Europäische Naturwissenschaftler, Empfehlungen anläßlich der Ökumenischen Versammlung "Frieden in Gerechtigkeit" in Basel 15.-21. Mai 1989, "Basler Manifest", 1989
Die zweite Sintflut droht
Die augenblickliche Erwärmung der Erde ist unnatürlich und vom Menschen
verursacht. Wächst sie weiter wie bisher, so werden unsere Enkel eine zweite
Sintflut erleben: Die Eiskappen der Pole werden abschmelzen und Staaten wie
Bangladesch werden überflutet werden; fruchtbare Gebiete in subtropischen
Ländern werden versteppen, die natürlichen (borealen) Wälder
des hohen Nordens werden absterben. Durch den unkontrollierten Ausstoß
von Kohlendioxyd und anderer Spurengase - insbesondere von Fluor-Chlor-Kohlenwasser-stoffen
(FCKWs) und Methan - wird der schützende, natürliche Treibhauseffekt
unserer Atmosphäre in gefährlicher Weise verändert. Dabei ist
die Verbrennung fossiler Brennstoffe, also von Kohle, Öl und Erdgas, das
größte Problem. Wenn eine Klimakatastrohe verhindert werden soll,
muß dieser Entwicklung jetzt Einhalt geboten werden.
In Übereinstimmung mit den Warnungen deutscher Meterologen und Physiker
sowie mit der Empfehlung der Weltkonferenz The Changing Atmosphere
in Toronto 1988 treten wir dafür ein, daß der Verbrauch fossiler
Energien bis in spätestens 50 Jahren weltweit auf ein Drittel abgesenkt
wird. Um dieses Ziel zu erreichen, muß Europa eine Vorreiterrolle übernehmen.
Denn die Industrienationen - ein Fünftel der Menscheit - sind verantwortlich
für die Hälfte der Emission von CO2 und den Großteil der Emission
von FCKWs. Nach dem Verursacherprinzip müssen sie einen überproportionalen
Beitrag zu den erforderlichen Einschränkungen erbringen. Notwendig sind
dementsprechend:
Zwei Europäische Konventionen
1. Produktionsverbot für FCKW
Ein Verbot der Produktion von Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffen ist die einzige
Möglichkeit, schnell eine Minderung des Treibhauseffektes zu erreichen.
Das Verbot dieser Chemikalien ist zudem dringlich, weil sie die Ozonschicht
der Erde in gravierender Weise abbauen. Die Ozonschicht ist der natürliche
Filter gegen die schädliche UV-Strahlung der Sonne. Unabhängig vom
Treibhauseffekt der Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe wäre deshalb ihr weiterer
Ausstoß ein unverantwortliches Experiment: Durch vermehrte UV-Strahlung
auf der Erdoberfläche würden sämtliche biologische Organismen
geschädigt. Eine Unterbrechung der Nahrungskette wäre zu befürchten.
2. Begrenzung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe
Eine europäische Übereinkunft sollte die jährliche Reduktion
des Verbrauchs fossiler Brennstoffe regeln. Dabei muß das verbindliche
Ziel sein, daß in 25 Jahren - also im Jahr 2015 - jeder Einzelne nicht
mehr als 1 Tonne Steinkohle pro Jahr verbraucht.
Die Maßeinheit eine Tonne Steinkohle entspricht 870 l Heizöl. Gemeint
ist der fossile Teil der Primärenergie einschließlich aller indirekten
Anteile durch Inanspruchnahme von öffentlichen Dienstleistungen, Industrieprodukten
usw. Das bedeutet eine starke Reduktion gegenüber dem heutigen Verbrauch
von durchschnittlich 3 1/2 Tonnen Steinkohleneinheiten in Europa. Zu unserem
gesamten Primärenergieverbrauch von 4 1/2 Tonnen Steinkohleneinheiten tragen
die nicht-fossilen Energieträger, d.h. die erneuerbaren Energien und die
Kernenergie mit ca. 1 Tonne prozentual nur wenig bei.
Das angegebene Ziel läßt sich nur mit großen Anstrengungen,
der massiven Förderung neuer Technologien und geeigneten staatlichen Maßnahmen
erreichen. Eine Verteuerung der Energie würde kurzfristig für unsere
Wirtschaft schwierig sein, langfristig jedoch würde die Entwicklung neuer
Technologien unsere Stellung auf dem Weltmarkt stärken.
Richtwerte für die zukünftige Energieversorgung in Europa
Wir schlagen vor:
- Der Energiebedarf ist durch effiziente Nutzung zu halbieren.
Energieeinsparung in Industrie, Haushalt und Verkehr hat die erste Priorität
bei der Suche nach Lösungswegen zur Senkung des fossilen Energieverbrauches.
Mit staatlichen Rahmenbedingungen und zielgerichteten Maßnahmen läßt
sich das Einsparziel in der angegebenen Übergangszeit für fast alle
unsere Bedürfnisse erreichen.
- Die gesamte Primärenergie (d.h. einschließlich Kernenergie und
aller erneuerbaren Energiequellen) sollte pro Kopf und Jahr das Äquivalent
von drei Tonnen Steinkohleneinheiten nicht übersteigen.
Der Beitrag der nicht-fossilen Energiequellen zur europäischen Energieversorgung
sollte daher 2 Tonnen Steinkohleneinheiten betragen, d.h. im Vergleich zum
heutigen Wert verdoppelt werden. Höchste Priorität haben Sicherheit,
Umweltverträglichkeit und Flexibilität der Energieversorgung.
Dementsprechend empfehlen wir - auch im Interesse der Dritten Welt - einen
starken Ausbau der regenerativen Energiequellen und insbesondere der Solarenergie.
Das erfordert nicht nur eine stärke Förderung zukünftiger Technologien,
sondern auch eine wirkungsvolle staatliche Unterstützung für Großproduktion
und Markteinfühung. Der nationale Aufwand könnte durchaus 1-2 %
des jeweiligen Bruttosozialprodukts betragen. Auch bei einer hohen Subventionierung
sind aber dem Ausbau der Sonnen- und der Windenergie im Rahmen der heute absehbaren
Verfahren noch Grenzen gesetzt. Das Äquivalent von einer Tonne Steinkohleneinheit
markiert das bei großen Anstrengungen erreichbare Maß.
Auf Kernenergie kann daher vorerst im europäischen Rahmen nicht verzichtet
werden. Aber auch im Kernenergiebereich müssen neue Technologien Vorrang
haben. Kleinere Reaktoren lassen sich mit inhärenten Sicherheiten und
mit extremer Schadensbegrenzung bei einer Freisetzung bauen. Sie können
dezentral und in der Nähe von Städten zur Fernwärme-Nutzung
betrieben werden. Außerdem können durch Verwendung keramischer
Brennelemente Probleme der Endlagerung sowie der Proliferation weitgehend
vermieden werden. Unter diesen Bedingungen kann die Kernenergie europaweit
etwas mehr als im bisherigen Umfang genutzt werden. Damit ergibt sich:
- Als mittelfristiges Ziel für die europäische Energieversorgung
im Jahr 2015 ist eine Gleichverteilung der verschiedenen Energieträger
anzustreben. Von dem gesamten Primärenergieeinsatz sollte also je eine
Tonne auf die fossilen Energien, die Kernenergie und die erneuerbaren Energiequellen
entfallen. Für die Energieversorgung in der Mitte des nächsten Jahrhunderts
bleibt zu bedenken, daß die CO2-Emission noch weiter reduziert werden
muß.
Globale Probleme
Die weltweite Umstrukturierung der Energieversorgung bedingt eine umfassende
Kooperation zwischen den Industrieländern und dem übrigen Teil der
Welt in Form von Know-how-Transfer, direktem Technologietransfer sowie zweckgebundener
und großzügiger Kreditgewährung. Die Energeisparpotentiale können
so am schnellsten und günstigsten genutzt werden. Aber selbst dann wiegen
die Probleme für Asien und die südlichen Länder besonders schwer:
Da die dortige Bevölkerung in absehbarer Zeit weiter wachsen wird, lassen
sich nationale Obergrenzen für den Ausstoß von Kohlendioxyd derzeit
nicht auf der Basis eines Pro-Kopf-Verbrauches festlegen. Andererseits wäre
eine Klimaveränderung gerade für diese Länder besonders verheerend.
Es ist deshalb dringlich, daß menschlich erträgliche Wege gefunden
werden, dem Bevölkerungswachstum bald Einhalt zu gebieten. Es muß
die Einsicht um sich greifen, daß die verfügbare Energie für
ein menschenwürdiges Leben auf der Welt stärker begrenzt ist als der
Reis oder der Weizen. Dazu kommt, daß mit wachsender Weltbevölkerung
notwendigerweise eine Steigerung der Emission von Methan einhergeht. Der heutige
Beitrag des Methans zur Erwärmung der Erde ist bereits ebenso groß
wie der der FCKWs. Um die Klimakatastrophe zu vermeiden, ist weltweit
aller Voraussicht nach ein Pro-Kopf-Verbrauch von einer Tonne Steinkohleneinheit
an fossiler Energie nur vertretbar, solange die Weltbevölkerung sieben
Milliarden Menschen nicht übersteigt.
Klimakatastrophe durch Atomkrieg?
Trotz aller drohenden Klimaveränderungen ist die größte akute
Gefahr für die Menschheit immer noch der mögliche Klimaschock durch
den Ausbruch eines nuklearen Winters infolge eines unbeabsichtigten Atomkrieges.
Neue Rechnungen haben gezeigt, daß die seit 1983 bekannten bzw. abgeschätzten
Gefahren unverändert ernst genommen werden müssen. Nach einem atomaren
Schlagabtausch würden Kälte, Ernteausfall, Hunger und Seuchen für
Menschen und Vieh das Überleben auf der Nordhalbkugel weitgehend unmöglich
machen. Dabei läßt sich die Möglichkeit eines ungewollten Atomkrieges
aufgrund von technischem und menschlichem Versagen praktisch nicht ausschließen.
Angesichts dieser Gefahren ist eine drastische Reduzierung des weltweiten nuklearen
Waffenarsenals dringend geboten. Politische Vorschläge für Radical
Weapon Cuts sind in Ost und West gemacht worden, sie müssen aber
auch umgesetzt werden. Spätere Generationen werden die heutige nukleare
Bewaffnung ohnehin als selbstmörderisch und als nutzlose Verschwendung
ansehen.
Bitten an die Kirchen Europas
Angesichts der drohenden Klimagefahren für unsere Erde rufen wir die Kirchen
und Kirchenleitungen auf, für eine Umkehr und für eine Vorreiterrolle
Europas beim nationalen und persönlichen Energieverbrauch, sowie bei der
Reduzierung aller Spurengase wirkungsvoll einzutreten.
Als ersten Schritt fordern wir die KEK und die CCEE auf, im Jahre 1990 die
Genfer Konferenz zur Revision des Protokolls von Montreal kritisch zu begleiten.
Sie können mit ihrer ganzen Autorität ein Verbot der Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe
in Europa verlangen. Die Kirche kann mithelfen, Regelungen für einen schnellen
Übergang zu einem weltweiten Verbot zu finden, wobei die Situation der
Entwicklungs- und Schwellenländer hinsichtlich der Ersatzstoffe in gerechter
Weise berücksichtigt werden muß.
Mittelfristig ist die Kirche aufgerufen, in der Öffentlichkeit die Akzeptanz
für notwendige Maßnahmen zu fördern, die - wie z.B. eine spürbare
Energiesteuer - zur Durchsetzung einer sparsamen und umweltfreundlichen Energienutzung
führen können. Auch könnte die Kirche nach ethischen Maßstäben
ein langfristiges Ziel setzen - z.B. gleiche Anteile am fossilen Energieverbrauch
für jeden Weltbürger.
Schließlich ist sie aufgerufen, mit ganzem Einsatz und viel Phantasie
dazu beizutragen, daß das gerade im Hinblick auf den Treibhauseffekt äußerst
bedrohliche Bevölkerungswachstum auf der Erde ein Ende nimmt.
Angesichts des unvorstellbaren Gefahrenpotentials der aufgestapelten Nuklearwaffen
fordern wir die Kirchenleitungen in Europa auf, sich rückhaltslos für
eine weltweite radikale und unverzügliche Reduzierung der Nuklearwaffen
einzusetzen. Im übrigen sollte der vielfach verlangte und auch von der
Physikalischen Gesellschaft geforderte Atomwaffenteststopp allgemein unterstützt
werden.
Das Manifest von Basel wird getragen von der
Arbeitsgruppe Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft
(DPG)
Prof. Dr. P. Stichel, Bielefeld, Leiter der Arbeitsgruppe Energie
Die in dem Manifest erwähnten Empfehlungen an die Europäischen
Kirchen werden unterstützt von folgenden Wissenschaftlern:
Prof. Dr. A. Berezin, Physiker, Leningrad
Prof. Dr. P. Crutzen, Chemiker, Mainz, Chicago
Prof. Dr. P. Fabian, Meteorologe, München
Prof. Dr. K. Heinloh, Physiker, Bonn
Prof. Dr. S. P. Kapitza, Physiker, Moskau
Prof. Dr. R. Kümmel, Physiker, Würzburg
Prof. Dr. G. Marx, Physiker, Budapest
Prof. Dr. Y. Petrov, Physiker, Leningrad
Prof. Dr. K. K. Rebane, Physiker, Tallinn
Prof. Dr. C. D. Schönwiese, Meteorologe, Frankfurt a.M.
Prof. Dr. M. Siegenthaler, Physiker, Bern
Prof. Dr. K. Schultze, Physiker, Aachen
Prof. Dr. J. P. Stroot, Physiker, Vizepräsident des Instituts für
Friedensforschung in Genf
Prof. Dr. A. Tartaglia, Physiker, Turin
Prof. Dr. W. C. Turkenburg, Physiker, Utrecht
Prof. Sir F. Warner, Chemiker, Universität von Essex
Prof. Dr. R. Zellner, Chemiker, Göttingen, Mitglied der Enquete-Kommission
des Deutschen Bundestages: Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre
Hinweis:
Die Dokumente von Quito, Montreal, London, Den Haag und Basel, in denen versucht
wird, einen Teil der hier vorgetragenen Empfehlungen politisch umzusetzen, sind
enthalten in Tolba / Brundtland / P. und A. Ehrlich / U. E. Simonis / H. Schreiber,
Die Umwelt bewahren, Reihe: EINE WELT, Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden,
Langer Grabenweg 68, 5300 Bonn.
Empfehlungen europäischer Naturwissenschaftler
anläßlich der Ökumenischen Versammlung
Frieden in Gerechtigkeit in Basel 15.-21. Mai 1989
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