Ökumenisches Forum Berlin, 1990
Zeugnis der Betroffenheit Ökumenisches Forum Berlin
Am 24. Juni 1990 trafen wir uns als ehemalige Delegierte, Berater und Beraterinnen
der Ökumenischen Versammlung in Berlin zu einem Ökumenischen Forum.
Wir fanden uns zusammen als auf verschiedene Weise Betroffene. Einige von uns
haben neue Verantwortungen in Regierung und Opposition übernommen, andere
sehen sich im Beruf vor einschneidende Veränderungen gestellt oder sind
von Entlassung bedroht. Gemeinsam fragten wir uns nach der Wirksamkeit der Beschlüsse
der Ökumenischen Versammlung nach den tiefgreifenden Veränderungen
des letzten Jahres.
Geht unsere Hoffnung weiter?
Wir sind betroffen
- von den Entwicklungen in unserem Lande und den vermutlichen Auswirkungen
auf die globale Situation;
- von der Schwierigkeit, Demokratie als Herrschaft des Volkes zu verwirklichen;
- von dem Drang, sich schnell an neue Machtverhältnisse anzupassen;
- von der weitgehenden Ausblendung der Weltprobleme;
- von der Abwertung von Visionen zugunsten pragmatischer Lösungen;
- von der eigenen Unfähigkeit, die Optionen der Ökumenischen Versammlung
in die Tat umzusetzen.
Entsprechend den Maßstäben, die wir in Dresden gefunden hatten,
versuchten wir unsere heutige Betroffenheit zu artikulieren.
Wir laden alle ehemaligen Delegierten, Berater und Beraterinnen, die Kirchen
und Gemeinschaften, die sie entsandt haben, und alle, die in unserem Land mit
auf dem Weg der Hoffnung sind, zum Mitdenken ein. Ganz besonders wenden wir
uns an diejenigen ehemaligen Delegierten, Berater und Beraterinnen der Ökumenischen
Versammlung, die jetzt neue politische Ämter übernommen haben.
1. Am 30. April 1989 verabschiedete die Ökumenische Versammlung mit großer
Mehrheit zwölf Beschlußtexte, in denen gemeinsame und verbindliche
Antworten auf die Herausforderungen versucht wurden, vor die sich Christen und
Kirchen in der DDR im weltweiten Kontext gestellt sahen. Wir riefen zur Umkehr
in den Schalom auf, zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Heute müssen wir feststellen, daß sich die globale Situation im Laufe
des vergangenen Jahres eher noch verschärft hat. Im Vorbereitungspapier
zur Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
im März 1990 in Seoul heißt es: ... nach allem, was wir wahrnehmen,
steht die Weltgemeinschaft in diesem Augenblick der Geschichte vor vielfältigen
Bedrohungen, die so bedrängend sind, so gehäuft und so miteinander
verflochten, daß man von dem Beginn eines Kampfes auf Leben und Tod für
das Überleben auf diesem Planeten sprechen kann ...
2. In unserem Land haben sich die Beschlüsse der Ökumenischen Versammlung
als ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur demokratischen Umgestaltung in
der DDR erwiesen. Friedens-, Menschenrechts- und Umweltgruppen im Raum unserer
Kirchen gaben den Anstoß zur friedlichen Revolution des Herbstes. In den
dramatischen Tagen des Oktober erlebten wir gemeinsam mit Nichtchristen die
friedensstiftende Kraft der Gebete. Wir erfuhren in unseren Kirchen die Gemeinschaft
von Christen und Nichtchristen in einer Offenheit, die voller Verheißung
ist. Dafür danken wir Gott.
Die Hoffnungen und Erwartungen, die die Ökumenische Versammlung in ihrem
Beschlußtext Mehr Gerechtigkeit in der DDR äußerte,
sind seither weitgehend in Erfüllung gegangen: Demokratie, Öffentlichkeit,
Gewaltenteilung, Beschränkung des Staates auf seine eigenen Aufgaben, Reisefreiheit.
Die Angst vor der Staatssicherheit wurde gebannt. Dies ist ein großer
Fortschritt politischer Gerechtigkeit. Dafür danken wir Gott.
Aber die Hoffnung, daß die historische Chance der Wende in der DDR zu
Schritten der Umkehr im Sinne der Beschlüsse der Ökumenischen Versammlung
führen könnte, hat sich nicht erfüllt. War die treibende Kraft
der Herbstrevolution noch der Wille des Volkes zur Beseitigung der Unrechtsherrschaft
der SED und zur Gewinnung von Freiheit und Demokratie, so überwog nach
der unvorbereiteten Öffnung der Mauer mehr und mehr der Drang nach Konsum
und Wohlstand der Bundesrepublik. Dieser Drang wurde in politische Macht umgemünzt,
als im Wahlkampf zur Volkskammerwahl die Einführung der D-Mark als Verheißung
schnellen Wohlstandes propagiert wurde. Seither beherrschte der Staatsvertrag
zur Herbeiführung der Währungsunion am 1. Juli 1990 die deutsche Einigungspolitik.
Er wurde an beiden deutschen Parlamenten vorbei von Regierungskommissionen hinter
verschlossenen Türen verhandelt. Eine breite Diskussion in der Öffentlichkeit
konnte wegen Mangel an Informationen und Zeit nicht stattfinden. Obwohl dieser
Vertrag das Leben jedes DDR-Bürgers tiefgreifend verändert, wird es
keinen Volksentscheid da-rüber geben. Diese Ungerechtigkeit trägt
den Keim des Unfriedens in sich und widerspricht unserer Einsicht, daß
Frieden nur als Frucht der Gerechtigkeit zu gewinnen ist.
3. Angesichts des rasanten gesellschaftlichen Wandels in unserem Land und der
sich verschärfenden globalen Probleme erinnern wir an die drei vorrangigen
Optionen der Ökumenischen Versammlung:
- die Option für die Armen;
- die Option für Gewaltfreiheit;
- die Option für den Schutz und die Förderung des Lebens.
Dringender als früher ist Umkehr geboten: Von der Vergötzung
des Wirtschaftswachstums und der Wirtschaftsmacht zur Solidarität mit den
Armen und zur Umverteilung von Macht; von der Friedenssicherung durch Androhung
und Ausübung von Gewalt zur Friedensordnung durch Vertrauensbildung und
Abrüstung; von der Gewalt- und Willkürherrschaft über die Natur
zur Solidarität und Kooperation mit ihr (ÖV 1,4).
Der Option für die Armen widerspricht die Integration der DDR in ein Wirtschaftssystem,
das die Verarmung breiter Massen in der Dritten Welt produziert und davon profitiert.
Auch in unserem Land kann die zunehmende soziale Differenzierung eine neue
Armut erzeugen. Es ist zu befürchten, daß sozial Schwache wie
alleinerziehende Mütter, ältere Bürger und Behinderte an den
Rand der Gesellschaft gedrängt und benachteiligt werden. Es besteht die
Gefahr, daß Menschen allein an ihrer Leistungsfähigkeit gemessen
werden.
Der Option für Gewaltfreiheit widerspricht die geplante Integration in
das militärische System der NATO. Die derzeitige Militärdoktrin der
NATO ist Ausdruck eines konfrontativen Blockdenkens, das die Herausbildung eines
gesamteuropäischen Sicherheitssystems unter Einbeziehung der Sowjetunion
verhindert. Es besteht auch die Gefahr, daß die liberale Zivildienstgesetzgebung
der DDR - ein Ergebnis der Wende - nach Anschluß an die BRD wieder enger
gefaßt wird. Zu erwartende Differenzierungen bergen die Gefahr innnergesellschaftlichen
Unfriedens in sich. Hier liegen Wurzeln für Gewalttätigkeit, Ausländerfeindlichkeit,
Vorurteile, neue Feindbilder sowie Rechts- und Linksradikalismus. Außen-
und innenpolitisch sind Schritte von der Friedenssicherung zur Friedensgestaltung
notwendig.
Der Option für den Schutz und die Förderung des Lebens widerspricht,
daß der Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie weiter besteht.
Wohlstandserwartungen führen zu verstärktem wirtschaftlichem Wachstum.
Wenn aber Wachstum nicht sinnvoll begrenzt wird, besteht die Gefahr, daß
Umwelt und künftige Generationen weiter geschädigt werden. Umbau von
Industrie und Landwirtschaft und die Gestaltung der persönlichen Lebensweise
sind an der Verträglichkeit für die Natur, der sozialen Verträglichkeit
und den Interessen kommender Generationen zu messen.
Mit der Wende in der DDR wurde keine Umkehr zum Schalom vollzogen. Der Staatsvertrag
bindet die DDR in das weltweit dominierende Wirtschafts- und Sozialsystem des
Westens ein. Trotz seiner Wirtschaftskraft hat dieses System keines der großen
Probleme gelöst und ist hauptverantwortlich für die globale Krise.
Mehr als bisher werden wir mitschuldig am Elend der Hungernden. Wenn es nicht
gelingt, die Einigung Deutschlands mit weitgehender Abrüstung und dem Abbau
der militärischen Konfrontation in Europa zu verbinden und die freiwerdenden
Mittel für solidarische Hilfe in Ländern der Zweidrittelwelt zu verwenden,
muß befürchtet werden, daß die globale Krise eher beschleunigt
als verzögert wird.
4. Der Beschluß Umkehr zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung
der Schöpfung der Ökumenischen Versammlung ist aktueller, der
Ruf zur Umkehr dringender denn je. Wir rufen die Gemeinden und Christen in der
DDR auf, auch nach der Wende im konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung nicht nachzulassen. Die Überlebensfragen
der Menschheit stehen weiterhin, nun im neuen Kontext, auf der Tagesordnung.
Die Weltversammlung in Seoul verpflichtete sich und die Kirchen zum Einsatz:
- für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und für die Befreiung
von der Last der Auslandsschulden;
- für wirkliche Sicherheit aller Staaten und Völker und für
eine Kultur der Gewaltlosigkeit;
- für die Erhaltung der Erdatmosphäre und für die Entwicklung
einer Kultur, die es erlaubt, in Harmonie mit der ganzen Schöpfung zu
leben;
- für die Abschaffung von Rassismus und Diskriminierung auf allen Ebenen
und im Interesse aller Menschen und für den Abbau von Verhaltensmustern,
die die Sünde des Rassismus fortsetzen.
In unserem Land ergeben sich daraus vielfältige Aufgaben, zum Beispiel:
- Für die Wirtschaftsbeziehungen mit Ländern der Zweidrittelwelt
zu arbeiten, die sie nicht verschulden, und die mit gerechten Preisen abgewickelt
werden.
- Auf den Aufbau einer Friedensordnung im Rahmen des KSZE-Prozesses hinzuwirken,
anstatt die DDR in die bestehende NATO einzubinden und die Sowjetunion und
andere Länder Osteuropas auszuschließen.
- Programme zur Minimierung des Energieverbrauchs zu unterstützen und
dafür einzutreten, daß in alternative Energienutzung und nicht
in den Ausbau der Kernenergie investiert wird.
- Um ein Klima der Offenheit, Toleranz und Gastfreundschaft gegenüber
Ausländern und ihren Kulturen bemüht zu sein.
5. Auch für die Kirchen in der DDR bedeutet das Ende der SED-Herrschaft
das Ende von Benachteiligungen, Behinderungen und Überwachung. Neue Möglichkeiten
für Zeugnis und Dienst der Gemeinde tun sich auf. Die Kirchen könnten
nun heraustreten aus der Armut und Machtlosigkeit, in die sie gedrängt
waren, und wieder die geachtete Stellung in der Gesellschaft einnehmen, die
sie in früheren Zeiten hatten. Dies aber wäre Rückkehr statt
Umkehr.
Wir haben die Freiheit und Glaubwürdigkeit unserer Kirchen als Folge ihrer
Armut und Machtlosigkeit in der Trennung vom Staat als Geschenk Gottes erfahren.
Wollen wir dies durch eine neue Liaison mit dem Staat aufs Spiel setzen? Wollen
wir die klare Absage an militärische Abschreckung nun mit Rücksicht
auf den Staat relativieren und durch Teilnahme am Militärseelsorgevertrag
verdunkeln? Wollen wir wieder Religionsunterricht in den Schulen statt Christenlehre
und kirchliche Unterweisung in den Gemeinden? Wollen wir von staatlich eingezogenen
Kirchensteuern oder von den Spenden der Gemeindeglieder leben? Sind
diejenigen Kirchen zur Selbstfinanzierung bereit und in der Lage, die so lange
von der finanziellen Hilfe westdeutscher Kirchen gelebt haben? Soll die Kirche
wieder eine Dienstleistungseinrichtung für religiöse Bedürfnisse
werden? Dies sind Fragen, die die Angleichung kirchlicher Existenz in der DDR
an die der Bundesrepublik mit sich bringt. Sie sind an die Christen, Gemeinden
und Kirchen in der DDR gerichtet, aber auch die Kirchen in der Bundesrepublik
sollten sie hören. Gemeinsame Antworten müssen aus dem Glauben heraus
gefunden werden.
In Dresden haben wir gesagt, Kirche des Friedens werden, heißt versöhnungsbereiter,
menschenfreundlicher, veränderungsfähiger zu werden, heißt umzukehren
in die Nachfolge Christi (ÖV 7,2). Die Kirchen in der DDR haben heute
einen Vertrauensvorschuß, der verspielt werden könnte oder ihr Mandat
verfälschen, wenn sie nach Ansehen und Macht streben. In der Nachfolge
Christi versöhnungsbereiter sein, heißt heute: mit den Schuldiggewordenen
reden; menschenfreundlicher sein, heißt heute: mit den neuen Armen solidarisch
sein; veränderungsfähiger sein, heißt heute: neue Aufgaben wahrnehmen
und den Weg der Hoffnung gehen.
Berlin, 24. Juni 1990
Für das Ökumenische Forum: Elisabeth Adler - Hans-Jürgen
Fischbeck - Klaus Wazlawik
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