Stellungnahme zum Arbeitsdokument (Erster Entwurf) für die Europäische Ökumenische Versammlung 1989
Christliche Friedenskonferenz
...Es gibt keinen wahren Frieden ohne Gerechtigkeit; denn die Entzweiungen
und Kriege sind Folge von Haß und Ungerechtigkeit in allen Formen, von
Ungleichheit und dem Fehlen richtiger Proportionen bei der Verteilung und dem
Besitz der lebensnotwendigen Güter der Erde wie der menschlichen Kultur.
(CFK-Dokument des Jahres 1963)
Die Europäische Ökumenische Versammlung - Etappe auf dem Weg zu Frieden
und Gerechtigkeit weltweit
Als Mitglieder einer weltweiten ökumenischen Bewegung, die ihren Ausgang
in Europa auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges nahm und nunmehr
Kirchen, christliche Gruppen und Einzelpersonen in allen Erdteilen umfaßt,
begrüßen wir die Einberufung der Europäischen Ökumenischen
Versammlung nach Basel. Wir sehen in dieser Versammlung ein wichtiges
Ereignis im erdumspannenden Ringen um Frieden und Gerechtigkeit, das richtungsweisend
auch für die Weltkonvokation des ÖRK 1990 in Seoul wirken wird.
Wir unterstützen nachdrücklich das im Ersten Entwurf
vorgelegte Arbeitsdokument der Konferenz Europäischer Kirchen und des Rates
der Europäischen Bischofskonferenzen in seiner Grundstruktur wie in wesentlichen
Einzelaussagen. Wir halten die darin formulierten theologischen und sozialethischen
Positionen für elementare Bestandteile eines authentischen Friedenszeugnisses
europäischer Christen, das in Basel weiter entfaltet und konkretisiert
werden muß.
Dies betrifft insbesondere die deutliche Akzentuierung von Schuldbekenntnis
und Buße als unabdingbare Voraussetzungen eines Neubeginns (s. Entwurf
S. 4); ferner die unabtrennbare Verbindung von Frieden und Gerechtigkeit (S.
8, Abs. 4); schließlich den Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Ökumene,
Ökologie und Ökonomie (S. 13) und auf bestimmte Wirtschaftsformen
als Ursache für soziale und ökologische Zerstörung (S. 4, Abschn.
1).
Wir meinen, daß diese Grundpositionen nicht nur festgehalten, sondern
noch wesentlich präzisiert werden müssen:
- daß europäische Schuld bis hin zum Genozid an Völkern anderer
Kontinente deutlich zu benennen und über effektive Wiedergutmachung nicht
nur in Form von Schuldenerlaß (S.15), sondern auch von Kompensationsleistungen
und strukturellen Neuordnungen (Neue Internationale Wirtschaftsordnung) nachzudenken
ist;
- daß der Zusammenhang von globalem Unfrieden und sozial-ökonomischen
Strukturen der Ungerechtigkeit (S. 4, Abschn. 6/7) bzw. auf der anderen Seite
die hoffnungsvolle Perspektive von Abrüstung und Entwicklung klarer herauszuarbeiten
ist;
- daß generell die Bedeutung ökonomischer Faktoren und Interessen
im globalen Wirkungsgeflecht auf der Ost-West- und der Nord-Süd-Achse
wesentlich stärker analysiert und reflektiert werden muß, um die
Strukturen der Sünde (S. 11) zu definieren.
Wir glauben, daß sich an diesen drei Punkten wesentlich entscheiden wird,
ob die Baseler Versammlung in den Augen der 3. Welt Glaubwürdigkeit
erlangen kann. Diese Glaubwürdigkeit bei den Armen außerhalb
(wie auch innerhalb) Europas sollte noch stärker als das entscheidende
Kriterium bemüht werden, an dem sich die europäische Christenheit
messen lassen muß.
Ein letzter Punkt betrifft die Art, wie der Entwurf des Baseler Dokumentes
den gesellschaftspolitischen Realitäten Europas Rechnung trägt, speziell
im Blick auf die Zweite Welt. Diejenigen Christen, die in sozialistischen
Ländern zuhause sind, haben das Gefühl, daß sie in diesem Dokument
eigentlich nicht vorkommen. Wir halten es nicht für sachdienlich, daß
die beiden Gesellschaftsordnungen von Kapitalismus und Sozialismus, die den
europäischen Kontext entscheidend prägen, an keiner Stelle benannt
werden und so fast zwangsläufig im Dokument der Eindruck einer eher westeuropäischen
Ausrichtung entsteht. Der Sozialismus befindet sich in einem Prozeß der
Erneuerung: daraus können sich positive Konsequenzen für den Weltfrieden
ergeben. Deshalb halten wir im Interesse eines wirksamen Beitrages der europäischen
Christen zu einer kontinentalen und globalen Friedensordnung eine differenziertere
Darstellung für notwendig.
Friede als Frucht der Gerechtigkeit - eine biblisch-theologische
Grundstruktur
Die Einsicht in die Unteilbarkeit von Frieden und Gerechtigkeit gehört
zu den tragenden Erkenntnissen unseres über dreißigjährigen
Aktions- und Reflexionsprozesss. Obwohl durch eine europäische Initiative
entstanden, war der CFK von Anfang an klar, daß Frieden ohne Gerechtigkeit
nicht realisierbar ist. Diese Erkenntnis entwickelte sich im Spannungsfeld von
intensiver Rückfrage nach den zentralen Inhalten der biblischen Texte einerseits
und des Bemühens um politische und ökonomische Analyse der gegenwärtigen
Weltrealitäten von Krieg, Unterentwicklung und Rassismus andererseits.
Der Mensch von Gott aus dem Stoff der Erde wie aus der Rippe seines Mitmenschen
geschaffen, ist auf elementare Weise zu partnerschaftlichem, fürsorglichem
Umgang mit seiner Mitkreatur in allen Dimensionen des sozialen und ökologischen
Beziehungsgefüges bestimmt. Die Bibel manifestiert diesen schöpfungsgemäßen,
universalen Heil- und Friedenswillen Gottes, indem sie durch Jahrhunderte historischer
Abläufe hindurch die immer neue Interven-tion Gottes zugunsten der Armen,
Schwachen, Entrechteten schildert. Immer neu stiftet Gott Versöhnung, indem
er sich zum Anwalt der Bedrückten macht und die Niedergetretenen aufhebt;
immer neu durchkreuzt er den Selbstlauf der Dinge, indem er seine Gerechtigkeit
gegen das Recht der Stärkeren durchsetzt. Er läßt seine besondere
Zuwendung Kains kleinem Bruder Abel zuteil werden, er befreit das bis an die
Grenze der Vernichtung gepeinigte Sklavenvolk Israel aus der Gewalt des Pharao;
er ergreift die Partei Davids gegen Goliath; er nimmt in Jesus Christus schließlich
selbst die Gestalt eines Sklaven an bis hin zur äußersten Erniedrigung
und Ohnmacht des Kreuzes.
Frieden aus Gerechtigkeit - gegen die Versuchung des billigen
Friedens
Der Friede Gottes, der sich gründet auf die Wiederherstellung von Gerechtigkeit,
ist kein billiger Friede. Er nennt das Unrecht beim Namen, bleibt
unversöhnlich gegenüber den Mächten und Gewalten der Zerstörung,
läßt sich nicht einbinden in die Mechanismen der Menschenvernichtung
und bleibt gerade darin die permanente, niemals widerrufene Einladung Gottes
zu Buße, Umkehr und Neuanfang.
Diesen Frieden in Europa und vor den Augen der Welt im Jahre 1989 glaubwürdig
zu bezeugen, erfordert nicht nur ein klares Votum für Gerechtigkeit, sondern
auch ein deutlich hörbares Schuldbekenntnis. Gegenwärtig erscheint
es nicht mehr undenkbar, daß die Industrienationen aus wohl begründetem
Eigen- und Überlebensinteresse im militärischen wie auch ökologischen
Bereich zu einem Friedensschluß gelangen. So sehr dies zu den hoffnungsträchtigen
Entwicklungen unserer Zeit gehört, so dringend notwendig ist es andererseits,
daß die Kirchen in Europa Gottes vorrangige Option für Gerechtigkeit
theologisch wie auch politisch eindeutig artikulieren. Denn eine Einigung in
der Frage des Friedens und der Abrüstung darf nicht zulasten der Gerechtigkeit
für die Unterprivilegierten gehen.
Dies würde zugleich voraussetzen, daß die europäischen Christen
in Basel ein Schuldbekenntnis zu sprechen beginnen (s. Entwurf S. 3f), in dem
sie ihre Mitverantwortung eingestehen für eine endlose Kette der Gewalt,
Ausplünderung und Zerstörung, die von Europa aus über die Welt
kamen: für die fünfhundert-jährige Geschichte des Kolonialismus,
für zwei Weltkriege, für die ungeheuren militärischen, ökonmischen
und ökologischen Vernichtungspotentiale, mit denen europäische Nationen
eine räuberische und zerstöerische Vorherrschaft ausüben.
Ein solches Schuldbekenntnis und die damit verbundene Absage an die billige
Gnade würde den Weg zur Umkehr öffnen und dazu beitragen, daß
Europa zu einem gemeinsamen Haus für die europäischen
Nationen wird, von dem Frieden und Gerechtigkeit für die gesamte Erde ausgehen.
Frieden in Gerechtigkeit - Alternative zu Profitmaximierung und
Ressourcenvernichtung
Frieden in Gerechtigkeit - das bedeutet für uns: Das zukünftige
gemeinsame europäische Haus muß seiner inneren und äußeren
Gestalt nach dem Frieden und der sozialen Gerechtigkeit und damit der Teilhabe
aller an den lebenswichtigen Gütern der Erde und an den kulturellen Errungenschaften
verpflichtet sein.
Wir können deshalb nicht einer Festschreibung oder gar weltweiten Durchsetzung
der auf Profitmaximierung und Ressourcenvernichtung basierenden, kapitalistischen
Form des Wirtschaftens zustimmen, in deren Folge Völker und ganze Kontinente
der ökonomischen Aggression, der wirtschaftlichen Ausbeutung und der kulturellen
Uniformierung ausgesetzt werden.
Europa ist der Kontinent, auf dem ein Teil der Völker, beginnend mit dem
Jahr 1917, neue Wege der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gestaltung
eingeschlagen hat, die gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeit zum Ziel haben.
Dabei ist vieles geschaffen worden, das einen wirklichen Fortschritt in der
Menschheitsgeschichte darstellt und vielen Völkern - nicht nur in der sogenannten
Zweidrittel-Welt - als hoffnungsvolle Alternative erscheint.
Zugleich wissen wir aber auch um die gravierenden Probleme, denen die sozialistischen
Staaten heute gegenüberstehen. Grundlegende politische und soziale Wandlungen,
das zeigt die Geschichte der Menschheit, haben sich nur über lange Zeiträume
herausgebildet. Oftmals schien die Rückkehr zu den alten Ordnungen
der Abhängigkeit und der Unterdrückung attraktiver und naheliegender
als ein weiteres Ringen um eine neue Form der Lebensgestaltung. Auf dem Hintergrund
des bisher Erreichten hat jedoch der Sozialismus noch viele bisher unerschlossene
Potentiale, um zur Lösung der Menschheitsprobleme beizutragen.
Frieden in Gerechtigkeit - Europas Beitrag zu einer neuen Weltwirtschaftsordnung
Das Ringen um eine sozial gerechte, die natürlichen Ressourcen schonende
wirtschaftliche und politische Ordnung ist und bleibt Aufgabe der Christen und
aller verantwortlich denkenden Menschen, wenn die Menschheit überleben
soll. Die Zerstörung der alternativen Ansätze und ihre Rückführung
in die alte, auf Profitmaximierung gerichtete Ordnung würde die globalen
Krisen weiter verschärfen.
Frieden in Gerechtigkeit bedeutet für uns deshalb die Fortführung
unseres Engagements für die Materialisierung des Helsinki-Prozesses.
In diesem Sinne müssen wir als europäische Christen, die in unterschiedlichen
Gesellschaftsordnungen leben, mit der Umgestaltung unseres gemeinsamen
europäischen Hauses unseren Beitrag leisten für die Überwindung
von Kolonialismus, Rassismus und Ausbeutung. Ein Schritt in diese Richtung ist
die Schaffung einer Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung, wie
sie von der UNO konzipiert wurde, um den globalen Ausplünderungsmechanismen
Schranken zu setzen und den Entwicklungsländern zu einer gleichberechtigten
Stellung in der Weltwirtschaft zu verhelfen. (s. Entwurf S. 14f)
Frieden in Gerechtigkeit - Streitkultur und Zusammenarbeit statt
Konfrontation
Insoweit die Spaltung Europas Ausdruck dafür ist, daß
einige europäische Völker neue Wege der wirtschaftlichen, sozialen
und politischen Gestaltung gegangen sind und die Errungenschaften dieses Weges
zu schützen und zu behaupten versuchen, können wir in der Trennung
Europas in zwei Systeme nicht nur ein Negativum sehen. (s. Entwurf S. 14, 1.
Abschnitt) Unser Beitrag als Christen zu Frieden in Gerechtigkeit
sollte sein, das Recht jedes Volkes auf seinen politischen Weg anzuerkennen
und denen entgegenzutreten, die aus der Gegensätzlichkeit der Wege einen
Anlaß für Konfrontation, weitere Aufrüstung und Diskriminierung
machen wollen. Im gemeinsamen Haus Europa muß eine Streitkultur
entwickelt werden, die Zusammenarbeit auf der Grundlage übergreifender
Interessen einübt.
Die Unterschiedlichkeit der Wege anzuerkennen heißt auch, genauestens
zu differenzieren hinsichtlich der historischen und aktuellen Gründe für
die globalen Krisen. Eine solche Differenzierung bedeutet nicht, bestehende
Schuld bzw. schuldhafte Verwicklung in die globalen Krisen zu verniedlichen
oder wegzureden, sondern zielt darauf, tatsächlich bestehende unterschiedliche
Verantwortlichkeiten als Ansatz für Veränderungen zu erkennen und
zu nutzen. Dies gilt z.B. für die unterschiedliche Rolle, die die einzelnen
Länder und ihre Kirchen im Prozeß der Kolonisierung innehatten; ähnliches
gilt für die Haltung gegenüber dem Faschismus und während der
Zeit der deutschen Okkupation im letzten Weltkrieg. (s. Entwurf S. 3)
Dies gilt auch für den Anteil der politischen Systeme an der Hochrüstung.
Auf dem Hintergrund der weitreichenden Abrüstungsvorschläge und der
neuerlichen einseitigen Abrüstungsvorschläge der UdSSR und anderer
Warschauer Paktstaaten zeigt sich erneut deutlich, wie sehr das Festhalten der
führenden Nato-Staaten an der Abschreckungsdoktrin nicht nur gefährlichen
politischen Vorstellungen entspringt, sondern offensichtlich auch wirtschaftlichen
Interessen.
Frieden in Gerechtigkeit - Absage an Geist, Logik und Praxis
der Abschreckung
Während in den sozialistischen Ländern Entscheidungen getroffen werden,
die auf eine Entlastung der Volkswirtschaften von Rüstungsaufwendungen
und auf eine Reduzierung der bestehenden Bewaffnung und Truppenstärke zielen,
wird in den führenden Nato-Ländern an neuen Rüstungsprogrammen
gearbeitet. Die weltwirtschaftlichen und ökologischen Folgen dieser Rüstungsprogramme
werden verheerend sein (weltweiter Abzug von Kapital und Ressourcen zugunsten
von Rüstung, Anstieg der Haushaltsdefizite usw.)
Die Entwicklung und Bereitstellung der neuen Waffensysteme erfolgt im Zeichen
einer Revitalisierung der Abschreckung. Dadurch droht der mit dem
INF-Vertrag in Gang gekommene Abrüstungsprozeß abgebrochen und in
sein Gegenteil verkehrt zu werden. Angebote zur Überprüfung und Überwindung
der bisherigen Sicherheitsdoktrin, wie sie von den Warschauer Paktstaaten unterbreitet
und seit Jahren von der demokratischen Öffentlichkeit gefordert werden,
blieben bisher unbeantwortet.
Angesichts des hohen Industrialisierungsgrades unseres Kontinentes, der Vielzahl
chemischer Fabrikationsanlagen und des dichten Netzes an Atomkraftwerken würde
auch ein konventionell geführter Krieg das Ende für die
Zivilisation in Europa bedeuten und schreckliche Folgen für andere Erdteile
mit sich bringen.
Die Baseler Versammlung muß deshalb ein klares Wort der Absage an Geist,
Logik und Praxis der Abschreckung sprechen. Dies schließt die Absage an
alle Kompensationspläne ebenso wie die Absage an neue Waffensysteme
und -technologien ein. Zugleich sollte sie die Pläne zur Ausarbeitung neuer
Sicherheitskonzepte unterstützen, die den Prinzipien der gemeinsamen Sicherheit
und der strukturellen Angriffsunfähigkeit verpflichtet sind. (s. Entwurf
S. 16)
Die Überwindung der Abschreckung und der damit einhergehende Prozeß
der Vertrauensbildung zwischen bisher verfeindeten Staaten würde zu einem
Umbau der Streitkräfte führen und Finanzmittel und Ressourcen freisetzen.
Die Baseler Versammlung sollte sich für die Schaffung internationaler Mechanismen
aussprechen, die garantieren, daß diese Mittel für Entwicklung und
den ökologischen Umbau der Volkswirtschaften eingesetzt werden.
Frühjahr 1989
Eine Stimme aus der Afrikanischen CFK
1. In dem Arbeitsdokument gibt es zahlreiche Zitate von Papst Johannes Paul
II; der Text würde an Objektivität und Tiefe gewinnen, wenn man auch
aus Erklärungen oder Aktionsberichten des ÖRK, des Initiators des
JPIC-Programms, zitieren würde.
2. Bei der Untersuchung der Ursachen für die gegenwärtige internationale
ökonomische Unordnung sollte folgendes nicht vergessen werden: der Machthunger
der Europäer; ihre Entschlossenheit, immer reicher zu werden; der Mißbrauch
des Christentums als Deckmantel für ihre Eroberungen; und die
jahrhundertelang praktizierten Völkermorde und Sklavenverträge. Während
Worte wie Eroberungen und Kolonialisierung im Dokument
erscheinen, werden nirgendwo, nicht einmal in dem Sündenbekenntnis auf
S. 1, die Begriffe Völkermord (an amerikanischen Indianern,
den Ureinwohnern in Australien und Neuseeland etc.) oder Sklavenverträge
(unter denen Afrika so zu leiden hatte und die in Afrika und Amerika immer noch
erschütternde Auswirkungen haben), erwähnt.
3. Wird das auf S. 14 definierte europäische Haus (weiterhin)
das Haus eines menschenfressenden Ungeheuers sein, in dem alle, die darin wohnen,
ihre Ressourcen zusammenlegen, um die andern, die nicht zur Familie
gehören, verschlingen und vernichten zu können? (vgl. den Berliner
Kongreß von 1885, der Afrika unter die Europäer aufteilte).
4. Was erwarten wir in den unterentwickelten Ländern von den Kirchen und
Christen in Europa? (S. 16): Gerechtigkeit und nicht Almosen.
5. Es ist bedauerlich, daß das Arbeitsdokument im Zusammenhang mit der
Schaffung einer gerechten internationalen Wirtschaftsordnung (S. 15) nur von
geeigneten Maßnahmen (wofür und für wen geeignet?)
spricht statt von einer radikalen und schnellen Strukturveränderung. Deshalb
wird auch in der Liste der zur Beachtung empfohlenen und in effektives Handeln
umzusetzenden UNO-Konventionen und Deklarationen die Erklärung über
die Schaffung einer Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung (Mai 1974) vergessen.
Die Europäer sollten nicht nur das Schuldenproblem der unterentwickelten
Länder studieren, sondern u.a. auch (wie es in der vergessenen Erklärung
heißt) sich Gedanken machen über Entschädigungszahlungen an
die ehemaligen Kolonien als Ausgleich für deren Über-Ausbeutung speziell
im Blick auf nichterneuerbare Ressourcen (Bodenschätze, tropische Regenwälder
u.ä.).
6. Hinsichtlich der Bewahrung der Schöpfung sollte man sich (dem Brundtland-Report
Unsere gemeinsame Zukunft folgend) nicht nur Gedanken machen über
die Behandlung und Kontrolle dessen, was uns allen gehört (Ozeane, Atmosphäre),
sondern auch darüber, wie man der Tatsache abhilft, daß in vielen
Entwicklungsländern die gegenwärtig herrschenden internationalen
Wirtschaftsbeziehungen ein ernstes Problem für den Umgang mit der Umwelt
darstellen. So zwingen z.B. Schulden, die nicht zurückbezahlt
werden können, die auf die Kommerzialisierung der Rohstoffe angewiesenen
Afrikaner dazu, ihrem schwachen Boden viel zu viel abzuverlangen und damit ursprünglich
fruchtbares Land in Wüste zu verwandeln.
Was die Bodenschätze betrifft, verweist der Brundtland-Report darüber
hinaus darauf, daß die Tropen, die mindestens 2/3 aller auf der Erde zu
findenden Arten (und einen noch größeren Anteil der gefährdeten
Arten) beherbergen, mehr oder weniger dem entsprechen, was man Dritte
Welt nennt, d.h. also den Ländern, die (weil sie arm sind) am wenigsten
dazu in der Lage sind, damit richtig umzugehen. Die Armut ist demzufolge
wirklich sowohl Folge wie Ursache der Umweltprobleme der Welt.
Rahantavololona RAZAFINDRAKOTOHASINA ANDRIAMANJATO
(Dezember 1988 Antananarivo, Madagaskar)
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