2. Gesellschaft im Umbruch
(48) Die Entwicklung in den meisten westeuropäischen Ländern war
nach dem Zweiten Weltkrieg durch den politischen Willen geprägt, den wirtschaftlichen
Fortschritt mit einem sozialen Ausgleich zu verbinden. Diese sozialstaatliche
Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht, fand in der Bundesrepublik
Deutschland ihre Ausprägung im Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft. Inzwischen
steht Deutschland mit vielen anderen Ländern vor neuen, zum Teil weltweiten
Herausforderungen: Rationalisierungsprozesse, der europäische Integrationsprozeß
und vor allem die Internationalisierung der Güter- und Kapitalmärkte
gehen mit einem einschneidenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel
einher und wirken sich nicht zuletzt nachhaltig auf den Arbeitsmarkt aus. Die
ökologischen Grenzen der wirtschaftlichen Entwicklung fordern Veränderungen,
die nicht mehr länger aufgeschoben werden können. Die langanhaltende
Massenarbeitslosigkeit und die mit ihr verbundenen Probleme des Sozialstaates
gefährden den solidarischen Zusammenhalt und bedrohen den sozialen Frieden.
2.1 Lang anhaltende Massenarbeitslosigkeit
(49) In Deutschland und in den anderen Mitgliedsstaaten der EU stellt die anhaltende
Massenarbeitslosigkeit die drängendste politische, wirtschaftliche und
soziale Herausforderung dar. Die katastrophale Lage auf dem Arbeitsmarkt ist
weder für die betroffenen Menschen noch für den sozialen Rechtsstaat
hinnehmbar. Auch im Konsultationsprozeß gehörte die Arbeitslosigkeit
zu den Themenbereichen, die in den Eingaben die größte Beachtung
fanden. In den Stellungnahmen werden die Parteien und Gebietskörperschaften,
die Tarifpartner und die Verantwortlichen der Finanzpolitik sowie alle Träger
beschäftigungspolitischer Maßnahmen nachdrücklich aufgefordert,
ihren Beitrag zu einem nachhaltigen Abbau der Arbeitslosigkeit zu leisten.
2.1.1 Belastungen durch Arbeitslosigkeit
(50) Bereits vor mehr als 20 Jahren überschritt die Zahl der in Westdeutschland
registrierten Arbeitslosen erstmals wieder seit Anfang der 50er Jahre die Millionengrenze.
Seitdem hat sich die Arbeitslosigkeit strukturell verfestigt und die Anzahl
derer, die selbst zu Zeiten konjunktureller Belebung keine Stelle finden, ist
stetig gewachsen. In West- und Ostdeutschland zusammen waren im Januar 1997
4,6 Millionen Frauen und Männer als arbeitslos gemeldet; in den Ländern
der EU waren es Ende Dezember 1996 etwa 18,1 Millionen. Nicht eingerechnet sind
dabei die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die an Umschulungs- und Fortbildungsmaßnahmen
teilnehmen, in Kurzarbeit oder im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
beschäftigt sind, im vorgezogenen Ruhestand leben oder sich resignierend
zurückgezogen haben. Eine besondere beschäftigungspolitische Herausforderung
stellt die Jugendarbeitslosigkeit dar. Eine wachsende Zahl von Jugendlichen,
insbesondere von jungen Frauen, läuft Gefahr, niemals in das Beschäftigungssystem
integriert zu werden.
(51) Die westdeutsche Gesellschaft ist wohlhabend, ihre Wirtschaft gehört
zu den erfolgreichsten der Welt; dennoch weist sie seit Jahrzehnten eine steigende
Arbeitslosigkeit auf. Die Vorstellungen über Erwerbsarbeit sind zwar immer
noch weitgehend an dem herkömmlichen Leitbild industrieller Arbeit orientiert.
Dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse im industriellen Bereich verlieren
gegenüber dem Dienstleistungssektor jedoch an Gewicht und Bedeutung. Zugleich
nehmen die sogenannte geringfügige Beschäftigung und die Scheinselbständigkeit
zu. Diese Umbrüche in den Beschäftigungsverhältnissen rühren
an Grundstrukturen einer Gesellschaft, in der die Erwerbsarbeit für das
geregelte Einkommen, die soziale Integration und die Möglichkeiten der
Persönlichkeitsentwicklung zentral ist.
(52) Obwohl die Arbeitslosigkeit ein gesamtwirtschaftliches Problem darstellt,
ist das Vorurteil weit verbreitet, sie beruhe auf individuellem Versagen. Viele
Arbeitslose beziehen solche Schuldzuweisungen auf sich, ziehen sich aus Scham
zurück und fühlen sich vielfach ausgegrenzt. Sie vermissen die Chance,
ihren Lebensunterhalt eigenständig zu sichern, Kontakte zu pflegen, sich
weiter zu qualifizieren und am gesellschaftlichen Leben verantwortlich zu beteiligen.
(53) Die lang anhaltende Massenarbeitslosigkeit verschärft die Auswahl-
und Verdrängungsprozesse des Arbeitsmarktes: Sind Personengruppen bestimmten
Leistungsanforderungen nicht gewachsen, so finden sie, wenn sie einmal arbeitslos
geworden sind, nur noch sehr schwer eine Anstellung. So fühlen sich Hunderttausende
Langzeitarbeitslose nicht mehr gefragt. Arbeitslose, die längere Zeit keine
Arbeit finden, werden schließlich in vielen Fällen unfähig,
Arbeit zu suchen, und werden zu Menschen ohne Erwartungen. Verbitterung und
Resignation zerstören das Vertrauen in die demokratische Gestaltbarkeit
der Gesellschaft. Perspektivlosigkeit und Angst vor dem sozialen Abstieg sind
ein Nährboden für Gewaltbereitschaft und Fremdenfeindlichkeit.
(54) Seit den 80er Jahren konzentriert sich die Langzeitarbeitslosigkeit zunehmend
auf die Gruppe der Älteren. Etwa zwei Drittel der registrierten Langzeitarbeitslosen
sind über 45 Jahre alt. In einer besonders schwierigen Situation sind alleinerziehende
Frauen. Häufig haben sie aufgrund ihrer besonders belastenden Lebenssituation
keine Chance, einen Arbeitsplatz zu bekommen und damit ein eigenes Einkommen
zu erzielen. Sie werden von der Sozialhilfe abhängig und sind kaum in der
Lage, soziale Kontakte außerhalb der Kindererziehung aufzunehmen.
(55) Aufgrund der traditionellen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen
sind es vor allem die Frauen, die Arbeit in Familie und Ehrenamt übernommen
haben. Nimmt man ihren Anteil an der Erwerbsarbeit hinzu, so werden etwa zwei
Drittel der gesellschaftlich anfallenden Arbeit von Frauen geleistet. Weil Frauen
immer noch den größten Teil der familiären Arbeit leisten, werden
sie häufig noch zusätzlich bei den Einstellungsentscheidungen benachteiligt.
Deshalb haben sie an der Erwerbsarbeit nicht in dem Maße teil, wie es
ihrer Ausbildung und Qualifikation entspräche.
2.1.2 Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern
(56) Besonders belastend ist die Massenarbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern.
Sie ist hier in einem Tempo und Umfang gestiegen, wie es in den alten Bundesländern
weithin ohne Beispiel ist. Durch den Zusammenbruch der sozialistischen Planwirtschaft,
die abrupte Einführung marktwirtschaftlicher Verhältnisse ohne hinreichende
strukturpolitische Begleitung, die mit der Währungsunion verbundene Aufwertung
und den Verlust der bisherigen östlichen Märkte sind ganze Industriezweige
weggebrochen. Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten mußten ihre
Betriebe verlassen und sich um neue Arbeitsplätze bemühen.
(57) In den ersten 4 Jahren nach 1989 sank die Zahl der Erwerbstätigen
von 10 Millionen auf etwa 6 Millionen. Ende 1996 lag die Arbeitslosenquote über
15 %. Mehr als ein Drittel der Arbeitslosen sind länger als ein Jahr arbeitslos.
Eine weitere Zunahme der Arbeitslosigkeit ist zu befürchten, wenn es nicht
zu grundlegenden Änderungen kommt.
(58) Ein besonderes Problem der Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern
ist die Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Während in der DDR über
90 % der Frauen im erwerbsfähigen Alter berufstätig waren, wurden
gerade sie nach der Wende verstärkt vom Arbeitsmarkt verdrängt. Viele
von ihnen haben auf Dauer keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz. So sind mehr
als 75 % der ostdeutschen Langzeitarbeitslosen Frauen, häufig gut qualifizierte
jüngere Frauen. Sie haben die Hauptlast der Beschäftigungskrise zu
tragen.
(59) Die ostdeutschen Eingaben im Rahmen des Konsultationsprozesses haben gezeigt,
daß sich viele Bürgerinnen und Bürger der neuen Bundesländer
trotz der umfangreichen westdeutschen Hilfe im Stich gelassen fühlen. Weil
zu DDR-Zeiten die Erwerbsarbeit weit mehr als im Westen die Funktion hatte,
die Menschen in das soziale Gefüge eines Betriebs zu integrieren, wird
nunmehr die Arbeitslosigkeit stärker als ein Verlust von sozialen Bindungen
und Möglichkeiten der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben erfahren.
Auch die Sozialleistungen der westdeutschen Sicherungssysteme, die in der Gesamtsumme
beeindruckend sind, konnten nicht verhindern, daß viele Ostdeutsche heute
eine höhere Unsicherheit ihrer materiellen Lebensgrundlagen und ihres sozialen
Status empfinden. Die Arbeitslosigkeit hat über Jahrzehnte erworbene Arbeitserfahrungen
und berufliche Qualifikationen entwertet. Bei den Menschen in den neuen Bundesländern
verfestigt sich der Eindruck, daß sie von vielen Westdeutschen wegen ihrer
Vergangenheit falsch eingeschätzt werden. Ein großer Teil der Westdeutschen,
so machen sie geltend, habe keine rechte Vorstellung von ihren Nöten.
2.1.3 Ursachen der Arbeitslosigkeit
(60) Die Ursachen der seit 1973 trendmäßig zunehmenden strukturellen
Arbeitslosigkeit in Deutschland sind vielfältig und in der politischen
Öffentlichkeit wie in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion umstritten.
Entsprechend gingen auch die Meinungen im Verlauf des Konsultationsprozesses
auseinander. Eines ist jedoch gewiß: Arbeitslosigkeit kann nicht monokausal
erklärt werden.
(61) In den letzten Jahren hat sich das wirtschaftliche Wachstum deutlich verlangsamt.
Die wirtschaftlichen Wachstumskräfte allein reichen offensichtlich nicht
mehr aus, um die Arbeitslosigkeit nachhaltig abzubauen. Es ist zwar gelungen,
die Zahl der Arbeitsplätze von Mitte der 80er bis Anfang der 90er Jahre
deutlich zu erhöhen, dies genügte aber nicht, um eine weitere Zunahme
der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Das lag daran, daß in den vergangenen
Jahren weitaus mehr Menschen zusätzlich Erwerbsarbeit nachgefragt haben
und sich dadurch das Arbeitskräfteangebot wesentlich erhöht hat. Seit
einigen Jahren ist ein erheblicher Abbau von Arbeitsplätzen zu verzeichnen,
der sich in letzter Zeit weiter beschleunigt hat.
(62) Hinzu kommt, daß der strukturelle Wandel im industriellen Bereich
im Zuge des technischen Fortschritts mit einer enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität
einherging, ohne daß der Beschäftigungsrückgang im gleichen
Maße durch eine Verringerung der Arbeitszeit oder die Ausweitung der Produktion
kompensiert worden wäre. Der Beschäftigungszuwachs im Dienstleistungssektor
hat nicht ausgereicht, den Verlust von Arbeitsplätzen im industriellen
Bereich auszugleichen.
(63) Eine der Hauptursachen der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland wird nach
einer verbreiteten Auffassung in den weltpolitischen Änderungen und der
Globalisierung der Wirtschaft und des Wettbewerbs gesehen, die weitreichende
Anpassungen in der internationalen Arbeitsteilung ausgelöst und dazu geführt
hätten, daß sich auch die deutschen Unternehmen einem zweifellos
härter gewordenen weltweiten Wettbewerb stellen müssen. Sie sähen
sich in ihrer Wettbewerbsfähigkeit wesentlich eingeschränkt, insbesondere
durch die hohen Lohnkosten, kurze Arbeitszeiten und das Ausmaß der Abgaben-
und Steuerbelastung. Weitere Beeinträchtigungen ergäben sich aus subventionsbedingten
Wettbewerbsverzerrungen, hohen Energiepreisen, einer hohen Bürokratisierung
und Regulierung, Ressentiments gegen bestimmte neue Technologien, fehlendem
Risikokapital und Währungsschwankungen. Das Problem zeige sich auch daran,
daß deutsche Unternehmen zunehmend ihre Produktion in das Ausland verlagern,
während ausländische Direktinvestitionen in Deutschland zurückgehen.
(64) Andere hingegen sehen dies anders. Sie verweisen darauf, daß die
Arbeitsmarktkrise keine Besonderheit der deutschen Wirtschaft sei. Alle entwickelten
Industrieländer seien durch dauerhafte Wachstumsverlangsamung und langfristig
hohe Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit
(West-)Deutschlands sei zugleich außerordentlich hoch. Kein anderes Land
exportiere einen so hohen Anteil seiner Produktion. Die Handelsbilanzen mit
den südostasiatischen Schwellenländern und den osteuropäischen
Reformstaaten seien ausgeglichen, weil diese Länder jede durch Exporte
nach Deutschland verdiente Mark wieder für Importe von Industriegütern
aus Deutschland ausgeben. Auch die hohen Direktinvestitionen im Ausland seien
keine wirkliche Belastung für die deutsche Wirtschaft, denn sie dienten
langfristig der Erschließung und Absicherung von Exportmärkten. In
dieser Situation seien deshalb die aus der betriebswirtschaftlichen Sicht der
Unternehmen naheliegenden nationalen Kostensenkungsstrategien (Lohn- und Lohnnebenkosten,
Sozialstandards, Unternehmenssteuern, Umweltstandards) zur weiteren Verbesserung
der internationalen Wettbewerbsfähigkeit jedenfalls volkswirtschaftlich
gesehen kein Heilmittel. Derartige Strategien würden die ungleiche Verteilung
der Einkommen verschärfen und die Lasten der Anpassung durch ruinösen
Wettbewerb einseitig den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aufbürden.
Die Kaufkraft würde damit sinken.
(65) Die Globalisierung des Wettbewerbs ist in bestimmten Bereichen in der Tat
mit einer erheblichen Reduzierung von Arbeitsplätzen verbunden. Länder
mit niedrigem Lohnniveau übernehmen mehr und mehr die Produktion arbeitsintensiver
Produkte. Deutschland und andere entwickelte Länder konzentrieren sich
mehr auf die Herstellung von Produkten, die einen hohen Kapitaleinsatz und eine
hohe berufliche Qualifikation verlangen. Der Bedarf an gering qualifizierten
Arbeitsplätzen in Deutschland sinkt, der Bedarf an höher qualifizierten
Arbeitsplätzen hingegen steigt. Das hat zur Folge, daß Menschen,
die höheren Anforderungen nicht gewachsen sind, schwerer einen Arbeitsplatz
finden.
(66) Als Ursache für die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland spielen hohe
Lohnstückkosten eine wichtige Rolle. Beim Übergang von der Plan- in
die Marktwirtschaft war die Produktivität in den ostdeutschen Betrieben
zu gering, um nach der 1:1-Umstellung der Löhne und den folgenden Tarifabschlüssen,
die auf eine zügige Anpassung an das westdeutsche Lohnniveau zielten, wettbewerbsfähig
zu sein. Außerdem führten der Zusammenbruch der Comecon-Staaten (RGW),
das Interesse der Bevölkerung an Westprodukten und die Einkaufspraxis des
Großhandels zu Nachfrageproblemen. Die ungeklärten Eigentumsverhältnisse,
die aufgrund des Prinzips »Rückgabe vor Entschädigung«
entstanden, sowie der Kauf und die baldige Schließung ostdeutscher Betriebe
durch ihre westdeutschen Konkurrenten verschärften und verschärfen
die Schwierigkeiten.
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