3.2 Weltgestaltung aus dem christlichen Glauben
3.2.1 Weltgestaltung als Gabe und Aufgabe
(93) Im Licht des christlichen Glaubens erschließt sich eine bestimmte
Sicht des Menschen: Er ist als Bild Gottes, als das ihm entsprechende Gegenüber
geschaffen und so mit einer einmaligen unveräußerlichen Würde
ausgezeichnet. Er ist als Mann und als Frau geschaffen; beiden kommt gleiche
Würde zu. Zugleich ist er mit der Verantwortung für die ganze Schöpfung
betraut; der Mensch soll Sachwalter Gottes auf Erden sein (Gen/1. Mos 1,26-28).
So ist der Mensch geschaffen und berufen, um als leibhaftes, vernunftbegabtes,
verantwortliches Geschöpf in Beziehung zu Gott, seinem Schöpfer, zu
den Mitmenschen und zu allen Geschöpfen zu leben. Das ist gemeint, wenn
vom Menschen als Person und von seiner je einmaligen und unveräußerlichen
Würde als Person die Rede ist.
(94) Die Bibel spricht auch von der Gebrochenheit der ursprünglichen Schöpfungsordnung,
von der Entfremdung des Menschen von seiner eigentlichen Bestimmung. In den
Geschichten vom Brudermord Kains an Abel, vom Turmbau zu Babel und von der Sintflut
deutet sie in Bildern die durch Sünde und Schuld, durch menschlichen Hochmut
und Egoismus wie durch strukturelle Ungerechtigkeit bestimmte menschheitliche
Situation. Sie bezeugt freilich zugleich den Anbruch der neuen Schöpfung
durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi, das Geschenk der Vergebung und Versöhnung
wie der neuen Freiheit. Weil die Menschen in Jesus Christus bereits erlöst
sind, brauchen sie sich in ihrer Lebens- und Weltgestaltung nicht selbst zu
erlösen. Das befreit zu einem Handeln, das nicht länger der Sorge
um sich selbst und der Absicherung durch Macht verpflichtet ist, sondern den
Anforderungen der Sache und dem gegenseitigen Dienst. Der christliche Glaube
lebt von der Hoffnung auf die neue Schöpfung, in welcher alle Tränen
abgetrocknet, Klage, Trauer und Mühsal nicht mehr sein werden (Offb 21,4).
Menschen können dieses Reich Gottes nicht "machen". Den Perfektionszwängen
und Überforderungen ist damit der Abschied gegeben. Die christliche Hoffnung
macht fähig, im Raum des Vorletzten das, was unvollkommen bleibt, auszuhalten
und zu würdigen. Sie gibt keine detaillierten Handlungsanweisungen, sie
nimmt aber in Verantwortung für die Welt und den Menschen. Sie gibt Licht
und Kraft, Mut und Zuversicht, sich unter den Bedingungen und in den Verhältnissen
dieser Welt für eine menschenwürdige, freie, gerechte und solidarische
Ordnung einzusetzen. Dieser Einsatz im Horizont des Reiches Gottes heißt,
Zeugnis zu geben von der Würde des Menschen.
(95) Trotz der Gebrochenheit menschlicher Existenz ist dem von Gott berufenen
Menschen mit der Schöpfung wie mit der Erlösung die Fähigkeit
zu einer verantwortlichen Gestaltung der Welt geschenkt. Dieses Können
geht allem Sollen voraus. Die ethische Forderung entspringt der von Gott gegebenen
Befähigung zu einem vernünftigen und verantwortlichen Handeln. Solcher
Zuspruch und solche Ermutigung ist in der gegenwärtigen Umbruchsituation
in besonderer Weise vonnöten.
3.2.2 Weltgestaltung aus geschichtlicher und heilsgeschichtlicher Erfahrung
(96) Die Berufung zur verantwortlichen Lebens- und Weltgestaltung gilt jedem
und jeder einzelnen, jedoch nicht als Vereinzelte. Gott hat den Menschen als
Individuum wie als Gemeinschaftswesen geschaffen und in die Gemeinschaft des
Volkes Gottes berufen. Das Volk Gottes lebt aus der Erinnerung an die Geschichte
des Erbarmens Gottes; es erzählt immer wieder Geschichten des göttlichen
Erbarmens und feiert es in seinen Festen. Daraus schöpft es Kraft und Zuversicht;
es weiß sich dadurch zugleich motiviert zur barmherzigen und solidarischen
Zuwendung zu den Armen, Schwachen und Benachteiligten. Das Erbarmen macht damit
ernst, daß jeder menschlichen Person, auch den Schwachen und den mit Schuld
Beladenen, eine unveräußerliche Würde zukommt. Dieser Schatz
geschichtlicher Erinnerung hilft, den neuen Herausforderungen gerecht zu werden.
(97) Die grundlegende geschichtliche Erfahrung ist die der Befreiung des Volkes
Israel aus der Knechtschaft in Ägypten. Sie zeigt: Gott ist seinem Volk
gnädig und barmherzig; er will das Leben der Menschen, und er befreit sie
zur Freiheit. Er will zugleich, daß die Menschen sich ebenso wie er zu
ihren Mitmenschen verhalten. So gründet die Lebensordnung der Zehn Gebote
(Ex/2. Mos 20,1-17; Dtn/5. Mos 5,6-21) in der Erfahrung der Befreiung und im
Bund Gottes mit seinem Volk. Sie zielt darauf, die in Gottes Befreiung geschenkte
Freiheit durch Achtung vor dem Leben, durch Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
wie durch Zeugnis für die Wahrheit zu verwirklichen. Die Zehn Gebote sind
Weisungen zu einem Leben in Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und
Wahrheit. Als solche sind sie kein biblisches Sonderethos; sie nehmen vielmehr
allgemein-menschheitliche Einsichten auf, bestätigen und bekräftigen
sie aufgrund der Erfahrungen in der Geschichte Gottes mit seinem Volk.
(98) Die Erfahrung der Treue Gottes, der trotz menschlicher Untreue seinen Bund
bewahrt, steht Hoffnung stiftend gegen die vielfältigen Kontrasterfahrungen
der Geschichte, die Erfahrung der Ungerechtigkeit, Treulosigkeit und Verlogenheit.
Sie lädt die Menschen immer wieder neu ein zu einem Handeln, das dem rechtschaffenden
und gnädigen Willen Gottes für jeden einzelnen wie für alle dadurch
Raum schafft, daß es die Mächte des Bösen eindämmt und
das Gute befördert. Die Bibel übt prophetische Kritik an gesellschaftlichen
Unrechtssituationen (Am 4,1; 5,7-15; 6,1-8; Jes 1,15-17; 10,1-4 u. a.); sie
setzt sich vor allem für die Benachteiligten und für die Fremden ein
(Ex/2. Mos 22,20-26; 23,6-9; Lev/3. Mos 19,11-18.33f; Dtn/5. Mos 15,7-11; 24,17-22
u. a.). So wird in großen Teilen des Alten Testaments die gesellschaftsgestaltende
Kraft des biblischen Glaubens deutlich.
(99) Das Auftreten und die Botschaft Jesu liegen auf der Linie der Gottes- und
Geschichts-erfahrung seines Volkes. Jesus verbindet seine Botschaft vom Kommen
des Reiches Gottes und die Einladung zum Glauben mit dem Ruf zur Umkehr (Mk
1,15), d. h. zu einem Leben, das ganz auf Gott und seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
setzt und sie im mitmenschlichen Leben bewährt. Jesus erneuert und erfüllt
die alttestamentliche Verheißung der Befreiung und Heilung (Lk 4,16-30)
und stellt sie in den Seligpreisungen der Bergpredigt ganz in den Horizont der
Verheißung des Lebens für die Armen, Kleinen, Sanftmütigen und
Gewaltlosen (Mt 5,3-12; Lk 6,20-26). Wenn er die alttestamentliche Forderung,
heilig zu sein, so wie Gott heilig ist (Lev/3. Mos 19,2), aufnimmt (Mt 5,48),
dann bedeutet dies für ihn zugleich, barmherzig zu sein, so wie Gott barmherzig
ist (Lk 6,36). Mit dem Gebot der Nächsten-, ja der Feindesliebe (Mt 5,43-47;
Lk 6,27-28) greift Jesus aus der Menschheitsüberlieferung die Goldene Regel
auf und überbietet sie zugleich: "Alles, was ihr von anderen erwartet,
das tut auch ihnen." (Mt 7,12; Lk 6,31) Jesus hat diese Haltung nicht nur
gelehrt, sondern sie auch vorgelebt. Er war ganz der Mensch für die anderen
Menschen. Er ist selbst den Weg der Solidarität, der Barmherzigkeit und
der Gewaltlosigkeit gegangen. Aufgrund seines Leidens und seines gewaltsamen
Todes ist er den Menschen in allem solidarisch geworden (Phil 2,6-11). Kreuz
und Auferstehung Jesu Christi begründen die Hoffnung, daß Gott ihnen
in allen und gerade in den menschlich hoffnungslosen Situationen Heil schaffend
nahe ist.
3.2.3 Weltgestaltung als Auftrag der Kirche als Volk Gottes
(100) Die Linien des biblischen Ethos, die im Alten wie im Neuen Testament aufgezeigt
sind, bestimmen auch die Lebensordnung und die soziale Botschaft der Kirche
als Volk Gottes. In der Nachfolge Jesu existiert die Kirche nicht für sich
selbst, und sie darf sich auch nicht nur mit sich selbst beschäftigen.
Sie hat eine Sendung für alle Menschen und alle Völker (Mt 28,19).
Sie soll durch Wort und durch Tat allen Menschen die frohe und befreiende Botschaft
von Gottes Gegenwart mitten in unserem Leben und in unserer Geschichte bezeugen.
Ihre Botschaft vom Heil gilt dem einzelnen Menschen wie dem Zusammenleben der
Menschen und der Völker. Die Kirche hat damit einen öffentlichen Auftrag
und eine Verantwortung für das Ganze des Volkes und der Menschheit.
(101) Deshalb dürfen Glauben und Leben, Verkündigung und Praxis der
Kirche sowohl im eigenen Verhalten der Kirche wie in ihrer Botschaft nicht auseinandertreten.
Die Christen können nicht das Brot am Tisch des Herrn teilen, ohne auch
das tägliche Brot zu teilen. Ein weltloses Heil könnte nur eine heillose
Welt zur Folge haben. Der Einsatz für Menschenwürde und Menschenrechte,
für Gerechtigkeit und Solidarität ist für die Kirche konstitutiv
und eine Verpflichtung, die ihr aus ihrem Glauben an Gottes Solidarität
mit den Menschen und aus ihrer Sendung, Zeichen und Werkzeug der Einheit und
des Friedens in der Welt zu sein, erwächst. Auch in dem Bemühen um
gegenseitige Annäherung und um Einheit versuchen die getrennten Kirchen,
dieser ihrer Sendung zu entsprechen und Zeichen der Versöhnung zu setzen.
(102) Die soziale Botschaft, die die Kirchen auf der Grundlage des biblischen
Ethos in wachsender Gemeinsamkeit im gesellschaftlichen Raum geltend machen,
ist das Ergebnis der Reflexion über menschliche Erfahrungen in verschiedenen
geschichtlichen Situationen und Kulturen. Die christliche Soziallehre ist darum
kein abstraktes System von Normen; sie entspringt vielmehr der immer wieder
neuen Reflexion auf die menschliche Erfahrung in Geschichte und Gegenwart im
Licht des christlichen Menschenbildes. Sie gibt keine technischen Lösungen
und konkreten Handlungsanweisungen, sondern vermittelt Perspektiven, Wertorientierungen,
Urteils- und Handlungskriterien. Sie hat sowohl eine prophetisch-kritische wie
eine ermutigende, versöhnende und heilende Funktion.
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