Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), Sozialistische Fraktion im Europäischen Parlament (SPS), "Der Ökumenische Prozeß fordert politisches Handeln", 1989
1. Welche Bedeutung Basel für uns hat
Für die sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien in der EG ist
die Europäische Ökumenische Versammlung in Basel vom 15.-21. Mai 1989
ein wichtiges Datum. Aus drei Gründen:
- Wenn die Kirchen in Europa über die Grenzen von Konfessionen und Staaten
hinweg gemeinsam nachdenken über Themen, die für die Zukunftsgestaltung
unseres Planeten von so großer Bedeutung sind, dann ist dies ein Prozeß,
der die politischen Gestaltungkräfte unmittelbar angeht. Demokratische
politische Parteien, die Politik aus der Zustimmung ihrer Mitbürger heraus
gestalten, sind darauf angewiesen, diesem Diskussionsprozeß aufmerksam
zuzuhören.
- In einer Zeit, in der die in der Europäischen Gemeinschaft zusammengeschlossenen
Staaten weitere Schritte zur Verfestigung ihrer Integration tun, und in der
andererseits Bewegung in die Gesellschaften vieler Staaten Osteuropas kommt,
melden sich die Kirchen aus allen Ländern Europas gemeinsam zu Wort.
Dies ist ein hoch zu bewertender Vorgang.
- Da die christlichen Kirchen kein politisches Mandat haben, brauchen sie
für die Umsetzung ihrer Anregungen in konkrete Handlungsfelder Resonanz
aus dem politischen Bereich. Deshalb brauchen die Kirchen den Dialog mit den
politischen Parteien. Wenn in diesem Prozeß ein unüberhörbares
Wort (Carl Friedrich von Weizsäcker) gewollt wird, sind demokratische
Sozialisten in Europa bereit, aufmerksam zuzuhören und auf die Anstöße
dieses Worts aus ihrer politischen Grundüberzeugung Antwort zu geben.
- Wir sind auf Empfehlungen, Anregungen, kritische Hinweise, wie sie in diesem
Ökumenischen Prozeß zu den Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung
der Schöpfung erarbeitet werden, angewiesen, um immer wieder Eigeninteressen,
partikuläre Sachzwänge, liebgewordene Gewohnheiten zu überwinden
und Politik in der Verantwortung für alle Menschen auf der Erde und für
künftige Generationen zu gestalten.
Um für diesen Dialog bereitzustehen, erwarten wir in der Zukunftswerkstatt
Europa in Basel (Halle 103, Messe, Infostand Nr. 58) die Teilnehmer der
Konferenz zum Gespräch.
2. Die Herausforderung für uns
Der ökumenische Prozeß der europäischen Kirchen hat in den
nationalen Vorbereitungsgremien ebenso wie für die Europäische Ökumenische
Versammlung in Basel drei zentrale Themen, die zugleich Schlüsselfragen
für die politische Zukunftsgestaltung sind:
- Frieden
- Gerechtigkeit
- Bewahrung der Schöpfung
Dies wird auch im Leitwort ausgedrückt: Frieden in Gerechtigkeit.
Wir haben mit Aufmerksamkeit in den Dokumenten der Europäischen Versammlung
den gleichen Begriff wiedergefunden, der auch in den Diskussionen der sozialdemokratischen
und sozialistischen Parteien eine Rolle spielt: Die Spaltung Europas überwinden.
Auch wir in den demokratisch-sozialistischen Parteien Westeuropas haben uns
auf den Weg gemacht - wie die Kirchen, um Entspannung und Aussöhnung in
Europa zu verwirklichen. An die Stelle des historisch bedingten Desinteresses
aneinander tritt zunehmend ein gegenseitiges Interesse füreinander. Dies
wäre zum Segen der Menschen, die unter den Auswirkungen eines gespaltenen
Europas leben müssen.
Die in diesem Besinnungsprozeß im Vordergrund stehenden Bedrohungen der
Gerechtigkeit, des Friedens und der Natur sind zugleich Themen von Diskussionen
in den sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien Europas.
Tiefgreifende Reformen auf diesen Feldern werden auch von uns für unerläßlich
gehalten. Dabei gibt es in der Ursachenanalyse, der Beurteilung der Situation
und in den Empfehlungen der Wege aus der Krise zahlreiche Berührungen und
Übereinstimmungen. Aber auch unterschiedliche Zugangswege. So sind wir
der Meinung, daß der Appell an Einzelne zur Änderung der Lebensstile,
der Ruf nach neuer Spiritualität, allein noch nicht genügt. Parallel
dazu muß, das ist unsere Auffassung, die Veränderung der politischen,
wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen erfolgen. Andererseits können
wir von den Kirchen lernen:
Die Veränderung von Strukturen allein reicht nicht. Frieden in Gerechtigkeit
ist auch eine Angelegenheit der Einstellungsänderungen im persönlichen
Lebensstil sowie veränderter Bewußtseinshaltungen.
Fazit: Veränderungen der Strukturen und Veränderungen der Lebensstile
sind die zwei Seiten ein und derselben Sache.
Der europäische Kontext der Kirchen wird auch ein qualitativ neuer geistiger
Kontext für die Kooperation von demokratischen Sozialisten und Christen
werden. Hier liegt eine weitere Herausforderung von Basel für uns. Wir
verlassen - und das ist historisch nicht unbedeutend - den nationalen Kontext
der Verhältnisbestimmung von Kirche und demokratischen Sozialismus.
Wir wissen, daß wirtschaftliche Entscheidungen heute nur im Bewußtsein
der Verantwortung für das Leben auf der ganzen Welt gerechtfertigt werden
können. Wir brauchen eine neue gerechte Weltwirtschaftsordnung. Wir wissen,
daß angesichts der Potentiale von Massenvernichtungswaffen Frieden nur
noch in einem System gemeinsamer Sicherheit möglich ist. Sicherheitspolitik
muß die Sicherheit potentieller Gegner mitbedenken. Wir wissen, daß
die ständig sich steigernde technische Macht einer sorgfältigen und
strengen ethischen Kontrolle bedarf.
Wenn die Kirchen in Europa über die Grenzen von Konfessionen und Staaten
hinweg zu diesen Fragen gemeinsam sprechen lernen, wird dies auch in neuer Weise
Aufmerksamkeit bei den politischen Kräften finden.
3. Kirchen brauchen den politischen Dialog
In Basel kommen angesichts des Ernstes der Situation, in der sich Menschheit
und Natur befinden, die Kirchen und die Christen zusammen, um sich in Wort und
Tat für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu verpflichten
und dies öffentlich kundzutun.
Für uns war es im Vorfeld der Baseler Versammlung aufschlußreich,
daß sich bei den Befragungen der Mitgliedskirchen u.a. folgendes Bild
ergab: Was wirklich gebraucht wird, ist ein vollumfängliches Verständnis
von kirchlichen Stellungnahmen und Aktionen, das zeigt, in welcher Beziehung
Theorie und Praxis, die individuelle und die strukturelle Ebene, inclusive der
internationalen Strukturen, zueinander stehen.
Wir ziehen daraus folgenden Schluß: Will die europäische Christenheit
ein unüberhörbares Wort zu den anstehenden Problemen sprechen,
wird sie sich verstärkt den politischen Entscheidungsebenen zuwenden müssen.
Es geht um den Transfer von kirchlicher Sozialethik in politischen Entscheidungsstrukturen.
Wir sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien bieten unsere Bereitschaft
zum Dialog an. Deshalb lautet unser Motto für Basel: Demokratische Sozialisten
im Dialog - der Ökumenische Prozeß fordert politisches Handeln.
4. Integrations-Prozeß in West-Europa und Gemeinsames Europäisches
Haus
Wir erhoffen, daß von der Europäischen Ökumenischen Versammlung
in Basel ein unüberhörbares Wort zum Gestaltungsraum Europa ausgeht.
Die fortgeschrittenen Integrationsprozesse in der Europäischen Gemeinschaft
und die bevorstehenden Strukturveränderungen des Binnenmarktes unterstreichen
die Dringlichkeit und die Aktualität dieser Aufgabe.
Mit dem Gestaltungsraum Europa verbinden wir folgende Perspektiven:
- Europa ist mehr als ein westeuropäischer Binnenmarkt. Für die
überbetonten ökonomischen Gestaltungsaufgaben müssen die ökologischen,
politischen und kulturellen gleichrangig hinzutreten.
Wenn das Werk des Friedens Gerechtigkeit sein soll, müssen die sozialen
Unverträglichkeiten und die ethnisch-regionalen Konflikte in Europa entschärft
werden. Dies bedeutet, daß bestehende soziale Errungenschaften gesichert
und verteidigt werden müssen.
Wir bitten deshalb die europäischen Kirchen, den Skandal der 16 Millionen
Langzeitarbeitslosen in der EG als Ausdruck einer Neuen Sozialen Frage in
die Diskussion zu bringen.
- Die deutschen Sozialdemokraten z.B. betrachten die Europäische Gemeinschaft
als einen Baustein für eine regional gegliederte Weltgesellschaft. Sie
soll dem Frieden dienen, den Völkern Europas in den internationalen Beziehungen
mehr Gewicht verleihen und der Konfrontation der Weltmächte entgegenwirken.
Sie soll durch eine gemeinsame Sicherheitspolitik den Entspannungsprozeß
fördern, mit den Ländern Osteuropas partnerschaftlich zusammenarbeiten
und damit die Spaltung Europas mildern und schließlich überwinden
(Entwurf für das neue Grundsatzprogramm der SPD).
- In einem gemeinsam zu verwirklichenden Europäischen Haus sollten die
Völker Osteuropas mit dem Reichtum ihrer kulturellen und religiösen
Traditionen präsent sein. Entspannung und Aussöhnung in Europa dürfen
aber nicht auf Kosten der Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika erfolgen.
Die wirtschaftlich starke und politisch geeinte Europäische Gemeinschaft
muß sich ihrer Verantwortung für eine partnerschaftliche Politik
mit den Völkern des Südens bewußt sein. Sie muß
Länder und Kräfte des Südens in ihrem Streben nach eigenständiger,
selbstbestimmter Entwicklung unterstützen und auf eine gerechte Weltwirtschaftsordnung
hinarbeiten (Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm der SPD).
In diesen Überzeugungen fühlen sich demokratische Sozialisten durch
die Diskussion in den europäischen Kirchen bestärkt.
- Wir erhoffen uns von der Europäischen Ökumenischen Versammlung
in Basel Aufschlüsse darüber, welche Aufgabe die europäischen
Kirchen im Integrationsprozeß Europas zu übernehmen in der Lage
sind.
5. Der ökumenische Prozeß und die politische Antwort
Bei der Europäischen Ökumenischen Versammlung geht es um das unüberhörbare
Wort der Kirchen zu politischen Zukunftsfragen. Indirekt geht es auch um die
Dialogbereitschaft der politischen Kräfte der Parteien. Dabei ist die früher
einmal vorherrschende Auffassung historisch überholt, der allein geeignete
Rahmen hierfür seien die sogenannten christlichen Parteien.
Die Kirchen sind auf den Dialog mit allen dialogwilligen politischen Gestaltungskräften
angewiesen.
Die sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien in Europa haben mit großem
Interesse die in den Punkten 5 und 6 des Arbeitsdokuments zur Europäischen
Ökumenischen Versammlung (2. Entwurf) niedergelegten Verpflichtungen und
Empfehlungen aufgenommen. Die genannten Themen: Hunger und Armut in der Welt,
Verletzung von Menschenrechten, Abbau der Massenvernichtungswaffen, Verpflichtung
für eine internationale Umweltordnung, zukunftsweisende Ausländerpolitik,
Verantwortung für die künftige Generation sind Themen, die auch uns
nicht zur Ruhe kommen lassen. Mancher Vorschlag zur Verwirklichung von Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung berührt sich mit Positionen, die
in unserer politischen Arbeit entwickelt werden.
Wir werden deshalb den von der Basler Versammlung verabschiedeten Empfehlungen
und Resolutionen Gehör schenken und aus unserer politischen Arbeit heraus
darauf Antwort geben.
6. Ausblick
Die Arbeitsergebnisse der Versammlung werden in den beteiligten Kirchen, gerade
auch an der Basis, verbreitet und diskutiert werden müssen. Wir hoffen,
daß die nationalen Kirchen aus den Arbeitsergebnissen der Europäischen
Ökumenischen Versammlung Vorschläge für ihre eigene Arbeit, aber
auch für ihren Dialog mit den politischen Kräften, machen. Wir werden
uns dafür einsetzen, in den verschiedenen nationalen Parteien die Bereitschaft
zum Dialog mit den Kirchen zu den hier angeschnittenen Fragen zu verstärken.
Wir sehen uns vom Appell im zweiten Entwurf der Vorlage für die Basler
Versammlung in die Pflicht genommen: Die Nöte der Armen und Marginalisierten
in unseren eigenen Gesellschaften und in der Zweidrittelwelt sollten sich in
unserem Lebensstil niederschlagen, denn jeder von uns trägt zu den Ursachen
der Ungerechtigkeit bei. Unser Einsatz für die Veränderung der Strukturen
der Ungerechtigkeiten wird nur dann glaubwürdig sein, wenn wir als einzelne
bereit sind, unsere Verantwortung selbst praktisch in die Tat umzusetzen.
(Diese Stellungnahme erfolgt im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes von SPS,
der Sozialistischen Fraktion im Europäischen Parlament, und SPD auf der
Zukunftswerkstatt Europa in Basel).
Zur Europäischen Ökumenischen Versammlung
in Basel vom 15.-21. Mai 1989
weiter
|