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Ökumenisches Forum Christlicher Frauen in Europa, Boldern, 1989


„Gerechtigkeit suchen, Frieden machen, mitgeschöpflich leben“

Botschaft

Wie ein zartes Netz breiten sich die Fäden des Ökumenischen Forums Christlicher Frauen in Europa über ganz Europa, überschreiten Grenzen und Berge, überbrücken Flüsse und versammeln Christinnen von Nord, Süd, Ost und West. Oft sehen die Frauen lange voneinander lediglich Namen auf Papier oder Adressen auf Umschlägen. Auf Boldern wurden diese Namen zu Frauengesichtern, Personen und Persönlichkeiten und die Spinnfäden wurden zu einem starken Band gemeinsamer Anliegen.

Schon am ersten Abend wurde uns das gegenseitige Aufeinander-Angewiesensein klar, als jede von uns von der Verschmutzung erzählte, welche die Flüsse und Seen unseres Kontinents erfaßt hat.

„Und er sah, daß es sehr gut war“, heißt es von der Schöpfung am Anfang unserer Geschichte (Gen. 1,31). Die Natur hat sich über Milliarden von Jahren in lebendigen Kreisläufen erneuert. Wir aber können die Schöpfung nicht mehr ansehen und sagen „es ist sehr gut“.

Die Grundbedürfnisse des menschlichen Daseins sind gefährdet:

  • die Atmung; denn die Luft ist verschmutzt

  • das Trinken; denn die Quellen sind vergiftet

  • das Essen; denn in der Landwirtschaft nimmt der Gebrauch von Chemikalien zu.

Wir leben nicht nur unter der ständigen Drohung einer atomaren Katastrophe - die gefährlichen Auswirkungen nuklearer Unfälle sind nicht einmal ganz bekannt.

Als Frauen tragen und nähren wir Leben. Die natürlichen Lebensrhythmen und die gegenseitige Abhängigkeit allen Lebens in der Biosphäre ist uns ein besonderes Anliegen.

Als Frauen verpflichten wir uns

  • in unserem eigenen Leben verantwortungsvoll zu handeln

  • die raren Ressourcen sparsam zu gebrauchen

  • die Maßnahmen zu ergreifen, um die Umwelt weniger zu belasten

  • den Entwicklungen entgegenzutreten, die die Natur weiter ausbeuten.

Das biblische Wort von der Herrschaft bedeutet nicht Ausbeutung, sondern ein behutsamer Umgang mit Gottes Schöpfung und das Bewußtsein, daß wir selbst Teil der natürlichen Kreisläufe sind, von der Geburt bis zum Tod - Staub zu Staub.

„Selig, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie sollen satt werden“ (Matth. 5,6), sagt Jesus zu uns, und er lädt uns ein, seinen Weg zum Reich Gottes zu gehen. Als Christliche Frauen in Europa geben wir uns schmerzliche Rechenschaft, daß die Ungerechtigkeiten auf unserem Kontinent immer größer werden. Die neue Armut in der reichsten Gegend der Welt trifft die ohnehin Schwächsten am stärksten: Junge Frauen mit Kindern, ältere Frauen, Flüchtlingsfrauen und Immigrantinnen. Die Ausbeutung von Frauen aus der Dritten Welt ist eine neue Form der Sklaverei, die vielerorts schweigend hingenommen wird. Frauen sind doppelt und dreifach belastet, während Männer sich immer noch nicht bereitfinden, ihren Teil an der Hausarbeit und Kindererziehung zu leisten, die für die Gesellschaft doch so wichtig sind. Die Hausarbeit der Frauen und ihre ehrenamtliche Arbeit in Kirche und Gesellschaft bleibt weithin unsichtbar. Sie haben kein Ansehen und werden nicht zum Bruttosozial-produkt gezählt und auch nicht im Haushalt der Kirchen angeführt.

In unserem Bemühen, das gemeinsame Haus Europa zu bauen, erfahren wir, daß es ein Haus sein muß, in dem alle gerechten Anteil haben an Ressourcen, Wohlstand und Einfluß auf die Spielregeln in diesem Haus.

Als Frauen verpflichten wir uns

  • dafür zu sorgen, daß das Haus Europa nicht auf Kosten der schwächsten Glieder unserer Gesellschaft erbaut wird und auch nicht auf Kosten anderer Erdteile;

  • selber damit anzufangen, unsere Arbeit, Zeit und Kraft zu teilen und unsere Kirchen aufzufordern, dasselbe zu tun;

  • auf Modelle hinzuarbeiten, die ein ganzheitliches Leben ermöglichen, eines, in dem Frauen und Männer in allen Bereichen sich engagieren, die zum Leben nötig sind;

  • eine Entwicklung in der Arbeitswelt anzustreben, welche unsere Umwelt und Gesundheit nicht schädigt, die den Frieden fördert, nicht ausbeuterisch ist und Basisdemokratie ermöglicht.

„Siehe, ich mache alles neu“ (Off. 21,5). Mit Sehnsucht und Freude hören wir dieses Versprechen von der erneuernden Kraft des Heiligen Geistes. Es stärkt unsere Hoffnung und ermutigt uns, auf eine neue Gemeinschaft von Menschen und Nationen hinzuarbeiten, wo Frieden herrscht.

Es gibt keinen Frieden ohne Versöhnung.
Versöhnung ist ein langwieriger Vorgang. Er setzt voraus, daß wir uns auf unsere Geschichte besinnen, die Gründe der Auseinandersetzung analysieren und Wunden heilen. Es bedeutet, uns Rechenschaft zu geben von unserem eigenen Anteil an Schuld, auch als Frauen. Es bedeutet aber ebenfalls, uns unserer Kraft bewußt zu werden, unserer Fähigkeit, Kompromisse zu schließen und Beziehungen aufzubauen.

Als Frauen verpflichten wir uns

  • Klischees und Feindbilder zu erkennen und sie zu überwinden zu versuchen;
  • den Mut zu haben, Schranken zwischen und innerhalb unserer Gesellschaften zu überwinden;
  • unsere Kinder zum Frieden zu erziehen und an uns selber und in unseren Familien darauf hinzuarbeiten, mit persönlichen und gesellschaftlichen Konflikten besser umgehen zu können;
  • Methoden gewaltlosen Handelns zu erlernen;
  • die Diskussion um atomare Abschreckung und um die Verweigerung aus Gewissensgründen in allen Bereichen in unseren Kirchen fortzusetzen;
  • uns bewußt zu sein, daß die Abrüstung kaum begonnen hat und ständig in Gefahr ist von „Modernisierungs“-Prozessen überholt zu werden.

Wir fordern daher unsere Regierungen dringend auf, die Abrüstungsbemühungen fortzusetzen und die dadurch freiwerdenden Mittel zur Schaffung von mehr Gerechtigkeit einzusetzen.

Wir träumen von einem Europa ohne Grenzen, in dem statt Zwietracht Eintracht herrscht. Wir teilen mit allen Europäern, Frauen und Männern, die Vision eines vereinten Europas, ein wahrhaftig gemeinsames Haus, in dem unsere Abhängigkeit voneinander anerkannt und bejaht wird, dessen Türen allen Menschen dieser Erde offenstehen. Wir sagen mit dem Propheten Amos „Suchet das Gute und nicht das Böse, damit ihr lebt“ (Amos 5,14).

Wir rufen die Völker Europas auf, das Leben zu wählen, Gerechtigkeit zu suchen, die Erde zu erhalten, Frieden zu schaffen, Feindschaft zu überwinden und wir segnen sie mit den Worten eines alten keltischen Segens:

Der tiefe Friede der rauschenden Wogen sei mit euch
Der tiefe Friede des brausenden Windes sei mit euch
Der tiefe Friede der ruhenden Erde sei mit euch
Der tiefe Friede der blinkenden Sterne sei mit euch
Der tiefe Friede vom Sohn des Friedens sei mit euch

Boldern (CH), 7.-12. Februar 1989

Ökumenisches Forum Christlicher Frauen in Europa
[Verabschiedet von der Gesamteuropäischen Frauenkonferenz zur Vorbereitung der Ökumenischen Weltversammlung aller Christen 1990 in Seoul]

 

Quelle: Heinz-Günther Stobbe u.a.: Quellen und Zeugnisse. Münster 1995.

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