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Katholische Bischöfe, Hirtenbrief zum Eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag, 1989


„Gerechtigkeit und Friede umarmen sich“ (Ps 85,11

Liebe Brüder und Schwestern, ... vor vier Monaten ging in Basel die Ökumenische Versammlung „Frieden in Gerechtigkeit“ zu Ende. Unvergeßlich bleiben die Schlußfeier und das Volksfest am Vormittag des Dreifaltigkeitssonntags. Die Versammlung war lange vorbereitet worden und hat im voraus große Hoffnungen geweckt. Sie wurde freudig miterlebt und stieß auf ein breites Echo. Viele kamen nach Basel, trafen mit Besuchern aus ganz Europa zusammen, folgten den Verhandlungen oder besuchten die vielen Ateliers und Ausstellungsstände.

Was soll aus der Basler Versammlung werden? Darüber möchten wir mit Ihnen am heutigen Bettag nachdenken. Denn am Bettag werden wir uns besonders auch unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewußt. In den Bettagshirtenbriefen betonen wir gewöhnlich die Pflichten der Christen für unser Land. Die Basler Versammlung fordert uns auf, weiter zu denken: wir sollen einsehen, daß die Christen nicht nur für die Zukunft ihres eigenen Landes, sondern für diejenige von ganz Europa verantwortlich sind. Und das christliche Europa muß mit der ganzen Welt solidarisch sein. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit, wenn reiche Völker die Natur skrupellos ausbeuten und dadurch das Leben armer Völker wie auch der künftigen Generationen gefährden. Die Basler Versammlung hilft uns zuerst einmal, gewisse Probleme besser zu verstehen.

Die Probleme

Wir verzichten darauf, ein vollständiges Bild der Probleme und der Bedrohung zu verzeichnen, die die heutige Menschheit gefährden. Vor genau fünfzig Jahren brach der Zweite Weltkrieg aus. Fünfundvierzig Jahre nach dem Ende dieser Katastrophe ist die Liste der inzwischen ausgetragenen regionalen Konflikte beängstigend lang. Es gibt viele Zeichen der Entspannung, aber Spannungen bleiben. Abmachungen zwischen Ost und West haben den Rüstungswettlauf teilweise gebremst. Es wird versucht, den Waffenhandel zu kontrollieren, u.a. in der Schweiz. Vor fünfundzwanzig Jahren hat das Zweite Vatikanische Konzil erklärt: „Mit der Fortentwicklung wissenschaftlicher Waffen wachsen die Schrecken und die Verwerflichkeit des Krieges ins Unermeßliche ... Das zwingt uns, die Frage des Krieges mit einer ganz neuen inneren Einstellung zu prüfen.“ In seinem Rundschreiben „Pacem in terris“ führte Johannes XXIII. aus: „Es ist in unserer Zeit, die sich des Besitzes der Atomkraft rühmt, sinnlos, den Krieg als geeignetes Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten.“ Die vom Konzil geforderte „anerkannte, öffentliche Weltautorität, die über wirksame Macht verfügt, um für alle Sicherheit, Wahrung der Gerechtigkeit und Achtung der Rechte zu gewährleisten“, besitzen wir noch nicht. Mit allen Menschen guten Willens müssen wir also für einen Frieden arbeiten, der mehr ist als das Ausbleiben von Krieg.

Das Schlußdokument der Basler Versammlung prangert die Ungerechtigkeiten an, die Gewalt nach sich ziehen und den Frieden bedrohen. Immer besser erkennt die Weltöffentlichkeit, daß die wachsende Verschuldung der wirtschaftllich schwachen Länder gerechte und weitblickende Maßnahmen erfordert, und dies im Interesse sowohl der Schuldner wie der Gläubiger. Die jüngste Enzyklika Johannes Paul II. zur Sozialfrage nimmt ein wichtiges Dokument der Päpstlichen Kommission Justitia et Pax „Ein ethischer Ansatz zur Überwindung der internationalen Schuldenkrise“ wieder auf. 1987 wurde eine Studie „L'Eglise et le problème de l’habitat“ derselben Kommission gut aufgenommen. 1988 folgte die eindrückliche Studie zum Thema „Kirche und Rassismus“. Zu diesen Stellungnahmen der Weltkirche kommen noch diejenigen vieler Bischofskonferenzen und zahlreicher christlicher Arbeitsgruppen zum Teil im Dialog mit anderen Gremien, die sich mit den Menschenrechten befassen.

Die 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution hat die Auseinandersetzung um die Menschenrechte neu belebt. Diese Menschenrechte kann man nicht erwähnen, ohne zugleich von den Pflichten des Menschen zu sprechen. Sicher ist die Wahrung und die Verteidigung der Menschenrechte auch der Kirche anvertraut. Die Kirche muß betonen, daß die Menschenrechte unabhängig von den je nach Zeit und Ort unterschiedlichen Formulierungen wesentlich dem Willen Gottes, des Schöpfers, entspringen, der den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat.

Gott hat die unsichtbare Welt geschaffen, zu der auch der zur Vollendung berufene Mensch gehört. Er ist aber auch der Schöpfer der sichtbaren Welt. Er steht zu seinem Werk. Wie der Mensch, so ist auch die Schöpfung durch die Sünde dem Verfall preisgegeben. Doch der erlöste Mensch harrt zuversichtlich des neuen Himmels und der neuen Erde. Die Welt hat ihre Vollendung noch nicht erreicht, die Gestalt dieser Welt vergeht, und doch ist das kommende Reich in ihr schon angedeutet. Diese Welt bejaht Gott heute wie am ersten Tag: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Gen 1,31).

Was unser Glaube dazu sagt

Gerechtigkeit, Friede, Bewahrung der Schöpfung: Das sind für uns Christen nicht Werte, die man aus einer rein menschlichen Sicht verwirklichen und fördern kann. Gerechtigkeit und Frieden erlangen wir letztlich nur mit Gott. In Jesus Christus allein ist Versöhnung, weshalb er allein sagen darf: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch“ (Joh 14,27). Aus eigener Kraft können wir Gottes Gerechtigkeit nicht verwirklichen, unser Gewissen und unser Herz nicht zur Ruhe bringen, den Weltfrieden nicht erhalten.

Was die vergängliche Welt betrifft, so „wartet (sie) sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,19-21). Diese Worte des Apostels Paulus standen im Mittelpunkt der theologischen Arbeit in Basel. Sie besagen klar: Aus eigener Kraft kann die Schöpfung ihr Ziel nicht erreichen, und sie kann ihr Heil nicht vom Menschen allein erwarten.

„Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament“ (Ps 19,2). Aber nur des Menschen Herz und Mund können dem Schöpfer das Lob zollen, das ihm wohlgefällt. Und zum Lob Gottes ist der Mensch nur befähigt, wenn er sich dem Geist erschließt, der für uns mit Seufzen eintritt, das wir nicht in Worte fassen können (vgl. Röm 8,26). Auf sich allein gestellt, verwechselt der Mensch oft die Gerechtigkeit mit dem bloßen Pochen auf seine Rechte. Er sagt Friede und meint „Nicht-gestört-werden“. Nachdem er jahrhundertelang den Kräften der Natur hilflos ausgeliefert war, benutzt er heute den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt auch zum Mißbrauch der Natur. Der Mensch ist für die ewige Herrlichkeit geschaffen: Er übersteigt daher die Natur, so wie er selbst seine Vollkommenheit nur in der liebevollen Hingabe an den ungeschaffenen, ewigen Gott finden kann. Die richtige Ordnung hat der Apostel Paulus klar umschrieben: „Alles gehört euch: ... Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott“ (1 Kor 3,22-23). Der Mensch ist „auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur“.

Engagement ist eine Pflicht

Wir müssen uns in den Dienst von Gerechtigkeit und Frieden stellen, und es ist unsere Pflicht als Geschöpfe, die Schöpfung Gottes zu achten und zu schützen. Dies bedeutet, Gottes Heilsplan zu bejahen und am Erlösungswerk Christi aktiv teilzuhaben. Als Christen wollen wir die Probleme der heutigen Zeit anpacken.

Gewiß, die Christen gelangen häufig zu voneinander abweichenden praktischen Folgerungen, wenn es um die Frage geht, mit welchen Mitteln eine gerechtere und geschwisterliche Gesellschaft erreicht werden kann. Ob es um die Landesverteidigung, die wachsende Anzahl der Asylbewerber oder um die Maßnahmen zum Schutz der Schöpfung geht: Die konkret vorgeschlagenen Lösungen für all diese Probleme können nicht unmittelbar aus dem Glauben abgeleitet werden. Die Erfahrung lehrt uns, daß sich die Geister nicht unbedingt am Glauben scheiden. Guten Glaubens setzen sich Christen wie Nichtchristen für verschiedene Lösungsmöglichkeiten ein.

Wir rufen das Konzil in Erinnerung: Es bezeichnet als Irrende jene, die meinen „so im irdischen Tun und Treiben aufgehen zu können, als hätte das gar nichts mit dem religiösen Leben zu tun. Diese Spaltung bei vielen zwischen dem Glauben, den man bekennt, und dem täglichen Leben gehört zu den schweren Verirrungen unserer Zeit.“ Das Konzil spricht sogar von einem Ärgernis. Ja, es wäre ein Ärgernis, würden wir uns nicht gerade wegen unseres Glaubens für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Manche Überzeugungen sind uns allen gemeinsam. Wir nennen nur einige, wobei wir uns auf kraftvolle päpstliche Lehraussagen stützen können, die Ihnen wohl bekannt sind: Nie mehr Krieg - Der neue Name des Friedens heißt Entwicklung und Solidarität - Rassismus ist eine Sünde - Es gibt keine Ausländer in der Kirche - Keine menschliche Macht darf die Gewissensfreiheit verletzen - Ökumene ist unverzichtbar - Noch hat die Frau den ihr zukommenden Platz in Kirche und Gesellschaft nicht erlangt - Jedes Leben ist heilig, von der Empfängnis bis zum Tod.

Ein Christ kann gewisse Positionen nicht vertreten: Er kann weder für die Abtreibung sein, noch die Verelendung von Kindern dulden, weder die Ausbeutung der Ausländer noch eine familien- oder frauenfeindliche Sozialordnung hinnehmen; weder kann er den Vorrang der Wirtschaft vor der Solidarität im Dienst am Frieden behaupten noch für einen unkontrollierten Waffenhandel eintreten oder dafür, daß Verfolgte bei uns kein Asyl erhalten sollen. Unmißverständlich hat Papst Paul VI. erklärt, der Christ sei verpflichtet, „seine politischen Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Evangelium zu sehen.“

Liebe Brüder und Schwestern, wir sind aufgerufen, mit den Christen der anderen Kirchen bei alldem zusammenzuwirken. In den letzten Jahrzehnten hat die Ökumene bei uns große Fortschritte gemacht, aber seit einiger Zeit wird den Bischöfen nachgesagt, sie bremsten die Ökumene. Wir sind völlig eins mit Papst Johannes Paul II., wenn wir mit all unseren Kräften eine großzügige und von Hoffnung erfüllte Ökumene fördern wollen. Dabei soll das, was uns schon eint, die Grundlage sein, und es darf nicht vertuscht werden, was uns leider noch trennt.

Wir wollen deshalb miteinander voll Freude, Vertrauen und gegenseitiger Ehrfurcht beten. Wir wollen mehr aufeinander hören. Vor allem aber wollen wir das gemeinsame Zeugnis unseres Glaubens an Jesus Christus immer besser miteinander ablegen, wie es in Basel geschehen ist, wo das Schlußdokument von den Delegierten aller europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und 120 christlicher Kirchen Europas (KEK) mit über 95% der Stimmen angenommen wurde. Daher bitten wir alle, die wichtigen Einsichten des Basler Dokuments zur Kenntnis zu nehmen und an ihrer Verwirklichung mitzuarbeiten. Ebenfalls werden wir mit großem Interesse ihre Weiterentwicklung an der Weltversammlung von Seoul im Jahre 1990 verfolgen.

Sehnsüchtig warten, die Hoffnung bewahren

Das gemeinsame christliche Zeugnis erfordert Demut und Geduld, aber auch Mut. Die Schwierigkeiten auf dem Weg der Ökumene und die Polarisierungen, die uns Katholiken in letzter Zeit große Mühe bereitet haben, entmutigen manche unter uns. Viele, vor allem junge Leute, meinen, von der Kirche nichts mehr erwarten zu können. Doch die von Papst Johannes Paul II. gestellte Aufgabe, Europa neu zu evangelisieren, weckt neue Hoffnung: Sich neu besinnen, die Mutlosigkeit, Resignation und Trauer überwinden, die so manche beklagen - das vermögen wir Christen doch! Dann können wir auch Gottes Liebe glaubwürdiger und konkreter verkünden und echte Zeichen setzen: Selbstbeschränkung im Streben nach Wohlstand, vermehrtes Teilen, Hör- und Dialogbereitschaft, Minderung der Spannungen, Achtung der Minderheiten, Solidarität mit Osteuropa und mit anderen Teilen dieser Welt - das halten wir doch für möglich! Das starke Echo auf die Basler Versammlung ist ein Zeichen dafür. Um aber das alles zu verwirklichen, bedürfen wir der Gnade Gottes. Unsere Anstrengung gründet in der Hoffnung. Man hat viel vom gemeinsamen „Haus Europa“ gesprochen. Uns ruft der Psalmist zu: „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut“ (Ps 127,1).

Liebe Schwestern und Brüder, die Versammlung von Basel war der erste Schritt eines Prozesses, den wir voller Hoffnung Gott anvertrauen. Jedem von ihnen, Ihren Familien und Gemeinschaften geben wir weiter, was wir voller Hoffnung in Basel gesungen haben: „Hören wir, was Gott der Herr uns sagt: Frieden und Gerechtigkeit umarmen sich.“ Wir grüßen und begleiten Sie auf ihrem Weg für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung mit dem Segen Gottes.

Die Schweizer Bischöfe
November 1989

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