Münster, Diozösankomitee kath. Verbände im Bistum, Erklärung zu den Wahlen zum Europäischen Parlament, 1989
Wahlen zum Europäischen Parlament - Ein Meilenstein zu Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung
Erklärung
Diözesankomitee kath. Verbände im Bistum Münster
Am 18. Juni 1989 finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Wahlen
können zur Routinesache werden, sie können aber auch Ansporn sein,
die großen Fragen unserer Zeit anzupacken.
Diese Wahlen fallen in einen Zeitraum, der außerordentlich wichtig und
vielversprechend ist. Das Diözesankomitee kath. Verbände möchte
deshalb in dieser Stellungnahme einige wichtige Aspekte europäischer Politik
aufzeigen und dazu aufrufen, die Gunst der Stunde zu nutzen!
In der kommenden Legislaturperiode soll der europäische Binnenmarkt verwirklicht
werden. Dies ist nicht nur eine wirtschaftspolitische Entscheidung, sondern
ein Schritt zu mehr Gemeinsamkeit, der Konsequenzen für jeden europäischen
Bürger hat. So ist z.B. die Frage wichtig, ob die sozialen und kulturellen
Errungenschaften in den einzelnen Ländern erhalten werden, bzw. mit Blick
auf die für die Menschen besten Regelungen verändert werden können.
Es dürfen sich nicht Tendenzen durchsetzen, die auf einen Abbau in diesem
Bereich hinauslaufen. Konkret geht es u.a. um die Themen Schutz des Lebens,
Familie, Umweltschutz, Kultur des Sonntags, Arbeitszeit, Mitbestimmung.
Von diesen Überlegungen führt eine direkte Linie zu den Themen der
Weltversammlung, die vom 5. bis 13. März 1990 in Seoul stattfinden wird:
Gerechtigkeit - Frieden - Bewahrung der Schöpfung
Überall in Europa wird darüber z.Z. nachgedacht, diskutiert und auch
gerungen. Vom 15. bis 21. Mai 1989 tagt die Konferenz europäischer Kirchen
in Basel. Gestützt auf diese Basisarbeit kann das politische Europa in
dieser Zeit Entscheidendes tun - für die Gestaltung gerechter Lebens- und
Handelsbedingungen in der Welt - für eine Fortentwicklung verbindlicher
Menschenrechte - für Abrüstung und für die Überwindung der
Strategie der Abschreckung. Durch konkrete Vereinbarungen aller Staaten sollen
eine Beendigung der Umwelt-zerstörung, eine Regenerierung aller natürlichen
Ressourcen und eine Bewahrung der Schöpfung erzielt werden. Vor allem geht
es auch um die Überwindung der Aufteilung der Welt in Machtblöcke,
die in Europa begonnen hat und hier beendet werden muß. Über diesen
Weg erscheint ein Fortschritt in der Wiedervereinigung unseres geteilten Landes
möglich zu sein.
Papst Johannes Paul II. hat in verschiedenen Reden, u. a. vor dem Europarat
am 8. Oktober 1988 von den Werten Europas gesprochen, denen die Völker
und Staaten treu bleiben sollen, denn - so sagte er: Europa braucht eine
Seele! Er weist ferner auf die Geschichte Europas hin und zeigt auf, daß
die Kultur Europas eine 2000jährige christliche Prägung hat. Dadurch
sei es ermöglicht worden, eine große Vorstellung von der Würde
des Menschen als Person zu entwickeln, die einen wesentlichen Wert auch für
diejenigen bedeutet, die keinen religiösen Glauben haben.
Es gilt, sich auf diese Werte zu besinnen, sie neu zu entdecken und zu verlebendigen.
Dies ist eine besondere Aufgabe christlicher Europapolitiker. Als Richtschnur
europäischer Politik sollte nicht die Vertretung von regionalen oder Gruppeninteressen
gelten, sondern eine Politik, die als ein Abwägen der Interessen verstanden
wird, um sie im Sinne des Gemeinwohls zum Ausgleich zu bringen. Wer so denkt,
kann Pluralität ernstnehmen und Unterschiede aushalten und gleichzeitig
den eigenen Standpunkt herausstellen.
Diese Haltung findet eine Entsprechung in aktiv mitgestaltenden Bürgern
und Wählern. Wer in den verschiedenen Gremien mitwirkt - z.B. auch in den
ökumenischen Arbeitskreisen zur Vorbereitung der Weltversammlung - hilft
mit, unsere Gesellschaft zu formen und ist ein lebendiges Zeugnis gegen ein
lähmendes Anspruchsdenken. Christen haben den besonderen Auftrag, die Welt
aus dem Geist des Evangeliums mitzugestalten.
Zur Förderung des Mitgestaltungswillens der Bürger Europas unterstützen
wir auch Überlegungen der Europäischen Kommission und des Europäischen
Parlaments für ein EG-weites kommunales Wahlrecht für alle EG-Bürger
unabhängig von ihrer jeweiligen Staatsangehörigkeit.
Mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen zum Europäischen Parlament ruft
das Diözesankomitee dazu auf, Informations- und Mitwirkungsmöglichkeiten
vor den Wahlen zu nutzen! Sodann ist eine Wahlentscheidung notwendig! Es ist
keine Lösung, mit dem Hinweis auf die Schwierigkeit der Entscheidung der
Wahl fernzubleiben. Wer ein gemeinsames und starkes Europa will, der muß
mit seiner Stimme den Abgeordneten dafür eine politische Grundlage geben.
Eine hohe Wahlbeteiligung ist zugleich ein Signal für alle Staaten, das
Europäische Parlament mit mehr Rechten auszustatten und bald eine europäische
Verfassung zu schaffen.
Münster, den 11. März 1989
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