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Frauenforum, Seoul, 1990


I. Einführung

Als Antwort engagierter Menschen aus dem Volk Gottes, die nach Möglichkeiten suchen, aus den vielfältigen Erfahrungen der Gebrochenheit zur Ganzheitlichkeit zurückzufinden, rief die Sechste Vollversammlung des ÖRK im Jahre 1983 in Vancouver (Kanada) die Mitgliedskirchen auf, sich in einem Prozeß gegenseitiger Verpflichtung (Bund) für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zusammenzufinden.

Angesichts der wichtigen Beiträge, die Frauen durch ihre Beteiligung am Ringen um Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung überall in der Welt leisten, machte die ÖRK-Untereinheit „Frauen“ dieses Programm zu einem ihrer Arbeitsschwerpunkte, bei dem folgende Aspekte in dem Mittelpunkt stehen:

  1. Gerechtigkeit für Frauen - hier sollen vor allem die Probleme der Gewalt gegen Frauen, der „Feminisierung“ der Armut, des Rassismus, der Flucht und der Arbeit im Ausland untersucht werden.

  2. Frauen für den Frieden - hier soll gewürdigt werden, was Frauen an neuen, umwälzenden Gedanken in die Friedensarbeit und an neuen Modellen für das Engagement für politische Veränderungen einbringen.

  3. Frauen in ihrem Engagement für einen verantwortlichen Umgang mit Gottes Schöpfung.

Bei ihrer ersten Kommissionstagung 1985 in Mexiko wurde die Untereinheit „Frauen“ angewiesen, Regionaltagungen in Afrika, Asien, im Pazifik, im Nahen Osten, in Lateinamerika, Nordamerika, der Karibik und Europa zu veranstalten. In sechs Regionen haben diese Zusammenkünfte bereits stattgefunden. Bei diesen Tagungen sollten die Vorstellungen der Frauen dieser Regionen zusammengetragen und dann in die Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung im Jahre 1990 eingebracht werden.

Auf den Reionaltagungen kamen Frauen zusammen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, in Friedensbewegungen mitarbeiten, für einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung eintreten und theologisch arbeiten; sie sprachen miteinander über ihren Schmerz und ihren Kampf sowie ihre Hoffnungen und Bestrebungen für eine bessere Welt. Im Bewußtsein ihrer Kraft und Stärke suchten sie gemeinsam nach praktikablen Wegen zur Durchsetzung ihrer Vorstellungen in ihren Ländern und Regionen. Diese Zusammenkünfte wurden von ihnen als der Beginn schwesterlicher Verbundenheit und weltweiter Solidarität verstanden.

Die Ökumenische Dekade „Kirchen in Solidarität mit Frauen“, die 1988 vom ÖRK ausgerufen wurde, ist ein Schritt auf dem Wege, die Vorstellungen der Frauen und ihre Teilnahme an der Arbeit und am Ringen um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sichtbar werden zu lassen. Dieses Programm gehört zu den wichtigsten Schwerpunkten der Frauendekade. In den nächsten zehn Jahren sollen die Kirchen ihre Solidarität mit Frauen durch konkrete Maßnahmen unter Beweis stellen, um so der Vision einer erneuerten Gemeinschaft von Frauen und Männern zum Durchbruch zu verhelfen.

Wie die Diskussionen in den verschiedenen Regionen gezeigt haben, vertreten die Frauen die Auffassung, daß die Probleme von Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung untrennbar miteinander verflochten sind. Dazu erklärten die afrikanischen Frauen: „Wir sind zusammengekommen, um einander von der Ungerechtigkeit zu berichten, unter der wir wegen der erdrückenden Schuldenkrise in Afrika leiden; von den furchtbaren menschlichen Leiden, die uns die Kriege auf unserem ganzen Kontinent auferlegen; von den besonderen Belastungen, die wir durch die Abholzung unserer Wälder zu tragen haben, durch die wir der lebensnotwendigen Ressourcen beraubt werden; von den Gefahren für unsere Gesundheit und die Gesundheit der kommenden Generationen, die für uns von der Lagerung von Giftmüll ausgehen; und von der Geisel der Unterdrückung durch die rassistischen Sünden der Apartheid und des Kolonialismus. Wir afrikanischen Frauen glauben, daß alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind und daß die anhaltende massive Verweigerung von Gerechtigkeit und Frieden gegen das Wort und den Willen Gottes verstößt. Wir afrikanischen Frauen sind die am stärksten betroffenen Opfer der Ungerechtigkeit, des Krieges und der Zerstörung der Schöpfung Gottes.“

II. Die Bedrohungen des Lebens

Alle Bedrohungen des Lebens, die im 2. Entwurf des Dokumentes „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ (S. 1-21) beschrieben sind, treffen Frauen in besonderem Maße. Das zeigen die Berichte der o.g. Regionalkonsultationen, bei denen sich die Frauen mit diesen Themen beschäftigten und zwar aus dem Blickwinkel ihres Kampfes, in dem sie ihr Recht auf Leben einfordern und das Leben bejahen.

Die Kulturform des Patriarchats, die den ganzen Erdball beherrscht, hat Frauen und Männer ihrer menschlichen Würde beraubt; besonders verheerende Folgen hat sie für die Frauen, denn sie haben die schwersten Leiden zu tragen, wenn Gerechtigkeit, Frieden und die Schöpfung verletzt werden. Deshalb hat die Unterdrückung der Frauen auf dem ganzen Erdball mehr oder weniger die gleichen Ausdrucksformen - wenn auch in unterschiedlichen Kontexten mit verschiedenen Varianten.

Dort, wo wirtschaftliche Ungerechtigkeit herrscht, haben Frauen am stärksten unter Armut, Hunger und Entrechtung zu leiden. Millionen Frauen im Süden tragen auf ihren Schultern die Last, sich selbst und ihre Familien mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgen zu müssen - häufig sind sie dabei ganz auf sich allein gestellt. Die Frauen haben erkannt, daß in allen Teilen der Welt, auch im Norden, in wachsendem Maße die Armut weiblich ist.

Die europäischen Frauen schreiben: „Die neue Armut im reichsten Teil der Welt sucht besonders die Schwachen heim, junge Frauen mit Kindern, ältere Frauen, Flüchtlingsfrauen und ausländische Arbeitnehmerinnen ... Die Frauen haben ein doppeltes oder dreifaches Arbeitspensum zu leisten, während sich die Männer noch immer schwer tun, sich an der Hausarbeit und an der Betreuung der Kinder zu beteiligen, obgleich diese Tätigkeiten für das Funktionieren der Gesellschaft unentbehrlich sind. Die häusliche Arbeit der Frauen und ihre ehrenamtliche Tätigkeit in Kirche und Gesellschaft bleiben weitgehend im Verborgenen.“

Gegen die geringe Wertschätzung der Frauenarbeit setzen sich Frauen auf der ganzen Welt zur Wehr. Hinzu kommt der hohe Preis, den die Frauen im Süden für die immer noch steigende Auslandsverschuldung ihrer Länder zu zahlen haben; von diesen Schulden haben Frauen keinerlei Vorteile, aber sie müssen mit ihrer Arbeit und ihrer Gesundheit für die Rückzahlung einstehen. Die Frauen in Lateinamerika haben die ausufernde Schuldenkrise als eine der größten Bedrohungen für ihr Leben bezeichnet. Unter dem Flüchtlingsschicksal und den Schwierigkeiten der Arbeit im Ausland haben Frauen in allen Teilen der Welt zu leiden.

Rassismus und Kastendenken (das vor allem in Indien verbreitet ist) sind eine weitere Strophe des Klageliedes der Frauen über ihre Unterdrückung; sie setzen Millionen Frauen einer dreifachen Bedrohung aus: der Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts, der wirtschaftlichen Rechtlosigkeit, und dem Stigma der Rasse oder der Kastenlosigkeit, das sie ihrer Menschenwürde beraubt. Die Frauen in Afrika sagen, daß Frauen die am stärksten von der Apartheid in Südafrika betroffenen Opfer seien. Die Menschenwürde von Millionen von Frauen in nahezu allen Teilen der Welt wird durch rassistische Einstellungen mißachtet.

Die rasch fortschreitende Militarisierung der Welt hat besondere Auswirkungen auf das Leben von Frauen. Da die knappen Mittel in die Herstellung und Entwicklung von Waffen investiert werden, fehlt es den Frauen am Lebensnotwendigen. (Darauf haben die Frauen in Asien aufmerksam gemacht). Frauen haben die Hauptlast der regionalen Konflikte und Kriege zu tragen, in die ihre Länder hineingezogen werden; das haben die Frauen im Nahen Osten schmerzlich erfahren. Häufig werden Frauen in den Militärstützpunkten ausländischer Armeen als Prostituierte mißbraucht oder von eindringenden Truppen vergewaltigt und geschändet.

Darüber hinaus werden viele Staaten in Lateinamerika und Asien von Militärjuntas und Diktaturen beherrscht. Diese Staaten schaffen sich einen Machtapparat, mit dem sie Volksbewegungen für Gerechtigkeit und ein menschenwürdiges Leben unterdrücken können - als politische Gefangene werden Frauen geschlechtsspezifischen Formen der Folter unterworfen und ihre Menschen- und Bürgerrechte mißachtet.

Diese Aufzählung von schwerwiegenden Bedrohungen für das Leben von Frauen wird mit der Nuklearisierung der Welt fortgesetzt. Überall in der Welt müssen Frauen machtlos mitansehen, wie sich durch die Lagerung von Kernwaffen und den Bau von Atomreaktoren ständig die Gefahr atomarer Katastrophen erhöht. Hinzu kommen die Strahlenrisiken, denen Frauen durch Kernwaffenversuche und die Lagerung von radioaktiven Abfallstoffen ausgesetzt sind. Den Frauen im Pazifik werden „im Namen der ,Sicherheit‘ von den Regierungen Informationen über die Auswirkungen von Kernwaffenversuchen oder Reaktorstörfällen vorenthalten. Seriöse Untersuchungen über diese Auswirkungen werden nicht zugelassen. Vorhandene Informationen werden der breiten Öffentlichkeit vorenthalten. Die Großmächte, die diese Kernwaffenversuche durchführen, Kernwaffen transportieren und lagern und mit der Lagerung von radioaktivem Müll in unserer Region drohen, behaupten immer wieder, daß wir nichts zu befürchten hätten. Unsere Politiker werden dazu mißbraucht, diese Behauptungen zu bestätigen.“

All dies ist das Ergebnis eines globalen Entwicklungsmodells, das auf der „Beherrschung“ der Erde und ihrer natürlichen Schätze beruht. Eine übergroße Abhängigkeit von Wissenschaft und Technik für die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme hat zur hemmungslosen Plünderung der Ressourcen der Erde und zur Manipulierung des menschlichen Lebens geführt. Die gefährlichen Fortschritte in der Gentechnik, beispielsweise im Bereich der Reproduktionstechniken, können schwerwiegende Folgen für das Leben von Frauen haben; von ihrem Leib wird Besitz ergriffen, er wird fremdbestimmt.

Dieses Entwicklungsmodell führt darüber hinaus zu schwerwiegenden Umweltschäden, denn es wird (nach den Erkenntnissen von Frauen in allen Regionen) in Kauf genommen, daß Wälder vernichtet werden oder Giftmüll zu Wasser oder zu Land gelagert wird. Die grundlegenden Lebensfunktionen - Atmen, Trinken und Essen - werden gefährlich, weil die Luft um uns herum vergiftet, die Trinkwasservorräte verseucht und die Nahrungsmittel durch die in der Landwirtschaft eingesetzten Chemikalien und Düngemittel beeinträchtigt sind - darauf machen die Frauen in Europa aufmerksam. Asiatische Frauen weisen auf die Folgen hin, die der Gesundheit von Frauen von der Umweltverschmutzung durch die Industrie der transnationalen Konzerne drohen, die sich häufig über die internationalen Sicherheitsvorschriften hinwegsetzen.

Ferner hat dieses Entwicklungsmodell dazu beigetragen, die intellektuellen Fähigkeiten und die Erfahrungen von Frauen als nicht analytisch, nicht objektiv und unwissenschaftlich abzuqualifizieren. Daher haben Frauen häufig keinen Zugang zu Informationen und sind nicht auf industrielle oder nukleare Unfälle vorbereitet. Auf der ganzen Welt haben Frauen sich kritisch zu dem Erziehungssystem geäußert, das Kindern den nötigen Spielraum für Kreativität, Kooperation und intuitive Erfahrung vorenthält.

Frauen aus Urvölkern überall in der Welt - Indianerinnen in den USA und Kanada, Maoris und Aborigines in Ozeanien, Indiofrauen in Lateinamerika, Urvölker in Asien und anderswo fordern das Recht auf ihr Land ein. Die „Entwicklung“ hat den Urvölkern das Land genommen und damit ihre geistig-seelische Beziehung zur Schöpfung zerstört; die Frauen aus diesen Kulturen organisieren sich jetzt und fordern ihr Land. Dieses Anliegen ist von den Frauen in Lateinamerika formuliert worden.

Vor allem in den Staaten des Südens ist die Gesundheit der Frauen groß vernachlässigt worden. Programme für die Geburtenkontrolle setzen rigoros ausschließlich bei Frauen an; es wird den Frauen verwehrt, sachkundige Entscheidungen zu treffen - das haben Frauen in Asien festgestellt. Allzu oft wird die Ursache aller Probleme in der Bevölkerungsexplosion gesucht; dabei wird übersehen, daß wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit die beste Gewähr für kleine Familien bietet.

Frauen entdecken, daß Kultur, Tradition und Religion maßgeblich dazu beigetragen haben, Frauen eine untergeordnete Rolle zuzuweisen und ihnen das Recht auf Mitbestimmung zu verwehren. Religiöser Fundamentalismus bedeutet in allen Religionen vor allem eine Bedrohung der Frauen.

Aus all dem folgt Gewalt gegen Frauen in vielerlei Gestalt; einige Formen wurden bereits genannt.

Auch in der Familie wird Frauen durch Gewalt großes Leid zugefügt; Frauen sehen in ihr eine Ausdrucksform patriarchalischer Herrschaft.

Frauen leben auch unter der ständigen Bedrohung der Vergewaltigung und des sexuellen Mißbrauchs, die häufig als politisches Mittel zur Unterdrückung der Stimme des Volkes benutzt werden. Frauen sind auf dem Weltmarkt zur wohlfeilen Ware geworden; Sextourismus, Versandbräute, die Vermarktung der Frauen durch die Medien, Frauen als Zeitvertreib ... - das sind die Folgen.

Frauen auf dem ganzen Erdball haben geschildert, welche Gewalt ihnen innerhalb der globalen „Gewaltkultur“ angetan wird, zu der diese Welt abgesunken ist.

Die Frauen der Welt sind tief besorgt über die wachsende Gewalt gegen Kinder. Kinderprostitution, die Auswirkungen des Krieges auf Kinder, Kinderarbeit und ein starres, mechanistisches Bildungssystem gehören zu den schwerwiegendsten Mißbräuchen, die nach Ansicht der Frauen an Kindern verübt werden. Betroffenheit wird empfunden, daß wir unseren Kindern eine so „verkommene Welt“ hinterlassen.

Ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen sind ein weiterer Bereich der Sorge von Frauen. Die Bedrohungen des Lebens treffen diese verwundbaren Gruppen in besonderer Weise; Frauen, die sich in der Regel in stärkerem Maße der älteren und behinderten Menschen annehmen, äußern sich tief besorgt darüber, daß diesen Gruppen in einer immer stärker individualistisch und konsumorientierten Welt das Lebensrecht verweigert wird.

III. Theologie für das Leben

  1. In den letzten Jahren hat sich überall in der Welt ein stark feministisch orientierter Stil des Denkens, Analysierens und Handelns herausgebildet. Dieser neue feministische Stil hat die Grundlage für eine fundierte Kritik an dem männlichen Denkmuster der ,Herr-schaft‘ über die Menschen und über die Schöpfung geschaffen. Wir sind zutiefst für dieses Erwachen der Frauen dankbar und sehen darin ein Zeichen der Hoffnung in unserer gebrochenen Welt.

  2. Die feministische Bewegung hat - wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten in den unterschiedlichen Kontexten - die ganze Welt erfaßt. Sie hat ihren Ausgangspunkt in der Erfahrung des Leidens der Frauen und ihrer Mißachtung durch die Herrschaft des Mannes in allen Teilen der Welt. Das Kernstück des Patriarchats ist die Aufspaltung des Menschen in Leib und Seele, wobei der Leib als geringerwertig eingestuft und mit der Frau identifiziert wird; die Seele wird als höherwertig dem Mann zugeordnet und so eine Rangordnung der Beziehungen begründet, die den Männern Macht über das Leben der Frauen verleiht.

  3. Unser neues Selbstverständnis veranlaßt uns Frauen dazu, auf der Kehrseite der Geschichte nach unseren Wurzeln zu suchen und dabei das Leiden, den Kampf und die Kreativität von Frauen in unserer Zeit sichtbar werden zu lassen, zugleich aber nach einem ganzheitlicheren Verständnis des Lebens in der Zukunft Ausschau zu halten. Auf verschiedenen Wegen haben wir von unterschiedlichen Ausgangspositionen her den zerstörerischen Kräften in unserer Welt den Kampf angesagt. In diesem Kampf konnten wir uns auf unsere Erfahrungen der Solidarität und Schwesterlichkeit stützen.

  4. Teil dieser Bewegung ist die feministische Theologie. Da sie ihre Wurzeln in der Erfahrung von Frauen hat, sind erzählte Geschichten ihr Lebenselement. Als neue theologische Methode nimmt sie das tägliche Leben ebenso ernst wie die Arbeit des Verstandes. Der neue Stil der feministischen Theologie hat sich in solchen Äußerungen wie Theater, Tanz, Musik, Dichtung und Kunst niedergeschlagen. In dieser Form, Theologie zu betreiben, haben wir den Reichtum unserer Gaben und den spezifischen Beitrag entdeckt, den wir leisten können.

  5. Wir haben auch damit begonnen, unsere Mütter im Glauben wiederzuentdecken. Die Geschichten von Frauen, in denen wir uns wiederfinden können, sind häufig in der Bibel und in den Traditionen unserer Kirchen verschüttet. Wir hegen tiefes Mißtrauen gegen eine Hermeneutik, die diesen Teil unseres Glaubenserbes ausklammert.

  6. Die Wiederentdeckung und Wiederaneignung der biblischen und der Kirchengeschichte haben uns dazu verholfen, selbstbewußter nach unserer Rolle in der Kirche zu fragen. Jahrhundertelang haben wir die Kirche unterstützt und buchstäblich getragen, ohne jemals wirklich Anteil an ihrer Leitung gehabt zu haben. Die Kirche ist aber auf unsere Gaben angewiesen, wenn sie werden will, was sie sein soll: Gottes Volk, das von Gottes Gegenwart in der Welt Zeugnis ablegt. Deshalb fordern wir nachdrücklich, daß Frauen auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens mitwirken können, um es zu erneuern. Fundament der Kirche der Zukunft kann nur ein bewußtes Bemühen um die Schaffung einer Gemeinschaft von Frauen und Männern sein.

  7. Wir Frauen haben erkannt, daß uns das männliche Gottesbild fremd ist - es hat unserem Glauben häufig im Wege gestanden. Unsere Vorstellung von der Ganzheitlichkeit Gottes in einer gebrochenen Welt wird reicher, wenn wir in Gott nicht nur den Allmächtigen Vater, sondern auch die Mutter, die uns ernährt, und den Freund oder die Freundin erkennen. Jesus, den Maria geboren hat und der von Frauen umgeben war, die sein ganzes Leben lang für ihn sorgten, liebte sie (Joh 11) und berief sie zu seinen Jüngerinnen. Der Heilige Geist, der da sorgt, hat ein weibliches Bild: Ruah.

  8. Aus dieser neuen Wahrnehmung unserer Wurzeln haben wir die Forderung nach einem ganzheitlichen Ausdruck unseres gemeinsamen Glaubens und nach einer integrativen Sprache in Liturgie und Theologie formuliert. Wir fragen die Kirchen, ob sie nicht eine wichtige Seite der biblischen Botschaft aussparen, wenn sie das feministische, nämlich das lebensspendende Element, das in der Erfahrung der Frauen wurzelt, nicht gebührend berücksichtigen.

  9. Unter uns Frauen in verschiedenen Teilen der Welt entwickelt sich eine neue Spiritualität, die der leblosen, zeremoniellen Liturgie einen neuen Gehalt gibt. Wir verbinden unsere liturgischen Ausdrucksformen mit den konkreten Nöten, Sorgen und Hoffnungen der Menschen in einer Sprache, die einen Bezug zu unserem täglichen Leben hat.

  10. Als Frauen bekennen wir uns zu den pluralistischen Regenbogenfarben der Schöpfung Gottes und bemühen uns, das Befreiende in dem Erbe unseres Glaubens und in den großen Traditionen anderer, in den religiösen Erfahrungen des Volkes und in Kulturen, die untergegangen sind - vor allem aber in den Kulturen der Urvölker - aufzuspüren. Wir suchen dabei zugleich nach neuen Formen des Widerstandes.

  11. Die feministische Theologie ist keine Frauentheologie für Frauen. Sie ist vielmehr eine Befreiungstheologie für alle Menschen - für Männer und Frauen. Sie hat das Ziel, die Männer von der Beschränkung der Theologie auf Gehirn und Verstand zu befreien. Sie weist auf eine integrative Art, von Gott zu sprechen, die unser Leben, Leib und Seele, unsere Gefühle und unsere Weisheit als Frauen und Männer ernst nimmt. Gottes Angebot eines partnerschaftlichen Bundes mit uns macht es uns möglich, uns um ein solches ganzheitliches Verständnis von Leben und Theologie zu bemühen.

IV. Frauen bejahen das Leben

  1. Wir bekennen den Dreieinigen Gott als den wahren Herrn über alle Formen menschlicher Macht.

    Der Mut Schifras und Puas (2. Mose 1,15ff) zeigt, was wir mit diesem Bekenntnis meinen. Die beiden Hebammen verweigerten dem mächtigen Pharao den Gehorsam und schützten und hegten das Leben, weil sie Gott fürchteten.
    Wir können zahlreiche Beispiele von Frauen überall in der Welt nennen, die heute ebenso mutig der Macht und der Autorität entgegentreten, um das Leben zu schützen. Unter ihnen gedenken wir der Frauen von Greenham Common in England und der Mütter von der Plaza de Mayo in Argentinien.
    Wir fühlen uns verpflichtet, mit all den Frauen zusammenzuarbeiten, die um ein Leben in Freiheit und Gerechtigkeit für alle kämpfen und der zerstörerischen Macht von Menschen in jeder Form entgegentreten.

  2. Wir bekennen, daß Gottes Liebe vor allem den Armen gilt.

    Als Maria Gott in ihrem Lobgesang mit den Worten pries „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,52ff), bezeugte sie Gottes ganz besondere Liebe und Hinwendung zu den Armen.
    Es gibt viele Beispiele dafür, wie Frauen überall in der Welt auch heute noch diese Liebe bezeugen. Unter ihnen gedenken wir der Frauen in den USA, die in der Sanctuary-Bewegung arbeiten und Flüchtlinge aus Mittelamerika verstecken, sowie der Frauen, die unter den armen Bauern auf den Philippinen tätig sind.
    Wir verpflichten uns, solidarisch mit unseren Schwestern, die am stärksten von der Armut betroffen sind, gegen die Armut und vor allem gegen die Armut von Frauen in aller Welt zu kämpfen.

  3. Wir bekennen uns zur Schönheit, Gleichheit und reichen Vielfalt aller Rassen und Völker.

    Die Harmonie der Beziehung zwischen Noomi und Rut veranschaulicht, was mit diesem Bekenntnis zur Pluralität gemeint ist. Diese beiden Frauen sind sehr verschieden - sie unterscheiden sich in ihrem Alter (Rut war Noomis Schwiegertochter), in ihrer Rasse (Rut war eine Moabiterin) und in ihrer Religion. Es verband sie jedoch Liebe und Schwesterlichkeit, und so konnten sie es mit den Schwierigkeiten des Lebens aufnehmen. Solidarisch boten sie allen Widrigkeiten Trotz. „Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen“ (Rut 1,16), ist das Bekenntnis zur Gemeinschaft, die sich allen Ordnungen widersetzt, die Menschen voneinander trennen.
    Die Frauen, die heute gegen Apartheid in Südafrika oder gegen das Kastensystem in Indien kämpfen, geben dem Bekenntnis zu einer neuen Gemeinschaft im Sinne von Noomi und Rut Gestalt.
    Wir verpflichten uns, die weltweiten schwesterlichen Beziehungen zu stärken, die die von Menschen verursachten nationalen, wirtschaftlichen, politischen, militärischen oder kulturellen Spaltungen überwinden.

  4. Wir bekennen, daß Frauen und Männer nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind.

    Die Geschichte der Ehebrecherin (Joh 8,1-11) ist ein Beispiel für die zerbrochene Gemeinschaft von Frauen und Männern. Die namenlose Frau steht allein, weder ihr Ehemann noch ihr Geliebter steht ihr bei. Männer waren es, die sie zu Tode steinigen wollten, weil sie ihren Moralvorstellungen nicht entsprach. Jesus stellte jedoch die Gemeinschaft wieder her. Er erkannte in dieser Frau das Ebenbild Gottes. Er kann ihr vergeben und gibt ihr zugleich die Chance des Neuanfangs. Heute finden wir überall in der Welt Frauen, die die Sünde des Sexismus bekämpfen; unter ihnen gedenken wir der thailändischen Frauen, die sich gegen den Sextourismus wehren, und der Frauen in Kirchen überall auf der Welt, die sich darum bemühen, die Gemeinschaft von Frauen und Männern wiederherzustellen. Wir verpflichten uns, die weltweite feministische Bewegung in ihrem Kampf gegen die entwürdigenden Auswirkungen des Patriarchats zu unterstützen.

  5. Wir bekennen, daß Jesus Christus die Wahrheit ist, die Menschen frei macht.

    Die Samariterin (Joh 4) wird frei durch das Gespräch, das sie am Brunnen mit Jesus führt, und durch die frohe Botschaft, die er ihr mitteilt. Sie ist von dieser Begegnung so überwältigt, daß sie ihre Vergangenheit hinter sich läßt und eilt, die Wahrheit, die ihr gerade zuteil geworden ist, unter die Leute zu bringen.
    Heute sehen wir, wie Frauen um Bildungs- und Informationsmöglichkeiten kämpfen, wie die Frauen auf den Inseln des Pazifik wissen wollen, was die Supermächte ihrer Heimat und den Meeren mit ihren Atomwaffentests in dieser Region angetan haben. Wir kennen den Kampf der Frauen der Aborigines in Australien, die sich auf die Macht der ihnen angeborenen Weisheit berufen.
    Wir verpflichten uns, uns für alternative Informationsquellen einzusetzen, die erforderlich sind, um die Lügen der Massenmedien aufzudecken und um zu gewährleisten, daß die Weisheit der Frauen ernst genommen wird.

  6. Wir bekennen uns zum Frieden Jesu Christi.

    In einer Situation äußerster Gewalt - als Jesus und zwei andere Männer an das Kreuz geschlagen wurden - hatten Maria Magdalena, Maria und viele andere Frauen den Mut, unter dem Kreuz stehenzubleiben und bis zum bitteren Ende auszuharren (Mk 15). Auf diese Weise bezeugten sie ihre Liebe zu Jesus und den Frieden Jesu im Angesicht von Tod und Zerstörung.
    Der Mut dieser Frauen, mit dem sie Frieden bezeugten inmitten des Todes, wird auch in den Aktionen der Frauen sichtbar, die rund um die Welt für den Frieden eintreten; zu ihnen gehören auch die Frauen in Osteuropa, die wesentlichen Anteil daran haben, daß die Mauern niedergerissen wurden, die den Kontinent spalteten. Wir gedenken auch der Frauen im Nahen Osten, die inmitten der Trümmer von Krieg und Gewalt Frieden und Versöhnung suchen.
    Wir verpflichten uns, zusammen mit der weltweiten Friedensbewegung durch gewaltlose Aktionen auf einen Wandel hinzuwirken. Und wir verpflichten uns zur Solidarität mit den Frauen, die darum kämpfen, aus dem Gefängnis der Gewalt in der Familie auszubrechen.

  7. Wir bezeugen, daß die ganze Schöpfung von Gott geliebt ist.

    Wie die Frau, die ihr ganzes Haus kehrte und durchsuchte, bis sie den verlorenen Silbergroschen wiederfand (Lk 15,8-10), bezeugen wir, daß Gott auch an den kleinsten Dingen dieses Haushaltes Gottes gelegen ist, in den wir hineingestellt worden sind. Frauen, die in der Alltäglichkeit ihres Lebens das Leben hegen und pflegen, sind seit jeher in der liebenden Beziehung zu allem, was ist, zur ganzen Schöpfung.
    Die Beharrlichkeit der Witwe erinnert uns an die Frauen in allen Teilen der Welt, die in Gottes Haushalt arbeiten. Unter ihnen gedenken wir der Frauen der Greenbelt-Bewegung für die Wiederaufforstung in Kenia, der Frauen der Chipko-Bewegung gegen die Abholzung in Indien und der Frauen, die in Westeuropa in der ökologischen Bewegung mitarbeiten.
    Wir verpflichten uns zu einem verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung. Insbesondere verpflichten wir uns, auf die Bedrohungen zu achten, die von der Gentechnik ausgehen können.

  8. Wir bezeugen, daß das Land Gott gehört.

    Die fünf Frauen Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza traten vor Moses und den Priester Eleasar und machten ihr Recht auf das Land geltend, das ihrem Vater Zelofhad und seiner Familie gehört hatte (4 Mose 27,1ff.).
    Mose hörte ihre Forderung und brachte sie vor Gott, und Gott gab ihnen recht. Damit, daß Gott den Töchtern das Erbrecht zugestand, macht Gott klar, daß niemand den rechtmäßigen Erben das Land wegnehmen darf.
    Heute erinnert uns der Kampf dieser Frauen an die Forderungen der Urvölker in aller Welt um das Recht auf ihr angestammtes Land. Unter ihnen gedenken wir der Frauen in Brasilien, an die Maori-Frauen in Neuseeland und der Frauen der Aborigines in Australien.

Wir verpflichten uns, an der Vision des Erlaßjahres festzuhalten, in dem den Menschen - der Urbevölkerung - das Land zurückgegeben wird.

Dem Leben dienen - Den Frauen wurde bei ihren Zusammenkünften in den Regionen deutlich, daß sie dem Leben dienen können, wenn sie:

  • die Ursachen der Schuldenkrise und ihrer Auswirkungen auf die Frauen öffentlich bekannt machen;

  • auf die besonderen Nöte von Flüchtlingsfrauen aufmerksam machen;

  • die Volkskultur als Form des Widerstandes aufwerten;

  • Begegnungen mit Frauen in El Salvador, Nicaragua und Panama organisieren, um Erfahrungen mit ihnen auszutauschen und konkrete Formen der Solidarität zu entwickeln;

  • zugunsten der politischen Rechte der Frauen durch schulische und außerschulische Bildungsarbeit in Kirchen und Frauenorganisationen zur Bewußtseinsbildung beizutragen;

  • Druck auf die Regierungen ausüben, den Abrüstungsprozeß fortzusetzen;

  • über Entlohnung und Arbeitsbedingungen von Frauen wachen;

  • auf die gesetzgebenden Organe einwirken, damit die heiligen Stätten vor dem Tourismus geschützt werden;

  • gegen alle Formen des Sextourismus ankämpfen;

  • allen Strukturen Widerstand entgegensetzen, die dem Rassismus Vorschub leisten (insbesondere zum Nachteil von Frauen, die rassistisch diskriminiert werden);

  • Hilfestellung bei der Anbahnung des Dialogs zwischen Frauen in den Kirchen Nord- und Südkoreas leisten;

  • die Bemühungen um die Einsetzung einer Asiatischen Frauenkommission für Menschenrechtsfragen unterstützen, um die Weltöffentlichkeit zu mobilisieren und auf Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen aufmerksam zu machen;

  • Frauen als politische Kraft in den Friedensbemühungen um die Schaffung einer atomwaffenfreien Region in Asien und im Pazifik unterstützen;

  • den wachsenden Militarismus und die Militarisierung in der Welt aufmerksam verfolgen und darauf hinweisen, welche Auswirkungen dieser Prozeß auf Frauen hat;

  • die Erfahrungen der Opfer der Nuklearisierung (Gesundheit von Frauen) aufzeichnen;

  • grundlegendes Aufklärungsmaterial über die Nuklearisierung und ihre Auswirkungen auf die Menschen beschaffen;

  • sich um die Einstellung der Atomwaffen- und Raketentests bemühen;

  • gewaltlose Formen des Widerstands unterstützen;

  • die schädlichen Folgen der Giftmüll-Lagerung öffentlich bekannt machen;

  • Informationen über schnellwachsende Bäume, Aufforstung und Solarenergie verbreiten;

  • sparsamer mit knappen Ressourcen umgehen;

  • gegen Entwicklungsprogramme Widerstand leisten, die den Raubbau an der Natur verstärken;

  • neue, den Boden schonende Anbaumethoden entwickeln;

  • Informationen über die Biotechnik und ihre Auswirkungen auf Frauen verbreiten;

  • neuen Anwendungsformen der Biotechnik Widerstand entgegensetzen;

Weltversammlung
für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung
Seoul (Korea), März 1990

[Übersetzt aus dem Englischen - Sprachendienst des ÖRK]

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