5.4 Die europäische Einigung vertiefen und erweitern
(233) In den kommenden Jahren steht die europäische Politik vor entscheidenden
Weichenstellungen. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben sich
im Grundsatz für eine Erweiterung der Union um eine Reihe von mittel- und
osteuropäischen Staaten sowie Zypern entschieden. Diese Erweiterung ist
nicht nur eine politische Notwendigkeit. Sie bietet auch erhebliche Chancen
für Europa. Die Mitgliedsstaaten stehen derzeit vor der Aufgabe, institutionelle
Voraussetzungen für eine handlungsfähige Union mit 25 oder mehr Mitgliedern
zu schaffen. Hierbei kommt es entscheidend darauf an, das Ziel der Erweiterung
mit Schritten einer vertieften Integration zu verbinden. Es geht um Fragen der
politischen Handlungsfähigkeit der Union in der Außen- und Sicherheitspolitik,
um eine gemeinschaftliche Innen- und Rechtspolitik und um die verbindliche Geltung
von Grund- und Menschenrechten auf Unionsebene. Zu den Kernfragen gehört,
ob die Mitgliedstaaten bereit sind, sich grundsätzlich vom Prinzip der
einstimmigen Entscheidung zu lösen und Mehrheitsentscheidungen in politisch
sensiblen Bereichen zu akzeptieren. Es geht um die Entscheidung zwischen nationalstaatlicher
Souveränität und gemeinschaftsrechtlicher Zuständigkeit in zentralen
Politikbereichen.
(234) Die Sozialpolitik zählt in der Europäischen Union nach wie vor
zu den besonders kontroversen Themen. Es ist notwendig, daß die im Vertrag
von Maastricht definierten Bereiche einer europäischen Sozialpolitik künftig
für alle Mitgliedsstaaten der Union verbindlich gelten. Die Mitgliedsstaaten
sind insbesondere uneins in der Frage eines weiteren Ausbaus verbindlicher sozialer
Mindestregeln für alle EU-Staaten. Dieser Ausbau ist eine wichtige Voraussetzung
für gleiche Wettbewerbsbedingungen und eine stärkere Konvergenz der
sozialen Sicherung sowie eine Ermutigung für die jungen Demokratien in
Mittel- und Osteuropa, sich durch den Aufbau eigener sozialer Systeme auf ihren
Beitritt zur Europäischen Union vorzubereiten. Hierbei ist darauf zu achten,
daß soziale Mindeststandards bei notwendiger Vermeidung einer Überforderung
weniger entwickelter Staaten nicht zu einer Einigung auf dem niedrigsten Niveau
und damit zu einer potentiellen Aushöhlung der nationalen sozialstaatlichen
Gewährleistungen führen.
(235) Zu den wichtigsten Aufgaben zählt die Einführung einer dauerhaft
stabilen und einheitlichen europäischen Währung. Was immer man gegen
dieses Vorhaben einwenden mag, die gemeinsame Währung ergänzt notwendig
den europäischen Binnenmarkt, der erst dann seine volle Wirkung wird entfalten
können, wenn auch gleichzeitig ein einheitlicher Finanzmarkt besteht. Eine
einheitliche und dauerhaft stabile Währung vermag nicht nur eine verläßliche
Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung und den sozialen Ausgleich
auf europäischer Ebene zu bieten, sondern ist gleichzeitig auch ein Beitrag
zu einer stabilen internationalen Währungsordnung und Voraussetzung dafür,
daß die europäische Integration insgesamt gelingt. Wesentlich ist,
daß bei notwendigen Veränderungen und Umverteilungen der soziale
Schutz für die Schwächeren nicht preisgegeben und die Lasten sozial
gerecht von allen getragen werden.
(236) Vieles ist bereits erreicht. Für einen großen Teil der Bevölkerung
in Westeuropa sind gestiegener Wohlstand, grenzüberschreitende Niederlassungsmöglichkeiten
und kontrollfreie Reisemöglichkeiten selbstverständlich geworden.
Annähernd 50 Jahre europäischer Integrationspolitik haben es jedoch
nicht vermocht, ein ausgeprägtes europäisches Gemeinschaftsbewußtsein
und eine gemeinsame europäische Identität zu entwickeln. Die Kirchen
in Deutschland sehen es als eine wichtige Aufgabe an, im Zusammenwirken mit
ihren ökumenischen Partnern in Europa dazu einen Beitrag zu leisten. Das
Bewußtsein eines versöhnten Miteinanders in aller Verschiedenheit,
die Fähigkeit, aufeinander zuzugehen und voneinander zu lernen, und der
Wille, die Zukunft Europas gemeinsam zu gestalten, sind erforderlich, um die
Herausforderungen an der Schwelle zum Jahr 2000 zu meistern.
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