Niederlande, Rat der Kirchen, Glaubensbrief über Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, 1988
Ein Bund für das Leben
EIN GLAUBENSBRIEF
Eine gründliche Besinnung
Es ist hoffnungsvoll, daß immer mehr Menschen sich der lebensgefährlichen
Bedrohungen bewußt werden, der unsere Welt ausgeliefert ist. Die Besorgnis
wächst, aber auch die Bereitschaft zu einer gründlichen Besinnung.
Die Situation schreit auch danach. Die Verarmung nimmt immer mehr zu; die Aufrüstung
wird immer noch höher geschraubt. Die Ausbeutung und Zerstörung unserer
natürlichen Umwelt geht ungebremst weiter. Aber es gibt immer noch Hoffnung
für die Zukunft, wenn wir Menschen bereit sind zur Besinnung zu kommen
und wenn wir den Glauben an die Notwendigkeit und die Möglichkeit der Veränderung
nicht verlieren.
Natürlich geht dies alle Menschen an. Die Kirchen aber, als eine Bewegung
des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, haben dazu ihren eigenen Beitrag zu
leisten. Heute werden sie aufgerufen, zusammen nach einem gemeinsamen Weg für
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu suchen, um Unrecht
und Armut, Krieg und Gewalt, Verschmutzung und Zerstörung zu überwinden.
Sie gehen dabei aus von dem Bund, den Gott mit seiner Schöpfung geschlossen
hat, einem Bund für das Leben und gegen den Tod.
Zur Zeit bereitet der Ökumenische Rat der Kirchen in Zusammenarbeit mit
der Römisch-Katholischen Kirche eine Weltversammlung der Kirchen vor, die
dem Thema Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gewidmet sein
soll. Dieser Versammlung, die 1990 stattfinden soll, gehen lokale, nationale
und regionale Treffen voraus. Diese Geschehnisse markieren einen Weg, der vom
Ökumenischen Rat der Kirchen als konziliarer Prozeß bezeichnet
wird; er wird 1990 nicht seinen Abschluß finden, sondern einen weltweiten
Impuls bekommen. Es geht dabei um eine gemeinschaftliche Besinnung über
die Haltung von Kirchen und Christen angesichts der großen Gefahren, welche
die Welt in unserer Zeit bedrohen. Diese Besinnung darf nicht unverbindlich
bleiben, sondern soll in deutliche Aussagen und nicht weniger deutlichen Absprachen
münden. Darum wird der Prozeß vom Ökumenischen Rat der Kirchen
konziliar genannt. Entsprechend einer Definition aus dem Ökumenischen
Rat der Kirchen wird unter Konziliarität verstanden, daß
Christen örtlich, regional und weltweit zu gemeinsamem Gebet, zur Beratschlagung
und zur Beschlußfassung zusammenkommen. Die Kernworte sind also:
Gebet, Beratung, Beschluß.
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
Die Besinnung richtet sich auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
In diesen Worten wird Gottes Wille für diese Welt zusammengefaßt.
Es sind Worte der Hoffnung. Sie enthalten sowohl ein Versprechen als auch einen
Auftrag.
Gerechtigkeit ist das Wort für Gottes Haltung gegenüber den Menschen
und die von ihm gewollten Verhältnisse im Zusammenleben. Bei Gerechtigkeit
geht es um ein Handeln, das Gemeinschaft stiftet und fördert und das jedem
Menschen Recht verschafft, besonders aber den Macht- und Rechtlosen.
Frieden ist der Name für eine Situation, in der Gott und Menschen miteinander
versöhnt sind, in der die Gemeinschaft zwischen den Menschen hergestellt
ist und in der die Schöpfung sich unbedroht entwickeln kann. Frieden wird
die Frucht der Gerechtigkeit genannt.
Bei der Bewahrung der Schöpfung geht es um einen ehrfürchtigen und
sorgsamen Umgang mit dem von Gott Geschaffenen. Mensch und Natur leben in einem
Zusammenhang und in einer gegenseitigen Abhängigkeit, wobei der Mensch
nicht Besitzer, sondern Beschützer ist.
Wie es einerseits einen Zusammenhang zwischen Hunger und Armut, Gewalt und
Bewaffnung, Verschmutzung und Zerstörung gibt, so andererseits auch zwischen
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Alle drei zusammen
finden wir in einem biblischen Lied, das in unserer Zeit für viele einen
neuen Klang gewonnen hat, dem 85. Psalm.
Hören will ich, was der Herr redet.
Redet er nicht von Rettung
zu seinem Volk und seinen Frommen?
Ja, es ist Hoffnung für sie!
Ja, seine Hilfe ist nahe denen, die ihn fürchten,
seine Herrlichkeit wird wohnen in unserem Lande;
Güte und Treue werden einander begegnen,
Gerechtigkeit und Frieden einander finden.
Treue sproßt aus der Erde empor,
und Gerechtigkeit leuchtet vom Himmel herab.
Auch schenkt uns der Herr das Gute,
und unser Land wird fruchtbar sein;
Gerechtigkeit geht vor ihm her,
und Heil folgt seinen Spuren.
Was hier miteinander verbunden ist, hängt vor allem zusammen und hat seinen
Ursprung in der Gesinnung des Menschen: Unrecht, Gewalt, Plünderung unserer
natürlichen Umwelt kommen aus dem Drang des Menschen, zu herrschen und
zu besitzen. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung werden
wir aber nur erfahren, wenn Menschen bereit sind, einander zu dienen und in
sorgsamer Weise mit dem umzugehen, was ihnen anvertraut ist.
Die Fragen, vor denen wir stehen
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind Worte, die eine
sehr weite und tiefe Bedeutung haben. Sie berühren unser ganzes Leben,
unser Denken, unser Handeln. In der heutigen Situation muß der Einsatz
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sich konzentrieren
auf einen Kampf gegen zunehmende Armut, andauernde Aufrüstung und hemmungslose
Zugriffe auf Natur und Umwelt.
Das sind Dinge, die die Zukunft der Welt ernsthaft bedrohen. Gebet, Beratung
und Entscheidungen von Kirchen und Christen müssen sich zuallererst darauf
richten.
Dabei geht es keineswegs nur oder zuallererst um Dinge, die sich irgendwo weit
entfernt abspielen. Die Probleme sind zwar tatsächlich weltweit, aber wir
treffen sie ebenso an unserem Wohnort, in unserer eigenen Straße an. Wir
selbst sind betroffen, unser Denken, unser Handeln. An uns richten sich Fragen
wie:
- wo werden in unserer Umgebung Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
bedroht?
- was sind die Ursachen dafür und was ist unser eigener Anteil daran?
- was kann daran verändert werden und was können wir dazu beitragen?
- was motiviert und inspiriert unsere Betroffenheit bei diesen Fragen?
Es ist sehr wichtig, daß diese Besinnung gemeinschaftlich geschieht,
auf allen Ebenen der Kirchen und zusammen mit allen Gruppierungen in den Kirchen.
Insbesondere muß nach solchen Formen von Besinnung und Beschlußfassung
gesucht werden, an denen Frauen und Männer in gleichwertiger Weise teilnehmen.
Dieser Glaubensbrief und eine erste Orientierung, die ihm beigefügt ist,
wollen dabei helfen. Es ist keine Schrift aller im Rat der Kirchen vereinigten
Kirchen, sondern das Ergebnis einer Besinnung in der Leitungsgruppe Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung, die sich aus Mitgliedern der
im Rat teilnehmenden Kirchen zusammensetzt. Er greift die Besinnung über
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der ökumenischen
Gemeinschaft, weltweit und in unserem eigenen Land, auf und will einen Anstoß
für den Beratungsprozeß geben, der überall stattfinden wird.
Er fragt eher nach Antwort, als daß er Fragen beantwortet. Für manche
wird er sogar eine Herausforderung sein, die eigene Auffassung daneben oder
dagegen zu setzen. Aber vor allem ist er ein Aufruf zu einer Besinnung, in der
wir Christen uns selbst, unser Denken und unser Handeln zur Diskussion stellen.
Ein Aufruf
Was die Ernte dieses gemeinschaftlichen Suchens nach Gerechtigkeit, Frieden
und Bewahrung der Schöpfung sein wird, kann man natürlich noch nicht
vorhersehen. Wohl aber kann ausgesprochen werden, daß wir als Kirchen
und Christen aufgerufen sind:
- neu ernst zu machen mit Gottes Bund, der für seine Schöpfung nicht
den Tod, sondern das Leben im Auge hat, und danach zu suchen, wie wir miteinander
Verpflichtungen eingehen können für das Leben und gegen den Tod;
- zu bekennen, daß wir in unserem Sprechen und Handeln im Bezug auf
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung halbherzig waren und
daß wir dabei Gottes Willen und Gottes Heil widerstanden haben;
- immer wieder zu horchen auf die Stimmen derjenigen von fern oder von nah,
die uns durch ihr Leiden anklagen für das, was wir der Schöpfung
antun;
- zu bezeugen, daß der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und
Bewahrung der Schöpfung eine wesentliche Konsequenz des Glaubens an Jesus
Christus ausmacht, der das Leben der Welt und Herr über die Götzen
unserer Zeit ist;
- in der eigenen Glaubenstradition das neu zu entdecken und zur Geltung zu
bringen, was zum Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der
Schöpfung inspirieren kann;
- unzweideutig auszusprechen, daß die heutige Verteilung der Reichtümer
der Schöpfung und die zunehmende Verarmung in großen Teilen der
Welt, eine Bewaffnung, die für das Fortbestehen der Welt immer bedrohlicher
wird und die Gewalt, mit der Menschen unterdrückt und gehetzt werden,
die andauernde Plünderung einer Erde, der wir zu dienen und die wir zu
beschützen haben, völlig unannehmbar sind;
- mitzusuchen nach konkreten Maßregeln und Mitteln, wodurch die Gefahren,
die die Schöpfung bedrohen, abgewehrt werden können und damit auch
selbst im eigenen Leben ernst zu machen;
- jedesmal neu miteinander ins Gespräch zu kommen über unseren
gemeinsamen Auftrag hinsichtlich Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der
Schöpfung, auch in der örtlichen Situation, und über die möglichen
Meinungsunterschiede darüber, wie dieser Auftrag ausgeführt werden
kann;
- Bundesgenossen unter Menschen anderen Glaubens und anderer Lebensüberzeugungen
zu suchen und bereit zu sein, von ihnen zu lernen und durch sie korrigiert
und bereichert zu werden;
- aufmerksam darauf zu achten, was von den Gruppen und Bewegungen vorgeschlagen
und getan wird, die sich schon seit längerer Zeit intensiv und sachkundig
mit den Problemen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
beschäftigen;
- Menschen in der Politik, in den gesellschaftlichen Organisationen und in
den Wissenschaften auf ihre Sachkunde und Verantwortlichkeit hin anzusprechen
und sie zu bitten, der Suche nach Möglichkeiten, Unrecht und Gewalt zu
wenden, Vorrang zu geben;
- dem Gedanken abzuschwören, daß die Probleme so groß und
komplex seien, daß man nichts daran machen könne oder daß
wir jedenfalls nichts daran ändern können, ebenso wie dem Gedanken,
daß durch das freie Spiel der gesellschaftlichen oder ökonomischen
Kräfte von selbst bessere Verhältnisse und Zustände entstünden,
stattdessen daran festzuhalten, daß Gerechtigkeit bewußt gewollt
und getan werden muß, daß Friede gestiftet werden muß, daß
die Erde mit Vernunft beschützt und verteidigt werden muß gegen
vernichtende Kräfte und daß wir Menschen dazu die Kraft haben.
Bei all diesen Überlegungen lassen wir uns ermutigen durch das Lied, daß
uns Maria vorsingt, die Mutter des Herrn, ein Lied, das Vertrauen und Erwartung
mit Kampfbereitschaft verbindet:
Meine Seele rühmt den Herrn
und hebt ihn über alles empor.
Mein Geist freut sich über den Herrn,
den Gott, der mir hilft.
Denn er ist seiner Magd,
die so niedrig ist, freundlich begegnet.
Glücklich werden mich preisen
die Menschen und Völker zu allen Zeiten.
Er hat Großes an mir getan,
der unendliche Macht hat
und der zu heilig ist für den Dank,
mit dem unser Mund ihn nennt.
Seine Barmherzigkeit reicht über alle
Geschlechter der Menschen.
Freundlich begegnet er denen,
die ihn fürchten.
Keine Menschenmacht bleibt.
Die Kraft seines Armes zerstreut sie wie Sand,
die meinen in ihren Herzen,
sie seien ihr eigener Gott.
Die Mächtigen taumeln von ihren Thronen,
und die Getretenen richtet er auf.
Hungrige sättigt sein Reichtum,
und Reiche treibt er mit leeren Händen davon.
Er nimmt sich seines Dieners Israel an
und gewährt ihm seine Barmherzigkeit.
Unseren Vätern hat er es angesagt
und in Ewigkeit gilt es Abrahams Volk,
dem Volk, das ihm dient.
In der christlichen Tradition wird hier ein Lobpreis angefügt:
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist,
wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit
und in Ewigkeit, Amen.
EINE ERSTE ORIENTIERUNG
1. Die Zeit drängt
Ich aber, siehe, ich richte einen Bund auf mit euch und euren Nachkommen
und mit allen lebenden Wesen, die bei euch sind. Vögeln, Vieh und allem
Wild des Feldes bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind. Ich will
einen Bund mit euch aufrichten, daß niemals wieder alles Fleisch von den
Wassern der Sintflut soll ausgerottet werden und niemals wieder eine Sintflut
kommen soll, die Erde zu verderben (Gen. 9, Vers 9-11).
Diese hoffnungsvollen Worte finden sich am Schluß einer Geschichte, die
von der Sintflut erzählt, der großen Katastrophe, die von den Erzählern
selbst erlebt und erlitten wurde als der Untergang der Welt, als eine Folge
menschlichen Handelns und Verhaltens. Das Urteil, das die Geschichte ausspricht,
lautet: Aber die Erde war verderbt vor Gott und voll war die Erde von
Frevel (Holländisch: ... voll war die Erde von Gewalttätigkeit.).
Weil es keine Gerechtigkeit und keinen Frieden unter den Menschen gab, wurde
eine vollkommene Schöpfung verdorben. In einem schrillen Kontrast zur Verkündigung
von Gen. 1: Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war
sehr gut (Vers 31), steht der Anspruch von Gen. 6: und Gott sah
die Erde an, und siehe, sie war verdorben (Vers 12). Also fällt die
Schöpfung zurück hinter ihren Anfang: Die Wasser des Todes überspülen
das Land des Lebens. Aber die Geschichte kann neu beginnen, weil ein Mensch
da ist, der gerecht und hingebungsvoll lebt.
Der Bund, der damals geschlossen wurde, und die Versprechen, die gemacht wurden,
bedeuten für diejenigen, die die Geschichte hören wollen, daß
eine Zerstörung der Schöpfung von nun an weder Gottes Wille noch Gottes
Werk genannt werden darf. Die Erde wird den Menschen zurückgegeben. Ausdrücklich
werden in den Bund nicht nur die Menschen aufgenommen, sondern auch die Tiere.
Die ganze Schöpfung ist Vertragsgegenstand. Aber die Verantwortung für
die Zukunft alles Lebendigen liegt auf den Schultern der Menschen. Sie können
aus der Welt einen blühenden Garten von Frieden und Recht machen,
aber ebensogut eine wüste Wildnis. Sie können die Welt sogar über
den Rand des Abgrundes stürzen, und sie haben die Möglichkeit dazu
heute vollständig in der Hand. Die Geschichte der Sintflut könnte
sich, um ein Vielfaches vergrößert, wiederholen, denn das Urteil,
das ausgesprochen wurde, trifft noch immer zu: Und voll war die Erde von
Frevel.
Mehr als jemals zuvor sind wir Menschen uns der Tatsache bewußt, daß
der Untergang der Welt in unserer Macht liegt. Mehr denn je sind wir uns der
Tatsache bewußt, daß es in unserer Verantwortung liegt, dies in
Gottes Namen zu verhindern. Die Zeit drängt!
Viele Male haben Christen einander die Geschichte von der Sintflut erzählt.
Sie wissen von dem Bundesschluß und von den Verheißungen und Geboten.
Doch müssen sie bekennen, daß sie diese Verheißungen und Gebote
nicht glaubwürdiger gemacht haben. Im Gegenteil, sie haben mitgewirkt und
beigetragen zur Entrechtung von Menschen, zur Gewalt unter den Völkern,
zur Zerstörung der Schöpfung. Sie haben den Bund geschändet,
Menschenblut vergossen, die Erde verdorben. Nicht selten sind es andere gewesen,
die als erste den Weg zu Recht und Frieden betreten haben, die sie daran erinnern
mußten, was die Schrift und die Stimmen aus ihrer eigenen Tradition ihnen
schon lange gesagt hatten.
Die Geschichte muß sie also bescheiden machen. Was sie dennoch freimütig
sprechen läßt über die Welt und ihre Zukunft, ist die Tatsache,
daß der Geist immer wieder mächtig erscheint, in ihrer Mitte die
Worte von den Zusagen und Geboten Gottes erklingen zu lassen, Menschen zu inspirieren
zu Hoffnung und Mut und ihnen begehbare Wege zu zeigen.
So geht es denn auch nicht auf deren eigene freie Initiative zurück, wenn
jetzt die Kirchen sich immer intensiver damit beschäftigen und immer deutlicher
sprechen über das, was die Schöpfung bedroht. Sie werden dazu gerufen.
Sie teilen die Besorgnis und die Beunruhigung von vielen. Sie lassen sich ansprechen
durch die Worte der Schrift, die sich auf die Erde beziehen, deren Bestimmung
es ist, Gottes Königreich zu sein. In diesen Wörten hören sie
Zusage und Auftrag Gottes; Zusage, die sich nur bewahrheitet, wenn der Auftrag
ernst genommen wird; Auftrag, der nur ausgeführt werden kann, wenn in Hoffnung
und Vertrauen auf die Zusage gebaut wird.
Einsatz für das Leben und Überleben unserer Welt ist auch nicht etwa
ein spezielles, sozialpolitisches Programm, das dem eigenen Leben und den eigentlichen
Aufgaben der Kirchen hinzugefügt wird, oder für das vor allem bestimmte
Gruppen, Bewegungen oder Organe verantwortlich sind. Dieser Einsatz ist ureigenste
Sache für eine Glaubensgemeinschaft, die aus der Geschichte des Bundes
lebt, der einmal und für immer geschlossen wurde, und der Leben und Zukunft
für alle verwirklichen will. Das berührt die Existenz der ganzen Kirche
in allen Gestalten und Erscheinungen.
Im Dokument des Ökumenischen Rates der Kirchen über Taufe, Eucharistie
und Amt, dem Lima-Papier, wird über die Kirche gesagt, daß sie gerufen
ist, das Reich Gottes zu verkündigen und eine Vorwegnahme des Reiches
Gottes zu sein. Sie ist der Leib Christi, der Sündern vergab, Armen
das Evangelium brachte, Gefangene befreite, Blinden das Licht gab und Unterdrückten
Befreiung. Die Glieder dieses Körpers müssen zusammen mit den
Unterdrückten für die Freiheit und Würde streiten, die mit der
Ankunft des Reiches Gottes versprochen sind.
Es sind vor allem die Sakramente, die der christlichen Gemeinschaft bei ihrem
Einsatz für Leben und Wohlergehen der Schöpfung die Grundlage geben.
Die Taufe bedeutet ja die Rettung aus dem Griff der Todesmächte. Mit Nachdruck
sagt das Lima-Papier, daß die Taufe als Taufe auf Christi Tod ethische
Implikationen nach sich zieht, die nicht nur nach persönlicher Heiligung
fragen, sondern die Christen auch motivieren, auf allen Gebieten des Lebens
zu versuchen, Gottes Willen zu erfüllen. Nicht weniger bedeutsam
ist das Mahl des Herrn. Brot und Wein, die Gaben der Schöpfung, angetastet
durch unsere Gewalt, unser Unrecht, unsere Verschmutzung, werden durch Christi
Anwesenheit zu Zeichen einer neuen Schöpfung und eines erneuerten Menschseins,
das wir zusammen teilen dürfen. Von der Eucharistie sagt das Lima-Paier,
daß sie alle Aspekte des Lebens umfaßt. Die Eucharistiefeier
fragt nach Versöhnung und Solidarität aller, die einander als Brüder
und Schwestern einer Familie in Gott erkennen, und sie ist eine fortdauernde
Herausforderung bei der Suche nach den richtigen Verhältnissen im sozialen,
ökonomischen und politischen Leben. Alle Formen von Unrecht, Rassismus,
Apartheid und Mangel an Freiheit werden radikal kritisiert, wenn wir Leib und
Blut Christi teilen.
Taufe und Eucharistie verweisen auf Ostern, auf das Fest der Auferstehung Christi,
und darum auf ein Fest voller Hoffnung. Damit wird der Einsatz für eine
Zukunft der Erde und aller, die darauf wohnen, aus einer Sphäre von Bedrohung
und Angst, Unheil und Verdammung heraus geholt. Es ist die durch den Osterbericht
geweckte Hoffnung und eine Sympathie für die Unterdrückten, in deren
Rufen der Ruf des Herrn selbst zu hören ist, die die christliche Glaubensgemeinschaft
motivieren und inspirieren. Christen dürfen leben aus dem Gnadenbund, den
Gott mit seinem Volk Israel aufgerichtet hat und den Er in Christus erneuert
hat. Dieser Gnadenbund vereinigt uns zu einem Bund für das Leben. Diese
Verbundenheit ist das Fundament der ökumenischen Bewegung; einer Bewegung
im Dienst der Ökumene, der ganzen bewohnten Welt, auf daß diese Welt
bewohnbar wird.
2. Ein Bund für das Leben
In der ökumenischen Besinnung über den Einsatz der Kirchen für
die Zukunft der Schöpfung nimmt das Wort Bund einen wichtigen
Platz ein. Die VII. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen
in Vancouver rief die Kirchen auf, auf allen Ebenen Bundesschlüsse in einem
konziliaren Prozeß zu vollziehen. In diesem Wort Bund kam
das Gemeinsame und Verpflichtende beim Einsatz für die Zukunft alles Lebendigen
wieder zur Geltung. Deshalb hat der Bundesgedanke sehr große Aufmerksamkeit
auf sich gezogen. Seine Durchdringung sowie die weitere Behandlung der verschiedenen
Probleme haben ihren Ursprung in der Entstehungsgeschichte des Denkprozesses
innerhalb des Ökumenischen Rates der Kirchen. Dies kann auch erklären,
warum z. B. der Schöpfungsgedanke nicht ausdrücklich den Leitfaden
dieses Briefes bildet.
Das Wort Bund ist ein biblischer Begriff, es ist sogar das Schlüsselwort
für das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Zuerst ist die
Rede vom Bund, den Gott nach der Sintflut mit Noah, seinen Nachkommen und allen
Lebewesen schloß (Gen. 9). Dann wird uns erzählt vom Bund Gottes
mit Abraham, dem Vater der Gläubigen (Gen. 15 und 17). Später hören
wir von dem Bund, der am Berg Sinai mit dem ganzen Volk Israel geschlossen wurde
(Ex. 20 bis 24).
Zu einem Bund gehören Verabredungen. Wenn Menschen die Verabredungen gebrochen
haben oder wenn sich die Situation so verändert hat, daß die Verabredungen
neu formuliert werden müssen, wird der Bund erneuert. Das geschah, nachdem
Israel den Kniefall vor dem goldenen Kalb gemacht hat (Ex. 34), nachdem das
Volk unter Führung Josuas (Josua 24) im gelobten Land angekommen ist, und
als der jüdische König Josia beim Lesen des (wiedergefundenen) Buches
Deuteronomium entdeckt, wie weit er und sein Volk abgekommen sind. Im Deuteronomium
wird sogar vorgeschrieben, daß der Bund alle 7 Jahre erneuert werden muß
(Deut. 31, Vers 9-13). In der dramatischen Zeit während der babylonischen
Gefangenschaft sind es die Propheten, die eine Bundeserneuerung in Aussicht
stellen, die große Hoffnung für die Zukunft (Jeremia 31, Vers 31
bis 34).
Bundesschluß und Bundeserneuerung finden immer in einer bedrohlichen
Situation statt. Es sind die Bedrohten, mit denen ein Bund geschlossen oder
erneuert wird. In diese Linie gehört auch, was am Vorabend von Karfreitag
im oberen Saal in Jerusalem geschieht, als Jesus den Kelch des neuen Bundes
im Kreis seiner Jünger herumgehen läßt.
In der Bibel wird auch berichtet, wie Menschen miteinander einen Bund schließen.
Sprechendes Beispiel ist der Bund zwischen David und Jonathan, wobei ausgesprochen
wird, daß der Herr für immer zwischen ihnen beiden und ihren Nachkommen
stehen wird: Auch hier ist Gott wirksam anwesend. Er hält sie zusammen
und wacht über Ihren Bund. Auch die Geschichte von Naomi und Ruth (Ruth
2, Vers 16: Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.)
ist ein beeindruckender Bericht über einen zwischenmenschlichen Bund, bei
dem Gott einbezogen ist, wenn auch das Wort Bund selbst nicht gebraucht
wird.
In den biblischen Geschichten ist es immer Gott, der die Initiative für
einen Bund mit den Menschen ergreift. Er stiftet den Bund, gibt Zusagen und
stellt seinen Bündnispartnern Bedingungen. Er hält auch an seinem
Bund fest. Bei der Bundeserneuerung ist es nicht Gott, der etwas zu erneuern
hat. Es sind die Menschen, die aufs neue aussprechen, daß sie sich an
den einmal geschlossenen Bund halten wollen.
Der Inhalt des Bundes ist der Frieden: Nicht nur zwischen Gott und Menschen,
sondern auch zwischen Menschen untereinander und zwischen Menschen und anderen
Geschöpfen. Das wird deutlich beim Bund mit Noah, bei dem den Menschen
geraten wird, sich jeder Gewaltanwendung und jedes Blutvergießens zu enthalten,
und auch im Umgang mit Tieren die nötige Sorgfalt zu beachten. Das wird
ebenso beim Bundesschluß am Sinai deutlich: Die an Israel gegebenen Gebote
haben gerechte und fürsorgliche Verhältnisse im Auge. Gott will Schalom
für seine Welt und Er lädt die Menschen ein, diesen in seinem Namen
zu verwirklichen. Das bedeutet, daß sie sich verpflichten, ihre Abgötter
aufzugeben, ihrem großen Bundesgenossen treu zu sein und seiner Schöpfung
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es geht dabei immer wieder um die Entscheidung
Leben oder Tod, Segen oder Fluch (Deut. 30, Vers 19-20).
Bei der ökumenischen Besinnung hinsichtlich Bund und Bundeserneuerung
stehen verschiedene Aspekte der biblischen Überlieferung im Mittelpunkt:
- Erinnerung: Basis des Bundes ist ja das, was Gott für und an Menschen
getan hat. Menschlicher Einsatz ist dann auch nur möglich aufgrund von
Gottes Einsatz.
- Verkündigung: Aufs neue wird Gottes Wille erläutert und gedeutet
im Hinblick auf die Situation des Augenblicks.
- Den Abgöttern abschwören: Ja sagen zu Gottes Bund
bedeutet, den Bund mit tödlichen Mächten aufzukündigen; wie
Jesus in der Bergpredigt sagt: Man
kann nicht Gott dienen und dem Mammon (Math. 6, Vers 24).
- Feier: Daß der Bundesschluß Anlaß zur Freude ist, sieht
man an den Festen; in der biblischen Situation ist es selbstverständlich,
daß der Bund in Form einer Mahlzeit gefeiert wird. Es geht um neues
Leben mit Gott und miteinander.
- Offenheit: Der Bund zwischen Gott und Menschen ist nicht gegen andere gerichtet,
sondern er ist da zum Wohl anderer, zum Frieden aller. In Abraham sollen alle
Völker der Erde gesegnet werden.
All diese Aspekte finden sich auch bei der Feier des Abendmahls, die man eine
Bundesbekräftigung nennen könnte. Die Kirche hat in Jesu
Opfer eine Erneuerung von Gottes Bund mit uns gesehen: Ein Bund, der für
alle Menschen offen ist: Der Wein ist das Blut des neuen Bundes, das vergossen
wird für viele. Bei der Abendmahlsfeier stellen sich die, die daran
teilnehmen, neu in den Bund hinein. Man empfängt nicht nur, sondern man
verpflichtet sich auch zum Einsatz für den Schalom. Die Gemeinschaft
am Tisch des Herrn wird deshalb auch in vielen Kirchen vom Friedensgruß
eingeleitet: Friede mit Gott, Friede miteinander, Frieden auf Erden.
Wenn bei der ökumenischen Besinnung über den Bund gesprochen wird,
dann ist zuallererst gemeint, daß Christen sich neu bewußtmachen,
daß Gott mit ihnen einen Bund geschlossen hat, der beim Abendmahl jedes
Mal wieder gefeiert wird. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
ist das Ziel, auf das hin sich Gott mit den Menschen verbunden hat. Bundeserneuerung
bedeutet, dem Glauben an diesen Gott neuen Ausdruck zu geben, sowie auch dem
Willen, als sein Bundesgenosse zu leben. Dazu werden Christen in dieser Zeit
aufgerufen, gerade im Blick auf die großen Bedrohungen, denen die Schöpfung
ausgeliefert ist.
Aufgrund des Bundes Gottes können Christen auch miteinander Verbindlichkeiten
eingehen oder Absprachen treffen, auf die man einander ansprechen kann. Das
kann geschehen auf örtlicher, landesweiter, regionaler oder weltweiter
Ebene (zwischen Kirchen oder Gruppen eines bestimmten Ortes oder zwischen Kirchen
oder Gruppen in verschiedenen Weltteilen). Dafür kann es verschiedene Formen
geben, nach denen wir noch suchen und tasten. Deutlich ist, daß es bei
einem solchen Bund immer um Gemeinschaft und Verpflichtung geht.
Dabei können durchaus auch Menschen einbezogen werden, die aus einem anderen
Glauben oder einer anderen Weltanschauung leben. Christen sind nicht die Einzigen
und sicher nicht die Ersten, die für die Bewahrung der Schöpfung im
Hinblick auf die Generationen nach uns eintreten. Obendrein sind sie auf die
anderen dringend angewiesen im Kampf gegen Unrecht und Gewalt: Auf die Zusammenarbeit
mit ihnen, aber auch, um von ihnen zu lernen. Solche Zusammenarbeit mit anderen
steht in keinem Fall im Konflikt mit der Überzeugung, daß der Einsatz
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bedeutet: (wiederum)
Ernst machen mit dem Bund, dessen Initiative von Gott ausging. Das Zeichen des
Bundes ist der Regenbogen, der die ganze Erde und alles, was darauf lebt, überspannt.
Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch
und allen Lebewesen, die bei euch sind auf ewige Zeiten: meinen Bogen stelle
ich in die Wolken; der soll ein Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde
(1. Mose 9, Vers 12,13).
3. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
... bis über uns ausgegossen wird der Geist aus der Höhe. Dann
wird die Wüste zum Fruchtgefilde, und das Fruchtgefilde wird zum Wald gerechnet.
Und das Recht wird in der Wüste wohnen und die Gerechtigkeit im Fruchtgefilde
weilen. Und das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und die Frucht des Rechtes
Sicherheit auf ewig (Jes. 32, Vers 15 bis 18).
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, die Begriffe die in
unserer Zeit neu die Zukunft bestimmen sollen, worauf wir hoffen und wofür
wir uns einsetzen, sie sind den alten Schriften entlehnt, aus denen Christen
leben. Man wird sich auf die prophetischen Worte von Jes. 32 berufen können.
In dieser Prophetie wird Frieden die Frucht der Gerechtigkeit genannt. Wenn
Frieden näher umschrieben wird als Ruhe und Sicherheit, ist damit etwas
anderes gemeint als das Suchen eigener Sicherheit hinter großen Waffenschilden.
Es geht um ein Leben, in dem niemand mehr Gewalt angetan wird, weder Menschen
noch Natur: Bewahrung der Schöpfung.
Die Erfüllung des Versprechens wird abhängig gemacht von der Ausgießung
des Geistes aus der Höhe. Die Erfüllung kommt also nicht über
uns, sondern nimmt uns mit hinein. Damit wird Gottes Zusage als Auftrag in unsere
Menschenhände gelegt. Nicht als ein Programm, das mit gutem Willen und
eifrigem Einsatz schnell realisiert werden kann, sondern wird mit uns einen
langen Weg gehen. Einen Weg, auf dem man durch Worte der Gnade angesprochen
wird, auf dem man Schuld bekennt und umkehrt, auf dem man dem Gott des Bundes
Vertrauen entgegenbringt, auf dem man den Mächten des Todes, welche sich
vermummen und uns weismachen, daß sie Leben und Heil geben, die Gefolgschaft
aufkündigt.
Die Schrift macht uns auch deutlich, wie sehr der Mensch selbst hier auf der
Anklagebank sitzt. Sein Herz ist voll von Gewalttätigkeit. Er beherrscht,
unterdrückt, beutet aus.
Bei einer ehrlichen Analyse der Situation und einer nüchternen und planmäßigen
Bekämpfung der bedrohenden und betrügerischen Todesmächte werden
wir uns wohl der beklemmenden Erkenntnis stellen müssen, daß Unrecht,
Gewalt und Verwüstung tief im Menschen selbst verwurzelt sind. Wenn man
die Situation der Welt und unserer Gesellschaft ändern will, geht dies
nicht ohne Bekehrung und Erneuerung des Menschen.
In der Prophetie wird Frieden die Frucht der Gerechtigkeit genannt: Viele Kirchen
haben deutliche Erklärungen über Frieden und Abrüstung veröffentlicht.
Die Kirchen der 3. Welt haben den Kirchen im Westen die Frage gestellt, ob es
ihnen dabei im Grunde nicht um die friedliche Fortsetzung ihres
eigenen - in vielen Fällen sehr - angenehmen Lebens gehe. Das Unrecht in
der Welt - Reiche, die immer reicher und Arme, die immer ärmer werden -
könne dann eben friedlich weiter bestehen. Aber weiterwuchernde
Ungerechtigkeiten werden zum Herd von Konflikten und Gewalt. So wie Frieden
die Frucht der Gerechtigkeit ist, so entstehen Haß und Gewalt aus der
Saat des Unrechts. Wiederum hält eine kostspielige Bewaffnung das schmerzende
Unrecht aufrecht. Dabei ist der übermäßige Verbrauch von Rohstoffen
im Dienst unserer Bewaffnung und unseres Konsums ein regelrechter Anschlag auf
Natur und Umwelt.
Das Wohl und das Fortbestehen unserer Erde mit allem, was darauf lebt, wird
also von drei Seiten her bedroht: Durch Armut und weitere Verarmung, durch Bewaffnung
und Wettrüsten, durch Verschmutzung und Zerstörung von Natur und Umwelt,
und dies in einem unverkennbaren Zusammenhang. Zusammen bilden sie einen Bund
des Todes, ein dreiköpfiges Ungeheuer, das die Schöpfung in Lebensgefahr
bringt. Ungerecht haushalten, einander bis aufs Messer bedrohen, die Schöpfung
plündern, hängen nicht nur eng miteinander zusammen, sondern sie heizen
sich auch gegenseitig an. Das Unrecht vergrößert sich, die Bewaffnung
wird immer höher geschraubt und die Zerstörung von Natur und Umwelt
nimmt immer erschreckendere Formen an.
Die Erzählung von der Sintflut nennt diese tödliche Macht Gewalttätigkeit.
Das hebräische Wort Chamas, das sowohl mit Gewalt als auch
mit Unrecht übersetzt werden kann, bezieht sich auf physische Gewaltanwendung
und soziale Ausbeutung, aber es paßt auch für das, was Menschen der
Natur antun. Für die unrechte Art, wie Menschen sich als Besitzer und Machthaber
auf einer Erde benehmen, die ihnen als Hüter anvertraut wurde, lautet hier
die Anklage: Machtmißbrauch. Chamas! ist in der Schrift der
Hilferuf der Unterdrückten. Jetzt ist es die Erde, die von allen Enden
Chamas! ruft.
Gegenüber dem Hilferuf Chamas! steht der Friedensgruß
Schalom. Und in dem einen Wort können Gerechtigkeit, Frieden
und Bewahrung der Schöpfung zusammengefaßt werden. Eigentlich steht
jedes dieser drei Worte in Beziehung zum Ganzen. Gerechtigkeit ist das Stichwort
für die Verhältnisse, so wie sie von Gott gemeint sind. Frieden (Wohlergehen
ist der umfassendere und tiefere Sinn des Wortes) beschreibt die Situation,
die damit entsteht. Bewahrung der Schöpfung ist der Begriff für das
Ziel, dem damit gedient wird.
Alle drei Begriffe haben also eine sehr weitreichende Bedeutung. Sie berühren
bis in die Tiefen unser persönliches Denken, Sprechen und Handeln. In der
heutigen Situation wollen wir den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und
Bewahrung der Schöpfung auf die gesellschaftlichen Fragen konzentrieren,
die in hohem Maße für unser aller Zukunft bedrohlich sind: Unrecht
und Armut, Krieg und Gewalt, Verschmutzung und Zerstörung. Es geht dabei
um einen zusammenhängenden Kampf für das Leben (Ökumenischer
Rat der Kirchen). Auch Papst Johannes Paul II weist in seiner neuen Enzyclica
Sollicitudo Rei Socialis auf den Zusammenhang zwischen Bewaffnung, Unterentwicklung
und Umweltbedrohung hin und auf die Dringlichkeit, die Probleme in ihrem Zusammenhang
anzupacken. Indessen dürfen wir nicht verhehlen, daß innerhalb dieses
Kampfes auch Spannungen bestehen: z. B. zwischem dem Kampf gegen Hunger und
dem Kampf gegen Umweltbedrohung oder zwischen dem Einsatz für Menschenrechte
und dem Einsatz für Entspannung. Die Feststellung dieser komplizierten
Zusammenhänge bedeutet umso mehr eine Herausforderung für menschlichen
Erfindungsreichtum und Ausdauer.
Die folgenden Kapitel gehen näher ein auf die drei Aspekte beim Einsatz
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Sie sind entsprechend
dem bekannten Schema Sehen - Urteilen - Handeln aufgebaut. Unter A geben wir
an, was wir meinen, konstatieren zu können, unter B, wie wir darüber
im Licht der Schrift urteilen, unter C, welche Schwierigkeiten wir sehen, wenn
wir handeln wollen.
4. Im Widerstand gegen Unrecht und Armut
Die hungernden Völker appellieren heute dramatisch an die Völker,
die im Überfluß leben. Ihr Hilferuf schneidet der Kirche durch Mark
und Bein ... (Papst Paul VI in Populorum Progressio). Wir hören
das Rufen von Gottes Volk ... Da ist das Rufen, das aus dem Süden kommt.
Ein Rufen, das dem Leiden von 500 Millionen Menschen an Unterernähung Ausdruck
gibt und das auf einem Planeten, auf dem Völker 750 Milliarden Dollar pro
Jahr für tödliche Waffen ausgeben. Wir hören das Rufen der Völker,
die unter der unerträglichen Last internationaler Schulden gebeugt gehen,
Schulden, die nur auf Kosten der Ärmsten dieser Völker bezahlt werden
können. Wir hören das Rufen von Menschen, die unter einer Unterentwicklung
leiden, die durch koloniale Herrschaft und ein unrechtmäßiges weltwirtschaftliches
System verursacht sind ... Aber sie sind nicht die Einzigen, deren Rufen wir
hören. Auch aus dem reichen Norden ertönt ein solches Rufen von jenen,
die von der Wohlfahrt in ihrer eigenen Gesellschaft ausgeschlossen werden ...
(Ökumenischer Rat der Kirchen, Dokument über den Konziliaren Prozeß,
Glion).
Noch nie haben so viele Menschen im Wohlstand gelebt wie heute, in einem
Wohlstand, der materiell denjenigen aller früheren Zeiten übertrifft.
Noch nie haben so viele Menschen in Elend und Hunger gelebt wie jetzt: Die Anzahl
der Menschen, die an den Folgen von Hunger sterben, übertrifft die Anzahl
der Toten aller Kriege unseres Jahrhunderts. Noch nie hat sich das Bewußtsein
von der Ungerechtigkeit der Güterverteilung so weit verbreitet wie heute.
Was ist zu tun? (C. F. von Weizsäcker, Die Zeit drängt,
Seite 18).
- Was wir hören, ist das Rufen der Armen überall auf unserer Welt.
Was wir sehen, ist schreiendes Unrecht: Hier ein verschwenderisches Wohlleben,
dort ein tödlicher Mangel am Lebensnotwendigsten. Die Kluft zwischen
Reich und Arm wird immer größer. Die Reichen werden reicher und
die Armen bleiben arm, konstatierte der Ökumenische Rat der Kirchen schon
1968. Das gilt auch jetzt noch, sowohl im Weltmaßstab als auch in unserer
eigenen Gesellschaft. Die Mehrheit im Norden und eine kleine Minderheit im
Süden lassen es sich nur zu gut gehen mit den Gaben der Schöpfung,
während die Mehrheit der Weltbevölkerung zu kurz kommt: 30 % der
Menschheit verfügt über 60 % der Rohstoffe. Mittlerweile gibt es
auf unserer Welt nun 800 Millionen unterernährte Menschen statt der oben
genannten 500 Millionen, und der Betrag von 750 Milliarden Dollar pro Jahr
für die Bewaffnung hat sich auf 1000 Milliarden erhöht. Sowohl Armut
und Hunger als auch eine wahnsinnige Rüstung wuchern weiter wie eine
ansteckende Krankheit.
Das Bittere dieser Situation ist, daß es eigentlich genügend Möglichkeiten
gibt, die ganze Weltbevölkerung mit Nahrung zu versorgen. Armut und Hunger
brauchte es nicht zu geben, erst recht sind sie kein unentrinnbares Schicksal.
Dennoch haben 800 Millionen Menschen Hunger und es sterben jährlich 40
Millionen Menschen den Hungertod. Deutlich ist hier menschliche Ohnmacht oder
der Unwille zu teilen im Spiel.
Nicht weniger schmerzlich ist es, daß reiche Länder einen ansehnlichen
Teil ihres Reichtums auf Kosten armer Länder erwarben bzw. erwerben.
Ein ökonomisches System, das unseren Wohlstand fördert, leistet
der Verarmung in großen Teilen der Welt Vorschub. Weder viele Jahre
Entwicklungshilfe noch beeindruckende Formen humanitärer Hilfestellung
haben da-ran etwas ändern können. Die Schuldenlast vieler Entwicklungsländer
ist unerträglich geworden und drückt am schwersten auf die Schultern
der Ärmsten. Während im Westen große Lebensmittelüberschüsse
vernichtet werden, nimmt die Zahl derer zu, die unter Hunger und Unterernährung
leiden. Die Zukunftsaussichten sind dramatisch. Unterdrückung und Spannungen,
die unter anderem eine Folge der ökonomischen Verhältnisse sind,
verursachen einen Strom von Asylsuchenden. Aber die Länder des Westens
riegeln sich immer mehr von denen ab, die direkt oder indirekt die Opfer des
westlichen Wohllebens sind. Und der Widerstand gegen jene, die hier ihre Zuflucht
suchen, nimmt bedenkliche Formen an.
Eine Problematik, die uns direkt berührt, ist die Verelendung vieler
in unserem eigenen Land, wodurch eine Zweiteilung unserer Gesellschaft verursacht
wird. Aus Untersuchungen hat sich ergeben, daß in den Niederlanden ungefähr
800.000 Haushalte auf oder unter der Grenze des gesellschaftlichen Minimums
leben: Ältere, längerfristig Arbeitslose, Rentnerinnen, Behinderte
und als arbeitsunfähig erklärte Menschen, kleine Selbständige,
kleine Geschäftsleute, Bauern, Alleinverdiener mit Mindestlohn. Unter
ihnen sind vor allem alleinstehende Frauen mit Kindern und Obdachlose stark
überrepräsentiert. Ihr verfügbares Einkommen nimmt noch immer
ab, sowohl durch steigende Steuern und Kosten wie auch durch Sparmaßnahmen.
Das Resultat ist, daß sie von jedem sozialen Umgang ausgeschlossen werden.
Nicht selten wird gesagt, daß ihre Situation nicht zu vergleichen ist
mit der Situation in der Dritten Welt, wo Menschen regelrecht verhungern.
Nichtsdestoweniger machen andauernde Geldsorgen und wachsende Schulden mit
der Folge sozialer Isolierung das Leben vollkommen aussichtslos und können
Menschen innerlich vernichten. Der (wachsende) Reichtum anderer macht dies
umso schmerzlicher.
Wir haben es hier mit einem komplizierten Sachverhalt und mit gesellschaftlichen
Prozessen zu tun, die nicht mit einer Anzahl einfacher Empfehlungen ungeschehen
gemacht werden können. Nicht selten wird die Situation erklärt oder
entschuldigt mit einem Hinweis auf Systeme oder Strukturen, die nicht mit
einer Handbewegung geändert werden können. Aber Systeme und Strukturen
werden geschaffen und instand gehalten von Menschen, durch ihre Denkweise,
ihr Verhalten, ihre Wünsche. Unser Lebensstil sitzt auf der Anklagebank,
unser Kauf- und Konsumsverhalten, unser Umgang mit Geld.
- Der Name, den die Bibel der Situation gibt, in der Menschen arm sind und
immer ärmer werden, heißt Unrecht. Ein Zustand, in dem Starke auf
Kosten von Schwachen leben, dadurch die Armut erhalten und verschlimmern und
die Gemeinschaft stören, ist unrechtmäßig und also zu bekämpfen.
Selbstverständlich könnte noch auf viele andere Beispiele schreienden
Unrechts hingewiesen werden. Die Aufmerksamkeit für Armut und Hunger
ist eine bewußte Wahl. Dieses Unrecht geschieht massenweise und massiv.
Unrecht ist die Umkehrung von Gerechtigkeit, dem Wort für Gottes eigene
Haltung gegenüber den Menschen und den vom Ihm gemeinten und gewollten
Verhältnissen in seiner Welt. Gerechtigkeit, so handeln, daß es
der Gemeinschaft dient und daß jedem Menschen Recht wird, vor allem
den Rechtlosen und Machtlosen, ist das Kernwort für das Reich Gottes,
einer Welt unter Gottes bestimmender Macht: Suchet vielmehr zuerst sein
Reich und seine Gerechtigkeit (Matth. 6, Vers 33). Die Römisch-Katholischen
Bischöfe der USA schreiben in ihrem Hirtenwort Wirtschaftliche
Gerechtigkeit für alle: Zentral ist bei der biblischen Vorstellung
von Gerechtigkeit, daß die Gerechtigkeit einer Gemeinschaft gemessen
wird an der Art, wie sie die Wehrlosen in der Gemeinschaft - meist gekennzeichnet
als: Die Witwe, die Waise, der Arme und der Fremdling (Nicht-Israelit) - behandelt.
Das Reich Gottes rechnet also zuerst ab mit der Armut als einer Situation,
in der man nicht leben kann. Die Seligpreisungen stellen nicht umsonst die
Armen an die erste Stelle: Selig seid ihr Armen: Denn Euch gehört
das Reich Gottes (Luk. 6, Vers 20).
Unrecht wird in der Bibel gekoppelt mit Götzendienst. Dem Suchen von
Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit steht im Evangelium der Dienst am Mammon
(ein Wort, das soviel wie Macht bedeutet) gegenüber. Israels
Gott ist Bundesgenosse der Armen. Es sind die falschen Götter, die Erfolg,
Reichtum, Wohlfahrt versprechen, aber deren Segen für die Armen ein Fluch
ist. Darum stellt die Armut in der Welt uns vor die Frage, wer in unserer
eigenen Zeit die falschen Götter sind, die direkt oder indirekt die Ungerechtigkeit
hervorbringen.
Ebenso herausfordernd ist es, daß in der Bibel von den Reichen und Mächtigen
nicht zu allererst Wohltätigkeit gefordert wird, sondern die Aufgabe
einer Lebensweise und einer Machtposition, deren Opfer die Armen sind. Nach
dem Lobgesang Mariens bedeutet die Wiederherstellung von Gottes Gerechtigkeit
sogar, daß Mächtige von ihrem Thron gestoßen werden und daß
Reiche mit leeren Händen weggeschickt werden. Es ist keine Gerechtigkeit
möglich, ohne daß in die Machtverhältnisse eine Veränderung
kommt. Es geht nicht nur darum, daß die Armen Brot erhalten, sondern
auch darum, daß sie Anteil an der Macht bekommen. Die strukturellen
Machtverhältnisse in der Gesellschaft werden unter anderem in allerlei
Formen von Gewalt sichtbar. So gibt es Gewalt von Reichen gegenüber Armen,
von Weißen gegenüber Schwarzen. Ebensosehr gibt es Gewalt von Männern
gegenüber Frauen. Was die Kirchen betrifft, sehen wir noch zu wenig Widerstand
gegen diese ungerechten Machtverhältnisse. Vor allem haben die Kirchen
noch große Mühe mit der Realität, daß Frauen und Männer
einen gleichwertigen Teil in ihr ausmachen.
- Die christliche Glaubensgemeinschaft, die sich um den Tisch des Herrn vereinigt,
übt sich dort in der Geste, die als einzige Unrecht und Armut zurückdrängen
kann: Brechen und Teilen. Für sie ist die Frage, wie wir Menschen (besser)
miteinander teilen können, zu einer Glaubensfrage geworden. Diese Frage
muß sie sich selbst und anderen mit Beharrlichkeit stellen. Darin folgt
sie ihrem Herrn nach, der, nachdem er sich selbst gab und als Brot für
viele verschenkte, andere zum Geben und Teilen inspirierte.
Die Hilferufe der Armen, die Einsicht, daß wir es mit einer unhaltbaren
Situation zu tun haben, die die Bibel Unrecht nennt, und die Belebung einer
neuen Gemeinschaft um Brot und Wein veranlassen uns, der Frage größtes
Gewicht zu verleihen, wie wir Hunger und Armut zurückdrängen können.
Wir müssen uns beeilen: Es leiden zu viele Menschen, und der Abstand
zwischen der Entwicklung der einen Gruppe und dem Stillstand, ja, der Verschlechterung
in der Entwicklung der anderen wird immer größer (Papst Paul
VI in Populorum Progressio). Die Verwirklichung von Artikel 25 der allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte ist dringend und wird immer dringender:
Ein jeder Mensch hat Recht auf einen Lebensstandard, der hoch genug
ist für seine Gesundheit und sein Wohlergehen und das seiner Familie.
Natürlich ist eine gründliche und kritische Besinnung geboten, eine
wirtschaftliche Ordnung zu durchschauen, die offensichtlich Armut erzeugt,
unterhält und sogar verstärkt und damit regelrecht gegen die biblische
Voraussetzung verstößt, daß alle Menschen das Recht auf das
Lebensnotwendige haben. Dieses Problem ist nicht von heute auf morgen zu lösen,
aber jetzt sind erste Schritte nötig. Das Welternährungsproblem
und die Schuldenkrise der Entwicklungsländer müssen vorrangig einer
Lösung zugeführt werden, und in unserem eigenen Land die Arbeitslosigkeit
und das Absinken der Kaufkraft der am wenigsten Kaufkräftigen.
Die Frage an diejenigen, die selbst am Reichtum teilhaben, ist nicht nur,
ob sie Gerechtigkeit wollen, sondern auch, ob sie bereit sind, dafür
Opfer zu bringen. Gerechtigkeit annehmen als Verheißung und Auftrag
bedeutet ja, erworbene Machtpositionen aufzugeben und von Bedürfnissen
und Gewohnheiten zu lassen, die für die Armen anderswo und hier schädlich
sind. Das geht weiter als wohlmeinend vom eigenen Überfluß abzugeben
und bedeutet Nachdenken über unsere ganze Lebensweise. Politiker und
Wissenschaftler sind die Ersten, denen man realisierbare Lösungen vorlegen
sollte. Ihre Einsicht und ihr Einsatz sind unentbehrlich, jedoch sind unsere
Bereitschaft umzudenken und anders zu leben es ebensosehr.
Hoffnungsvoll ist, daß in unserer Zeit immer mehr Menschen sich der
Unrechtmäßigkeit und der Bedrohlichkeit der heutigen Situation
bewußt werden. Eine ganze Anzahl von Organisationen und Gruppen befassen
sich intensiv mit der Dritten Welt. Es sind Verbindungen gewachsen, in denen
Menschen aus dem Westen sich beraten lassen von den Erfahrungen und Einsichten
derer, die zu der notleidenden Mehrheit der Weltbevölkerung gehören.
Es wird nach anderen Formen gesucht, wie man Geld investieren und anlegen
kann. Die Dritte Welt soll nicht abwesend sein im Denken und Handeln der christlichen
Glaubensgemeinschaft im Westen. Auch die Armut in den Niederlanden wird aus
ihrer Unsichtbarkeit herausgeholt und es wurden von den Kirchen direkte Kontakte
zu den Gruppen gelegt, die in die Klemme geraten sind. Der Widerstand gegen
Unrecht und Armut wächst. Aber Widerstand bringt immer in eine verwundbare
Lage, bestimmt dann, wenn es nicht bei Worten bleibt. Erfindungsreichtum ist
nötig, aber auch Ausdauer.
5. Widerstand gegen Krieg und Gewalt
Die Menschheit lebt heute im dunklen Schatten eines Rüstungswettlaufs,
der stärker ist, und von Systemen, die weiter verstreut, gefährlicher
und teurer sind, als sie die Welt je kennengelernt hat. Nie vorher hat die menschliche
Rasse so nah vor einer Selbstvernichtung gestanden wie jetzt. Nie zuvor haben
soviele Menschen im Würgegriff von Entbehrung und Unterdrückung gelebt
(Vollversammlung von Vancouver, Erklärung über Gerechtigkeit und Frieden).
Der Rüstungswettlauf ist die größte Plage der Menschheit
und fügt den Armen einen unerträglichen Schaden zu. Es besteht große
Gefahr, daß diese Plage, wenn sie andauert, eines Tages zu all den vernichtenden
Katastrophen führen wird, für die sie nun schon die Mittel vorbereitet
(Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralconstitution Gaudium et Spes).
- Wiederholt haben die Kirchen in der vergangenen Zeit ihre große Besorgnis
über Kernwaffen und Rüstungswettlauf ausgesprochen. Auch haben sie
sich zur Theorie der gegenseitigen Abschreckung kritisch geäußert,
mit der eine maßlose Bewaffnung gerechtfertigt wird. Mehr als einmal
wurde auf die durch nichts zu entschuldigenden katastrophalen Folgen für
die Armen auf dieser Welt und für Natur und Umwelt hingewiesen.
Auch ohne daß sie tatsächlich gebraucht werden, haben die Kernwaffen
eine schädliche Wirkung: Schon die Versuche schaden der Umwelt und damit
der Gesundheit der Menschen (z.B. im Pazifik), die ungeheuer hohen Kosten
stören die Wirtschaft und ihre bedrohliche Anwesenheit fördert Angst
und Apathie. Dies gilt auch hinsichtlich konventioneller Bewaffnung.
Während der vergangenen Jahre sind sehr viele Menschen auf die Straße
gegangen, um zu demonstrieren. Die große Besorgnis, die daraus sprach,
hat nicht verhindern können, daß die Rüstung ungebremst weiterging,
daß neue Waffen entwickelt wurden, daß der Weltraum in zunehmendem
Maße militärischen Zwecken unterworfen wurde und daß die
Politik von einem Feind-Denken beherrscht blieb, welches alle Verhandlungsbemühungen
erschwert bzw. ihnen entgegenwirkt. Auch nach der Abrüstungs-Einigung
zwischen den USA und der UdSSR hinsichtlich der Raketen mittlerer und kurzer
Reichweite bleiben die Gründe für die Sorge bestehen. In der Politik
ist nun die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, wie die Verminderung der Kernwaffen
kompensiert werden kann: Durch neue Kernwaffen oder durch eine Ergänzung
der konventionellen Waffen. Das kann die Chancen auf erneuerte Beziehungen
zwischen Ost und West leicht zunichte machen.
Ein dritter Weltkrieg ist bis jetzt ausgeblieben. Das heißt nicht, daß
nicht trotzdem Krieg und Gewalt auf unserer Welt herrschen. Wir sehen, daß
in kleiner oder mittlerer Größenordnung heftige Auseinandersetzugen
zwischen Ländern oder Volksgruppen im Gange sind, nicht selten als direkte
oder indirekte Folge von Spannungen zwischen den zwei großen Blöcken.
Wir sehen, daß überall auf der Welt die elementarsten Menschenrechte
mit Füßen getreten werden. Wir sehen, daß Diktaturen, die
von einer Teile und Herrsche-Politik im Sattel gehalten werden,
gegen ihre eigenen Untertanen Gewalt einsetzen. Wir sehen, daß ein Minderheits-Regime
in Südafrika mit aller Gewalt einer heimgesuchten Mehrheit ihren Willen
aufzwingt. Wir sehen, daß Millionen von Menschen durch politische oder
soziale Umstände gezwungen werden, zu flüchten und anderswo ein
Unterkommen zu suchen. Wir sehen, daß die großen Weltmächte
miteinander darin wetteifern, eine gigantische Bewaffnung aufzubauen, die
keinem sinnvollen Ziel mehr dient und das Fortbestehen der Erde bedroht.
- Die Situation, in der wir uns zur Zeit befinden, hat wenig oder nichts mit
Frieden im wahren Sinn des Wortes zu tun. 1965 erklärte das Zweite Vatikanische
Konzil: Der Frieden besteht nicht im bloßen Abwesendsein von Krieg:
Er beschränkt sich nicht nur auf das Errichten des Gleichgewichts der
Kräfte, die einander gegenüberstehen: Er ist ebensowenig das Resultat
einer despotischen Herrschaft, sondern er wird sehr richtig als das
Werk der Gerechtigkeit bezeichnet. Das lag auf der Linie dessen,
was die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Evanston
(1953) formuliert hatte: Frieden bedeutet viel mehr als nur Abwesenheit
von Krieg, er hat seine konstruktiven Merkmale in der Anwesenheit von Freiheit,
Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe.
Hiermit wird dem biblischen Zeugnis über Frieden Recht gegeben. Der biblische
Begriff Schalom ist umfassender und geht tiefer als was man gemeinhin
unter Frieden versteht. Der Begriff Schalom kann niemals für
eine Welt gelten, in der die Großmächte bis zu den Zähnen
bewaffnet einander gegenüber stehen und nur durch Drohung und Angst zu
einem scheinbaren Frieden gezwungen werden, und in dem Mächtige ausreichend
Gelegenheit haben, ihre eigenen Untertanen zu tyrannisieren und zu terrorisieren.
Zu solch einem Zustand paßt eher das Prophetenwort: ... sie sagen:
Frieden, Frieden, obwohl das kein Frieden ist (Jer. 6, Vers 11).
So wie Gerechtigkeit das Wort ist für ein Handeln, das auf die Herstellung
von Gemeinschaft gerichtet ist, so ist Frieden das Wort für einen Zustand,
in der die Gemeinschaft wieder heil geworden ist. Und so wie Chamas
der Schrei der Unterdrückten ist, ist Schalom der Gruß
des Reiches Gottes, in dem Gott und Menschen miteinander versöhnt sind,
wo jeder Mensch zu seinem Recht kommt, und wo die Schöpfung sich unbedroht
entfalten kann. Frieden ist dort, wo Menschen es in jeder Hinsicht gut miteinander
haben. ... und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und
ihre Spieße zu Rebmessern. Kein Volk wird wider das andere das Schwert
erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen. Sie werden ein jeder
unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen, ohne daß
einer sie aufschreckt (Micha 4, Vers 3 und 4).
Die heutige Bewaffnung wird nicht selten verteidigt, indem man sich auf die
Notwendigkeit beruft, einen Weltkrieg zu verhindern und Frieden und Sicherheit
zu gewährleisten: Die Theorie der gegenseitigen Abschreckung. 1934 sagte
Dietrich Bonhoeffer in seiner berühmten Rede in Fanö, in der er
zu einem Friedenskonzil aufrief: Es gibt keinen Weg zum Frieden über
den Weg von Garantien. Denn Frieden muß gewagt werden, er ist das eine
Große Wagnis und läßt sich nie und nimmer garantieren. Frieden
ist das Gegenteil von Garantien. Garantien fordern, heißt Mißtrauen
haben, und Mißtrauen fragt nach Krieg. Garantien suchen, heißt
sich selbst beschützen wollen. In seiner Encyclica Pacem in Terris
schrieb Papst Johannes der XXIII (1963): Nötig ist, daß das
Gesetz, auf dem der Frieden jetzt basiert, durch ein ganz anderes Gesetz ersetzt
wird, welches bestimmt, daß wahrer Frieden unter den Völkern nicht
auf militärischem Gleichgewicht aufbauen kann, sondern nur auf gegenseitigem
Vertrauen. Es waren die Evangelischen Kirchen in der DDR, die immer
wieder aufgerufen haben, dem Geist, dem System und der Praxis der Abschreckung
abzuschwören. Die Abschreckungsstrategie demonstriert ihr wahres
Gesicht in der maßlosen Menge von Waffen und in der dämonischen
Spirale des Rüstungswettlaufes: Die Welt könnte durch das heutige
Waffenarsenal mehrere Male verwüstet werden.
Ein Kernwaffenkrieg ist nun aber auch für jeden rechtschaffenen Menschen
vollkommen unannehmbar. Er vernichtet, was er beschützen will und steht
regelrecht in Konflikt mit dem Auftrag, die Schöpfung zu behüten.
Darum bleibt es geboten, daß die Kernbewaffnung stark zurückgedrängt
wird und schließlich verschwindet (das gilt übrigens von all diesen
Waffen, den Atomwaffen, den Biologischen Waffen und den Chemischen Waffen).
Die Vollversammlung von Vancouver machte sich die Empfehlung des öffentlichen
Hearings des Ökumenischen Rates der Kirchen über Kernwaffen und
Abrüstung (Amsterdam 1981) zu eigen:
Wir glauben, daß die Zeit gekommen ist, daß die Kirchen
einmütig erklären müssen, daß sowohl das Produzieren
und Aufstellen, als auch das Gebrauchen der Kernwaffen eine Sünde gegen
die Menschheit ist, und daß dergleichen Aktivitäten aus ethischen
und theologischen Gründen verurteilt werden müssen ... In
seinem Brief an Regierung und Volksvertreter faßt der Rat der Kirchen
in den Niederlanden 1984 die Überzeugung der Kirchen folgendermaßen
zusammen: Obwohl innerhalb der Kirchen verschiedene Auffassungen bestehen
hinsichtlich der konkreten politischen Schritte auf dem Weg zur Abrüstung,
Einmütigkeit besteht in der Auffassung, daß der tatsächliche
Gebrauch von Kernwaffen im Konflikt steht zu Gottes Auftrag, die Schöpfung
zu bewahren. Einmütigkeit herrscht auch in der Überzeugung, daß
eine fortgesetzte Aufrüstung keine größere Sicherheit, sondern
gerade größere Unsicherheit mit sich bringt und daß dadurch
die Gefahr totaler Vernichtung der Schöpfung in ernstem Maß zunimmt.
Diese Worte sind auch jetzt noch gültig.
Die Überzeugung gewinnt außerdem an Boden, auch in den Kirchen,
daß konventionelle Waffensysteme entwickelt werden, die nicht weniger
mörderisch und bösartig sind als Kernwaffen. Durch das Vorhandensein
der Waffenarsenale drängt sich aufs neue die Frage der Legitimität
aller Kriegshandlungen auf. Dabei sind die kleinen Kriege uns
ebenso sehr eine Sorge wie der (gefürchtete) Dritte Weltkrieg. Das Urteil
der Vollversammlung des Ökumeni-schen Rates der Kirchen in Amsterdam
1948, daß Krieg vollständig im Widerspruch steht zu Gottes Wille,
gilt jeder Form von Krieg.
- Das nein der Kirchen fordert auch ein ja heraus:
Nämlich die Perspektive einer Alternative zum heutigen Frieden
durch nukleare Abschreckung. In dieser Hinsicht nahmen die Evangelischen
Kirchen in der DDR die Rolle einer Vorhut ein und zwar durch ihr Plädoyer
für Sicherheitspartnerschaft oder auch gemeinsame Sicherheit.
Im nuklearen Zeitalter kann die Sicherheit des einen nicht mehr gegen den
anderen verwirklicht werden, sondern nur zusammen mit dem anderen. Dies macht
sowohl Schritte in Richtung Abrüstung notwendig - durch Verhandlungen
und wenn nötig einseitig - als auch Schritte in Richtung Entspannung.
Die Kirchen müssen nachdrücklich dafür plädieren, daß
die Übereinkunft vom Dezember 1987 über die Abschaffung von Raketen
kurzer und mittlerer Reichweite zu weiteren Schritten auf dem Weg zu tatkräftiger
Abrüstung führt. Diese Übereinkunft ist von historischer Bedeutung,
weil zum ersten Mal auf eine ganze Kategorie von Kernwaffen verzichtet wird.
Nun müssen die Chancen auf bessere Beziehungen zwischen Ost und West
voll ausgeschöpft werden. Erneuerung dieser Beziehungen und eine Beendigung
des Feind-Denkens ist von größter Bedeutung für den Frieden.
Die Beendigung des Feind-Denkens kann einerseits durch grenzüberschreitende
Kontakte geschehen, und zwar über die Grenzen der beiden Blöcke
hinweg. Auf vielen Ebenen der Gesellschaft sollten Kontakte zwischen Ost und
West gefördert werden, auch und gerade durch die Kirchen.
Die Römisch-Katholischen Bischöfe von Europa schrieben kürzlich:
Die Fähigkeit aufmerksam zu sein für Friedenssignale ist heute
eine hohe politische Tugend. Ohne Kontakte und Gespräche werden solche
Signale nicht wahrgenommen oder nicht richtig verstanden!. Andererseits ist
von größter Wichtigkeit eine auf Frieden gerichtete Erziehung,
die Vorurteilen und unnötigen Ängsten entgegenwirkt. Die Kirchen
können sich nicht begnügen mit schallenden Reden gegen Atomkrieg
und Wettrüsten. Sie werden in ihrem eigenen Unterricht der Friedensausbildung
einen starken Vorrang und der Friedenserziehung in Familie, Schule und Gesellschaft
jegliche Unterstützung geben müssen. Auch werden alle, die vor der
Entscheidung stehen, den Militärdienst zu tun oder nicht, ihre Entscheidung
ernst prüfen müssen, welches der beste Dienst für den Frieden
ist.
Es ist deutlich, daß daneben Wachsamkeit gegenüber Unterdrückung
und Verfolgung, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Diskriminierung, Folter
und Mord, inhumanes Asylrecht, Einschränkung des Rechtes auf freie Ausübung
der Religion und Meinungsäußerung und Mißachtung der Menschenrechte
im Allgemeinen geboten ist. Diese bekannt zu machen und Alarm zu schlagen
kann wie ein machtloses Gebaren erscheinen, darf aber unter keiner Bedingung
aufgegeben werden, schon deshalb nicht, weil es auf längere Zeit mehr
Erfolg bringen kann, als man jetzt zu hoffen wagt.
Hoffnungsvoll ist jedenfalls, daß in unserer Welt mit ihren Kommunikationsmitteln
Tyrannen wohl kaum mehr unbemerkt und unwidersprochen ihren Gang gehen können,
und daß Verfolgte und Unterdrückte immer wieder Verteidiger finden.
Hoffnungsvoll ist auch, daß die Proteste gegen die fortgesetzte Aufrüstung
nicht verstummen, und daß auf beiden Seiten der großen Grenzen
danach gesucht wird, sich kennenzulernen und sich wiederzuerkennen. Hoffnungsvoll
ist sicher auch, daß durch den Vertragsabschluß im Dezember 1987
tatsächlich ein erster Schritt auf dem Weg zu Entspannung und Abrüstung
getan wurde.
Wir können nie mehr zurück hinter die Aussage, daß Frieden
mehr ist als die Abwesenheit eines (offenbar möglichen) Krieges. Nicht
die Garantie dieser eigenen Sicherheit steht damit an erster Stelle, sondern
die Ehrerbietung der Rechte der Menschen und die Förderung des Friedens
für alle Menschen dieser Welt. Alle haben Frieden oder niemand
(Papst Paul II in Sollicitudo Rei Socialis).
6. Im Widerstand gegen Verschmutzung und Zerstörung
Auf einmal merkt der Mensch, daß er die Natur durch seinen unbesonnenen
Raubbau zu vernichten droht, und daß, wenn er an der Reihe ist, er das
Opfer der Umweltverschmutzung zu werden droht. Aber nicht nur die menschliche
Umgebung wird durch Verschmutzung, Abfall, neue Krankheiten und die absolute
Vernichtungskraft des Menschen zu einer bleibenden Bedrohung: Der Mensch selbst
hat seine eigene Gesellschaft nicht mehr in der Hand, so daß die Lebensumstände,
die er der Zukunft überläßt, untragbar werden können
(Papst Paul VI in Octagesimo Adveniens).
Heutzutage, so müssen wir konstatieren, kommen Natur und Umwelt
in Schwierigkeiten. Es wird immer deutlicher, daß die Erde nicht ohne
weiteres dem Druck einer zunehmenden Bevölkerungszahl gewachsen ist, ebensowenig
den Folgen der menschlichen Habsucht und der zunehmenden Verschmutzung, die
angerichtet wird. Aus dem Auftrag an den Menschen, ein guter Verwalter der Erde
zu sein, ist nicht viel geworden (Über Kirche und Umwelt, von der
Arbeitsgruppe Kirche und Umwelt vom Rat der Kirchen in den Niederlanden, 1988).
- Die Kirchen müssen bekennen, daß sie erst sehr spät (und
dann noch mit Zurückhaltung) den Bedrohungen Aufmerksamkeit schenkten,
denen Natur und Umwelt - und damit auch der Mensch selbst - ausgeliefert sind.
Es waren die Umweltgruppen, die dafür die Augen geöffnet haben.
Jetzt erst steht die Umweltproblematik neben Armut und Hunger und dem bedrohlichen
Rüstungswettlauf ausdrücklich auf der Tagesordnung der Kirchen.
Auch müssen die Kirchen bekennen, daß eine einseitige Auslegung
der Bibelworte über den bei der Schöpfung an den Menschen gegebenen
Auftrag ... füllet die Erde und machet sie euch untertan ...
(Gen. 1, Vers 28) mitschuldig ist an Entwicklungen, die zu der heutigen ökologischen
Krise geführt haben. Das macht zumindest eine neue Besinnung über
diese Bibelworte und über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur
im allgemeinen notwendig.
Es ist Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Unsere Welt erlebt zur Zeit
eine Umweltkrise ohnegleichen, die sich in zahllosen lokalen und weltweiten
Problemen äußert. Jeder Mensch wird damit in mehr oder weniger
starkem Maß konfrontiert, aber es sieht ganz danach aus, daß auch
hier die Last auf den Schultern der Ärmsten liegen wird.
Umweltprobleme gibt es nicht erst seit gestern oder heute. Sie sind jedoch
zu einer unvorstellbaren Größenordnung angewachsen. Auch sind die
Folgen irreparabel. Und was heute noch nicht beunruhigend erscheint, kann
es morgen schon sein. Umweltprobleme entstehen, wenn auf die natürliche
Umgebung durch menschliches Eingreifen so Einfluß genommen wird, daß
ökologische Funktionen und Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten. Umweltausbeutung
und Umweltverschmutzung führen zu Umweltschäden und schließlich
zur Umweltvernichtung.
Die Berichte über die Entwicklungen sind alarmierend. Die Rodung von
Wald nimmt schnell zu, und das mit allen bekannten Folgen für Pflanzen-
und Tierarten und für den Wasserhaushalt. In den Niederlanden ist die
Hälfte der Wälder durch sauren Regen angegriffen. Immer mehr Ackerland
auf der Welt verändert sich in Wüste. Zu intensives Fischen und
Verschmutzung bedrohen den Fischbestand in vielen Gewässern, was zu einer
Zerrüttung der Nahrungskette in den Meeren führt und zu Problemen
für den Nahrungsvorrat. Überall auf der Welt findet eine fatale
Verunreinigung der Umwelt statt, die sowohl das Wasser, den Boden wie auch
die Luft betrifft. Katastrophen der Industrie wie Bhopal, Basel und Tschernobyl
haben nicht nur lokale Folgen für die Gesundheit von Mensch und Umwelt,
sondern auch einen Einfluß bis weit über die Landesgrenzen hinaus.
Dennoch nimmt die Zahl der Kernreaktoren überall in der Welt zu (die
Niederlande sind noch immer eine glückliche Ausnahme), ohne daß
für die Entsorgung des gefährlichen Kernabfalls eine Lösung
gefunden wäre, (wobei man hinzufügen muß, daß die Energieproduktion
aus Kohle auch große Probleme aufwirft). Die Verletzung der Ozonschicht
und die Zunahme des Kohlensäuregehaltes in der Atmosphäre sind sehr
ernst zu nehmen. In einem beunruhigend hohen Tempo sterben Pflanzen- und Tierarten
aus. Kurzum: Die ökologischen Systeme, die das Leben auf der Erde ermöglichen,
drohen zusammenzubrechen. Eine schauderhafte Umkehrung der Verheißung
von Jesaja 32 zeichnet sich ab: Der Garten wird eine Wüste und der Wald
gleicht einem Totenacker ...
Internationale Studien und Gutachten betonen den Ernst der Situation und halten
die unausgewogenen internationalen Verhältnisse, die Überproduktion
und den Konsum der sogenannten reichen Länder, sowie das explosive Anwachsen
der Weltbevölkerung für die wichtigsten Ursachen der Umweltprobleme.
Immer deutlicher wird, daß die Erde die wachsende Anzahl Bewohner, die
angerichtete Verschmutzung und die Verschwendung von Rohstoffen nicht länger
ertragen kann. Unser Wohlstand ist eine ernste Bedrohung geworden für
das Wohlergehen aller, sicher aber für die kommende Generation.
Es ist schwer zu sagen, wo die Umweltkrise am schlimmsten ist, aber deutlich
ist, daß die Armen in der Dritten Welt momentan die schlimmsten Schläge
einstecken müssen. Ihr Leben ist so stark abhängig von der direkten
Umgebung, daß eine Verschlechterung der Situation von Natur und Umwelt
einen unmittelbaren Angriff auf ihre Lebensumstände zur Folge hat. Das
Komplizierte der Situation ist, daß nun gerade der Kampf gegen Armut
und Hunger zu großen Umweltproblemen führt (z.B. die Rodungen von
Wald). Umweltprobleme führen zwangsläufig wieder zu zunehmender
Verarmung. So hängen soziales Unrecht und Umweltprobleme eng zusammen.
Ein Teufelskreis!
- In der Bibel werden Menschen immer wieder aufgefordert, Gerechtigkeit und
Frieden zu stiften. Einen direkten Aufruf zum Einsatz für die Erhaltung
von Natur und Umwelt finden wir da nicht, jedenfalls nicht auf den ersten
Blick. Das Verhältnis von Mensch und Natur war damals ein völlig
anderes als heute. Der Mensch war vollkommen abhängig von der Natur.
Die Natur war eher eine Bedrohung für den Menschen, als heute, wo eher
der Mensch zur Gefahr für die Natur geworden ist. Schriftworte über
das Unterwerfen der Erde und das Herrschen über die Natur müssen
im Kontext verstanden und ausgelegt werden. Sie handeln von dem mühsamen
Versuch des Menschen, einen bewohnbaren Platz auf der Erde zu finden und seine
Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Damals mußte der Mensch sich
gegen das Chaos zur Wehr setzen, heute richtet er selbst das Chaos an.
Vielsagend ist, daß Gen. 1 einen Zusammenhang herstellt zwischen der
Schöpfung des Menschen nach Gottes Bild und dem Auftrag zu herrschen.
Das bedeutet, daß die Weise wie der Mensch seine Herrschaft
ausübt, klare Grenzen hat. Diese soll nämlich ein Abbild sein der
sorgenden und bewahrenden Weise, wie der Schöpfer selbst tätig ist.
Gen. 2: Und der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten
Eden, daß er ihn bebaue und bewahre. Die entsprechenden hebräischen
Worte können auch übersetzt werden mit dienen und hüten.
Worte für einen sorgsamen Umgang, gerichtet auf die Entfaltung der Schöpfung.
Der Ökumensche Rat der Kirchen hat in diesem Zusammenhang den Begriff
integrity of creation eingeführt und ihn mit dem Begriffspaar
justice and peace verbunden. Man kann das am Besten übersetzen
mit Bewahrung der Schöpfung. Das hat sicher Beziehung zum
Umwelt- und Naturschutz, aber die Bedeutung ist weiter gefaßt. Es geht
hier um die Gemeinschaftlichkeit alles Geschaffenen, wobei Mensch und Natur
in Abhängigkeit voneinander stehen, sich gegenseitig zu Segen und Fluch
werden können. Für diesen Gedanken bietet die Bibel mehr als genug
Anknüpfungspunkte. Mensch und Natur werden aber auch als Schicksalsgenossen
gesehen. Die Erneuerung, die das Reich Gottes bringt, schließt die Natur
ein. So wird in Jesaja 24 gesagt, daß das Unrecht der Menschen zur Folge
hat, daß die Erde trauert und daß der Wein trauert und der Weinstock
verkümmert. Aber wenn die Befreiung kommt, dann werden die Wüste
und das dürre Land sich erfreuen, und die Steppe wird jauchzen und blühen
wie eine Narzisse (Jes. 35). Die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur wird
in der kirchlichen Tradition am deutlichsten im Sonnengesang Franz von Assisis
zum Ausdruck gebracht, in dem die Erde Mutter genannt wird und Sonne und Mond,
Wind und Meer, Wasser und Feuer Schwestern und Brüder heißen.
Wegen dieser Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, wo der Mensch eher Hüter
als Besitzer ist, kann der Raubbau an der Natur durch menschliches Handeln
und Mißhandeln als Chamas Gewalttätigkeit, abgestempelt
werden, was nicht weniger unmenschlich ist als die Gewalt in Gestalt sozialer
Ausbeutung, politischer Unterdrückung und Aufrüstung.
Ausdrücklich wurde beim Bundesschluß mit Noah (und d.h. mit der
ganzen Schöpfung) der Gewalt gegen Tiere klare Grenzen gesetzt (Gen.
9, Vers 1-7). Da wird gesagt, daß ein Tier für die Ernährung
des Menschen getötet werden darf, wenn das nötig ist, daß
es dem Menschen aber verboten ist, das Blut von Tieren, die Kraft ihres Lebens,
zu verzehren. Er darf nicht willkürlich über ihr Leben herrschen.
Sie sind ja in den Bund aufgenommen.
Vielsagend ist, daß nicht nur dem Menschen, sondern auch dem Land ein
Sabbat gegönnt wird (Leviticus 25, Vers 1-7). Jedes siebte Jahr ist ein
Sabbatjahr. Dann soll nicht gesät und gemäht werden. Damit wird
angedeutet, daß die Gaben der Schöpfung nicht unerschöpflich
sind und daß die Erde dem Menschen nicht grenzenlos zu Diensten steht.
- Durch den Bericht über die beunruhigende Umweltproblematik haben wir
wieder einen Blick für die biblischen Begriffe bekommen, die die Schicksalsverbundenheit
zwischen Mensch und Natur deuten. Mensch und Natur können nur gemeinsam
überleben. Zu lange hat in der kirchlichen Verkündigung und in der
Theologie der Mensch und seine Verbindungen zu Gott und dem Mitmenschen im
Mittelpunkt gestanden. Daß die Schöpfung mehr umfaßt, lag
nicht selten außerhalb des Interesses.
Die Kirchen werden sich nun angesichts der Umweltproblematik einem Lernprozeß
unterziehen müssen. Dazu gehört ein intensives Hören auf diejenigen,
die sich schon seit Jahr und Tag mit Umweltfragen beschäftigen und die
Informationen geben können über die kritischen Situationen und über
die gebotenen Maßregeln und richtiges Verhalten. Das bedeutet gleichzeitig
eine gründliche Besinnung auf den biblischen Auftrag, die Erde zu bearbeiten
und zu bewahren und auf die Frage, was das für Wissenschaft und Technik,
für politische Führung und persönlichen Lebensstil bedeutet.
Dabei sollen nicht nur die nüchterne Notwendigkeit und das wohlverstandene
Eigeninteresse oder die Sorge um die Zukunft der Erde im Mittelpunkt stehen.
Das wäre eine zu schmale Basis für eine Änderung von Gesinnung
und Verhalten. Es ist an der Zeit, aufs neue das Gebot der Ehrfurcht vor aller
Schöpfung zu betonen. Die Sorge zu überleben ist wichtig, aber das
Staunen über und die Ehrfurcht vor der Schöpfung ist mindestens
so wesentlich für eine verantwortungsvolle Sicht von Natur und Umwelt.
Das hat auch Bedeutung für die Besinnung innerhalb der Kirchen über
die Probleme im Zusammenhang mit dem Beginn und dem Ende menschlichen Lebens
und im Zusammenhang mit biogenetischen Manipulationen.
Es sieht so aus, als ob die Sorge um Natur und Umwelt immer mehr Aufmerksamkeit
gewinnt, sowohl bei der Bevölkerung als auch bei den Behörden. Es
werden Richtlinien aufgestellt, Gesetze entworfen, Strategien für dauerhafte
Entwicklung ausgedacht. Informationsprogramme gestartet und alternative Technologien
entwickelt. Doch scheint das nicht genug zu sein. Zudem werden dergleichen
Entwicklungen durchkreuzt von anderen (wirtschaftli-chen) Interessen. Eine
Mentalität nach uns die Sintflut scheint weit verbreitet
und noch immer vorherrschend zu sein.
Darum ist es von großer Bedeutung, daß die Kirchen anfangen, sich
in der Umweltproblematik vollkommen sachkundig zu machen. Ausdrücklich
müßte die Möglichkeit erörtert werden, die die Menschen
persönlich haben, so verantwortungsvoll wie möglich zu leben. Das
muß zu deutlichen Entscheidungen führen. Ein persönlicher
Lebensstil, der von Schlichtheit und Sorgsamkeit gekennzeichnet ist, und öffentliche
Stellungnahmen sind für sich allein noch keine Lösung der Umweltproblematik,
aber sie sind ein guter Anfang und können dazu beitragen, daß die
Problematik auch in der Politik ernst genommen wird. Deutlich ist jedenfalls,
daß hier gesellschaftliche Strukturen angeklagt werden und daß
politische Maßnahmen geboten sind. Anregend kann das Vorbild der Umweltbewegungen
sein, die durch unermüdliches Aussenden von Notsignalen zu erreichen
wußten, daß die Problematik endlich auf die Tagesordnung der Kirchen
kam.
Entscheidend ist, daß die Kirchen und Gemeinden Hoffnung weitergeben
und deutlich machen, daß die Verantwortung für die Schöpfung
Gottes nicht gelähmt werden darf durch apokalyptische Ängste, sondern
im Gegenteil, im Vertrauen auf Gottes Versprechen zur Entdeckung und Befreiung
kreativer Kräfte im Menschen führt (Erklärung der Evangelischen
Kirche und der Römisch-Katholischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland,
Verant-wortung wahrnehmen für die Schöpfung, 1985).
[Übersetzung: Margarethe Tenckhoff]
Ein Glaubensbrief
über Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung,
zusammen mit einer ersten Orientierung
als Hilfe für die Überlegungen in den Kirchen
Leitungsgruppe des Rates der Kirchen in den Niederlanden
1988
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