung und Ungerechtigkeit? Stehen wir gemeinschaftlich für die Armen auf dem Land ein? Wird in unseren Kirchen der Mammon angebetet? Ist die Gier nach Macht und die Lust an Pomp und Reichtum Teil unserer Kultur? Wie sollten wir ohne diese innere Wahrhaftigkeit unsere Mission erfüllen können? In wieweit haben wir das Evangelium bezeugt, zu dem wir berufen sind? Der Ruf klingt ja immer in unseren Ohren: Licht der Welt und Salz der Erde zu sein. Wenn die Lampe unter den Scheffel gestellt wird, ist es umsonst und wenn das Salz seine Würze verliert, wird es weggeworfen werden. Die Kirche muss sich deshalb einer eigenen Bewertung und Kritik stellen.

Es gibt viele Bereiche, die von der Kirche erst spät, wenn überhaupt wahrgenommen wurden. Sie hat versäumt, Frauen als mit Männern gleichwertig anzuerkennen, obwohl doch beide nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Sie scheiterte meistens daran, einfühlsam auf die Situation der Dalits zu reagieren und sich an deren Kämpfen zu beteiligen. Die tribalen und indigenen Werte zur Schaffung harmonischer Gemeinschaften wurden weitgehend ignoriert. Die Kirche als eine kreative Minderheit hat nur zu oft die Minderheiten innerhalb der Kirche selbst vernachlässigt. Kinder und Jugendliche, die Hoffnung und die Fürsprecher in Gottes Auftrag, fanden keine entsprechende Anerkennung. Würdigung des Schicksals der Arbeiter kam erst sehr spät in der Geschichte ihrer Kämpfe. Der Forderung nach einer egalitären Sozialordnung wird von der nichtegalitären Kultur und der in ihr herrschenden Struktur nicht entsprochen. Können wir in einem solchen Kontext sagen, unser Haus sei in Ordnung?

Versäumnisse gab es in folgenden Bereichen:

a. Die Kirche wurde im Haus von Frauen gegründet.

Die frühe Kirche sammelte und erweiterte sich im Haus von Frauen, denn sie spielten beim Aufbau der Gemeinschaft der Heiligen eine sehr wichtige Rolle. Auch heute leisten Frauen aus der Kirche an der Basis der Gesellschaft

diesen entscheidenden und kreativen Beitrag. Die Kirche scheint aber konsequent weder die Gleichheit, noch das dynamische Potential von Frauen, das eine bedeutende Quelle sozialer Veränderung und Befreiung ist, anerkennen zu wollen. So sind die Frauen innerhalb der Kirche weiterhin marginalisiert, zum Schweigen und zur Abhängigkeit verurteilt und ihres Menschseins beraubt.

Was sollten wir deshalb heute tun?

  1. Dalits sind die Vorboten des Reiches Gottes.

    Die dominierende Kirche hat sich gegenüber den innerhalb und außerhalb der Gesellschaft stehenden Dalits weitgehend gleichgültig verhalten und Dalitforderungen nach Beteiligung an den Entscheidungsprozessen immer wieder umgangen und ignoriert. Lediglich in krisenhaften, ungünstigen Zeiten oder wenn die Sicherheit und Identität der Kirche auf dem Spiel stand, hat sie die Unterstützung der Dalits gesucht. Wenn die Kirche in unserem Land verfolgt wird, gehören die Dalits immer zu den ersten Opfern, während die Kirchenführer oder die privilegierten Gemeinden sicher sind und gut geschützt werden. Der Grund dafür ist vielleicht darin zu sehen, dass die Kirche in Indien die Kastenpraxis fortgeführt hat und nicht vermochte, eine wirkliche Gemeinschaft von Gläubigen zu sein.

    Was sollten wir deshalb heute tun?

  2. Tribals / Urbewohner sind der ochlos Gottes.

    Die Kirche hat klar Stellung bezogen hinsichtlich des Anspruchs der Tribals, die indigene Bevölkerung Indiens zu sein. Als es jedoch um das Problem der Anerkennung des tribalen Erbes ging, wurden ihnen ihre Rechte innerhalb der Kirche lange Zeit vorenthalten.

    Was sollten wir deshalb heute tun?

  3. Kinder und Jugendliche sind die Hoffnung der Kirche.

    „Und er nahm ein Kind und stellte es mitten unter sie" (Mk 9,36). Unser Herr hat die Debatte seiner Jünger, wer der Größte unter ihnen sei, dadurch beantwortet, dass er ein Kind in ihre Mitte stellte und sie ermahnte, wie diese Kinder zu sein. Es ist an der Zeit, Kinder im allgemeinen die liebevolle Zuwendung der Kirche spüren zu lassen. Einige Gruppen von Kindern wie die im Sexgeschäft oder in Zwangsarbeit werden von der Kirche so gut wie nicht beachtet. Und auch die Jugendlichen, in die alle Hoffnung gesetzt wird und die alle Fähigkeiten haben, sich an Gottes Mission zu beteiligen, müssen stärker anerkannt werden, damit der Mangel an Führungskräften unter den Laien behoben wird.

    Was sollten wird deshalb heute tun?

  4. Arbeiterinnen und Arbeiter (organisierte und unorganisierte).

    Die Arbeiterklasse muss erst noch in die Partnerschaft mit den Entscheidungsgremien der Kirche miteinbezogen werden, denn sie kommen auch in den Machtstrukturen nur unzureichend vor.

    Was sollten wir deshalb heute tun?

     

  5. Minderheiten

In Indien gibt es mehrere Minderheitsgruppen. Die Verfassung hat bestimmte Verordnungen zu ihrem Schutz erlassen. Die christliche Gemeinschaft genießt diese Privilegien. Die Kirche, die auch eine Minderheitsgemeinschaft ist, hat jedoch diese Rechte und Privilegien für die Minderheiten innerhalb der Kirche nicht genug gefördert.

Was sollten wir deshalb heute tun?

Ruf zur Buße

Der Kairos beinhaltet auch den Aufruf zur Buße. Die Kirche kann die Menschen aber erst dann zur Buße auffordern, wenn sie ihr eigenes Haus in Ordnung gebracht hat. Es ist deshalb dringend erforderlich, die oben genannten Unzulänglichkeiten entsprechend zu berücksichtigen. Wir als Kirche sind aufgefordert, einen radikalen Geisteswandel zu vollziehen, damit die Frauen, die Dalits, die Tribals, die Minderheiten, die Kinder und Jugendlichen, sowie die Arbeiterinnen und Arbeiter mit Würde behandelt und ihre Rechte erhalten werden, um an der Fülle des Lebens teilhaben zu können, denn dieses wird verheißen, wenn der Kairos – der indische Kairos – sich erfüllt. Die Kirche ist deshalb berufen, sich „Gott zuzuwenden" und durch sich selbst beweisende, konkrete Schritte auf den Ruf zur Buße zu hören.

Worauf wir uns abschließend freuen

Kairos Indien 2000 erwartet von uns, dass wir zunächst verstehen, welches unsere eigene Identität und unser Status im großen Schöpfungsplan ist. Und gleichzeitig wird gefordert, unsere Beziehung zu prüfen und neu zu definieren, zunächst die mit anderen Menschen und danach die mit dem Rest der Schöpfung. Dies alles muss aber auf unseren eigenen spezifischen Kontext – auf Indien, unser Heimatland – bezogen sein.

Danach können wir uns der Vision einer Kultur zuwenden, in der andere Kulturen eher vereint als unterdrückt werden, einer Kultur, die der unentbehrlichen Einheit in unserer Vielfalt Ausdruck verleiht.

Wir wagen zu träumen und zu hoffen, dass der Tag kommen wird, an dem wir wirklich eine befreite Gemeinschaft genannt werden können. Wir sind uns der Kräfte bewusst, die sich der Verwirklichung unseres Traumes widersetzen werden. Wir wissen auch, dass für eine gewisse Zeit die Unterdrückung zunehmen wird. Aber durch diese Unterdrückung wird auch unsere Solidarität wachsen. Dies ist unsere Hoffnung. Ihre Erfüllung wird schmerzlich, schwer und langsam sein, aber wir dürfen unsere Hoffnung, unser Streben und unsere Träume nicht aus den Augen verlieren.

Der Kairos gebietet uns, den ersten Schritt auf dieses Ziel hin jetzt zu tun.

Kosmische Existenz ist nur in gegenseitiger Beziehung zu denken. Die Kultur des Universums zeigt sich gerade darin, dass sie wirklich partizipativ ist. Und auch das Wesen des Menschen ist auf andere und die anderen auf alle hin angelegt. Dies führt unweigerlich dazu, dass eine Person wachsen und sich entwickeln kann, denn der oder die andere bin ich. Gerade dies ist die Sprache einer wahrhaftigen und authentischen Person.

Die Geschichte beklagt die Verletzung dieser ursprünglichen Wahrheit, die Verzerrung eines goldenen Schatzes, die Umkehrung einer so vornehmen Eigenschaft des Menschen, nämlich der Solidarität.

Wir können uns damit trösten, dass der Schöpfer in seiner Weisheit die Frau und den Mann mit Fähigkeiten und Ressourcen ausgestattet hat, die, wenn sie aktiviert werden, dazu beitragen können, die ursprüngliche Beziehungshaftigkeit wiederherzustellen und die verzerrten menschlichen Sozialstrukturen, Organisationen und Werte neu zu strukturieren, sodass die Unterdrückten sowohl sich selbst wie ihre Unterdrücker befreien werden.

Diese historische Gelegenheit stellt sich uns also so dar: Geschichte neu zu gestalten, indem wir uns dieser schöpferischen Aufgabe verpflichten, als einer Alternative zur unmenschlichen Gesellschaft von heute.

Wir können aber auch die Warnungen der Geschichte nicht umgehen. Die Evolution und Herausbildung des bestehenden monströsen Sozialsystems hat in seinem Umfang mehrere Jahrtausende Zeit in Anspruch genommen. Jeglicher Versuch, das ungerechte Gefüge zu demontieren, den Berg des Übels oder das Maß an Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu nivellieren, wird bekämpft werden, weil man mit aller Macht und allen Mitteln, die seinen bisher gesicherten Fortbestand schützten, Widerstand leisten wird. Die indische Geschichte zeigt, dass viele vielversprechende Protestbewegungen verwässert, weggepült oder vereinnahmt wurden durch den dämonischen Verrat der Verflechtung von Kasten und Klassen.

Jetzt weht jedoch ein frischer Wind, fast einem Tornado gleich, über den Subkontinent. Eine neue Kraft – das neue Bewusstsein der Benachteiligten in der Welt Indiens – ist am Wirken, erfüllt von der Macht der Selbstachtung und der Selbstbestätigung. Der Kurs ist unumkehrbar, denn seine Kraft ist fast unwiderstehlich.

Die Zeit ist reif, dass alle Marginalisierten Indiens aufstehen und ihren eigenen Überzeugungen gemäß handeln.

Einige wesentliche Vorraussetzungen

Zusammen träumen. Jeder Seemann kennt die Macht des Polarsterns, selbst das sturmgepeitschte Schiff in und durch stürmische See zu steuern. Es ist deshalb dringend erforderlich, dass wir uns unsere Träume mitteilen und unser Schicksal gemeinsam planen.

Solidarität im Kampf. Jede kampfbereite Situation impliziert, dass der Krieg immer noch wütet und beide Seiten entschlossen sind, einen Kampf auf Leben und Tod zu führen. Die Sache für die man eintreten möchte, kann deshalb am besten dadurch gefördert werden, dass man das ehrenwerte Anliegen stärkt und unterstützt. Deshalb ist es wichtig, dass die Dalits, die Tribals, die Frauen, die noch nicht organisierten Arbeiter, sowie die Kinder, vor allem die aus den benachteiligten und verachteten Bereichen, sich zu gemeinsamem Handeln zusammentun, um ihre Sache zu gewinnen.

Miteinander feiern. Der Nektar hoffnungsfroh kämpfender Menschen ist dort zu schmecken, wo das im Leben Erreichte gemeinsam gefeiert wird und alle Müdigkeit und Erschöpfung der Kampagne dadurch schwindet. Feiern erfrischt und stärkt Geist, Gehirn und Glieder der Engagierten. Das Singen seelenerwärmender Lieder, das Erzählen der Aktionen, das Erinnern und Durchleben des kollektiven Gedächtnisses eines Volkes – tragen entscheidend dazu bei, dass Begeisterung und Ausdauer für die Aktionen eines Volkes, das sich auf den Weg gemacht hat, um den ursprünglichen Entwurf des Herrn der Schöpfung wiederherzustellen, neu entfacht werden.

Gottes Stunde muss gewürdigt und der Aufforderung zum Handeln nachgekommen werden. Die Schöpfung frohlockt, weil auch sie auf dem Weg zur Erfüllung ihrer geheimsten Träume ist. Eine Aura vielversprechenden Glücks ist überall zu spüren. In Gottes Stunde beginnen Freude und Hoffnung die Überhand zu gewinnen.

Epilog

Weitergehen

Die Reaktion auf die Einladung zur Konsultation von „Kairos Indien" in Delhi war überwältigend. Die im Verlauf der Konsultation zu spürende Begeisterung war ebenfalls ermutigend. Im Anhang findet sich die Liste derer, die das Dokument unterzeichnet haben, was die Verpflichtung der Teilnehmenden für dieses Projekt unterstreicht.

Man ist geneigt, anzunehmen, in der Kirche in Indien wachse ein Bewusstsein, sich im dritten Jahrtausend von einer wahrhaftigeren Form des Christentums leiten zu lassen. Dies wird aber nur möglich sein, wenn die vielen Kompromisse der Vergangenheit korrigiert werden. Initiativen, wie dieses Dokument, werden wahrscheinlich gestreut werden und die christliche Gemeinschaft und andere anregen, alles Notwendende zu tun, damit eine wirklich menschliche Gemeinschaft entstehen kann.

Die Erinnerung an die verschiedenen Kairos-Initiativen war sehr ermutigend. Das Kairos-Dokument von Südafrika (1984), Kairos Europa (1998), Kairos Simbabwe (1998), Auf dem Weg: Vom Kairos zum Erlassjahr (das amerikanische Kairos-Dokument 1994) und vergleichbare in Mittelamerika usw. können sicherlich zu Schritten ermutigen, aus denen eine Bewegung entstehen könnte. Die Verbundenheit unter solchen Initiativen kann Energie und Begeisterung freisetzen, die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit auszubauen.

Kairos Indien hat insofern einen besonderen Stellenwert, als Menschen aller Religionen und Ideologien eingeladen sind, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, da das Ziel eine wahrhaft menschliche Gemeinschaft ist, für die Anregungen aus allen pluralistischen Quellen geschöpft werden können, so wie das gegenwärtige Dokument aus einer bestimmten Tradition inspiriert worden ist. Wir in Indien können uns hoffentlich einen neuartigen Pilgerweg ausdenken, auf dem unterschiedlichen Traditionen zusammen gehen, um eine Gemeinschaft entstehen zu lassen, in der sich Gott widerspiegelt.

 

 

Glossar

Hindu Dharma - umfassende Lebensordnung des klassischen Hinduismus, d. h. Brahmanismus

Hindu Rashtra - andere Bezeichnung für „Hindutva", politisches Konzept eines nationalistischen Hindu-Staates, gegen den säkularen Charakter Indiens und gegen religiöse und politische Minderheiten gerichtet

Hindutva-Kräfte - Hindutva ist das politische Konzept eines Hindu-Staates; steht gegen den säkularen Charakter Indiens und richtet sich i. S. eines Hindu-Nationalismus („one nation, one people, one culture") gegen religiöse und kulturelle Minderheiten; mit Hindutva-Kräfte sind Hindu-nationalistische Gruppierungen im Blick, die das Konzept von Hindutva in der indischen Gesellschaft offensiv vertreten; zu ihnen gehören die Organisationen RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh), VHP (Vishwa Hindu-Parishad), Bajrang Dal, Shiv Sena und als Partei die Barathiya Janata Party (BJP), die man zusammen als die „sang parivar" („Hindu-Familie") bezeichnet.

Inkarnation - Fleischwerdung (Gottes), Menschwerdung (Gottes)

Naxaliten - kommunistisch-maoistische Bewegung, entstanden in West-Bengalen unter Angehörigen der Adivasi (indigene Völker Indiens, die in den Bergen und Dschungeln leben); wirkt heute auch in Andhra Pradesh

Ochlos - griechisches Wort, meint „das Volk" i. S. der kleinen, marginalisierten Leute; besonders verwendet im Markus-Evangelium und später in der koreanischen Minjung-Theologie

PuranasReligiöse Schriften aus dem Hinduismus, die später als die Veden entstanden sind.

Smritis -wörtlich: „das, was erinnert ist"; Erinnerung, Tradition; Gruppe religiöser Schriften des Hinduismus

Varnashrama Dharma - das traditionelle Sozialsystem der Hindus, d. h. die Ausgliederung in vier varnas (eigentl. „Farbe", gemeint sind Kasten) und die Regulierung der Pflichten jeder Kastengruppe

Veden - die vier ältesten religiösen Bücher des Hinduismus, entstanden zwischen 2000 und 500 v. Chr.; sie enthalten zumeist Überlieferungen der Arier

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