Westfalen und Lippe, Solidarische Kirche , Oekumenisches Zeugnis, 1989
Der Aufruf zum konziliaren Prozeß gegenseitiger Verpflichtung für
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Richtung der Weltversammlung
1990 ist auch eine Aufforderung und Bitte an die Christen, ihr ökumenisches
Zeugnis zu formulieren.
Die Kirchen und Christen, Gemeinden und Gruppen der Ökumene verfassen
ihr Zeugnis für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
aus ihrer Tradition heraus in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen, politischen
und ökonomischen Kontext. Sie teilen dieses Zeugnis einander mit und beraten
es wechselseitig in Zustimmung und Widerspruch mit dem Ziel, einem gemeinsamen
Bund für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung näherzukommen.
In unserem Ökumenischen Zeugnis berufen wir uns auf Gott, den Schöpfer,
den Erlöser und die Kraft des neuen Lebens. Wir beginnen zu erkennen, daß
die drei großen Gefährdungen des Lebens auf der Welt ohne eine tiefe
Erneuerung des Glaubens an den dreieinigen Gott nicht zu bannen sind. Das gläubige
Erkennen ist der christlichen Praxis noch voraus, darum sprechen wir gemeinsam
als Gebet, was wir uns für das Leben der Welt erhoffen:
I.
Wir rufen zu Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erden:
Du hast uns einen neuen Himmel und eine neue Erde verheißen, darinnen
Gerechtigkeit wohnt. Du hast die Schöpfung ins Leben gerufen und das Leben
erhalten durch Deine Gerechtigkeit. Deine Gerechtigkeit ist eine schöpferische
Kraft. Sie schenkt uns neues Leben durch die Vergebung der Sünden. Deiner
Gabe entspricht unsere Aufgabe, an der Seite der Mühseligen und Beladenen
für die Befreiung der Armen, eine gerechtere Welt mit weniger Ungleichheit
unter den Menschen zu kämpfen.
Wie Deine Liebe und Treue ist Deine Gerechtigkeit eine Macht, die zur Schöpfung
gehört wie Gebirge und Ozeane, Sonne und Wasser. Ohne Gerechtigkeit ist
die Schöpfung tot. Unser Leben braucht Deine Gerechtigkeit. Leben braucht
Gerechtigkeit.
Wir rufen zu Jesus Christus, dem Erlöser:
Du bist unser Frieden und willst den Frieden unter den Völkern. Du verkündest
und verwirklichst den Frieden in Deinem Wort und Werk. Du bist gekommen und
hast im Evangelium Frieden verkündet denen, die fern waren, und Frieden
denen, die nah waren. Du hast den Zaun der Feindschaft eingerissen zwischen
Nah und Fern, Ost und West, Nord und Süd. Ja, Du hast die Feindschaft am
Kreuz getötet. Dir nachfolgen heißt, waffenfrei und gewaltlos leben.
Wir rufen zum Heiligen Geist, dem Neuschöpfer:
Du bist der Schöpfung fremd geworden. Herz- und seelenlos geht der Mensch
mit der Natur um. Verlorengegangen ist die tiefe spirituelle Bindung an die
Heilige Gabe des Lebens. Die lange Herrschaft der Sachen über
die Person, der Zerstörungsmittel über die Lebensmittel hat unser
Denken verwüstet, die Herzen versteinert, die Seele beschädigt, unsere
Augen blind gemacht für die Fülle des Lebens. Unsere Hoffnung bist
Du, der Geist, der da lebendig macht, uns und alle Kreatur, die
sich mit uns sehnt. Du bist es, der uns Ehrfurcht vor dem Leben
einflöst. Bewahrung der Schöpfung bedarf der spirituellen Erneuerung
des Lebensgefühls, darum beten wir: Veni creator spiritus - Komm, Schöpfer
Geist.
II.
Die Arbeitsgemeinschaft Solidarische Kirche hat sich bei ihrer Gründung
im Jahre 1978 Leitsätze gegeben, die die großen Themen der Weltversammlung
schon enthalten:
Das Evangelium vom Frieden Gottes verpflichtet uns zum Kampf gegen Militarismus,
für Abrüstung und Entspannung (II).
Das Evangelium von der Gerechtigkeit verpflichtet uns zum Kampf für soziale
Gerechtigkeit, Demokratisierung der Wirtschaft und eine neue Weltwirtschaftsordnung
(III+IV).
Das Evangelium von der Treue Gottes zu seine Schöpfung verpflichtet uns,
Gottes Schöpfung verantwortlich zu verwalten und vor räuberischer
Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren
(V).
So haben wir bis 1983 als Teil der Friedensbewegung unseres Landes Widerstand
geleistet gegen die atomare Nachrüstung. Wir meinen, daß
das INF-Abkommen vom Dezember 1987 auch durch diesen Widerstand zustandegekommen
ist. In unserer Villigster Erklärung von 1982 haben wir unsere radikale
Ablehnung von Geist, Logik und Praxis der Abschreckung mit Gründen
des Glaubens und der Vernunft formuliert. Die Erfahrungen in den jahrelangen
Auseinandersetzungen um Abrüstung und Frieden in den 80er Jahren haben
uns zu der Erkenntnis geführt, daß der Antikommunismus und die unaufgearbeitete
Geschichte des Krieges gegen die Sowjetunion Haupthindernisse für eine
von der Bundesrepublik ausgehende aktive Friedens- und Abrüstungspolitik
sind. Darum sehen wir seit 1984 einen Schwerpunkt unserer Arbeit in der Aufgabe,
Verständigung und Frieden mit der UdSSR zu fördern. 1986
haben wir mit unserem Buch Brücken der Verständigung für
ein neues Verhältnis zur Sowjetunion plädiert. 1987 forderten wir
in 8 Thesen Versöhnung und Frieden mit den Völkern der Sowjetunion
dazu auf, die besondere Schuld Deutschlands zu benennen und zu bearbeiten.
Wir haben uns seit einigen Jahren verstärkt für die Abschaffung des
Apartheidsystems eingesetzt, den Sonderfonds des Antirassismusprogramms des
Ökumenischen Rates unterstützt und uns die Lusaka-Erklärung zueigen
gemacht.
Wir haben uns gegen die zivile Nutzung der Kernenergie gewehrt und dazu eine
theologisch-ethische Position entwickelt: Tschernobyl: Mahnmal großtechnischer
Selbstüberschätzung am Scheideweg in eine Zukunft ohne den Pakt mit
der Atomkraft(1986).
Wir haben das Verhältnis von Männern und Frauen in Kirche und
Gesellschaft (Sheffield-Report) thematisiert und versuchen nun, voranzukommen
auf dem Weg, eine Gemeinde von Schwestern und Brüdern zu werden.
Bisher haben wir uns noch kaum gemeinsam mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung,
ihren nationalen und internationalen Auswirkungen auseinandergesetzt, die Wirtschaftsbeziehungen
zu Südafrika einmal ausgenommen.
Bei unseren Zusammenkünften versuchen wir, das Evangelium der Befreiung
so zu hören, und einander mitzuteilen, daß Seele und Leib, Denken
und Handeln, der Einzelne und die Gemeinschaft ermutigt und gestärkt werden
für den Weg des Friedens.
Wir möchten die Erkenntnis vertiefen und verwirklichen, daß die Befreiung
von der Herrschaft der Sünde durch Jesus Christus auch die Befreiung von
der Sünde der Herrschaft ist. Wir fühlen uns der Tradition der Bekennenden
Kirche und der kirchlichen Bruderschaften verpflichtet. Wir haben - weniger
aus unserer eigenen Tradition als vielmehr von der ökumenischen Gemeinschaft
- gelernt, daß Jesus Christus auch befreit
- von der Sünde der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit (Kapitalismus)
- von der Sünde der Herrschaft der Weißen über die Schwarzen
(Rassismus)
- von der Sünde der Herrschaft der Männer über die Frauen (Sexismus)
- von der Sünde der Herrschaft der Zerstörungsmittel über die
Lebens-Mittel (Militarismus)
Wir erkennen deutlicher, was es heißt, Glieder einer nordatlantischen
Volkskirche im Kapitalismus zu sein und sind voller Hoffnung auf eine ökumenische
Friedenskirche in der Kraft des Geistes. Im konziliaren Prozeß für
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung suchen wir das Gespräch
und die Beratung mit Geschwistern, um unseren Weg der Nachfolge zu finden.
III.
Frieden den Völkern -
Bewahrung der Schöpfung
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind Lebensfragen.
Die Antworten entscheiden über das Leben auf unserem Planeten und über
ein menschenwürdiges Leben der einzelnen. Sie sind vielfältig miteinander
verflochten und bedingen einander. Eine dementsprechende theologische Konzeption
wurde bislang noch nicht entwickelt. Dennoch sagen wir heute gemeinsam: Kein
Frieden ohne Gerechtigkeit, oder: Frieden ist das Werk der Gerechtigkeit. Und
es ist mit den Händen zu greifen, daß unsere Weise des Produzierens
und Konsumierens die Schöpfung nicht bewahrt.
Darum, und weil wir diese Fragen unter uns erst in Ansätzen behandelt
haben, werden wir in diesem Zeugnis hauptsächlich von der sozialen Gerechtigkeit
sprechen. Zu den Bereichen Frieden und Bewahrung der Schöpfung
sollen unsere Grundeinsichten genannt werden.
Frieden den Völkern
In der Villigster Erklärung von 1982 haben wir gesagt: Landesverteidugung
mit Massenvernichtungsmitteln heißt: die Menschen des eigenen Volkes und
anderer Völker werden angesehen und ausgerottet wie Ungeziefer. Landesverteidigung
wird Landesvernichtung und kann zur Vernichtung der Schöpfung führen.
Es gibt keinen Wert, und sei er noch so hoch, der um den Preis solcher Vernichtung
verteidigt werden darf. Es gilt das Wort der 6. Vollversammlung des Ökumenischen
Rates der Kirchen in Vancouver 1983: Die Herstellung und Stationierung
von Kernwaffen ebenso wie deren Einsatz sind ein Verbrechen gegen die Menschheit.
Bereits 1975 hat die 5. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen
in Nairobi den Christen einen Weg gewiesen, den wir weiter verfolgen wollen:
Die Kirche sollte ihre Bereitschaft betonen, ohne den Schutz der Waffen
zu leben und bedeutsame Initiativen ergreifen, auf eine wirkliche gemeinsame
Abrüstung zu drängen.
Wir unterstützen die Pläne und Vorschläge der UdSSR zur gemeinsamen
Befreiung der Menschheit aus der atomaren Sklaverei. Wir unterstützen das
UN-Konzept der gemein-samen Sicherheit. Wir unterstützen die
Vorschläge für eine Ab- und Umrüstung zur struk-turellen
Angriffsunfähigkeit.
Wir wollen weitergehen. Wir wollen die Überwindung der Institution Krieg
durch gesamtgesellschaftliche Kriegsdienstverweigerung. Alle Staatsgewalt
geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen ... ausgeübt.
(Art 20,2 GG) Bisher wird dem deutschen Volk in der Bundesrepublik die Abstimmung
über einen Grundgesetzartikel verweigert, der die Führung und Vorbereitung
des Krieges verbietet und folglich die Unterhaltung von Streitkräften untersagt.
Das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus, die Lehren aus der Geschichte
unseres Volkes und die Ablehnung von Geist, Logik und [Praxis der - fehlt im
Original] Abschreckung weisen uns diesen Weg.
Bewahrung der Schöpfung
Unsere Art und Weise, auf dem Land und in der Stadt zu produzieren und zu konsumieren,
ist an Grenzen gestoßen. Die Umweltdiskussion bewegt sich an der Oberfläche
der Probleme.
Zwar erinnern wir uns jetzt an den anderen Schöpfungsauftrag,
die Erde zu bebauen und zu bewahren statt sie sich untertan zu machen wie eine
rechtlose Sklavin. Zwar merken wir jetzt, daß das naturwissenschaftlich-technische
Fortschrittsdenken uns zu Herren und Besitzern der Natur erklärt
hat und wir vergessen haben, daß wir als ein Teil in die Ganzheit des
Lebens eingebunden sind.
Zwar gibt es heute mancherorts sehr ernsthafte Bemühungen um Umweltschutz.
Aber der Begriff bleibt an der Oberfläche und hält fest an der alten
Vorstellung: der Mensch ist beherrschendes Zentrum und von ihm getrennt, ihm
nachgeordnet, die Natur. Sie muß er nun schützen um seinetwillen,
nicht aber um ihretwillen. So ist der Mensch weiterhin Herr und Besitzer der
Natur, nun aber obendrein als ihr Beschützer. So verhält sich auch
der Sklavenhalter.
Das oberflächliche Umweltdenken sorgt sich um eine wirksame Kontrolle
und besseres Management der natürlichen Umwelt zum Nutzen der Menschen.
Bewahrung der Schöpfung ist nicht Umweltschutz, sondern die Rettung der
Heiligen Gabe des Lebens vor industrieller, militärischer,
ökonomischer und zivilisatorischer Zerstörung. Wir müssen erkennen,
daß das ökologische Gleichgewicht tiefgreifende Wandlungen unserer
Auffassung von der Rolle des Menschen im planetaren Ökosystem erforderlich
macht. Wir fragen nach einem neuen Verständnis des menschlichen Lebens
im Zusammenhang des Lebens der Schöpfung. Wir fragen nach Gedanken und
Erfahrungen, die jenseits von Natur- und Umweltschutz das Leben neu entdecken
helfen.
IV.
Gerechtigkeit den Menschen
1.
Mehr soziale Gerechtigkeit, d.h. weniger Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit
in der Welt, können nur erreicht werden in der Auseinandersetzung mit wirtschaftlicher
Macht. Diese verfügt, mehr als politische Macht, über die Mittel,
die auch den leidenden Menschen zu einem menschenwürdigen Leben verhelfen
könnten.
Die in unserem Land herrschende Wirtschaftsordnung, die Teil und Kraft der
weltweit herrschenden Wirtschaftsordnung ist, führt nicht zu mehr sozialer
Gerechtigkeit unter den Menschen; sie ist nicht primär darauf ausgerichtet,
die vitalen Bedürfnisse der Menschen nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gesundheit
und Bildung zu befriedigen. Ihr oberstes Ziel ist es, einen Markt zu machen,
der Geld bringt zur Vermehrung des Geldes in den Händen, Hirnen und Herzen
der männlichen Eliten und ihrer Frauen in den reichen und armen Ländern
der Welt. So kann unsere Wirtschaftsordnung den Hunger nicht beseitigen und
Armut nicht bezwingen, obwohl die Mittel dazu vorhanden sind.
Der Lobpreis unserer Wirtschaft ist nahezu ungebrochen:
- gepriesen werden ihre Wohltaten unter Hinweis auf den Wohlstand großer
Teile der Bevölkerung der sog. westlichen Industrienationen und den niedrigen
Lebensstandard der Länder mit sozialistischer Wirtschaftsordnung;
- gepriesen wird der wirtschaftliche und technische Fortschritt unter der
Kapitalherrschaft, der die Arbeit erleichtert, die Gesundheit verbessert und
die Freizeit vermehrt hat für große Teile der Bevölkerung
der sog. westlichen Industrienationen;
- gepriesen wird die Freiheit des Einzelnen, der unter der Kapitalherrschaft
durch seine Leistung am Markt sein Glück selbst bestimmen kann in der
Sozialen Marktwirtschaft,
- vergessen wird, daß der gesellschaftliche Reichtum der westlichen
Industrienationen mit Arbeitslosigkeit und steigender Armut eines Teiles der
Bevölkerung einhergeht und die ko-stenlose Reproduktionsarbeit der Frauen
voraussetzt. Die Verteilungsgerechtigkeit schreit zum Himmel;
- vergessen wird, daß der gesellschaftliche Reichtum der westlichen
Industrienationen möglich wurde auf Kosten der Länder der Zweidrittelwelt,
die dazu ihre Rohstoffe und Bodenschätze hergeben mußten und müssen,
daß ganze Kulturen zerstört und ganze Bevölkerungen in Armut,
Hunger und Krankheit versklavt werden. Das weltweite Elend schreit zum Himmel;
- vergessen wird, daß der gesellschaftliche Reichtum der westlichen
Industrieländer eine Weise des Produzierens und Konsumierens bedingt,
die das Leben der Natur und ihrer Grundlagen gefährdet und zerstört.
Die Schöpfung am Rande des Abgrunds schreit zum Himmel.
Unsere Wirtschaftsordnung ist zuerst orientiert an quantitativem Wachstum und
der Maximierung der Gewinne. Demgegenüber hat das Korrektiv der sozialen
Marktwirtschaft versagt, wenn es überhaupt je ernsthaft angewandt worden
ist:
- denn die Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland ist dadurch gekennzeichnet,
daß der von allen geschaffene Reichtum - vor allem in Gestalt der Produktionsmittel
- in den Händen weniger konzentriert ist. Die Massen sind besitzlos geblieben.
- Zur Besitzlosigkeit der Massen ist jetzt seit bald zwei Jahrzehnten die
Massenarbeitslosigkeit getreten.
- Die Armut in unserer Gesellschaft wurde nie beseitigt und wird jetzt durch
neue Armut vergrößert: steigende Armut der Arbeitslosen, Sozialhilfeempfänger
und Rentner. In steigendem Maße sind alleinstehende Frauen betroffen.
Die Armut wird weiblich.
Unsere Wirtschaftsordnung und die ihr entsprechende Volkswirtschaftslehre sind
blind und taub gegenüber den arbeitslosen Männern, Frauen und den
hungernden Kindern, gegenüber der Verweigerung der Menschenrechte, gegenüber
dem Elend, der Armut und dem Ruin der Schöpfung. Kurz, sie verschließt
sich gegenüber allen Beschädigungen, Verletzungen und Zerstörungen
des Lebens.
2.
Gott will Gerechtigkeit für alle Menschen. Gottes Gerechtigkeit ist das
Geschenk der Gnade an uns zu einem freien Leben der Kinder Gottes durch die
Vergebung der Sünden. Gerechtigkeit Gottes ist zugleich die Macht Gottes
in der Gesellschaft zur Befreiung der Armen und aller Opfer ungerechter Strukturen.
Leben ist das erste Recht des Menschen und Gott ist der Liebhaber des Lebens
(Weish. 11,26).
Nach Gottes Wort ist die Gerechtigkeit wie eine lebensspendende Schöpfungsmacht.
Leben braucht Gerechtigkeit wie Nahrung und Wärme; darum ströme
das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach
(Am. 5,24). Darum schaue Gerechtigkeit vom Himmel (Ps. 85,12). Die
Sonne der Gerechtigkeit (Mal. 3,20), die das Leben erhält, gehe auf
über den Menschen.
Weil Gott Gerechtigkeit für das Leben will, ist der solidarische Kampf
gegen soziale Ungerechtigkeit als Option für die Armen im Worte Gottes
eine Selbstverständlichkeit. Der Schrei der Entrechteten und das Seufzen
der Armen soll nicht ungehört verhallen (Ps. 71,2). Gott steht auf, dem
Verachteten Heil zu bringen (Ps 12,6) und die Fesseln der Unterdrückten
zu lösen. Den Armen gehört das Reich Gottes; darum preist Jesus sie
glücklich. Jesus ruft uns zur Nachfolge: Niemand kann zwei Herren
dienen, ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Matth. 6,24).
Gott dienen heißt: Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten!
(Jes. 1,17). Gott verheißt uns einen neuen Himmel und eine neue Erde,
seine Schöpfung und sein Reich, darinnen Gerechtigkeit wohnt (2.Petr. 3,13).
Solche Verheißung gibt uns die Kraft zu sozialer Veränderung.
3.
Fast täglich machen wir die Erfahrung, daß uns wirtschaftliche Entscheidungen,
die der sozialen Gerechtigkeit widersprechen, als Sachzwänge
oder Eigengesetzlichkeiten dargestellt werden. Die ethische Dimension
des Wirtschaftens wird zu Unrecht weithin ausgeblendet. Wir müssen uns
mit Nachdruck vor Augen führen, daß unsere Wirtschaftsordnung auf
einer menschenunwürdigen Wertentscheidung, ja einem lebensfeindlichen Prinzip
beruht, daß sich in unserer Sozialgeschichte durchgesetzt hat und in der
Rechtsordnung verankert ist.
Das tote Kapital hat Vorrang vor der lebendigen Arbeit.
Diese ethische und rechtliche Festlegung besagt: die Unternehmermacht ist stärker
als die Macht der abhängig Beschäftigten. Die Verwertung des Kapitals
ist wichtiger als die Verwirklichung der Menschenwürde in der Arbeit. Betriebswirtschaftliche
Gewinne haben Vorrang vor dem Erhalt der Arbeitsplätze. Das Geld muß
arbeiten, darum müssen die Menschen arbeitslos werden. Die Produkte sind
wertvoller als die Produzierenden. Die Gegenstände werden veredelt, die
Menschen beschädigt. Das ökonomische Wachstum steht über dem
sozialen Wachstum und humaner Entwicklung.
Auf die Spitze getrieben, gründet unsere Wirtschaftsordnung auf einer
Ethik, nach der gilt: die Sachen herrschen über die Personen,
das Tote herrscht über das Lebendige, der Tod herrscht über das Leben.
Unsere Wirtschaftsordnung widerspricht in ihren ethischen Prinzipien, ihrer
Praxis und ihren Ergebnissen der Gerechtigkeit Gottes, den Bedürfnissen
des Menschen und den Lebensbedingungen der Schöpfung. Die Wirtschaftsordnung
soll um der Menschen willen da sein, nicht aber die Menschen um der Wirtschaftsordnung
willen. Unsere Wirtschaftsordnung muß den Lebensbedingungen der Schöpfung
angepaßt werden. Die Schöpfung darf nicht der Wirtschaftsordnung
geopfert werden.
Evangelische Theologie und Kirche haben keine eigene Wirtschaftsethik entwickelt,
auf die wir jetzt zurückgreifen könnten. Ohne je sozialethische Grundsatzentscheidungen
getroffen zu haben, ist die evangelische Kirche nach wie vor von ganzem Herzen
antisozialistisch und halbherzig kapitalismuskritisch. Unsere Kirche im
Kapitalismus verharrt in Bewußt- und Besinnungslosigkeit gegenüber
den ethischen Prinzipien des Wirtschaftssystems. Ohne eine Änderung
der Prinzipien unserer Wirtschaftsordnung mit dem Ziel des Vorranges der lebendigen
Arbeit vor dem toten Kapital läßt sich soziale Ungerechtigkeit unter
den Menschen nicht verringern und das Sterben der Schöpfung nicht aufhalten.
In der Enzyklika Laborem Exercens (1981) heißt es:
Man muß wohl vor allem ein Prinzip in Erinnerung rufen, das die
Kirche immer wieder gelehrt hat: das Prinzip des Vorranges der Arbeit gegenüber
dem Kapital ... Man muß den Primat des Menschen im Produktionsprozeß,
den Primat des Menschen gegenüber den Dingen unterstreichen und herausstellen.
Alles, was der Begriff Kapital - im engeren Sinne - umfaßt,
ist nur eine Summe von Dingen.
Man muß wohl auch konkret historisch daran erinnern, daß sich unser
Bundesland eine Verfassung gegeben hat, in der es sozialethisch eindeutig und
prinzipiell heißt: Im Mittelpunkt des Wirtschaftslebens steht das
Wohl der Menschen, der Schutz seiner Arbeitskraft hat Vorrang vor dem Schutz
materiellen Besitzes. Jedermann (jede Frau) hat ein Recht auf Arbeit (Art.
24 Landesverfassung NRW). Ein unserer Landesverfassung entsprechender Versuch
zur Gestaltung der Wirtschaftsordnung ist noch nicht unternommen worden.
4.
Alle sozialen Errungenschaften für die abhängig Beschäftigten
sind in der Sozialgeschichte unseres Landes demokratisch und/oder gesellschaftlich
erkämpft, aber auch immer wieder unter dem Druck wirtschaftlicher Macht
relativiert worden. Die Kirche hat an diesen Kämpfen meist an der Seite
der Herrschenden teilgenommen und erst in letzter Zeit versucht, die Rolle des
Mittlers zu spielen. Aber auch heute wagt sie noch nicht die Option für
die Armen, den Konflikt mit der Macht des Kapitals, weil sie Volkskirche
im Kapitalismus sein will. Die Minderheit der Männer, die die Macht des
Kapitals verkörpern, ist nicht unser Feind. Gott will gerade auch die Befreiung
dieser Männer vom Zwang der Kapitalherrschaft zum Dienst für das Leben
und Wohlergehen aller Menschen. Eine Welt des Mangels, des Hungers, der Armut
und des Todes bedarf auch ihrer Kreativität, Gestaltungskraft und praktischen
Fähigkeiten im Dienst sozialer Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung.
Die herrschenden Kräfte in Wirtschaft und Politik sehen nach wie vor in
wirtschaftlichem Wachstum den Königsweg zur Beschäftigung, zur Linderung
oder Lösung aller Probleme. Diese Auffassung ist eine lebensgefährliche
Illusion. Zur Lösung der Probleme stehen nicht Wachstumsfragen, sondern
Verteilungsfragen im Vordergrund.
- Im Kampf gegen Massenarbeitslosigkeit und Arbeitsplatzvernichtung machen
die Rationalisierungspotentiale neuer Technologien in Büro und Fabrik
eine neue Verteilung von Arbeit und Einkommen unerläßlich. Kürzere
Arbeitszeiten und damit Arbeit für alle bei Sicherung der Einkommen.
Diese Ziele erfordern neben der Politik der Arbeitszeitverkürzung neue
Wege der Einkommenssicherung (neben Lohn- und Gehaltseinkommen z.B. bedarfsorientiertes
integriertes Mindesteinkommen). Möglich wird ein neues Sozialmodell oder
ein anderes Lebensmuster, wenn gesellschaftlicher Reichtum mit immer weniger
menschlicher Arbeitskraft erzeugt werden kann. Der 6-Stunden-Tag in der 5-Tage-Woche
(z.B.) bei gesichertem Einkommen bietet Männern und Frauen die Möglichkeit
zur Erwerbstätigkeit und eine bessere strukturelle Voraussetzung für
eine gerechte Verteilung der Reproduktions- und Erwerbsarbeit unter den Geschlechtern.
Die Kosten dieses neuen Sozialmodells sind nicht von der Mehrheit der abhängig
Beschäftigten aufzubringen, sondern in erster Linie von Konzernen, Banken,
Versicherungen und den Besitzern einträglicher Vermögen und Beziehern
hoher Einkommen. Ohne eine Umverteilung von oben nach unten wird es keine
bessere Verteilungsgerechtigkeit geben. Unsere westfälische Landeskirche
nennt dies einen neuen sozialen Lastenausgleich.
Die Staatsausgaben für Zerstörungsmittel des Militärs und der
Großindustrie sind drastisch zu reduzieren zugunsten der Entwicklung
einer neuen gerechteren Verteilungsordnung von Arbeit und Einkommen.
- Die Fragen der internationalen sozialen Verteilungsgerechtigkeit lassen
sich womöglich leichter angehen, wenn die nationalen Verteilungsformen
neu umkämpft werden, denn es ist alles Geist von einem Geist, der die
Welt beherrscht.
Ein erster Schritt ist der Schuldenerlaß für die armen Länder.
Es ist nichts als eine bescheidene Rückgabe eines Teils des Reichtums,
den wir den Ländern der Zweidrittelwelt verdanken. Es ist ein erster
Schritt zur Entwicklung eines umfangreichen Entschädigungsprogramms,
das an die Stelle erfolgloser Entwicklungshilfepolitik treten muß. Eine
solche Rückverteilung von Nord nach Süd macht nun allerdings
Opfer aller Institutionen und der gesamten Bevölkerung nötig. Die
Rückverteilung darf keinen ungeschoren lassen.
Die westlichen Regierungen haben sich bisher mit Erfolg dagegen gewehrt, daß
das globale System der ungerechten Verteilung grundlegend geändert wird.
Unverändert bestimmen die Interessen der internationalen Konzerne und
Handelsorganisationen, der Großbanken, der wirtschaftlichen und politischen
Eliten der Zweidrittelwelt, was auf dem Weltmarkt geschieht. Mit dem Instrument
des INTERNATIONALEN WÄHRUNGSFONDS und der Weltbank halten die westlichen
Industrienationen viele Länder in wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeit
fest. Lösungen und Befreiung gibt es nur durch eine neue Weltwirtschaftsordnung.
- Wirtschaftliche Macht muß anders verteilt werden. So wie politische
Macht in vielen Bereichen demokratisch legitimiert, begrenzt, kontrolliert
und zurückgenommen werden kann, so muß in der künftigen Entwicklung
auch die Wirtschaft demokratisch durch die von ihr betroffenen Menschen legitimiert
und kontrolliert werden. Das gilt für Investitionen und Produkte, die
gesellschaftlich nützlich und ökologisch verträglich sein müssen
und geht hinab bis zur Mitbestimmung am Arbeitsplatz.
Eine Neuverteilung wirtschaftlicher Macht ist nötig, um die Wirtschaft
an den Grundbedürfnissen der Menschen, der sozialen Gerechtigkeit und
den Gegebenheiten der Biospäre zu orientieren.
- Südafrika ist der exemplarische Testfall für eine notwendige ethisch-humane
Neuorientierung und Bindung der Wirtschaft. Ökonomische Interessen haben
zurückzustehen hinter demokratisch humanen Zielen. Da das Apartheidsystem
gefördert und stabilisiert wird durch politisch-ökonomische Interessen
und Fakten westlicher Volkswirtschaften, ist deren Bekämpfung ein wichtiger
Bestandteil der Erschütterung des Apartheidsystems. Da ist der Rückzug
des Geldes aus Südafrika, sind Wirtschaftsboykott und Sanktionen nötig
als Beitrag zur Befreiung der Schwarzen, zumal Kirchen und politische Vertretungen
der Schwarzen dies von uns verlangen.
5.
- In und hinter den aktuellen und grundsätzlichen Verteilungskämpfen
ist mittlerweile deutlich geworden, daß unsere ökonomischen Systeme
letztlich nicht in der Lage sind, weltweit soziales und ökologisches
Leben zu erhalten und zu fördern. Die Ökonomie ist zur Macht über
Leben und Tod geworden und der staatlichen Kontrolle entzogen. Vor einer neuen
Weltwirtschaftsordnung, deren Verwirklichung eine Machtfrage ist, brauchen
wir auch eine tiefgreifende Erneuerung des ökonomischen Denkens. Das
wirtschaftliche Denken, das unter uns entstanden ist, hat den Kontakt verloren
zum menschlichen Zusammenleben und zu den Lebensbedingungen der Biosphäre.
Sozialistische Systeme sind keine attraktive Alternative zu unseren Erfahrungen
mit der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung. Der real existierende Sozialismus
ist außerordentlich unattraktiv, nicht zuletzt wegen seiner ökologischen
Blindheit. Eine ökologisch-soziale Wirtschaftsordnung und eine gerechte
Weltwirtschaftsordnung werden dann gefördert, wenn das ökonomische
Denken in den Dienst des Menschen gestellt und in die Lebenszusammenhänge
der Biospäre eingeordnet wird.
- Unsere Handlungsperspektiven führen uns an die Seite der Menschen,
die für Umverteilung, Rückverteilung und eine Erneuerung der Ökonomie
eintreten. Wir haben nicht die Macht, alles oder etwas zu ändern. Aber
wir sind sicher, daß immer mehr Menschen sich auf den Weg machen, und
wir haben die Gewißheit, daß dieser Weg der Gerechtigkeit in Richtung
und Linie der Gerechtigkeit Gottes in seiner Schöpfung und in seinem
Reich entspricht. Wir wollen konkrete Alltagspraxis: stärkere Beteiligung
an den lokalen Kämpfen gegen Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzvernichtung
und Zerstörung der Natur im kommunalen Nahbereich. Nach der Devise global
denken - lokal handeln kann es gemeinsame Grundansichten und verschiedene
lokale Konkretionen geben in der Auseinandersetzung mit wirtschaftlicher Macht.
Es ist richtig, daß wirtschaftliche Macht getroffen, die Änderung
der Verhältnisse auch eingeleitet werden kann, wenn immer mehr Menschen
ihre alltäglichen Konsumgewohnheiten verändern und wir bei uns selber
anfangen, einen einfacheren Lebensstil zu praktizieren. Der persönliche
Weg muß aber immer gekoppelt sein mit dem Kampf um Veränderung
der Strukturen.
Wolfgang Belitz
1989
weiter
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