Oekumenische Treffen: Global
Oekumenische Treffen: Weltregional und national
Oekumenische Treffen: Basisbewegung
UN Konferenzen
NGO Begleitkonferenzen
Bibliographie
House of Studies
Kunstgalerie
Home
   

PDS, Positionen zum konziliaren Prozess, 1989


Aus der Kommission Politisches System beim Parteivorstand

Als neue Partei hält es die PDS für erforderlich, ihr Verhältnis zu Gläubigen, Religionen, Kirchen und Religionsgemeinschaften zu bestimmen. Diesem Zweck gilt das vorliegende Angebot. Es ist gewachsen aus Gesprächen, aus Vertrauen, aus zahlreichen Alltagsbegegnungen, aus der Achtung vor dem verantwortungsbewußten Handeln der Gläubigen und Kirchen bei der Demokratisierung unserer Gesellschaft.
Wenn wir um das Gespräch bitten, um Vertrauen werben und gemeinsames Handeln wollen, geschieht das im Wissen um unsere Mitverantwortung an einer verfehlten Politik der SED, die tragische Schicksale, Benachteiligung, Verdächtigung und ohnmächtige Betroffenheit auslöste. Wir bekennen uns zur Mitschuld an der bisherigen Politik und bitten die Gläubigen, die Kirchen und Religionsgemeinschaften um Versöhnung.

1. Für einen neuen Umgang mit Gläubigen

Die PDS geht davon aus, daß sich gläubige Bürger durch ihre Glaubensentscheidung und ihre religiöse Ethik dem konkreten Menschen, seinen Lebensumständen und seinen gesellschaftlichen Lebensbedingungen verpflichtet wissen.
Dieser humanistische Grundsatz verbindet Mitglieder der PDS und Gläubige mehr als das, was sie unterscheidet. Die Mitglieder der PDS bemühen sich, das Handeln der Gläubigen aus ihrer Glaubensbindung zu verstehen und zu respektieren, weil wir dadurch fähig werden, unsere menschliche Gemeinsamkeit zu verstehen. Die PDS erkennt und würdigt, daß religiöse Ethik zu verantwortlicher Lebens-, Welt- und Gesellschaftsgestaltung befähigt. Sie hält die jahrtausendealten Sinnangebote für ein herausragendes Ergebnis menschlicher Geschichte und für ein unverzichtbares Merkmal einer modernen Kulturgesellschaft.
Die europäische Geschichte, der sich die PDS verpflichtet weiß, ist ohne Marx, Jesus und Moses Mendelssohn, ohne die großen Sozial- und Sozialismusutopien der vielgestaltigen Arbeiterbewegung und ohne die christlichen und jüdischen Reformer nicht zu verstehen.
Diese Verwurzelung von Kirche und Arbeiterbewegung in der Geschichte setzt auch Zukunftsvisionen und gemeinsame Hoffnungen frei. Deshalb strebt die PDS eine Beziehung zu Gläubigen an, die durch Respekt und Achtung, durch Gleichberechtigung und Gleichverpflichtung und durch demokratische Chancengleichheit gekennzeichnet ist.
Sie steht zu einer Toleranz im Umgang miteinander, die mehr ist als gönnerhaftes Geduldet-sein. Die PDS möchte eine freundliche, souveräne Wettbewerbs- und Herausforderungsatmosphäre der verschiedenen Überzeugungen mit sichtbaren Ergebnissen für die Menschen. In diesem Wettbewerb der Motivationen und Grundüberzeugungen sollte es keine Gewinner und Verlierer geben. Die PDS wendet sich damit an Gläubige, weil sie weiß, daß ihnen Liebe wichtiger ist als Haß, Hilfe und Nähe zum anderen wichtiger als Geld und Besitz, Versöhnung wichtiger als Konfrontation, Hingabe wichtiger als egoistische Selbstverwirklichung, der Schwächere wichtiger als der Erfolgreiche und Hoffnung wichtiger als Resignation.
Gläubige, die der PDS beitreten oder sie wählen, treffen keine Entscheidung gegen ihren Glauben, ihre Kirche oder religiöse Gemeinschaft. Die PDS versteht sich als politische Partei, die unterschiedliche weltanschauliche und ethische Ansätze als geistigen Reichtum betrachtet. Sie öffnet sich für die Mitgliedschaft von Gläubigen und verbindet den Einsatz um die Herausarbeitung gemeinsamer Ziele und ständiger Kooperation für ihre Mitglieder mit Toleranz und Offenheit gegenüber allen in ihren Reihen vertretenen persönlichen weltanschaulichen Überzeugungen.
Die PDS ist in ihren politischen Zielen den gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Interessen aller Werktätigen, der Lohn-und Gehaltsabhängigen und der sozial Schwachen und Benachteiligten, unabhängig von ihrer Weltanschauung und Religion, verpflichtet.
Sie geht davon aus, daß die Ziele des demokratischen Sozialismus auch vom christlichen Glauben her und aus christlicher Verantwortung heraus bejaht werden können.
Die PDS knüpft an die durch die stalinistische Deformation weitgehend verdrängten Traditionen des Zusammengehens von Arbeiterbewegung und religiösen Sozialisten, an den antifaschistischen Widerstand von Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, Pfarrer Paul Schneider, Domprobst Bernhard Lichtenberg an. Für die PDS ist der Dialog mit Christen und Kirchen über Gerechtigkeit, Frieden und Erhaltung der natürlichen Lebensbedingungen der Menschen ebenso wertvoll und selbstverständlich wie die praktische Zusammenarbeit zur gemeinsamen Bewältigung globaler und regionaler Probleme.
Die Überlebensinteressen der Menschheit zwingen dazu, die vorhandenen großen Übereinstimmungen in den Wertvorstellungen für ein neues gesellschaftliches Denken fruchtbar zu machen. Zu solchen Wertvorstellungen zählen wir soziale Gerechtigkeit, verantwortliche Lebensgestaltung, Friedensfähigkeit und Friedensbereitschaft nach außen und innen, ökologische Verantwortung, die Schaffung einer solidarischen Gesellschaft, die Wahrung sozialer Sicherheit.
In unserer Vision eines demokratischen Sozialismus ist die Absage an jegliche Formen von Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung des Menschen und die Bewahrung seiner Würde enthalten. Tätige Solidarität mit den um ihre volle nationale und soziale Befreiung kämpfenden Völkern ist für uns ein unverzichtbarer Wert. National und global widersprechen wir dem Ausverkauf und dem Verlust menschlicher Würde unter dem Druck eines übermächtigen Kapitals.
Die von Christen im konziliaren Prozeß entwickelten Wert- und Lebensorientierungen zur Überwindung des Konsumismus, die Suche von Christen nach einem Ausweg aus dem Teufelskreis von Umweltzerstörung, aus sozialer Polarisierung zwischen Nord und Süd sowie aus der Entpersönlichung des Menschen durch ökonomische Zwänge und technologische Entwicklungen werden in unsere grundsätzliche gesellschaftliche Alternative Eingang finden. Wir wissen uns einig mit den Bemühungen der Kirchen und Religionsgemeinschaften, im Rahmen des konziliaren Prozesses das Bewußtsein der Menschen für die globalen Probleme, vor allem aber auch für die Völker der dritten Welt zu schärfen und von daher auch Wertvorstellungen für eigene Ansprüche an die Lebensgestaltung zu beziehen. Angesichts ungerechter Weltwirtschaftsordnung, unerträglicher Schuldenlasten, angesichts Verarmung und Militarisierung in den Ländern der dritten Welt wissen wir ebenso wie Gläubige, welche Hoffnungen diese Völker in eine nichtkapitalistische Alternative setzen. Wir müssen gemeinsam alles dafür tun, daß sie diese Hoffnung nicht verlieren.
Die PDS sieht in den Ergebnissen des konziliaren Prozesses, im Streben nach Frieden, Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung, in der Fähigkeit zu Konfliktlösungen und in basisdemokratischen Entscheidungsprozessen sowie im Pazifismus wichtige Impulse für die eigene Identität und für die einer europäischen Linken.
Aus der Aufgabe, den Weg zur deutschen Einheit so zu gehen, daß der von Christen und Kirchen unterstützte Bau des gemeinsamen Hauses Europa zu einer versöhnten Gemeinschaft aller Völker und Nationen des Kontinents führt, die ihren Beitrag zur Sicherung des Weltfriedens und zum Gemeinwohl der Menschheit verstärken kann, erwachsen weitere wichtige Felder des Dialogs und der Zusammenarbeit.

(Auszug)

März 1990

[Text entnommen aus: Gysi, Gregor (Hrsg.) Wir brauchen einen dritten Weg. Selbstverständnis und Programm der PDS, Hamburg 1990, 203-206]

weiter


powered by <wdss>

Sitemap | Druckversion | nach oben^


© 2016 by Stiftung Oekumene | eMail: ecunet@t-online.de