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Bedeutung der Gerechtigkeit Gerechtigkeitsforum, Seoul, 1990


Die zentrale Bedeutung der Gerechtigkeit
Botschaft des Gerechtigkeit-Forums, 1.-2. März 1990 in Seoul (Korea)


Wir sind in Seoul zusammengekommen in der Überzeugung,
daß Gerechtigkeit das Herzstück des Weges
zu „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“,
und daß das Volk das Herzstück des Konziliaren Prozesses sein muß.
Die Geschichten, die wir in diesen Tagen voneinander gehört haben,
bestätigen aufs neue die zentrale Bedeutung
der Gerechtigkeit.

Wir haben vom Leiden und Kampf des Volkes
an vielen Orten gehört:
Urbewohner des Pazifik,
Dalits aus Indien,
Palästina, El Salvador, Südafrika.
Mit besonderer Aufmerksamkeit hörten wir den Schmerz des Volkes in Sri Lanka
und die Drangsal der Koreaner in Japan.
Wir lernten die vielen Namen und Gesichter
der Ungerechtigkeit kennen.

Aber das entscheidende Anliegen der Gerechtigkeit,
das wir während der Weltversammlung in Seoul
und über sie hinaus vorbringen wollen, ist dies:
die ungerechte Anhäufung von Reichtum und Macht
in unseren Gesellschaften
und in unseren Kirchen.

Diese Anhäufung hat ihren Grund in der Anbetung
von Kapital und Profit zu Lasten des Volkes.
Wir gebrauchen das Wort „Anbetung“ absichtlich.
Es bezeichnet die Entscheidung für die Götzen des Todes
anstatt für den Gott des Lebens.
Diese ungerechte Anhäufung
beraubt die Menschen ihres Landes,
entfremdet sie von ihrer Arbeit,
stärkt Rassismus, Sexismus und Kastenherrschaft.
Sie wird mit allen Mitteln
gegenüber den Armen aufrechterhalten und
durch den Einsatz von Gewalt in vier Erscheinungsformen verteidigt:
politische, ökonomische, soziale und psychologische Gewalt
in einer Strategie, die irreführend Low Intensity Conflict (LIC)
(Konflikt mit geringer Intensität)
genannt wird.

Geist, Logik und Praxis
dieser ungerechten Anhäufung von Reichtum und Macht
müssen zurückgewiesen werden, wenn die Kirche dem Evangelium und seinem Ruf
„Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“
treu sein will.
Ureinwohner sehen die Gerechtigkeit
als das Kernstück von Bewahrung der Schöpfung an.
Wir sollten Schöpfungsbewahrung nicht auf die Umwelt beschränken,
noch weniger aber sie der Gerechtigkeit entgegenstellen
in einem falschen Ringen um Prioritäten.
Menschen und Natur bilden die eine Schöpfung.
Ungerechtigkeit gegenüber einem von beiden
ist auch Ungerechtigkeit gegenüber dem anderen Teil.
Wenn wir die Umwelt zerstören,
begehen wir Ungerechtigkeit,
vor allem an den kommenden Generationen.
Auch wenn Menschen die Umwelt zerstören,
weil sie in Not sind - und nicht aus Gier -,
ist ihre Not die Auswirkung einer anderen Ungerechtigkeit.

Der Zwang, Auslandschulden zurückzahlen zu müssen,
zerstört die Wälder in Brasilien und Ghana.
Die Notwendigkeit, ihre Familien zu ernähren,
zwingt die Bauern, das Anbauland zu verkleinern,
und zerstört Land,
denn es ist soviel von ihrem Land gestohlen worden,
in den Cordilleras der Philippinen
und unter den Urbewohnern Amerikas.
Die Notwendigkeit, Essen kochen zu müssen,
zwingt Frauen im Sahel, Büsche und Bäume zu zerstören,
weil sie in Armut gefangen sind.

Die Notwendigkeit einer Ausbildung
zwingt Urbewohner,
sich von ihren Wurzeln und ihrem Land zu entfremden.
Die Umwandlung von natürlichen Wäldern in kommerziell genutzte Ware
beraubt Menschen, Tiere und Vögel ihrer Lebensgrundlage.

Wir können die Zerstörung der Umwelt nicht leichthin abtun,
selbst wenn ihre direkte Ursache aus der Not erwächst.
Aber wir müssen die Ungerechtigkeit verurteilen,
die die Notleidenden zwingt,
die Ganzheit der Schöpfung zu zerstören.

Wir sind in Seoul zusammengekommen,
um unsere Überzeugung zu überprüfen,
daß eine feste Partnerschaft für Gerechtigkeit
zwischen Volksbewegungen und Kirchen geschlossen werden muß.
Wir bekräftigen aufs neue,
daß Volksbewegungen unsere ersten und entscheidenden Partner sind.
Wir sollten Menschen, ganz gleich wie arm und machtlos sie aussehen,
niemals nur als Opfer der Ungerechtigkeit
oder als Empfänger von Wohltätigkeit ansehen.
Das Volk ist die Hauptquelle für Gerechtigkeit,
wenn es sich organisiert in Basiserziehung,
wenn es Netzwerke entwickelt und Koalitionen bildet,
und wenn Menschen Kraft bekommen,
gleichberechtigte, mitgestaltende Subjekte ihrer Gegenwart und Zukunft zu werden.
Wir suchen keine abstrakte Definition für das „Volk“.
Wir kennen die Namen und Gesichter von Männern, Frauen und Kindern,
Arbeitern und Campesinos,
Urbewohnern und Unberührbaren,
Armen in Städten und ländlichen Gebieten.

Volksbewegungen können sich nicht darauf beschränken,
Ungerechtigkeit nur anzuprangern.
Sie müssen Verantwortung übernehmen,
alternative Entwürfe der Gerechtigkeit zu schaffen.
Dies ist eine schwierige Aufgabe,
und wir müssen aus den Schwächen, Fehlern und Rückschlägen
früherer Entwürfe lernen.
Wir behaupten nicht,
endgültige Alternativen gefunden zu haben.
Aber wir bekräftigen,
daß jede Alternative das Volk in den Mittelpunkt stellen muß.
Es kann nicht beseite geschoben oder ausgetauscht werden
zugunsten von Kapital, Macht oder Ideologien.

Die Macht des Volkes
schließt die Macht seiner Spiritualität ein.
Der Geist hat viele Namen
und sollte nicht sofort religiös
als christlicher Ausdruck verstanden werden.
Das Volk erhält Kraft aus verschiedensten Traditionen,
und Volksbewegungen entwickeln einen tieferen Sinn
von ökumenischer Zusammengehörigkeit,
wenn sie ihre ursprüngliche Spiritualität entdecken.
Für Christen ist die zentrale Bedeutung des Volkes
auf die Spiritualität und Theologie
der Menschwerdung gegründet.

Wir rufen die Kirchen auf,
diese Wahrnehmung der Menschwerdung ernstzunehmen,
wenn sie Partner für Gerechtigkeit werden wollen.
Wir richten an die Kirchen keine endgültigen Verurteilungen.
Wir erkennen an, daß Kirchen
in verschiedenen, jeweils besonderen Kontexten Gestalt bekommen haben,
in ihrer Geschichte und sozialen Stellung,
in vorherrschenden Bündnissen und Allianzen.
Weil wir unsere unterschiedlichen Erfahrungen mit der Kirche haben,
hat das Gerechtigkeit-Forum eine Vielfalt von Ansichten
über die Möglichkeiten von Partnerschaften
zwischen Volksbewegungen und Kirchen zu Wort kommen lassen.
Einige zweifeln ernsthaft daran,
ob Kirchen überhaupt Partner sein können,
solange sie nicht Buße tun
und ihre Komplizenschaft mit der bisherigen Unterdrückung anerkennen.
Dies wird klar und deutlich hervorgehoben werden
bei dem kommenden 500-Jahr-Gedenken
der Kolonialisierung/Christianisierung der Dritten Welt.
Wenn die Kirchen
ihre Einbindung in ungerechte Machtstrukturen
nicht anerkennen wollen,
können sie keine Partner
der Unterdrückten, Armen, Marginalisierten
und der um Gerechtigkeit kämpfenden Volksbewegungen sein.

Trotzdem erkennen wir an,
daß Kirchen für Volksbewegungen „Raum“ geschaffen haben
auf vielfache Weise,
nicht nur in ökumenischen Konferenzen und Netzwerken,
sondern vor allem in Situationen von Bedrückung
auf Ortsebene.
Wenn auch solche Kirchen eine Minderheit sind,
machen sie doch klar,
daß Partnerschaft möglich und wichtig ist.

Wir erkennen deutlich,
daß Kirchen sowohl auf Ortsebene als auch international
nicht als ganze Partei ergreifen werden.
Wahrscheinlich werden sie weiterhin die Auseinandersetzung
in ihren eigenen Reihen führen müssen.

Das Gerechtigkeit-Forum sieht die Bedeutung des Weltkirchenrates (ÖRK)
und richtet einen dringenden Ruf an ihn,
gerade weil viele Volksbewegungen Raum und Partnerschaft
durch verschiedene „Unterabteilungen“
und Mitglieder des ÖRK erhielten.
Wir Teilnehmer drängen den ÖRK,
nicht rückwärts zu gehen
in dieser Tradition des Raumgebens,
der Unterstützung und Partnerschaft mit Völkern im Kampf
und mit Volksbewegungen.
Wir kommen in Seoul zusammen
und sind uns schmerzlich dessen bewußt,
daß die Mächte,
die sich gegen Gerechtigkeit und das Volk stellen,
noch stärker geworden sind als vorher.
Wir hören triumphalistische Proklamationen
über den Endsieg des Kapitalismus.
Das Scheitern im Osten
wird als entscheidende Zurückweisung
von jeglichen Versuchen zu Alternativen interpretiert.
Wir sind Zeuge von starken und vermehrten Angriffen
gegen Länder im Süden,
die Unabhängigkeit zu erlangen wagen.
Es gibt sogar Versuche,
die Völker von Ost und Süd gegeneinander auszuspielen,
um den Paternalismus, die Herrschaft der Mächtigen zu erhalten.
Viele Kirchen begeben sich in neue Bündnisse
im Namen von „Realismus“.
Selbst Partner finden es schwierig
einander treu zu bleiben.
Vor diesem Hintergrund errichten wir das Kreuz unserer Hoffnung.
Wir erneuern unsere Verpflichtung und unser Engagement für das Ziel,
Gerechtigkeit und Macht für das Volk zu erlangen.
Wir bekräftigen, daß gerechte Alternativen möglich sind.
Dies ist begründet in unserem Glauben an Gottes Verheißung
und in unseren Erfahrungen.
Volksbewegungen in vielen Ländern halten stand,
kommen nach Niederlagen wieder zurück,
erheben sich wieder und lernen aus ihren Fehlern.
Eine Lektion, die wir vor allem lernen müssen,
ist die Solidarität.
Wahrhaftige Solidarität hat darin ihren Bestand,
daß sie unsere begrenzten Fortschritte verteidigt
und die Gewißheit gibt, daß wir vorwärts gehen.

Genug der großen Gesten und der billigen Worte!
Diejenigen, die in ihren eigenen Situationen kämpfen,
verstehen unsere klare Hoffnung gut.

Wir erinnern uns an die Jünger,
die Herz und Mut verloren hatten
auf der Straße nach Emmaus.
Wir erinnern uns an unsere Martyrer,
die ihr Leben opferten,
so daß viele von uns nicht nur überlebten,
sondern das Leben in Fülle haben.
Wir bringen unsere Geschichten und unser Engagement
vor allem unseren Kindern
als ein Erbe von Kampf und Hoffnung.


Seoul, den 6. März 1990

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