5.3 Den ökologischen Strukturwandel voranbringen
(224) Nachhaltige Entwicklung ist vom Selbstverständnis her ein Wirtschaftskonzept
mit verteilungspolitischem Anspruch. Als Verteilungsregel sollte gelten: Recht
und Billigkeit der Ressourcennutzung müssen sowohl unter der jetzt lebenden
Weltbevölkerung als auch im Ablauf der Generationen gewährleistet
sein. Die natürlichen Lebensgrundlagen sollen im Interesse der nachfolgenden
Generationen erhalten werden. Von der belasteten bzw. zerstörten Umwelt
sollte so viel wie möglich wiederhergestellt werden.
(225) Die Grundbedingung für eine zukunftsfähige Entwicklung ist die
Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, auf denen die menschliche Existenz
beruht. Um die Tragekapazität der ökologischen Systeme nicht zu überschreiten,
können der Natur nicht unbegrenzt Rohstoffe entnommen werden und nur so
viele Rest- und Schadstoffe in sie eingebracht werden, wie sie ohne Schaden
aufzunehmen vermag. Im Blick auf Rohstoffe, die nicht oder nur langsam nachwachsen,
müßte ein entsprechender Ersatz geschaffen werden. Dieses Konzept
läßt es offen, ob die Erhaltung der Umweltfunktionen eher durch Einsparungen
oder durch eine verbesserte Ausnutzung erreicht wird.
(226) Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Wirtschaft gilt es, den Ressourcenverbrauch
und die Umweltbelastungen von der wirtschaftlichen Entwicklung weiter und deutlicher
abzukoppeln, als dies bisher der Fall war, und die Produktionsprozesse von Anfang
an in die natürlichen Kreisläufe einzubinden. Die ökonomischen
Prozesse sind letztlich Teil der ökologischen Systeme, aus denen die Rohstoffe
entnommen und in denen die Abfallstoffe verarbeitet werden müssen. Eine
"Langzeitökonomie" muß sich also um die Erhaltungsbedingungen
dieser ökologischen Voraussetzungen wirtschaftlichen Handelns und deren
spezifische Gesetzmäßigkeiten kümmern. Grundsätzlich angezeigt
sind damit naturangepaßte Stoffströme und Energiegewinnung, so weit
wie möglich abgeschlossene, störungsfreie technische Eigenkreisläufe
und deren Einfügung in den Stoffwechsel der Natur. Darüber hinaus
bedeutet dies, daß Abfälle und Reststoffe nach dem Ende ihrer Gebrauchszeit
so weit wie möglich wiederverwendet werden müssen. Zudem muß
bei der Entwicklung und Produktion von Gütern vermehrt auf Langlebigkeit
und Reparaturfreundlichkeit geachtet werden. Damit würde der Anteil der
Reparatur und der Kundenbetreuung an der Wertschöpfung - in der Regel dezentral
organisierte und arbeitsintensive Sektoren der Wirtschaft - steigen, die Bedeutung
der Produktion sinken.
(227) Weiterhin ist es erforderlich, die wirtschaftliche Strukturanpassung des
Steuersystems für ökologische Ziele zu nutzen, wie dies in der Steuerdebatte
in den Gremien der Europäischen Union gegenwärtig gefordert wird.
Ein seit langem diskutierter pragmatischer Vorschlag, der in seinen ökologischen,
ökonomischen und sozialen Konsequenzen unterschiedlich eingeschätzt
wird, besteht darin, diesen Anpassungsprozeß durch eine umweltgerechte
Finanzreform (Abschaffung umweltschädlicher Subventionen, Energie- und
CO2-Steuern zugunsten einer Entlastung der Lohnnebenkosten) zu unterstützen.
Von einer solchen Finanzreform könnte nach Meinung ihrer Befürworter
gleichzeitig ein beschäftigungsfördernder Anreiz ausgehen, da die
gegenwärtig primär auf den Faktor Arbeit konzentrierte Belastung breiter
gestreut und gleichzeitig das Energiesparen belohnt würde. In jedem Falle
sollte der Staat im notwendigen Umfang durch Abgaben, Auflagen und Haftungsregelungen,
aber auch finanzielle Anreize Rahmenbedingungen setzen, die ein ökologisch
verträgliches Wirtschaften und damit einen vorsorgenden Umweltschutz unterstützen
und begünstigen.
(228) Für die Erarbeitung einer umfassenden Strategie nachhaltiger Entwicklung
sind besonders wichtige und auch sensitive Bereiche der Energiesektor, die chemische
Industrie, die Landwirtschaft und der Verkehr. Energiepolitik muß durchgängig
vom Prinzip der Risikobegrenzung geleitet werden, und zwar sowohl im Blick auf
die Umwelt als auch im Blick auf die Gesundheit und die Sicherheit von Menschen.
Ein zweites leitendes Prinzip ist das der Energieeffizienz, die durch eine breite
Palette von Einzelmaßnahmen - von der für die Wirtschaft langfristig
kalkulierbaren Verteuerung der Energie bis zur Förderung der Forschung
und Entwicklung regenerativer Energieträger - gestärkt werden muß.
Ähnliches gilt für die chemische Industrie, bei der eine Veränderung
der Politik sich nicht nur auf die Emissionen bei der Produktion, sondern auch
auf die Produkte selbst beziehen muß.
(229) Zu einer dauerhaften Verbesserung und Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen
und zur Erhaltung einer umwelt- und naturgerechten Landschaft in ihrer Vielfalt
gehört die stärkere ökologische Ausrichtung der Landwirtschaft.
Dies schließt insbesondere ökologisches Verantwortungsbewußtsein
bei der Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln, dem Erhalt der natürlichen
Bodenfruchtbarkeit, einer artgerechten Tierhaltung, der Sicherung des Artenreichtums,
der Pflege des Waldes, der Reinhaltung des Wassers und der Bewahrung der vielfältigen
Kulturlandschaft ein. Traditionell werden diese Leistungen von einer bäuerlich
geprägten, neuerdings auch biologischen Landwirtschaft erbracht, die es
deshalb auch durch tragfähige und sachgerechte politische Rahmenbedingungen
zu fördern und zu erhalten gilt. Die Bauern und Forstwirte erbringen durch
die Pflege der Kulturlandschaft wichtige gesamtgesellschaftliche Leistungen,
die nicht über den Marktpreis der Produkte abgegolten werden. Die noch
vorhandenen zahlreichen bäuerlichen Familienbetriebe brauchen eine ausreichende
wirtschaftliche Grundlage und Zukunftsperspektive, um weiterhin existieren zu
können und auch der kommenden Generation noch eine Existenzgrundlage zu
erhalten.
(230) Im Bereich des Verkehrs stellen das ständig wachsende Verkehrsaufkommen
und der damit einhergehende weitere Ausbau der Verkehrsinfrastruktur eine enorme
Belastung des Klimas, der Landschaft sowie der Gesundheit vieler Menschen dar.
Notwendige Reformen müssen auf die Verkürzung der Wege, Verlagerungen
des Verkehrs auf umweltfreundlichere Transportmittel und eine umweltgerechte
Überprüfung und Ausrichtung der Transportkosten zielen. Nötig
ist aber auch, daß die Verkehrsteilnehmer ihr Mobilitätsverhalten
und ihren Lebensstil ändern.
(231) Änderungen des Lebensstils, die Verzichte einschließen, sind
aber auch in vielen anderen Bereichen notwendig. Notwendig ist der Übergang
von Raubbau und Wegwerfmentatität zu langfristig tragbaren Wirtschafts-
und Lebensweisen. Bei vielen der wohlhabenden Menschen in den westlichen Überflußgesellschaften
ist überzogenes Konsum- und Wohlstandsdenken vorherrschend. Diese Haltung
gerät zunehmend in Konflikt mit den Grenzen der ökologischen Belastbarkeit
und geht zu Lasten der Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen
und zu Lasten der Menschen in den sich entwickelnden Ländern. So wird das
Ziel der Nachhaltigkeit ganz sicher verfehlt, wenn das durchschnittliche Konsumniveau
in den Industrieländern weiter steigt. Deshalb muß das Bewußtsein
dafür steigen, daß mehr Lebensqualität heute kaum noch durch
"mehr" und "schneller" zu erreichen ist, sondern in wachsendem
Maße durch "weniger", "langsamer" und "bewußter".
Derart veränderte Lebensstile werden sich vermutlich nur dann verbreiten,
wenn deutlich wird, daß ein Leben, das die Mit- und Umwelt schont, neue
Qualitäten hat.
(232) Gerade bei der Aufgabe, die vielfältigen Dimensionen dessen bewußtzumachen,
was wirklich den Namen "Wohlstand" verdient, was also dem dauerhaften
Wohl des Menschen dient, können die Kirchen einen wichtigen Beitrag leisten:
Ein christliches Leben bietet vielfältige Ansätze für eine Kritik
der Gleichsetzung von "gut leben" und "viel haben". Die
vielfältigen Bedürfnisse des Menschen werden nicht einfach durch höchstmöglichen
Konsum befriedigt. Die Umkehr zu einem einfacheren Lebensstil kann zu einem
Gewinn an Lebensqualität und kultureller Entfaltung führen. Zugleich
sollte aber nicht verschwiegen werden, daß eine an der Verantwortungsfähigkeit
des Menschen orientierte dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung für den einzelnen
auch die Bereitschaft zu persönlichem Verzicht einschließt.
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