Bund der Evangelischen Kirchen, Beschluß der Synode, 1990
I.
Der Bund der Evangelischen Kirchen hat auf seinem über 20jährigen
Weg der ökumenischen Bewegung viel zu verdanken. Die Gestaltung der Zeugnis-
und Dienstgemeinschaft im Bund war nicht denkbar ohne die Anstöße
aus der weltweiten Ökumene.
Die kleiner werdenden Gemeinden wurden ermutigt und bestärkt in der großen
Gemeinschaft der Kirchen. Über Mauern und Stacheldraht hinweg hat die Ökumene
unseren Kirchen und Gemeinden neue und weite Horizonte eröffnet. Wir haben
als bedrängte Kirchen viel Solidarität erfahren. Unser Bemühen,
das Evangelium den Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft zu verkündigen
und Zeugnis und Dienst in dieser Gesellschaft in kritischer Solidarität
auszurichten, ist mit Verständnis und Ermutigung begleitet worden. Die
Entwicklung des Friedenszeugnisses unserer Kirchen, unser Eintreten für
Gerechtigkeit und schließlich das Bemühen um die Bewahrung der Schöpfung
geschahen im engen Zusammenhang mit entsprechenden Programmen der ökumenischen
Organisationen und oft im Gespräch mit uns partnerschaftlich verbundenen
Kirchen (z.B. in den 70er Jahren das Programm des Ökumenischen Rates der
Kirchen zur Bekämpfung des Rassismus und die Initiativen der Konferenz
Europäischer Kirchen zur Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa und besonders in den 80er Jahren der Konziliare Prozeß für
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung).
Daß unser Zeugnis und Dienst dabei immer wieder auch als bedeutsamer
Beitrag in der ökumenischen Bewegung aufgenommen wurde, hat uns oft beschämt.
Wir sind dankbar für diese Gemeinschaft.
Wir sind auch dankbar dafür, daß wir nach der friedlichen Wende
in unserem Land und zur neuen Gemeinschaft zwischen den beiden deutschen Staaten
viele Zeichen des Mit-Freuens, Mit-Dankens und Mit-Lobens erhalten haben.
Wir hören aber auch Stimmen, die uns nach dem künftigen Weg eines
vereinten Deutschland fragen und nach der Rolle der Kirchen in ihm.
Wir wollen weitergehen auf dem ökumenischen Weg. Wir möchten die
Gemeinschaft mit unseren Partnerkirchen festhalten und hoffen darauf, daß
sie uns wie bisher ermutigend und kritisch zur Seite stehen. Wir brauchen ihre
Gemeinschaft und ihren Rat, wenn wir nach der Verantwortung unserer Kirchen
in Europa und in der weltweiten Gemeinschaft fragen. Wir möchten unsere
Mitgliedschaft im ÖRK und in der KEK weiterhin engagiert wahrnehmen und
hoffen, daß wir uns künftig auch personell und finanziell stärker
beteiligen können. Die Bitte, die das Thema der bevorstehenden Vollversammlung
des ÖRK ist, wir wollen sie in unseren Kirchen und Gemeinden aufnehmen:
Komm Heiliger Geist - erneuere die ganze Schöpfung.
II.
Die Synode hat einen Bericht über die Weltversammlung für
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Seoul gehört.
Sie nimmt die Einladung zum Bundesschluß von Seoul auf, indem sie nach
den Schritten fragt, die wir in unserem Kontext an der Schwelle zur deutschen
Einheit zu gehen haben, wenn wir den vier Richtungen jenes Bundesschlusses folgen.
1. Zur Gerechtigkeit
Im Prozeß der deutschen Vereinigung halten uns die Chancen und die sozialen
Risiken des Übergangs von sozialistischer Planwirtschaft zur
sozialen Marktwirtschaft in Atem. Wir stehen in der Gefahr, die
Solidarität mit den Armen zu vergessen und damit den Gott zu verleugnen,
der auf der Seite der Armen steht (2. Affirmation von Seoul). Wo
wirtschaftliche Hilfe für die osteuropäischen Länder geleistet
wird, hören wir mit Betroffenheit, daß sie schon jetzt auf Kosten
der Solidarität mit der Zwei-Drittel-Welt geht.
- Wir fordern die Gemeinden und alle kirchlichen Mitarbeiter auf, der geistlichen
Gefahr einer praktischen Verleugnung des Gottes der Armen entgegenzuwirken
und zu helfen, daß wir eine Kirche in der Solidarität mit den Armen
werden.
- Wir fordern die Gliedkirchen des BEK auf, nach Wegfall der Währungsgrenze
in Weiterführung des 2%-Appells finanzielle Mittel für kirchliche
Entwicklungsarbeit bereitzustellen und Zwei-Drittel-Welt-Gruppen in ihrer
Arbeit zu unterstützen.
- Die Aufnahme der DDR in ein Wirtschafts- und Währungsgebiet mit
der Bundesrepublik entfernt uns von unseren polnischen und tschechischen Nachbarn
und Freunden. Die Währungsschwelle zwischen uns und ihnen macht die Verbindung
zu uns schwieriger (Bericht der KKL S. 29). Wir bitten die künftige
gesamtdeutsche Regierung, auf einen visafreien Reiseverkehr zwischen Deutschland
und seinen östlichen Nachbarn hinzuarbeiten.
- Die langersehnte Öffnung der Grenzen unseres Landes verpflichtet
uns auch zur Offenheit für andere (Bericht der KKL S. 28). Wir
treten ein für eine großzügige Aufnahme von Asylsuchenden
und unterstreichen die Notwendigkeit gesetzlicher Regelungen für einen
gesicherten Aufenthalt und für ein geordnetes Asyl. Wir bitten die christlichen
Familien und Gemeinden, sich ausländischen Mitbürgern zu öffnen
und ihnen zu helfen, in unserem Land heimisch zu werden.
2. Zum Frieden
Während im vereinten Deutschland und in Europa die Nachkriegszeit zu
Ende geht, ballt sich in der Golfregion ein militärischer Konflikt mit
unabsehbaren Auswirkungen zusammen. Mit dem Geschenk der deutschen Einheit ist
uns vor allem eine verstärkte Verantwortung für den Frieden in Europa
und in der Welt anvertraut.
- Die vorrangige Verpflichtung zur Gewaltfreiheit (Ökumenische Versammlung)
und die Entmilitarisierung der internationalen Beziehungen (Seoul)
fordert von unseren Kirchen, daß sie sich entschieden für eine
politische Lösung der vieldimensionalen Konflikte in der Golfregion einsetzen
und vor der lebensgefährlichen Illusion warnen, diese Konflikte könnten
mit Waffengewalt gelöst werden. Wir fordern die Bundesregierung auf,
sich für eine Entmilitarisierung des Golfkonfliktes und für politische
Konfliktlösungen einzusetzen.
- Wir verwerfen den Handel mit Waffen und Giftgas und treten für eine
Gesetzgebung ein, die das Umgehen dieses Verbotes möglichst weitgehend
ausschließt.
- Der Vereinigung Deutschlands können wir uns nur freuen, wenn sie der
Vereinigung ganz Europas im Frieden dient. Christen haben als das eine weltweite
Volk Gottes jedem Nationalismus zu widerstehen, der das eigene Volk über
andere Völker stellt und ihm auf Kosten anderer Völker dient. So
treten wir ein für eine gesamteuropäische Friedensordnung im Rahmen
des KSZE-Prozesses und für Truppenreduzierungen und Abrüstung (Stopp
der Produktion des Jäger 90) in Deutschland. Wir bitten die Gemeinden,
in die gottesdienstlichen Feiern am 2./3. Oktober nach Möglichkeit Ausländer
einzubeziehen und allen nationalistischen Regungen und Bestrebungen zu widerstehen.
- Im konziliaren Prozeß wurden Christen und Kirchen immer nachdrücklicher
aufgefordert, an einer Kultur der Gewaltfreiheit mitzuwirken.
Nach den Erfahrungen der gewaltfreien Revolutionen und Veränderungen
in den mittel- und osteuropäischen Staaten unterstreichen wir diese Tendenz.
Wir bitten die Gliedkirchen des Bundes, Studien und Übungen zu gewaltfreien
sozialen Aktionen und Wegen gewaltfreier Konfliktlösung zu fördern
und die gewaltlosen Veränderungen des Jahres 89 unter diesem Aspekt
zu untersuchen.
Der soziale Friedensdienst ist als Ausdruck einer entstehenden Kultur der Gewaltfreiheit
zu verstehen, nicht als Ersatz für den Wehrdienst. An der Motivation zum
Zivildienst und dessen Gestaltung muß noch gearbeitet werden, damit er
diesem seinen Sinn entspricht.
Wir bedauern, daß die Ordnung des Zivildienstes in der DDR im Einigungsvertrag
nicht berücksichtigt wurde. Wir fordern das gesamtdeutsche Parlament auf,
eine Regelung zu treffen, die grundsätzlich von einer Gewissensprüfung
absieht, die Dauer von Wehrdienst und Zivildienst gleichstellt und den Zivildienst
aus der Verantwortung des Verteidigungsministeriums herauslöst. Die Synode
hat mit Dank den Brief des Ratsvorsitzenden der EKD zu dieser Frage vom 19.9.1990
zur Kenntnis genommen und sieht sich in der Hoffnung bestärkt, daß
eine zeitliche Gleichstellung von Wehrdienst und Zivildienst erreicht werden
kann.
Die Frage eines nicht von der Wehrpflicht abgeleiteten Dienstes (Sozialer Friedensdienst)
sollte energisch von den Kirchen ins Gespräch gebracht werden.
Die Synode unterstreicht die Position der Konferenz der Kirchenleitungen, die
die Übernahme des Militärseelsorgevertrages für den Bereich
der Gliedkirchen des Bundes ablehnte. Sie bittet die EKD angesichts der
Veränderungen in der Gestaltung des Militärdienstes und des Verständnisses
der Funktion des Militärs, die Gestaltung der Seelsorge an Soldaten und
den Militärseelsorgevertrag zu überprüfen.
3. Zur Bewahrung der Schöpfung
In dem gegenwärtigen ökonomischen Umstellungsprozeß, in dem
ökologische Gesichtspunkte wiederum ins Hintertreffen zu geraten drohen,
gilt es eine umweltverträgliche und damit zukunftsträchtige Wirtschaft
und Gesellschaft aufzubauen. Die Synode tritt dafür ein, daß das
in den gegenwärtigen energiepolitischen Entscheidungen, bei den wachsenden
Müllproblemen (Wiedereinführung des Sen-Systems) und bei der Vergabe
von Industriestandorten beachtet wird.
Die Synode hat mit Betroffenheit zur Kenntnis genommen, daß durch die
Aktion Lindwurm chemische Waffen aus Deutschland auf das Johnston-Atoll
verbracht werden, wo der bis 1997 dauernde Vernichtungsprozeß die pazifischen
Inseln bedroht. Die Synode bittet die Konferenz der Kirchenleitungen und die
EKD unverzüglich Kontakt mit den pazifischen Kirchen und den Kirchen in
den USA aufzunehmen, um mit ihnen gemeinsam zu prüfen, wie der Schaden
von den Pazifischen Inseln noch abgewendet werden kann.
4. Zum Antirassismus
Seit einigen Wochen suchen jüdische Familien aus der Sowjetunion Asyl
in der DDR. Wir sehen darin einen Vertrauensbeweis zu uns Deutschen, der uns
beschämt und verpflichtet.
Die Synode fordert die Regierung auf, auch den noch in der Sowjetunion befindlichen
Angehörigen dieser Familien und weiteren jüdischen Familien aus der
Sowjetunion die Einreise zu ermöglichen. Sie bittet Städte und Gemeinden,
diese jüdischen Familien freundlich und großzügig aufzunehmen.
Sie fordert die christlichen Gemeinden auf, Hilfe zu leisten, neue Vertrauensbeziehungen
aufzubauen und allen Regungen des Antisemitismus in unserem Land zu begegnen.
5. Der Konziliare Prozeß ...
stellt uns in den drei Problemfeldern der Gerechtigkeit, des Friedens und
der Schöpfungsbewahrung vor die Überlebensfrage der Menschheit und
die Aufgabe, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten.
Auf diese neue geschichtliche Herausforderung müssen wir auch mit einer
Fortschreibung der Verfassung und also einer Verfassungsdiskussion antworten.
Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bietet dafür eine Chance,
die wir nicht versäumen dürfen. Die Synode fordert daher die gesamtdeutsche
Regierung und das gesamtdeutsche Parlament auf, solch eine Diskussion in Gang
zu setzen und bis zu einem Volksentscheid über eine veränderte Verfassung
zu führen.
III.
Die Synode begrüßt, daß die Teilnehmer an der Ökumenischen
Versammlung in der DDR im November in Berlin zusammenkommen, um die Weiterarbeit
an den Themen des Konziliaren Prozesses in unserer veränderten gesellschaftlichen
Situation zu beraten.
Wir fordern die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (AGCK und ACK) auf,
für eine Weiterführung des Konziliaren Prozesses durch die Kirchen
eines vereinten Deutschland Sorge zu tragen.
Die Delegierten des Bundes für die Vollversammlung des ÖRK in Canberra
werden beauftragt, den Beitrag der Kirchen in der DDR zum Konziliaren Prozeß
dort einzubringen und sich dafür einzusetzen, daß der Konziliare
Prozeß die Arbeit des ÖRK in seiner nächsten Arbeitsperiode
wesentlich mitbestimmt.
Wir bitten die Mitgliedskirchen der KEK in der DDR, daran mitzuwirken, daß
die Europäische Versammlung in Basel den dort beschlossenen Empfehlungen
entsprechend fortgesetzt und so der christliche Beitrag zu einem gemeinsamen
europäischen Haus gefördert wird. Dafür sind auch die Partnerbeziehungen
zu Kirchen in anderen europäischen Ländern, besonders in Zentral-
und Osteuropa, wichtig und weiter zu pflegen.
Leipzig, den 25. September 1990
Der Präses der Synode des Bundes der Ev. Kirchen
Rosemarie Cynkiewicz
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