Akademietagung "Europa und die Kirchen", Gemeinsame Abschlußerklärung, 1990
An die Konferenz Europäischer Kirchen und ihre Mitgliedskirchen,
den Rat Europäischer Bischofskonferenzen und nationale Bischofskonferenzen,
Nationale Christenräte, Ökumenische Netzwerke und Gruppen in Europa
I.
Über hundert evangelische, freikirchliche, (Alt-) Katholische und orthodoxe
Frauen und Männer aus 16 Ländern Europas sind vom 19.-21. Oktober
1990 in Mühlheim/Ruhr zusammengekommen, um miteinander über die Aufgaben
im konziliaren Prozeß nach der Europäischen Ökumenischen Versammlung
in Basel im Mai 1989 zu beraten.
Niemals vor der Basler Versammlung hat eine ökumenische Konferenz mit derart
offiziellem Charakter und einer so großen Zahl von Konfessionen aus allen
Teilen Europas im gemeinsamen Hören auf Gottes Wort einen breiteren Konsens
über die sozialethischen Aufgaben von Kirchen und Christen auf dem europäischen
Kontinent erreicht. Aber die Delegierten wußten schon in Basel, daß
die eben gewonnene Gemeinschaft sich erst noch bewähren mußte im
Leben der Kirchen, Gemeinden und Christen, und sie haben deshalb mit gutem Grund
ihre Überzeugung ausgedrückt, daß die Arbeit der Versammlung
fortgesetzt werden muß. (Basel-Dokument Nr. 95, Herv. im Original)
Unsere Tagung war ein Teil jenes Prozesses der Rezeption, in den einzutreten
die Baseler Versammlung die europäischen Kirchen mit Nachdruck aufgefordert
hat.
II.
In der Zeit seit Basel haben sich sowohl im politischen Raum wie in den Kirchen
viele Dinge ereignet, die mit der Vision der Baseler Versammlung übereinstimmen,
uns da-rum Anlaß zur Freude geben und uns darin bestärken, weiter
mit Mut und glühendem Eifer dafür zu arbeiten, daß die
Menschheit friedfertiger und gerechter wird. (Basel-Dokument, Nr. 36)
Doch hat ihr biblisches Leitwort: Die Gerechtigkeit und der Friede küssen
sich (Ps 85,11) durch die Entwicklung keineswegs an Bedeutung eingebüßt,
sondern eher noch an Gewicht gewonnen.
III.
In den Kirchen hat der konziliare Prozeß mehr bewegt und verändert,
als viele Skeptiker glauben mochten und hat sich in mancherlei Hinsicht als
ein bahnbrechender ökumenischer Lernprozeß erwiesen mit einer neuen
Einheit von Spiritualität und Praxis. Unsere Erfahrungen und Beobachtungen
zeigen uns aber auch Defizite: zu wenige Anstrengungen wurden unternommen, um
die in Basel eingegangenen Verpflichtungen einzulösen; die Rezeption verlief
mehr konfessionell getrennt als ökumenisch; noch zu selten erkennen Ortsgemeinden,
daß sie am konziliaren Prozeß dann beteiligt sind, wenn sie sich
z.B. der örtlichen Konflikte um mehr Gerechtigkeit annehmen oder am Ort
helfen, natürliche Lebensgrundlagen zu schützen oder zu schonen.
IV.
In politischer Hinsicht haben uns, wie die meisten Menschen, besonders die
revolutionären Veränderungen in Ost- und Mitteleuropa seit Basel beeindruckt.
Sie haben nicht nur Europa ein anderes Gesicht gegeben, sondern auch weltweite
Auswirkungen gehabt. Doch selbst da sehen wir zugleich Gründe zur Besorgnis:
der Prozeß des Wandels in den Ländern Ost- und Mitteleuropas und
die Befreiung von lange unterdrückten Völkern verursachen wirtschaftliche
und soziale Schwierigkeiten von großem Ausmaß. Vor allem der Nationalismus
schafft neue Konflikte und birgt enormen Sprengstoff in sich. Schon deshalb
verbietet sich in unseren Augen der überhebliche Triumphalismus, den wir
leider vielerorts in den westlichen Ländern feststellen.
V.
Wir sind überzeugt davon, daß der konziliare Prozeß bewußt
fortgesetzt werden muß. Die Gefahr, in der sich diese Welt befindet, und
ihr Weltauftrag verlangen von den Kirchen noch stärkere und tiefere ökumenische
Gemeinschaft, keine konfessionellen Alleingänge. Das gilt besonders in
und für Europa. Wir halten es deshalb für unbedingt erforderlich,
daß die Kirchen neben ihrem Bemühen um eine ökumenische Praxis
weiterhin an einer ökumenischen Sozialethik und den Instrumenten ihrer
Umsetzung arbeiten und ihre bislang nur schwachen Institutionen auf europäischer
Ebene ausbauen. Europa muß wirklich Horizont kirchlichen Denkens und Handelns
in den Kirchen Europas werden. Dies darf allerdings zu keinem Eurozentrismus
führen. - Wir bitten deshalb darum, daß die Konferenz Europäischer
Kirchen und der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen die in Basel erprobte
und bewährte Form der Zusammenarbeit fortführen mit dem Ziel, eine
Nachfolge-Versammlung zu organisieren. Wir meinen, daß der konziliare
Prozeß sinnvolle Zwischenziele braucht und Gelegenheiten, die ökumenische
Gemeinschaft zu erleben und zu feiern. Wir begrüßen deshalb die Initiativen
etwa für einen ökumenischen Kirchentag in Europa oder ein europäisches
Treffen von Netzwerken, Basis- und Aktionsgruppen.
Abschließend möchten wir betonen, daß der Verantwortung Europas
im globalen Kontext die Intensivierung der ökumenischen Kontakte entsprechen
muß. Die Weltversammlung der Christen für Gerechtigkeit, Frieden
und Bewahrung der Schöpfung in Seoul hat gelehrt, daß vor allem der
Austausch zwischen den verschiedenen Weltregionen im konziliaren Prozeß
mangelhaft war und gezielt gefördert werden sollte.
VI.
Während unserer Tagung haben sieben Arbeitsgruppen bestimmte Aspekte
der europäischen Entwicklung miteinander diskutiert und ihre wichtigsten
Ergebnisse kurz zusammengefaßt: Diese Texte lauten wie folgt:
1. Europa 1992 aus der Sicht der Frauen
Für den weiteren konziliaren Prozeß ist es notwendig, daß
die Frauenfrage nicht als Einzelfrage oder Randproblem, sondern als eine grundlegende
Dimension gesehen wird. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
müssen unter der Perspektive von Frauen diskutiert werden.
Diese Aufgabe wird für die ökumenische Dekade Kirchen in Solidarität
mit Frauen (1988-1998) formuliert. Diese Dekade muß wirklich von
den Kirchen mit Überzeugung aufgenommen und gestaltet werden; sie darf
nicht wieder - wie es bereits geschieht - als Aufgabe der Frauen definiert und
an sie wieder zurückverwiesen werden.
Die Frauenfrage ist eine fundamentale Frage, der sich die Kirchen stellen müssen.
2. Asyl in Europa
Auch in einem sich wandelnden Europa halten wir daran fest, daß Europa
für politisch Verfolgte und für Menschen, deren Leben und Freiheit
bedroht ist, offen bleiben muß. Wir erkennen die Mitverantwortung der
Industrieländer für die Fluchtursachen in vielen Ländern der
Zweidrittelwelt und erneuern unsere Forderung nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung.
Wir fordern unsere Mitchristen auf, in ihrem Bemühen nicht nachzulassen,
auf allen Ebenen ökumenisch und mit nichtchristlichen Organisationen für
ein offenes und solidarisches Europa einzutreten.
3. Europa und die Dritte Welt
Von unseren christlichen Partnern in Ländern der Dritten Welt
hören wir deutlich die Befürchtung, die politischen und wirtschaftlichen
Veränderungen im Norden würden den Norden veranlassen, seine eigenen
Interessen so zu organisieren, daß er den Süden abkoppeln kann. Gleichzeitig
müssen die Menschen in Ost- und im östlichen Mitteleuropa befürchten,
von der Wirtschaftsmacht Westeuropas mexikanisiert zu werden.
Was in Basel zur Sprache gekommen ist, ist in der Ortskirche da präsent,
wo sie die Konflikte und Aporien aufnimmt, an denen Christen beruflich beteiligt
sind, z.B. in der Welt der Arbeit, der Erziehung, des Handels und des Konsums.
Die Ernüchterung, daß unsere Kräfte begrenzt sind und Anstrengungen
unzulänglich bleiben, muß nicht entmutigen, solange die Erfahrung
nicht überspielt, sondern geistlich verarbeitet wird.
4. Die Zukunft von NATO und Warschauer Pakt
In der derzeitigen Phase des politischen Wandels in Europa, in der NATO und
Warschauer Pakt ihre bisherigen Funktionen und Rollen verlieren, besteht von
seiten des Staates eine Nachfrage nach neuen sicherheitspolitischen Optionen.
Die Kirchen haben hierbei die Chance, die im konziliaren Prozeß entwickelten
und in den ökumenischen Dokumenten, speziell im Baseler Dokument formulierten
Prinzipien aktiv in die Politik einzubringen.
Die Bildung eines ökumenischen sicherheitspolitischen Fachausschusses,
der die notwendigen Optionen entwickelt und in den politischen Meinungsbildungsprozeß
einbringt, sowie die Partizipation möglichst vieler Christen an diesem
Prozeß sehen wir hierfür als dringend erforderlich an.
Wir sehen in der gegenwärtigen Situation eine historische Chance, der Forderung
des Baseler Dokuments, den Krieg als Institution zu überwinden, in Europa
einen entscheidenden Schritt näherzukommen.
5. Sozialethische Herausforderungen des EG-Binnenmarktes
Die politischen Veränderungen in Ost- und Zentraleuropa nach Abschluß
der Europäisch-ökumenischen Versammlung lassen die Befürchtungen
und Forderungen der Baseler Versammlung (§§ 62, 84 h.u.m. des Schlußdokuments)
noch dringlicher erscheinen. Der Fall politischer Mauern in Europa darf seine
Antwort nicht in der Entwicklung neuer ökonomischer Mauern finden; die
osteuropäischen Länder dürfen nicht zum Armenhaus unseres Kontinents
werden.
Gegenüber der Konzentration wirtschaftlicher Kräfte und Strukturen
in 12 westeuropäischen Ländern erinnern wir an die weltweite Solidargemeinschaft,
die die Verantwortung gegenüber den Menschen der Zweidrittelwelt einschließt.
Der ökonomische Zusammenschluß verlangt nach demokratisch-legitimierten
Organen auf europäischer Ebene, die den wirtschaftlichen Kräften eine
soziale Absicherung der Menschen innerhalb und außerhalb des Binnenmarktes
gegenüberstellt. Darin sehen wir den ersten Schritt im Anschluß an
Ergebnisse der Europäisch-ökumenischen Versammlung.
6. Ökologische Ordnung in Europa
Basel hat ökologische Priorität auf den Zusammenhang von Klimaveränderungen
und Energieverbrauch gelegt und eine Einsparung von 50 Prozent der fossilen
Brennstoffe gefordert. Im konziliaren Prozeß sind wir bisher zur Wahrnehmung
dieses Problems und dem Urteil gekommen, daß hier sofortiges politisches,
wirtschaftliches und auch kirchliches Handeln gefordert ist. Die Kirchen haben
damit zunächst ihr schöpfungs-theologisches und -ethisches Wächteramt
in Anspruch genommen.
Aber sie haben bisher für sich selbst als nationale und europäische
Kirchen kaum praktische Konsequenzen gezogen, die über das Handeln von
Einzelnen und Gruppen hi-nausgehen. Nun sind Konzepte gefragt, die in den kirchlichen
Investitionsentscheidungen selbst mit Maßnahmen zur Einsparung in den
Bereichen Wärme- und Stromverbrauch wie Verkehr ernst machen. Erst von
solchen eigenen Signalen können praktische Impulse an die politischen Entscheidungsprozesse
ausgehen, die den Prozeß einer Verständigung über ökologische
Prioritäten in Europa fördern.
7. Kulturelles Erbe und Grundwerte für ein künftiges Europa
Wir halten es für notwendig, christliche Grundwerte wie Solidarität,
Liebe, Freiheit oder Gerechtigkeit in eine Vision des säkularen Europa
einzubringen und besonders zu lernen, in allem das rechte Maß zu wahren.
Dazu brauchen die Kirchen eine Sprache, die auch für Nicht-Christen verständlich
ist.
Wir betonen, daß die ökumenische Erfahrung der Kirche als einer lokalen
und weltweiten Gemeinschaft die Kirchen dazu nötigt, aufkeimenden nationalistischen
Konzepten ein Europa der Regionen und die Vision eines Europäischen Hauses
entgegenzustellen.
Die Kirchen haben die Aufgabe, den multikulturellen Dialog zu fördern und
zwar vor allem im Sinne einer ,versöhnten Verschiedenheit zwischen
christlichen, jüdischen und islamischen Traditionen.
Mühlheim/Ruhr, 21. Oktober 1990
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