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Deutscher Evangelischer Kirchentag in Berlin (Ergebnis am Samstag 10.6.1989, Halle 1), 1989


Im Namen der Jury ergeht folgendes Urteil:

Die in kirchlichen Entscheidungsstrukturen Verantwortlichen werden dazu verurteilt, die bisherigen Ergebnisse der konziliaren Versammlungen als erste Priorität auf ihre Tagesordnungen zu setzen.

Die Gruppen und Initiativen werden dazu ermutigt, die Einlösung der theologischen und praktischen Ergebnisse einzufordern und neue prophetische Zeichen zu setzen.

Dabei ist der Jury bewußt, daß sich die Ergebnisse des konziliaren Prozesses in Europa in seiner weltweit-ökumenischen Fortsetzung erst noch bewähren müssen.

Die Kirchen müssen ihre Kompetenz stärken, die globale Krise wahrzunehmen, zu beurteilen und in ihr verantwortlich als Kirchen zu handeln. Dazu ist Widerstand gegen todbringende Gewalten unumgänglich.

Die Zeit drängt. Und der Prozeß ist überlebenslang. Um das uns jetzt Mögliche tun zu können, müssen wir das Risiko wagen. Der konziliare Prozeß ist zur Fortsetzung verurteilt. Eine Revision dieses Urteils wird nicht zugelassen.

Begründung:

1. Woher wir kommen ...

Wir sind Kinder einer europäischen Gewalttradition. Die Geschichte vieler Jahrhunderte hat gerade uns in Europa Muster der Dominanz, der Vernichtung und Ausbeutung, der Unterdrückung und Selbstgerechtigkeit, der Absicherung eigenen Vorteils und der Abschreckung anderer angewöhnt.

Wir kommen her von Kreuzzügen und Hexenverfolgung, von Inquisition und Welteroberung. 1992 jährt sich zum 500. Mal der Beginn des europäischen Dominanzanspruchs über den ganzen bewohnten Erdkreis. Er berief sich auf den christlichen Missionsauftrag. 50 Jahre erst ist es her, daß der Faschismus Europa und große Teile der Welt mit Krieg und Zerstörung überzog. Und die Gaskammern organisierter Massenvernichtung halten keinen historischen Vergleich aus.

Der europäischen Gewalttradition widersprechen zwar immer auch Gegenmodelle von Freiheits- und Sozialbewegungen. Aber sie brachen sich zu oft an der Macht des Faktischen.

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit forderte die französische Revolution vor 200 Jahren. Und vor rund 70 Jahren sollte sich mit der russischen Revolution soziale Gerechtigkeit verwirklichen. Doch die Realität wurde von Guillotine und Gulag durchwirkt.

2. Wo wir sind ...

Auch unsere gegenwärtige globale Krise ist mit den Mustern der europäischen Gewalttradition verbunden:

  • mit einem Menschenbild, das die Gottebenbildlichkeit des Menschen als Frauen und Männer unterdrückt hat und die Menschenwürde ökonomischen und machtpolitischen Zielen unterwirft,

  • mit einem Verständnis von Ökonomie, das auf den eigenen Vorteil um jeden Preis baut, das die Mehrheit der Menschen in Hunger, Arbeitslosigkeit und Verschuldung treibt und die natürlichen Lebensgrundlagen aller verwirtschaftet,

  • mit einem Sicherheitsverständnis, das mit Massenvernichtung und nuklearem Winter spielt und verschlingt, was die Mehrheit zum Leben braucht,

  • mit einem Naturverständnis, das Ausbeutung, Vernichtung und Verschwendung zur Grundlage der Produktion macht, Restrisiken hinnimmt, die uns den Rest geben könnten und sich an die Stelle der Schöpfung setzt.

3. Wohin gehen wir ...

In Europa sind wir nun Zeugen der rasanten Verwirklichung von zwei neuen Zukunftsentwürfen. Perestroika und Glasnost verändern den Osten und wecken Hoffnung. Im Westen wird ein einheitlicher Markt vorbereitet. Beide Entwürfe sind ökonomisch motiviert. Aber beide werden mehr als ökonomische Auswirkungen haben.

Welche Vorstellungen transportieren sie? Welche Praxis haben sie zur Folge? Werden der ungebrochenen Dominanz des Ökonomischen soziale und ökologische Bewegungen geopfert? Setzt sich die Spaltung des Kontinents vom Militärisch-Politischen ins Ökonomische fort? Und vor allem: Werden die Strukturen globaler Ungerechtigkeit zementiert?

Neues Denken propagiert der Osten. Und der Westen? Produziert er mehr als größere, neue Schläuche für den alten Wein?

4. Von Kain auf dem Weg zu Abel ...

Kirchen haben der europäischen Gewalttradition nicht - und wenn nur unzulänglich - widerstanden. In selbstverschuldeter babylonischer Gefangenschaft haben sie sich oft arrangiert und ihren eigenen Vorteil gesucht. Sie sind Teil eines Schuldkomplexes, der die Glaubwürdigkeit ihrer frohen Botschaft für die Armen, Friedfertigen und die Befreiung der ganzen Schöpfung unterhöhlt.

Deshalb haben Buße und Umkehr nicht nur eine individuelle und politische, sondern auch eine ekklesiologische Dimension. Wenn der gegenwärtige Reorientierungsprozeß in unseren Kirchen „konziliar“ genannt werden soll, muß er zu einem Prozeß radikal-befreiender Kirchenreform werden.

Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung sind die biblisch begründete Vision einer Welt, in der das Gegenteil heute die Überlebenskrise heraufbeschwört. Herkommend von Kain müssen wir uns auf den Weg zu Abel machen.

5. In unseren Kirchen hat sich etwas bewegt ...

Aber haben sich die Kirchen bewegt? Lokale, nationale und europäische Versammlungen haben erstmals kirchliche Folgerungen angesichts der globalen Krise in Worte zu fassen versucht.

Die Tendenz ist klar. Sie enthält:

  • die Absage an ein Weltwirtschaftssystem, das die Reichen reicher und die Armen ärmer macht,

  • die Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung, die die Erforschung, Produktion, Lagerung und den Einsatz von Massenvernichtungswaffen beinhaltet,

  • die Absage an die endgültige Verwirtschaftung der Schöpfung, sei es durch Verschwendung, Vergiftung oder irreversible Folgen moderner Technologien.

Sie enthält die Verpflichtung, daß Kirchen auf Seiten derer zu finden sind, die in Teilen und Teilhaben, in Sicherheit aus Vertrauen, im treuhänderischen Umgang mit dem uns Anvertrauten neue Lebensmuster entdecken und verwirklichen müssen.

Als erstes Ergebnis des konziliaren Prozesses gehört diese Verpflichtung nun zur Auslegungspraxis des kirchlichen Verkündigungsauftrages, selbst dann, wenn sie in und von einzelnen Kirchen immer wieder in Frage gestellt wird.

Doch ist dies nur die eine Hälfte des Prozesses. Die andere Hälfte erfordert, das Wort Tat werden zu lassen, es in der Lebenspraxis von Christinnen und Christen, der Gemeinde und der Sozialgestalt der ganzen Kirche zu verankern.

Hier stehen denen, die aktiv werden, ähnliche Kämpfe bevor wie den Südafrikagruppen bei der Bankenfrage. Dieses Beispiel zeigt, wie sich der Satz „Rassismus ist Sünde“ auf dem Weg zur Tat konkretisieren kann und muß. Solche Konkretisierung steht in vielen Bereichen des konziliaren Prozesses noch aus, vor allem da, wo angenommen wird, man habe ihn schon hinter sich.

Die Einlösung dieser Konkretisierung gilt bei der Bankenfrage immer noch, auch für den Kirchentag selbst.

6. Die prophetischen Zeichen stärken ...

Bis jetzt hat der konziliare Prozeß von denen gelebt, die Aktion gegen Administration, Vision gegen Kalkulation, Widerspruch gegen Indifferenz gesetzt haben. Gruppen und Initiativen, Netzwerke und Geschwisterschaften, ja selbst traditionelle kirchliche Werke und Verbände und Ortsgemeinden sind durch den konziliaren Prozeß aufeinander zugegangen. Aber es steht noch aus, daß sie sich gemmeinsam als neue Bürgerrechts- und Laienbewegung über Konfessionen und Grenzen hinweg entdecken. Diese Laienbewegung steht für die Verbindung von Glaube und Politik, Verkündigung und Praxis, Kirche und Welt. Seit Beginn der 70er Jahre trägt sie bei uns den Kirchentag. Sie muß nun auch zum Weiterträger des konziliaren Prozesses bis zur Praxis in unseren Kirchen werden.

Frauen spielen in dieser Bewegung eine entscheidende Rolle. Sie haben ein grundsätzlich kritisches Verhältnis zu den patriarchalen Mustern von Dominanz und Selbstgerechtigkeit. Denn sie gehören in der Geschichte der europäischen Gewalttradition zu den Opfern eines ungebrochenen Sexismus. Deshalb ist ihre Sensibilität Anklage und Hilfe zu neuer Praxis zugleich.
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind überlebenswichtig und erfordern überlebenslanges, d.h. über mehrere Generationen not-wendiges Engagement.

Weiterträger des Prozesses sind die, die nach uns kommen. Sie haben Hypotheken abzutragen, die wir nicht verhindert haben. Wir schulden ihnen Erklärung und Aufmerksamkeit für ihre Kritik. Die Hoffnung, die wir in sie setzen, entschuldigt uns jedoch nicht.

7. Die Hoffnung geht lernen ...

Konziliare Prozesse, die Leben und Überleben befördern, sind wichtiger als das Warten auf ein Konzil, das das alles entscheidende Wort verabschiedet. Wenn die Hoffnung gehen lernen soll, muß sie ökumenisch lernen gehen. Das heißt, den Kontext immer wieder konfirmierter Selbstverständlichkeiten zu verlassen und sich auf die befreiende Herausforderung der Ökumene einlassen. Kirchen sollten zu Modellen interkulturellen Lernens in einer weltweiten visiting community werden. Wir müssen die Möglichkeiten der interkonfessionellen und interkulturellen Begegnung verbreitern.

Noch ist die Öffnung der Grenzen selektiv. Freie Fahrt für die, die kaufen und verkaufen können. Geschlossene Schranken für die, die nichts als überleben wollen. Die Praxis und die geplante Aushöhlung des Asylrechts sind Ausdruck wiedererstandener Festungsmentalität gegen den armen Rest der Welt. Wahlerfolge rechtsreaktionärer Parteien in ganz Westeuropa stützen sich auf die Mentalität der Ausgrenzung.

Die alten Handlungsmuster sind immer noch am Werk. Die Drohung mit einer neuen, einseitigen Nachrüstung, die Europa und vor allem uns aufgezwungen werden soll, folgt ihnen. Aber die Reaktion darauf zeigt, wie sich Mehrheiten in nur fünf Jahren verändern können.

500 Jahre offener und struktureller Gewalt in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen verlangen nach 50 Freijahren, damit alle wieder „zu dem Ihren kommen können“ (3. Mose 25,13). Sind wir zu diesem Moratorium über zwei Generationen bereit? Eine Entschuldung ist das Mindeste, aber nur der erste Schritt. Erst wenn wir statt von Entwicklungshilfe von Wiedergutmachung sprechen können, laßt uns über Gerechtigkeit reden.

Wir schlagen vor, unsere Kirchen unter Einschluß ihrer Finanzen von Repräsentanten der Kirchen der Dritten Welt und Solidaritätsgruppen hier regelmäßig visitieren zu lassen.

Die Vergiftung und Ver-Wüstung des Planeten geht weiter. Die Brandopfer aus Schlot, Auspuff und Tropenwald werden nicht gnädig angesehen (1. Mose 4,5). Sie kommen als saurer Regen, Treibhauseffekt und Hautkrebs wieder auf uns herab. Die Frage, was wir tun können, muß die Frage einschließen, was wir unterlassen müssen. Die Frage stellt sich da, wo wir leben und arbeiten. Sie stellt sich an uns als Person und Bürger/in, stellt sich individuell und politisch.

Wir sind auf einem langen Weg von der Einsicht zum Handeln und wir haben wenig Zeit. Doch wo unsere Hoffnung ökumenisch lernen geht, ist der Status quo nicht zu halten.

8. Der Bund der Kirchen braucht säkulare Verbündete ...

Der konziliare Prozeß in unseren Kirchen hat bisher wenig direkte sichtbare Resonanz in Politik und Gesellschaft gefunden. Sicher sind es hier wie da die gleichen Probleme, auf die wir uns beziehen. Aber die Interessen sind unterschiedlich und produzieren Konflikt und Polarisierung.
Wo sich der konziliare Prozeß als innerkirchliche Veranstaltung versteht, und diese Konflikte scheut, drohen sich die Kirchen von der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu entfernen. So mögen sie recht behalten und bleiben doch wirkungslos. Der Platz der Kirchen ist da, wo es um die härtesten Probleme zu streiten gilt. Konziliarer Prozeß und gesellschaftlicher Diskurs müssen sich verschränken.

Hier beweist sich, ob die parteiliche Option für die Armen Lippenbekenntnis ist oder praktisch wird.

Selbst wo die Kirchen sich einig sind, fängt die Auseinandersetzung mit den Mächtigen in Industrie und Politik erst an. Wo immer Parteien, Gewerkschaften und gesellschaftliche Gruppen zu erkennen geben, daß sie sich ernsthaft dem Diskurs zu stellen bereit sind, können wir uns keine Berührungsängste leisten.

9. Für eine gesamteuropäisch-ökumenische Vision ...

Nach Basel müssen wir auf einen gesamteuropäisch-ökumenischen Kirchentag in Permanenz zugehen. Wir können, weil Basel gezeigt hat, daß er möglich ist. Und wir müssen, weil die Bedrohungen des Lebens an politischen und konfessionellen Grenzen nicht halt machen. Die gegenwärtigen Entwicklungen in Ost und West erfordern einen kontinuierlichen gesamteuropäischen Reflexions- und Verständigungsprozeß zwischen den Kirchen.

Basel trug alle Elemente eines solchen Kirchentags in sich. Die Zukunftswerkstatt Europa versammelte 120 Basisgruppen und Initiativen. Rund 30 kirchliche Organisationen und Institutionen, die bereits auf europäischer Ebene arbeiten, schlossen sich erstmals zu einem Netzwerk für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zusammen, um die Hearings zu veranstalten. Dies ist der Beginn einer neuen Laienbewegung, die lokales und europaweites Engagement miteinander verbindet.

Basel wird nur gerecht, wer es als Anfang begreift. Es hat eine neue Ebene interkonfessioneller und interkultureller Verbindlichkeit geschaffen. In ihr liegt die Chance für die Kirchen Europas, der Versöhnung der Völker in Ost und West zu dienen. Und in ihr liegt die Chance, die militärische Drohung gegenseitiger Vernichtung als Anachronismus zu entlarven, weil in der Begegnung der Menschen Sicherheit aus Vertrauen wächst.

10. Europa darf sich nicht auf sich selbst zurückziehen ...

Der konziliare Prozeß war von Anfang an von seinem Anspruch her ein weltweit ökumenischer Entwurf. Es scheint Tendenzen zu geben, die Bedeutung der Weltversammlung in Seoul schon im Vorfeld zu relativieren. Der Vatikan hält an seiner Beschränkung der Beteiligung fest. Und im Ökumenischen Rat gibt es Stimmen, die Seoul zu einem Vorbereitungstreffen der Vollversammlung in Canberra machen. Dagegen halten wir fest:

Die Versammlung in Seoul wäre die erste Möglichkeit für die Kirchen des Südens, sich nach Vancouver im konziliaren Prozeß gemeinsam zu artikulieren. Ohne dies bleibt er eine europäische Veranstaltung. Die Kirchen in Asien, Afrika und Lateinamerika müssen die Gelegenheit der authentischen Teilhabe am konziliaren Prozeß erhalten. Alles, was Seoul in seiner Bedeutung relativiert, untergräbt den ökumenischen Dialog.

Das Problem weltweiter Gerechtigkeit ist zum Schlüsselthema des konziliaren Prozesses geworden. Es berührt einen Schuldzusammenhang, den auch unsere neuen Zukunftsentwürfe kaum zu thematisieren wagen. Teilen und Teilhabe hat auf der Tagesordnung der ökonomisch Mächtigen noch keinen Platz. Die Ökumene der Solidarität wächst nur durch solidarische Praxis. Wenn sie nicht in und zwischen den Kirchen beginnt - wo denn sonst?

Laßt uns zurückgehen in unsere Gemeinden, Gruppen und Institutionen im Bewußtsein, daß der konziliare Prozeß unser Engagement braucht, um ihn weiterzubewegen. Laßt uns die Weiterbewegung zu unserem Alltag machen. Da gehört sie hin. Da wird sie wirklich.

Laßt uns aber auch zurückgehen in dem Bewußtsein, uns wieder zu versammeln, um unser Engagement öffentlich zu bekräftigen. Es gibt viele Stationen. Wir können einander nicht loslassen, weil es um alle und alles geht, um die ganze bewohnte Erde, die Oikumene. Und wir können einander festhalten, weil wir um die Alternative unseres Glaubens wissen.

Der Prozeß um den Prozeß ist beendet. Der konziliare Prozeß geht weiter.

Der Jury gehörten an: Dr. Fritz Erich Anhelm (Bad Boll), Dr. Marita Estor (Bonn), Christina Jones (Rostorf), Madeleine Strub-Jaccoud (Bern)

Deutscher Evangelischer Kirchentag in Berlin im Juni 1989
(Samstag 10.6.1989, Halle 1)
Berlin, den 10. Juni 1989

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