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Niederlande, Rat der Kirchen, Glaubensbrief über Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, 1988


Ein Bund für das Leben

EIN GLAUBENSBRIEF

Eine gründliche Besinnung

Es ist hoffnungsvoll, daß immer mehr Menschen sich der lebensgefährlichen Bedrohungen bewußt werden, der unsere Welt ausgeliefert ist. Die Besorgnis wächst, aber auch die Bereitschaft zu einer gründlichen Besinnung. Die Situation schreit auch danach. Die Verarmung nimmt immer mehr zu; die Aufrüstung wird immer noch höher geschraubt. Die Ausbeutung und Zerstörung unserer natürlichen Umwelt geht ungebremst weiter. Aber es gibt immer noch Hoffnung für die Zukunft, wenn wir Menschen bereit sind zur Besinnung zu kommen und wenn wir den Glauben an die Notwendigkeit und die Möglichkeit der Veränderung nicht verlieren.

Natürlich geht dies alle Menschen an. Die Kirchen aber, als eine Bewegung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, haben dazu ihren eigenen Beitrag zu leisten. Heute werden sie aufgerufen, zusammen nach einem gemeinsamen Weg für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu suchen, um Unrecht und Armut, Krieg und Gewalt, Verschmutzung und Zerstörung zu überwinden. Sie gehen dabei aus von dem Bund, den Gott mit seiner Schöpfung geschlossen hat, einem Bund für das Leben und gegen den Tod.

Zur Zeit bereitet der Ökumenische Rat der Kirchen in Zusammenarbeit mit der Römisch-Katholischen Kirche eine Weltversammlung der Kirchen vor, die dem Thema Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gewidmet sein soll. Dieser Versammlung, die 1990 stattfinden soll, gehen lokale, nationale und regionale Treffen voraus. Diese Geschehnisse markieren einen Weg, der vom Ökumenischen Rat der Kirchen als „konziliarer Prozeß“ bezeichnet wird; er wird 1990 nicht seinen Abschluß finden, sondern einen weltweiten Impuls bekommen. Es geht dabei um eine gemeinschaftliche Besinnung über die Haltung von Kirchen und Christen angesichts der großen Gefahren, welche die Welt in unserer Zeit bedrohen. Diese Besinnung darf nicht unverbindlich bleiben, sondern soll in deutliche Aussagen und nicht weniger deutlichen Absprachen münden. Darum wird der Prozeß vom Ökumenischen Rat der Kirchen „konziliar“ genannt. Entsprechend einer Definition aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen wird unter „Konziliarität“ verstanden, „daß Christen örtlich, regional und weltweit zu gemeinsamem Gebet, zur Beratschlagung und zur Beschlußfassung zusammenkommen“. Die Kernworte sind also: Gebet, Beratung, Beschluß.

Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

Die Besinnung richtet sich auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. In diesen Worten wird Gottes Wille für diese Welt zusammengefaßt. Es sind Worte der Hoffnung. Sie enthalten sowohl ein Versprechen als auch einen Auftrag.

Gerechtigkeit ist das Wort für Gottes Haltung gegenüber den Menschen und die von ihm gewollten Verhältnisse im Zusammenleben. Bei Gerechtigkeit geht es um ein Handeln, das Gemeinschaft stiftet und fördert und das jedem Menschen Recht verschafft, besonders aber den Macht- und Rechtlosen.

Frieden ist der Name für eine Situation, in der Gott und Menschen miteinander versöhnt sind, in der die Gemeinschaft zwischen den Menschen hergestellt ist und in der die Schöpfung sich unbedroht entwickeln kann. Frieden wird die Frucht der Gerechtigkeit genannt.

Bei der Bewahrung der Schöpfung geht es um einen ehrfürchtigen und sorgsamen Umgang mit dem von Gott Geschaffenen. Mensch und Natur leben in einem Zusammenhang und in einer gegenseitigen Abhängigkeit, wobei der Mensch nicht Besitzer, sondern Beschützer ist.

Wie es einerseits einen Zusammenhang zwischen Hunger und Armut, Gewalt und Bewaffnung, Verschmutzung und Zerstörung gibt, so andererseits auch zwischen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Alle drei zusammen finden wir in einem biblischen Lied, das in unserer Zeit für viele einen neuen Klang gewonnen hat, dem 85. Psalm.

Hören will ich, was der Herr redet.
Redet er nicht von Rettung
zu seinem Volk und seinen Frommen?
Ja, es ist Hoffnung für sie!
Ja, seine Hilfe ist nahe denen, die ihn fürchten,
seine Herrlichkeit wird wohnen in unserem Lande;
Güte und Treue werden einander begegnen,
Gerechtigkeit und Frieden einander finden.
Treue sproßt aus der Erde empor,
und Gerechtigkeit leuchtet vom Himmel herab.
Auch schenkt uns der Herr das Gute,
und unser Land wird fruchtbar sein;
Gerechtigkeit geht vor ihm her,
und Heil folgt seinen Spuren.

Was hier miteinander verbunden ist, hängt vor allem zusammen und hat seinen Ursprung in der Gesinnung des Menschen: Unrecht, Gewalt, Plünderung unserer natürlichen Umwelt kommen aus dem Drang des Menschen, zu herrschen und zu besitzen. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung werden wir aber nur erfahren, wenn Menschen bereit sind, einander zu dienen und in sorgsamer Weise mit dem umzugehen, was ihnen anvertraut ist.

Die Fragen, vor denen wir stehen

Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind Worte, die eine sehr weite und tiefe Bedeutung haben. Sie berühren unser ganzes Leben, unser Denken, unser Handeln. In der heutigen Situation muß der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sich konzentrieren auf einen Kampf gegen zunehmende Armut, andauernde Aufrüstung und hemmungslose Zugriffe auf Natur und Umwelt.
Das sind Dinge, die die Zukunft der Welt ernsthaft bedrohen. Gebet, Beratung und Entscheidungen von Kirchen und Christen müssen sich zuallererst darauf richten.

Dabei geht es keineswegs nur oder zuallererst um Dinge, die sich irgendwo weit entfernt abspielen. Die Probleme sind zwar tatsächlich weltweit, aber wir treffen sie ebenso an unserem Wohnort, in unserer eigenen Straße an. Wir selbst sind betroffen, unser Denken, unser Handeln. An uns richten sich Fragen wie:

  • wo werden in unserer Umgebung Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bedroht?

  • was sind die Ursachen dafür und was ist unser eigener Anteil daran?

  • was kann daran verändert werden und was können wir dazu beitragen?

  • was motiviert und inspiriert unsere Betroffenheit bei diesen Fragen?

Es ist sehr wichtig, daß diese Besinnung gemeinschaftlich geschieht, auf allen Ebenen der Kirchen und zusammen mit allen Gruppierungen in den Kirchen. Insbesondere muß nach solchen Formen von Besinnung und Beschlußfassung gesucht werden, an denen Frauen und Männer in gleichwertiger Weise teilnehmen.

Dieser Glaubensbrief und eine erste Orientierung, die ihm beigefügt ist, wollen dabei helfen. Es ist keine Schrift aller im Rat der Kirchen vereinigten Kirchen, sondern das Ergebnis einer Besinnung in der Leitungsgruppe „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, die sich aus Mitgliedern der im Rat teilnehmenden Kirchen zusammensetzt. Er greift die Besinnung über Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der ökumenischen Gemeinschaft, weltweit und in unserem eigenen Land, auf und will einen Anstoß für den Beratungsprozeß geben, der überall stattfinden wird. Er fragt eher nach Antwort, als daß er Fragen beantwortet. Für manche wird er sogar eine Herausforderung sein, die eigene Auffassung daneben oder dagegen zu setzen. Aber vor allem ist er ein Aufruf zu einer Besinnung, in der wir Christen uns selbst, unser Denken und unser Handeln zur Diskussion stellen.

Ein Aufruf

Was die Ernte dieses gemeinschaftlichen Suchens nach Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sein wird, kann man natürlich noch nicht vorhersehen. Wohl aber kann ausgesprochen werden, daß wir als Kirchen und Christen aufgerufen sind:

  • neu ernst zu machen mit Gottes Bund, der für seine Schöpfung nicht den Tod, sondern das Leben im Auge hat, und danach zu suchen, wie wir miteinander Verpflichtungen eingehen können für das Leben und gegen den Tod;
  • zu bekennen, daß wir in unserem Sprechen und Handeln im Bezug auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung halbherzig waren und daß wir dabei Gottes Willen und Gottes Heil widerstanden haben;
  • immer wieder zu horchen auf die Stimmen derjenigen von fern oder von nah, die uns durch ihr Leiden anklagen für das, was wir der Schöpfung antun;
  • zu bezeugen, daß der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung eine wesentliche Konsequenz des Glaubens an Jesus Christus ausmacht, der das Leben der Welt und Herr über die Götzen unserer Zeit ist;
  • in der eigenen Glaubenstradition das neu zu entdecken und zur Geltung zu bringen, was zum Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung inspirieren kann;
  • unzweideutig auszusprechen, daß die heutige Verteilung der Reichtümer der Schöpfung und die zunehmende Verarmung in großen Teilen der Welt, eine Bewaffnung, die für das Fortbestehen der Welt immer bedrohlicher wird und die Gewalt, mit der Menschen unterdrückt und gehetzt werden, die andauernde Plünderung einer Erde, der wir zu dienen und die wir zu beschützen haben, völlig unannehmbar sind;
  • mitzusuchen nach konkreten Maßregeln und Mitteln, wodurch die Gefahren, die die Schöpfung bedrohen, abgewehrt werden können und damit auch selbst im eigenen Leben ernst zu machen;
  • jedesmal neu miteinander ins Gespräch zu kommen über unseren gemeinsamen Auftrag hinsichtlich Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, auch in der örtlichen Situation, und über die möglichen Meinungsunterschiede darüber, wie dieser Auftrag ausgeführt werden kann;
  • Bundesgenossen unter Menschen anderen Glaubens und anderer Lebensüberzeugungen zu suchen und bereit zu sein, von ihnen zu lernen und durch sie korrigiert und bereichert zu werden;
  • aufmerksam darauf zu achten, was von den Gruppen und Bewegungen vorgeschlagen und getan wird, die sich schon seit längerer Zeit intensiv und sachkundig mit den Problemen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung beschäftigen;
  • Menschen in der Politik, in den gesellschaftlichen Organisationen und in den Wissenschaften auf ihre Sachkunde und Verantwortlichkeit hin anzusprechen und sie zu bitten, der Suche nach Möglichkeiten, Unrecht und Gewalt zu wenden, Vorrang zu geben;
  • dem Gedanken abzuschwören, daß die Probleme so groß und komplex seien, daß man nichts daran machen könne oder daß wir jedenfalls nichts daran ändern können, ebenso wie dem Gedanken, daß durch das freie Spiel der gesellschaftlichen oder ökonomischen Kräfte von selbst bessere Verhältnisse und Zustände entstünden, stattdessen daran festzuhalten, daß Gerechtigkeit bewußt gewollt und getan werden muß, daß Friede gestiftet werden muß, daß die Erde mit Vernunft beschützt und verteidigt werden muß gegen vernichtende Kräfte und daß wir Menschen dazu die Kraft haben.

Bei all diesen Überlegungen lassen wir uns ermutigen durch das Lied, daß uns Maria vorsingt, die Mutter des Herrn, ein Lied, das Vertrauen und Erwartung mit Kampfbereitschaft verbindet:

Meine Seele rühmt den Herrn
und hebt ihn über alles empor.
Mein Geist freut sich über den Herrn,
den Gott, der mir hilft.
Denn er ist seiner Magd,
die so niedrig ist, freundlich begegnet.
Glücklich werden mich preisen
die Menschen und Völker zu allen Zeiten.
Er hat Großes an mir getan,
der unendliche Macht hat
und der zu heilig ist für den Dank,
mit dem unser Mund ihn nennt.

Seine Barmherzigkeit reicht über alle
Geschlechter der Menschen.
Freundlich begegnet er denen,
die ihn fürchten.

Keine Menschenmacht bleibt.
Die Kraft seines Armes zerstreut sie wie Sand,
die meinen in ihren Herzen,
sie seien ihr eigener Gott.
Die Mächtigen taumeln von ihren Thronen,
und die Getretenen richtet er auf.
Hungrige sättigt sein Reichtum,
und Reiche treibt er mit leeren Händen davon.

Er nimmt sich seines Dieners Israel an
und gewährt ihm seine Barmherzigkeit.
Unseren Vätern hat er es angesagt
und in Ewigkeit gilt es Abrahams Volk,
dem Volk, das ihm dient.

In der christlichen Tradition wird hier ein Lobpreis angefügt:

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist,
wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit
und in Ewigkeit, Amen.

EINE ERSTE ORIENTIERUNG

1. Die Zeit drängt

„Ich aber, siehe, ich richte einen Bund auf mit euch und euren Nachkommen und mit allen lebenden Wesen, die bei euch sind. Vögeln, Vieh und allem Wild des Feldes bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind. Ich will einen Bund mit euch aufrichten, daß niemals wieder alles Fleisch von den Wassern der Sintflut soll ausgerottet werden und niemals wieder eine Sintflut kommen soll, die Erde zu verderben“ (Gen. 9, Vers 9-11).

Diese hoffnungsvollen Worte finden sich am Schluß einer Geschichte, die von der Sintflut erzählt, der großen Katastrophe, die von den Erzählern selbst erlebt und erlitten wurde als der Untergang der Welt, als eine Folge menschlichen Handelns und Verhaltens. Das Urteil, das die Geschichte ausspricht, lautet: „Aber die Erde war verderbt vor Gott und voll war die Erde von Frevel“ (Holländisch: „... voll war die Erde von Gewalttätigkeit.“).

Weil es keine Gerechtigkeit und keinen Frieden unter den Menschen gab, wurde eine vollkommene Schöpfung verdorben. In einem schrillen Kontrast zur Verkündigung von Gen. 1: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (Vers 31), steht der Anspruch von Gen. 6: „und Gott sah die Erde an, und siehe, sie war verdorben“ (Vers 12). Also fällt die Schöpfung zurück hinter ihren Anfang: Die Wasser des Todes überspülen das Land des Lebens. Aber die Geschichte kann neu beginnen, weil ein Mensch da ist, der gerecht und hingebungsvoll lebt.

Der Bund, der damals geschlossen wurde, und die Versprechen, die gemacht wurden, bedeuten für diejenigen, die die Geschichte hören wollen, daß eine Zerstörung der Schöpfung von nun an weder Gottes Wille noch Gottes Werk genannt werden darf. Die Erde wird den Menschen zurückgegeben. Ausdrücklich werden in den Bund nicht nur die Menschen aufgenommen, sondern auch die Tiere. Die ganze Schöpfung ist Vertragsgegenstand. Aber die Verantwortung für die Zukunft alles Lebendigen liegt auf den Schultern der Menschen. Sie können aus der Welt „einen blühenden Garten von Frieden und Recht“ machen, aber ebensogut eine wüste Wildnis. Sie können die Welt sogar über den Rand des Abgrundes stürzen, und sie haben die Möglichkeit dazu heute vollständig in der Hand. Die Geschichte der Sintflut könnte sich, um ein Vielfaches vergrößert, wiederholen, denn das Urteil, das ausgesprochen wurde, trifft noch immer zu: „Und voll war die Erde von Frevel.“

Mehr als jemals zuvor sind wir Menschen uns der Tatsache bewußt, daß der Untergang der Welt in unserer Macht liegt. Mehr denn je sind wir uns der Tatsache bewußt, daß es in unserer Verantwortung liegt, dies in Gottes Namen zu verhindern. Die Zeit drängt!

Viele Male haben Christen einander die Geschichte von der Sintflut erzählt. Sie wissen von dem Bundesschluß und von den Verheißungen und Geboten. Doch müssen sie bekennen, daß sie diese Verheißungen und Gebote nicht glaubwürdiger gemacht haben. Im Gegenteil, sie haben mitgewirkt und beigetragen zur Entrechtung von Menschen, zur Gewalt unter den Völkern, zur Zerstörung der Schöpfung. Sie haben den Bund geschändet, Menschenblut vergossen, die Erde verdorben. Nicht selten sind es andere gewesen, die als erste den Weg zu Recht und Frieden betreten haben, die sie daran erinnern mußten, was die Schrift und die Stimmen aus ihrer eigenen Tradition ihnen schon lange gesagt hatten.

Die Geschichte muß sie also bescheiden machen. Was sie dennoch freimütig sprechen läßt über die Welt und ihre Zukunft, ist die Tatsache, daß der Geist immer wieder mächtig erscheint, in ihrer Mitte die Worte von den Zusagen und Geboten Gottes erklingen zu lassen, Menschen zu inspirieren zu Hoffnung und Mut und ihnen begehbare Wege zu zeigen.

So geht es denn auch nicht auf deren eigene freie Initiative zurück, wenn jetzt die Kirchen sich immer intensiver damit beschäftigen und immer deutlicher sprechen über das, was die Schöpfung bedroht. Sie werden dazu gerufen. Sie teilen die Besorgnis und die Beunruhigung von vielen. Sie lassen sich ansprechen durch die Worte der Schrift, die sich auf die Erde beziehen, deren Bestimmung es ist, Gottes Königreich zu sein. In diesen Wörten hören sie Zusage und Auftrag Gottes; Zusage, die sich nur bewahrheitet, wenn der Auftrag ernst genommen wird; Auftrag, der nur ausgeführt werden kann, wenn in Hoffnung und Vertrauen auf die Zusage gebaut wird.

Einsatz für das Leben und Überleben unserer Welt ist auch nicht etwa ein spezielles, sozialpolitisches Programm, das dem eigenen Leben und den eigentlichen Aufgaben der Kirchen hinzugefügt wird, oder für das vor allem bestimmte Gruppen, Bewegungen oder Organe verantwortlich sind. Dieser Einsatz ist ureigenste Sache für eine Glaubensgemeinschaft, die aus der Geschichte des Bundes lebt, der einmal und für immer geschlossen wurde, und der Leben und Zukunft für alle verwirklichen will. Das berührt die Existenz der ganzen Kirche in allen Gestalten und Erscheinungen.

Im Dokument des Ökumenischen Rates der Kirchen über Taufe, Eucharistie und Amt, dem Lima-Papier, wird über die Kirche gesagt, daß sie gerufen ist, „das Reich Gottes zu verkündigen und eine Vorwegnahme des Reiches Gottes zu sein“. Sie ist der Leib Christi, der Sündern vergab, Armen das Evangelium brachte, Gefangene befreite, Blinden das Licht gab und Unterdrückten Befreiung. Die Glieder dieses Körpers „müssen zusammen mit den Unterdrückten für die Freiheit und Würde streiten, die mit der Ankunft des Reiches Gottes versprochen sind“.

Es sind vor allem die Sakramente, die der christlichen Gemeinschaft bei ihrem Einsatz für Leben und Wohlergehen der Schöpfung die Grundlage geben. Die Taufe bedeutet ja die Rettung aus dem Griff der Todesmächte. Mit Nachdruck sagt das Lima-Papier, daß die Taufe „als Taufe auf Christi Tod ethische Implikationen nach sich zieht, die nicht nur nach persönlicher Heiligung fragen, sondern die Christen auch motivieren, auf allen Gebieten des Lebens zu versuchen, Gottes Willen zu erfüllen“. Nicht weniger bedeutsam ist das Mahl des Herrn. Brot und Wein, die Gaben der Schöpfung, angetastet durch unsere Gewalt, unser Unrecht, unsere Verschmutzung, werden durch Christi Anwesenheit zu Zeichen einer neuen Schöpfung und eines erneuerten Menschseins, das wir zusammen teilen dürfen. Von der Eucharistie sagt das Lima-Paier, daß sie alle Aspekte des Lebens umfaßt. „Die Eucharistiefeier fragt nach Versöhnung und Solidarität aller, die einander als Brüder und Schwestern einer Familie in Gott erkennen, und sie ist eine fortdauernde Herausforderung bei der Suche nach den richtigen Verhältnissen im sozialen, ökonomischen und politischen Leben. Alle Formen von Unrecht, Rassismus, Apartheid und Mangel an Freiheit werden radikal kritisiert, wenn wir Leib und Blut Christi teilen.“

Taufe und Eucharistie verweisen auf Ostern, auf das Fest der Auferstehung Christi, und darum auf ein Fest voller Hoffnung. Damit wird der Einsatz für eine Zukunft der Erde und aller, die darauf wohnen, aus einer Sphäre von Bedrohung und Angst, Unheil und Verdammung heraus geholt. Es ist die durch den Osterbericht geweckte Hoffnung und eine Sympathie für die Unterdrückten, in deren Rufen der Ruf des Herrn selbst zu hören ist, die die christliche Glaubensgemeinschaft motivieren und inspirieren. Christen dürfen leben aus dem Gnadenbund, den Gott mit seinem Volk Israel aufgerichtet hat und den Er in Christus erneuert hat. Dieser Gnadenbund vereinigt uns zu einem Bund für das Leben. Diese Verbundenheit ist das Fundament der ökumenischen Bewegung; einer Bewegung im Dienst der Ökumene, der ganzen bewohnten Welt, auf daß diese Welt bewohnbar wird.

2. Ein Bund für das Leben

In der ökumenischen Besinnung über den Einsatz der Kirchen für die Zukunft der Schöpfung nimmt das Wort „Bund“ einen wichtigen Platz ein. Die VII. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver rief die Kirchen auf, auf allen Ebenen Bundesschlüsse in einem konziliaren Prozeß zu vollziehen. In diesem Wort „Bund“ kam das Gemeinsame und Verpflichtende beim Einsatz für die Zukunft alles Lebendigen wieder zur Geltung. Deshalb hat der Bundesgedanke sehr große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seine Durchdringung sowie die weitere Behandlung der verschiedenen Probleme haben ihren Ursprung in der Entstehungsgeschichte des Denkprozesses innerhalb des Ökumenischen Rates der Kirchen. Dies kann auch erklären, warum z. B. der Schöpfungsgedanke nicht ausdrücklich den Leitfaden dieses Briefes bildet.

Das Wort „Bund“ ist ein biblischer Begriff, es ist sogar das Schlüsselwort für das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Zuerst ist die Rede vom Bund, den Gott nach der Sintflut mit Noah, seinen Nachkommen und allen Lebewesen schloß (Gen. 9). Dann wird uns erzählt vom Bund Gottes mit Abraham, dem Vater der Gläubigen (Gen. 15 und 17). Später hören wir von dem Bund, der am Berg Sinai mit dem ganzen Volk Israel geschlossen wurde (Ex. 20 bis 24).

Zu einem Bund gehören Verabredungen. Wenn Menschen die Verabredungen gebrochen haben oder wenn sich die Situation so verändert hat, daß die Verabredungen neu formuliert werden müssen, wird der Bund erneuert. Das geschah, nachdem Israel den Kniefall vor dem goldenen Kalb gemacht hat (Ex. 34), nachdem das Volk unter Führung Josuas (Josua 24) im gelobten Land angekommen ist, und als der jüdische König Josia beim Lesen des (wiedergefundenen) Buches Deuteronomium entdeckt, wie weit er und sein Volk abgekommen sind. Im Deuteronomium wird sogar vorgeschrieben, daß der Bund alle 7 Jahre erneuert werden muß (Deut. 31, Vers 9-13). In der dramatischen Zeit während der babylonischen Gefangenschaft sind es die Propheten, die eine Bundeserneuerung in Aussicht stellen, die große Hoffnung für die Zukunft (Jeremia 31, Vers 31 bis 34).

Bundesschluß und Bundeserneuerung finden immer in einer bedrohlichen Situation statt. Es sind die Bedrohten, mit denen ein Bund geschlossen oder erneuert wird. In diese Linie gehört auch, was am Vorabend von Karfreitag im oberen Saal in Jerusalem geschieht, als Jesus den Kelch des neuen Bundes im Kreis seiner Jünger herumgehen läßt.

In der Bibel wird auch berichtet, wie Menschen miteinander einen Bund schließen. Sprechendes Beispiel ist der Bund zwischen David und Jonathan, wobei ausgesprochen wird, daß der Herr für immer zwischen ihnen beiden und ihren Nachkommen stehen wird: Auch hier ist Gott wirksam anwesend. Er hält sie zusammen und wacht über Ihren Bund. Auch die Geschichte von Naomi und Ruth (Ruth 2, Vers 16: „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“) ist ein beeindruckender Bericht über einen zwischenmenschlichen Bund, bei dem Gott einbezogen ist, wenn auch das Wort „Bund“ selbst nicht gebraucht wird.

In den biblischen Geschichten ist es immer Gott, der die Initiative für einen Bund mit den Menschen ergreift. Er stiftet den Bund, gibt Zusagen und stellt seinen Bündnispartnern Bedingungen. Er hält auch an seinem Bund fest. Bei der Bundeserneuerung ist es nicht Gott, der etwas zu erneuern hat. Es sind die Menschen, die aufs neue aussprechen, daß sie sich an den einmal geschlossenen Bund halten wollen.

Der Inhalt des Bundes ist der Frieden: Nicht nur zwischen Gott und Menschen, sondern auch zwischen Menschen untereinander und zwischen Menschen und anderen Geschöpfen. Das wird deutlich beim Bund mit Noah, bei dem den Menschen geraten wird, sich jeder Gewaltanwendung und jedes Blutvergießens zu enthalten, und auch im Umgang mit Tieren die nötige Sorgfalt zu beachten. Das wird ebenso beim Bundesschluß am Sinai deutlich: Die an Israel gegebenen Gebote haben gerechte und fürsorgliche Verhältnisse im Auge. Gott will „Schalom“ für seine Welt und Er lädt die Menschen ein, diesen in seinem Namen zu verwirklichen. Das bedeutet, daß sie sich verpflichten, ihre Abgötter aufzugeben, ihrem großen Bundesgenossen treu zu sein und seiner Schöpfung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es geht dabei immer wieder um die Entscheidung Leben oder Tod, Segen oder Fluch (Deut. 30, Vers 19-20).

Bei der ökumenischen Besinnung hinsichtlich Bund und Bundeserneuerung stehen verschiedene Aspekte der biblischen Überlieferung im Mittelpunkt:

  • Erinnerung: Basis des Bundes ist ja das, was Gott für und an Menschen getan hat. Menschlicher Einsatz ist dann auch nur möglich aufgrund von Gottes Einsatz.

  • Verkündigung: Aufs neue wird Gottes Wille erläutert und gedeutet im Hinblick auf die Situation des Augenblicks.

  • Den Abgöttern abschwören: „Ja“ sagen zu Gottes Bund bedeutet, den Bund mit tödlichen Mächten aufzukündigen; wie Jesus in der Bergpredigt sagt: „Man
    kann nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Math. 6, Vers 24).

  • Feier: Daß der Bundesschluß Anlaß zur Freude ist, sieht man an den Festen; in der biblischen Situation ist es selbstverständlich, daß der Bund in Form einer Mahlzeit gefeiert wird. Es geht um neues Leben mit Gott und miteinander.

  • Offenheit: Der Bund zwischen Gott und Menschen ist nicht gegen andere gerichtet, sondern er ist da zum Wohl anderer, zum Frieden aller. In Abraham sollen alle Völker der Erde gesegnet werden.

All diese Aspekte finden sich auch bei der Feier des Abendmahls, die man eine „Bundesbekräftigung“ nennen könnte. Die Kirche hat in Jesu Opfer eine Erneuerung von Gottes Bund mit uns gesehen: Ein Bund, der für alle Menschen offen ist: Der Wein ist „das Blut des neuen Bundes, das vergossen wird für viele“. Bei der Abendmahlsfeier stellen sich die, die daran teilnehmen, neu in den Bund hinein. Man empfängt nicht nur, sondern man verpflichtet sich auch zum Einsatz für den „Schalom“. Die Gemeinschaft am Tisch des Herrn wird deshalb auch in vielen Kirchen vom Friedensgruß eingeleitet: Friede mit Gott, Friede miteinander, Frieden auf Erden.

Wenn bei der ökumenischen Besinnung über den Bund gesprochen wird, dann ist zuallererst gemeint, daß Christen sich neu bewußtmachen, daß Gott mit ihnen einen Bund geschlossen hat, der beim Abendmahl jedes Mal wieder gefeiert wird. „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ ist das Ziel, auf das hin sich Gott mit den Menschen verbunden hat. Bundeserneuerung bedeutet, dem Glauben an diesen Gott neuen Ausdruck zu geben, sowie auch dem Willen, als sein Bundesgenosse zu leben. Dazu werden Christen in dieser Zeit aufgerufen, gerade im Blick auf die großen Bedrohungen, denen die Schöpfung ausgeliefert ist.

Aufgrund des Bundes Gottes können Christen auch miteinander Verbindlichkeiten eingehen oder Absprachen treffen, auf die man einander ansprechen kann. Das kann geschehen auf örtlicher, landesweiter, regionaler oder weltweiter Ebene (zwischen Kirchen oder Gruppen eines bestimmten Ortes oder zwischen Kirchen oder Gruppen in verschiedenen Weltteilen). Dafür kann es verschiedene Formen geben, nach denen wir noch suchen und tasten. Deutlich ist, daß es bei einem solchen Bund immer um Gemeinschaft und Verpflichtung geht.
Dabei können durchaus auch Menschen einbezogen werden, die aus einem anderen Glauben oder einer anderen Weltanschauung leben. Christen sind nicht die Einzigen und sicher nicht die Ersten, die für die Bewahrung der Schöpfung im Hinblick auf die Generationen nach uns eintreten. Obendrein sind sie auf die anderen dringend angewiesen im Kampf gegen Unrecht und Gewalt: Auf die Zusammenarbeit mit ihnen, aber auch, um von ihnen zu lernen. Solche Zusammenarbeit mit anderen steht in keinem Fall im Konflikt mit der Überzeugung, daß der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bedeutet: (wiederum) Ernst machen mit dem Bund, dessen Initiative von Gott ausging. Das Zeichen des Bundes ist der Regenbogen, der die ganze Erde und alles, was darauf lebt, überspannt.

„Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und allen Lebewesen, die bei euch sind auf ewige Zeiten: meinen Bogen stelle ich in die Wolken; der soll ein Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde“ (1. Mose 9, Vers 12,13).

3. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

„... bis über uns ausgegossen wird der Geist aus der Höhe. Dann wird die Wüste zum Fruchtgefilde, und das Fruchtgefilde wird zum Wald gerechnet. Und das Recht wird in der Wüste wohnen und die Gerechtigkeit im Fruchtgefilde weilen. Und das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und die Frucht des Rechtes Sicherheit auf ewig“ (Jes. 32, Vers 15 bis 18).

Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, die Begriffe die in unserer Zeit neu die Zukunft bestimmen sollen, worauf wir hoffen und wofür wir uns einsetzen, sie sind den alten Schriften entlehnt, aus denen Christen leben. Man wird sich auf die prophetischen Worte von Jes. 32 berufen können. In dieser Prophetie wird Frieden die Frucht der Gerechtigkeit genannt. Wenn Frieden näher umschrieben wird als Ruhe und Sicherheit, ist damit etwas anderes gemeint als das Suchen eigener Sicherheit hinter großen Waffenschilden. Es geht um ein Leben, in dem niemand mehr Gewalt angetan wird, weder Menschen noch Natur: Bewahrung der Schöpfung.
Die Erfüllung des Versprechens wird abhängig gemacht von der Ausgießung des Geistes aus der Höhe. Die Erfüllung kommt also nicht über uns, sondern nimmt uns mit hinein. Damit wird Gottes Zusage als Auftrag in unsere Menschenhände gelegt. Nicht als ein Programm, das mit gutem Willen und eifrigem Einsatz schnell realisiert werden kann, sondern wird mit uns einen langen Weg gehen. Einen Weg, auf dem man durch Worte der Gnade angesprochen wird, auf dem man Schuld bekennt und umkehrt, auf dem man dem Gott des Bundes Vertrauen entgegenbringt, auf dem man den Mächten des Todes, welche sich vermummen und uns weismachen, daß sie Leben und Heil geben, die Gefolgschaft aufkündigt.

Die Schrift macht uns auch deutlich, wie sehr der Mensch selbst hier auf der Anklagebank sitzt. Sein Herz ist voll von Gewalttätigkeit. Er beherrscht, unterdrückt, beutet aus.

Bei einer ehrlichen Analyse der Situation und einer nüchternen und planmäßigen Bekämpfung der bedrohenden und betrügerischen Todesmächte werden wir uns wohl der beklemmenden Erkenntnis stellen müssen, daß Unrecht, Gewalt und Verwüstung tief im Menschen selbst verwurzelt sind. Wenn man die Situation der Welt und unserer Gesellschaft ändern will, geht dies nicht ohne Bekehrung und Erneuerung des Menschen.

In der Prophetie wird Frieden die Frucht der Gerechtigkeit genannt: Viele Kirchen haben deutliche Erklärungen über Frieden und Abrüstung veröffentlicht. Die Kirchen der 3. Welt haben den Kirchen im Westen die Frage gestellt, ob es ihnen dabei im Grunde nicht um die „friedliche“ Fortsetzung ihres eigenen - in vielen Fällen sehr - angenehmen Lebens gehe. Das Unrecht in der Welt - Reiche, die immer reicher und Arme, die immer ärmer werden - könne dann eben „friedlich“ weiter bestehen. Aber weiterwuchernde Ungerechtigkeiten werden zum Herd von Konflikten und Gewalt. So wie Frieden die Frucht der Gerechtigkeit ist, so entstehen Haß und Gewalt aus der Saat des Unrechts. Wiederum hält eine kostspielige Bewaffnung das schmerzende Unrecht aufrecht. Dabei ist der übermäßige Verbrauch von Rohstoffen im Dienst unserer Bewaffnung und unseres Konsums ein regelrechter Anschlag auf Natur und Umwelt.

Das Wohl und das Fortbestehen unserer Erde mit allem, was darauf lebt, wird also von drei Seiten her bedroht: Durch Armut und weitere Verarmung, durch Bewaffnung und Wettrüsten, durch Verschmutzung und Zerstörung von Natur und Umwelt, und dies in einem unverkennbaren Zusammenhang. Zusammen bilden sie einen Bund des Todes, ein dreiköpfiges Ungeheuer, das die Schöpfung in Lebensgefahr bringt. Ungerecht haushalten, einander bis aufs Messer bedrohen, die Schöpfung plündern, hängen nicht nur eng miteinander zusammen, sondern sie heizen sich auch gegenseitig an. Das Unrecht vergrößert sich, die Bewaffnung wird immer höher geschraubt und die Zerstörung von Natur und Umwelt nimmt immer erschreckendere Formen an.

Die Erzählung von der Sintflut nennt diese tödliche Macht „Gewalttätigkeit“. Das hebräische Wort „Chamas“, das sowohl mit Gewalt als auch mit Unrecht übersetzt werden kann, bezieht sich auf physische Gewaltanwendung und soziale Ausbeutung, aber es paßt auch für das, was Menschen der Natur antun. Für die unrechte Art, wie Menschen sich als Besitzer und Machthaber auf einer Erde benehmen, die ihnen als Hüter anvertraut wurde, lautet hier die Anklage: Machtmißbrauch. „Chamas!“ ist in der Schrift der Hilferuf der Unterdrückten. Jetzt ist es die Erde, die von allen Enden „Chamas!“ ruft.

Gegenüber dem Hilferuf „Chamas!“ steht der Friedensgruß „Schalom“. Und in dem einen Wort können Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zusammengefaßt werden. Eigentlich steht jedes dieser drei Worte in Beziehung zum Ganzen. Gerechtigkeit ist das Stichwort für die Verhältnisse, so wie sie von Gott gemeint sind. Frieden (Wohlergehen ist der umfassendere und tiefere Sinn des Wortes) beschreibt die Situation, die damit entsteht. Bewahrung der Schöpfung ist der Begriff für das Ziel, dem damit gedient wird.

Alle drei Begriffe haben also eine sehr weitreichende Bedeutung. Sie berühren bis in die Tiefen unser persönliches Denken, Sprechen und Handeln. In der heutigen Situation wollen wir den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung auf die gesellschaftlichen Fragen konzentrieren, die in hohem Maße für unser aller Zukunft bedrohlich sind: Unrecht und Armut, Krieg und Gewalt, Verschmutzung und Zerstörung. Es geht dabei um „einen zusammenhängenden Kampf für das Leben“ (Ökumenischer Rat der Kirchen). Auch Papst Johannes Paul II weist in seiner neuen Enzyclica Sollicitudo Rei Socialis auf den Zusammenhang zwischen Bewaffnung, Unterentwicklung und Umweltbedrohung hin und auf die Dringlichkeit, die Probleme in ihrem Zusammenhang anzupacken. Indessen dürfen wir nicht verhehlen, daß innerhalb dieses Kampfes auch Spannungen bestehen: z. B. zwischem dem Kampf gegen Hunger und dem Kampf gegen Umweltbedrohung oder zwischen dem Einsatz für Menschenrechte und dem Einsatz für Entspannung. Die Feststellung dieser komplizierten Zusammenhänge bedeutet umso mehr eine Herausforderung für menschlichen Erfindungsreichtum und Ausdauer.

Die folgenden Kapitel gehen näher ein auf die drei Aspekte beim Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Sie sind entsprechend dem bekannten Schema Sehen - Urteilen - Handeln aufgebaut. Unter A geben wir an, was wir meinen, konstatieren zu können, unter B, wie wir darüber im Licht der Schrift urteilen, unter C, welche Schwierigkeiten wir sehen, wenn wir handeln wollen.

4. Im Widerstand gegen Unrecht und Armut

„Die hungernden Völker appellieren heute dramatisch an die Völker, die im Überfluß leben. Ihr Hilferuf schneidet der Kirche durch Mark und Bein ...“ (Papst Paul VI in Populorum Progressio). „Wir hören das Rufen von Gottes Volk ... Da ist das Rufen, das aus dem Süden kommt. Ein Rufen, das dem Leiden von 500 Millionen Menschen an Unterernähung Ausdruck gibt und das auf einem Planeten, auf dem Völker 750 Milliarden Dollar pro Jahr für tödliche Waffen ausgeben. Wir hören das Rufen der Völker, die unter der unerträglichen Last internationaler Schulden gebeugt gehen, Schulden, die nur auf Kosten der Ärmsten dieser Völker bezahlt werden können. Wir hören das Rufen von Menschen, die unter einer Unterentwicklung leiden, die durch koloniale Herrschaft und ein unrechtmäßiges weltwirtschaftliches System verursacht sind ... Aber sie sind nicht die Einzigen, deren Rufen wir hören. Auch aus dem reichen Norden ertönt ein solches Rufen von jenen, die von der Wohlfahrt in ihrer eigenen Gesellschaft ausgeschlossen werden ...“ (Ökumenischer Rat der Kirchen, Dokument über den Konziliaren Prozeß, Glion).

„Noch nie haben so viele Menschen im Wohlstand gelebt wie heute, in einem Wohlstand, der materiell denjenigen aller früheren Zeiten übertrifft. Noch nie haben so viele Menschen in Elend und Hunger gelebt wie jetzt: Die Anzahl der Menschen, die an den Folgen von Hunger sterben, übertrifft die Anzahl der Toten aller Kriege unseres Jahrhunderts. Noch nie hat sich das Bewußtsein von der Ungerechtigkeit der Güterverteilung so weit verbreitet wie heute. Was ist zu tun?“ (C. F. von Weizsäcker, „Die Zeit drängt“, Seite 18).

  1. Was wir hören, ist das Rufen der Armen überall auf unserer Welt. Was wir sehen, ist schreiendes Unrecht: Hier ein verschwenderisches Wohlleben, dort ein tödlicher Mangel am Lebensnotwendigsten. Die Kluft zwischen Reich und Arm wird immer größer. Die Reichen werden reicher und die Armen bleiben arm, konstatierte der Ökumenische Rat der Kirchen schon 1968. Das gilt auch jetzt noch, sowohl im Weltmaßstab als auch in unserer eigenen Gesellschaft. Die Mehrheit im Norden und eine kleine Minderheit im Süden lassen es sich nur zu gut gehen mit den Gaben der Schöpfung, während die Mehrheit der Weltbevölkerung zu kurz kommt: 30 % der Menschheit verfügt über 60 % der Rohstoffe. Mittlerweile gibt es auf unserer Welt nun 800 Millionen unterernährte Menschen statt der oben genannten 500 Millionen, und der Betrag von 750 Milliarden Dollar pro Jahr für die Bewaffnung hat sich auf 1000 Milliarden erhöht. Sowohl Armut und Hunger als auch eine wahnsinnige Rüstung wuchern weiter wie eine ansteckende Krankheit.

    Das Bittere dieser Situation ist, daß es eigentlich genügend Möglichkeiten gibt, die ganze Weltbevölkerung mit Nahrung zu versorgen. Armut und Hunger brauchte es nicht zu geben, erst recht sind sie kein unentrinnbares Schicksal. Dennoch haben 800 Millionen Menschen Hunger und es sterben jährlich 40 Millionen Menschen den Hungertod. Deutlich ist hier menschliche Ohnmacht oder der Unwille zu teilen im Spiel.

    Nicht weniger schmerzlich ist es, daß reiche Länder einen ansehnlichen Teil ihres Reichtums auf Kosten armer Länder erwarben bzw. erwerben. Ein ökonomisches System, das unseren Wohlstand fördert, leistet der Verarmung in großen Teilen der Welt Vorschub. Weder viele Jahre Entwicklungshilfe noch beeindruckende Formen humanitärer Hilfestellung haben da-ran etwas ändern können. Die Schuldenlast vieler Entwicklungsländer ist unerträglich geworden und drückt am schwersten auf die Schultern der Ärmsten. Während im Westen große Lebensmittelüberschüsse vernichtet werden, nimmt die Zahl derer zu, die unter Hunger und Unterernährung leiden. Die Zukunftsaussichten sind dramatisch. Unterdrückung und Spannungen, die unter anderem eine Folge der ökonomischen Verhältnisse sind, verursachen einen Strom von Asylsuchenden. Aber die Länder des Westens riegeln sich immer mehr von denen ab, die direkt oder indirekt die Opfer des westlichen Wohllebens sind. Und der Widerstand gegen jene, die hier ihre Zuflucht suchen, nimmt bedenkliche Formen an.

    Eine Problematik, die uns direkt berührt, ist die Verelendung vieler in unserem eigenen Land, wodurch eine Zweiteilung unserer Gesellschaft verursacht wird. Aus Untersuchungen hat sich ergeben, daß in den Niederlanden ungefähr 800.000 Haushalte auf oder unter der Grenze des gesellschaftlichen Minimums leben: Ältere, längerfristig Arbeitslose, Rentnerinnen, Behinderte und als arbeitsunfähig erklärte Menschen, kleine Selbständige, kleine Geschäftsleute, Bauern, Alleinverdiener mit Mindestlohn. Unter ihnen sind vor allem alleinstehende Frauen mit Kindern und Obdachlose stark überrepräsentiert. Ihr verfügbares Einkommen nimmt noch immer ab, sowohl durch steigende Steuern und Kosten wie auch durch Sparmaßnahmen. Das Resultat ist, daß sie von jedem sozialen Umgang ausgeschlossen werden.

    Nicht selten wird gesagt, daß ihre Situation nicht zu vergleichen ist mit der Situation in der Dritten Welt, wo Menschen regelrecht verhungern. Nichtsdestoweniger machen andauernde Geldsorgen und wachsende Schulden mit der Folge sozialer Isolierung das Leben vollkommen aussichtslos und können Menschen innerlich vernichten. Der (wachsende) Reichtum anderer macht dies umso schmerzlicher.

    Wir haben es hier mit einem komplizierten Sachverhalt und mit gesellschaftlichen Prozessen zu tun, die nicht mit einer Anzahl einfacher Empfehlungen ungeschehen gemacht werden können. Nicht selten wird die Situation erklärt oder entschuldigt mit einem Hinweis auf Systeme oder Strukturen, die nicht mit einer Handbewegung geändert werden können. Aber Systeme und Strukturen werden geschaffen und instand gehalten von Menschen, durch ihre Denkweise, ihr Verhalten, ihre Wünsche. Unser Lebensstil sitzt auf der Anklagebank, unser Kauf- und Konsumsverhalten, unser Umgang mit Geld.


  2. Der Name, den die Bibel der Situation gibt, in der Menschen arm sind und immer ärmer werden, heißt Unrecht. Ein Zustand, in dem Starke auf Kosten von Schwachen leben, dadurch die Armut erhalten und verschlimmern und die Gemeinschaft stören, ist unrechtmäßig und also zu bekämpfen. Selbstverständlich könnte noch auf viele andere Beispiele schreienden Unrechts hingewiesen werden. Die Aufmerksamkeit für Armut und Hunger ist eine bewußte Wahl. Dieses Unrecht geschieht massenweise und massiv.

    Unrecht ist die Umkehrung von Gerechtigkeit, dem Wort für Gottes eigene Haltung gegenüber den Menschen und den vom Ihm gemeinten und gewollten Verhältnissen in seiner Welt. Gerechtigkeit, so handeln, daß es der Gemeinschaft dient und daß jedem Menschen Recht wird, vor allem den Rechtlosen und Machtlosen, ist das Kernwort für das Reich Gottes, einer Welt unter Gottes bestimmender Macht: „Suchet vielmehr zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit“ (Matth. 6, Vers 33). Die Römisch-Katholischen Bischöfe der USA schreiben in ihrem Hirtenwort „Wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle“: „Zentral ist bei der biblischen Vorstellung von Gerechtigkeit, daß die Gerechtigkeit einer Gemeinschaft gemessen wird an der Art, wie sie die Wehrlosen in der Gemeinschaft - meist gekennzeichnet als: Die Witwe, die Waise, der Arme und der Fremdling (Nicht-Israelit) - behandelt“. Das Reich Gottes rechnet also zuerst ab mit der Armut als einer Situation, in der man nicht leben kann. Die Seligpreisungen stellen nicht umsonst die Armen an die erste Stelle: „Selig seid ihr Armen: Denn Euch gehört das Reich Gottes“ (Luk. 6, Vers 20).

    Unrecht wird in der Bibel gekoppelt mit Götzendienst. Dem Suchen von Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit steht im Evangelium der Dienst am Mammon (ein Wort, das soviel wie „Macht“ bedeutet) gegenüber. Israels Gott ist Bundesgenosse der Armen. Es sind die falschen Götter, die Erfolg, Reichtum, Wohlfahrt versprechen, aber deren Segen für die Armen ein Fluch ist. Darum stellt die Armut in der Welt uns vor die Frage, wer in unserer eigenen Zeit die falschen Götter sind, die direkt oder indirekt die Ungerechtigkeit hervorbringen.

    Ebenso herausfordernd ist es, daß in der Bibel von den Reichen und Mächtigen nicht zu allererst Wohltätigkeit gefordert wird, sondern die Aufgabe einer Lebensweise und einer Machtposition, deren Opfer die Armen sind. Nach dem Lobgesang Mariens bedeutet die Wiederherstellung von Gottes Gerechtigkeit sogar, daß Mächtige von ihrem Thron gestoßen werden und daß Reiche mit leeren Händen weggeschickt werden. Es ist keine Gerechtigkeit möglich, ohne daß in die Machtverhältnisse eine Veränderung kommt. Es geht nicht nur darum, daß die Armen Brot erhalten, sondern auch darum, daß sie Anteil an der Macht bekommen. Die strukturellen Machtverhältnisse in der Gesellschaft werden unter anderem in allerlei Formen von Gewalt sichtbar. So gibt es Gewalt von Reichen gegenüber Armen, von Weißen gegenüber Schwarzen. Ebensosehr gibt es Gewalt von Männern gegenüber Frauen. Was die Kirchen betrifft, sehen wir noch zu wenig Widerstand gegen diese ungerechten Machtverhältnisse. Vor allem haben die Kirchen noch große Mühe mit der Realität, daß Frauen und Männer einen gleichwertigen Teil in ihr ausmachen.


  3. Die christliche Glaubensgemeinschaft, die sich um den Tisch des Herrn vereinigt, übt sich dort in der Geste, die als einzige Unrecht und Armut zurückdrängen kann: Brechen und Teilen. Für sie ist die Frage, wie wir Menschen (besser) miteinander teilen können, zu einer Glaubensfrage geworden. Diese Frage muß sie sich selbst und anderen mit Beharrlichkeit stellen. Darin folgt sie ihrem Herrn nach, der, nachdem er sich selbst gab und als Brot für viele verschenkte, andere zum Geben und Teilen inspirierte.
    Die Hilferufe der Armen, die Einsicht, daß wir es mit einer unhaltbaren Situation zu tun haben, die die Bibel Unrecht nennt, und die Belebung einer neuen Gemeinschaft um Brot und Wein veranlassen uns, der Frage größtes Gewicht zu verleihen, wie wir Hunger und Armut zurückdrängen können. „Wir müssen uns beeilen: Es leiden zu viele Menschen, und der Abstand zwischen der Entwicklung der einen Gruppe und dem Stillstand, ja, der Verschlechterung in der Entwicklung der anderen wird immer größer“ (Papst Paul VI in Populorum Progressio). Die Verwirklichung von Artikel 25 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist dringend und wird immer dringender: „Ein jeder Mensch hat Recht auf einen Lebensstandard, der hoch genug ist für seine Gesundheit und sein Wohlergehen und das seiner Familie“.

    Natürlich ist eine gründliche und kritische Besinnung geboten, eine wirtschaftliche Ordnung zu durchschauen, die offensichtlich Armut erzeugt, unterhält und sogar verstärkt und damit regelrecht gegen die biblische Voraussetzung verstößt, daß alle Menschen das Recht auf das Lebensnotwendige haben. Dieses Problem ist nicht von heute auf morgen zu lösen, aber jetzt sind erste Schritte nötig. Das Welternährungsproblem und die Schuldenkrise der Entwicklungsländer müssen vorrangig einer Lösung zugeführt werden, und in unserem eigenen Land die Arbeitslosigkeit und das Absinken der Kaufkraft der am wenigsten Kaufkräftigen.

    Die Frage an diejenigen, die selbst am Reichtum teilhaben, ist nicht nur, ob sie Gerechtigkeit wollen, sondern auch, ob sie bereit sind, dafür Opfer zu bringen. Gerechtigkeit annehmen als Verheißung und Auftrag bedeutet ja, erworbene Machtpositionen aufzugeben und von Bedürfnissen und Gewohnheiten zu lassen, die für die Armen anderswo und hier schädlich sind. Das geht weiter als wohlmeinend vom eigenen Überfluß abzugeben und bedeutet Nachdenken über unsere ganze Lebensweise. Politiker und Wissenschaftler sind die Ersten, denen man realisierbare Lösungen vorlegen sollte. Ihre Einsicht und ihr Einsatz sind unentbehrlich, jedoch sind unsere Bereitschaft umzudenken und anders zu leben es ebensosehr.

    Hoffnungsvoll ist, daß in unserer Zeit immer mehr Menschen sich der Unrechtmäßigkeit und der Bedrohlichkeit der heutigen Situation bewußt werden. Eine ganze Anzahl von Organisationen und Gruppen befassen sich intensiv mit der Dritten Welt. Es sind Verbindungen gewachsen, in denen Menschen aus dem Westen sich beraten lassen von den Erfahrungen und Einsichten derer, die zu der notleidenden Mehrheit der Weltbevölkerung gehören. Es wird nach anderen Formen gesucht, wie man Geld investieren und anlegen kann. Die Dritte Welt soll nicht abwesend sein im Denken und Handeln der christlichen Glaubensgemeinschaft im Westen. Auch die Armut in den Niederlanden wird aus ihrer Unsichtbarkeit herausgeholt und es wurden von den Kirchen direkte Kontakte zu den Gruppen gelegt, die in die Klemme geraten sind. Der Widerstand gegen Unrecht und Armut wächst. Aber Widerstand bringt immer in eine verwundbare Lage, bestimmt dann, wenn es nicht bei Worten bleibt. Erfindungsreichtum ist nötig, aber auch Ausdauer.

5. Widerstand gegen Krieg und Gewalt

„Die Menschheit lebt heute im dunklen Schatten eines Rüstungswettlaufs, der stärker ist, und von Systemen, die weiter verstreut, gefährlicher und teurer sind, als sie die Welt je kennengelernt hat. Nie vorher hat die menschliche Rasse so nah vor einer Selbstvernichtung gestanden wie jetzt. Nie zuvor haben soviele Menschen im Würgegriff von Entbehrung und Unterdrückung gelebt“ (Vollversammlung von Vancouver, Erklärung über Gerechtigkeit und Frieden).

„Der Rüstungswettlauf ist die größte Plage der Menschheit und fügt den Armen einen unerträglichen Schaden zu. Es besteht große Gefahr, daß diese Plage, wenn sie andauert, eines Tages zu all den vernichtenden Katastrophen führen wird, für die sie nun schon die Mittel vorbereitet“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralconstitution Gaudium et Spes).

  1. Wiederholt haben die Kirchen in der vergangenen Zeit ihre große Besorgnis über Kernwaffen und Rüstungswettlauf ausgesprochen. Auch haben sie sich zur Theorie der gegenseitigen Abschreckung kritisch geäußert, mit der eine maßlose Bewaffnung gerechtfertigt wird. Mehr als einmal wurde auf die durch nichts zu entschuldigenden katastrophalen Folgen für die Armen auf dieser Welt und für Natur und Umwelt hingewiesen.

    Auch ohne daß sie tatsächlich gebraucht werden, haben die Kernwaffen eine schädliche Wirkung: Schon die Versuche schaden der Umwelt und damit der Gesundheit der Menschen (z.B. im Pazifik), die ungeheuer hohen Kosten stören die Wirtschaft und ihre bedrohliche Anwesenheit fördert Angst und Apathie. Dies gilt auch hinsichtlich konventioneller Bewaffnung.

    Während der vergangenen Jahre sind sehr viele Menschen auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren. Die große Besorgnis, die daraus sprach, hat nicht verhindern können, daß die Rüstung ungebremst weiterging, daß neue Waffen entwickelt wurden, daß der Weltraum in zunehmendem Maße militärischen Zwecken unterworfen wurde und daß die Politik von einem Feind-Denken beherrscht blieb, welches alle Verhandlungsbemühungen erschwert bzw. ihnen entgegenwirkt. Auch nach der Abrüstungs-Einigung zwischen den USA und der UdSSR hinsichtlich der Raketen mittlerer und kurzer Reichweite bleiben die Gründe für die Sorge bestehen. In der Politik ist nun die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, wie die Verminderung der Kernwaffen kompensiert werden kann: Durch neue Kernwaffen oder durch eine Ergänzung der konventionellen Waffen. Das kann die Chancen auf erneuerte Beziehungen zwischen Ost und West leicht zunichte machen.

    Ein dritter Weltkrieg ist bis jetzt ausgeblieben. Das heißt nicht, daß nicht trotzdem Krieg und Gewalt auf unserer Welt herrschen. Wir sehen, daß in kleiner oder mittlerer Größenordnung heftige Auseinandersetzugen zwischen Ländern oder Volksgruppen im Gange sind, nicht selten als direkte oder indirekte Folge von Spannungen zwischen den zwei großen Blöcken. Wir sehen, daß überall auf der Welt die elementarsten Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Wir sehen, daß Diktaturen, die von einer „Teile und Herrsche-Politik“ im Sattel gehalten werden, gegen ihre eigenen Untertanen Gewalt einsetzen. Wir sehen, daß ein Minderheits-Regime in Südafrika mit aller Gewalt einer heimgesuchten Mehrheit ihren Willen aufzwingt. Wir sehen, daß Millionen von Menschen durch politische oder soziale Umstände gezwungen werden, zu flüchten und anderswo ein Unterkommen zu suchen. Wir sehen, daß die großen Weltmächte miteinander darin wetteifern, eine gigantische Bewaffnung aufzubauen, die keinem sinnvollen Ziel mehr dient und das Fortbestehen der Erde bedroht.


  2. Die Situation, in der wir uns zur Zeit befinden, hat wenig oder nichts mit Frieden im wahren Sinn des Wortes zu tun. 1965 erklärte das Zweite Vatikanische Konzil: „Der Frieden besteht nicht im bloßen Abwesendsein von Krieg: Er beschränkt sich nicht nur auf das Errichten des Gleichgewichts der Kräfte, die einander gegenüberstehen: Er ist ebensowenig das Resultat einer despotischen Herrschaft, sondern er wird sehr richtig als „das Werk der Gerechtigkeit“ bezeichnet“. Das lag auf der Linie dessen, was die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Evanston (1953) formuliert hatte: „Frieden bedeutet viel mehr als nur Abwesenheit von Krieg, er hat seine konstruktiven Merkmale in der Anwesenheit von Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe“.
    Hiermit wird dem biblischen Zeugnis über Frieden Recht gegeben. Der biblische Begriff „Schalom“ ist umfassender und geht tiefer als was man gemeinhin unter Frieden versteht. Der Begriff „Schalom“ kann niemals für eine Welt gelten, in der die Großmächte bis zu den Zähnen bewaffnet einander gegenüber stehen und nur durch Drohung und Angst zu einem scheinbaren Frieden gezwungen werden, und in dem Mächtige ausreichend Gelegenheit haben, ihre eigenen Untertanen zu tyrannisieren und zu terrorisieren. Zu solch einem Zustand paßt eher das Prophetenwort: „... sie sagen: Frieden, Frieden, obwohl das kein Frieden ist“ (Jer. 6, Vers 11).

    So wie Gerechtigkeit das Wort ist für ein Handeln, das auf die Herstellung von Gemeinschaft gerichtet ist, so ist Frieden das Wort für einen Zustand, in der die Gemeinschaft wieder „heil“ geworden ist. Und so wie „Chamas“ der Schrei der Unterdrückten ist, ist „Schalom“ der Gruß des Reiches Gottes, in dem Gott und Menschen miteinander versöhnt sind, wo jeder Mensch zu seinem Recht kommt, und wo die Schöpfung sich unbedroht entfalten kann. Frieden ist dort, wo Menschen es in jeder Hinsicht gut miteinander haben. „... und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Spieße zu Rebmessern. Kein Volk wird wider das andere das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen. Sie werden ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen, ohne daß einer sie aufschreckt“ (Micha 4, Vers 3 und 4).

    Die heutige Bewaffnung wird nicht selten verteidigt, indem man sich auf die Notwendigkeit beruft, einen Weltkrieg zu verhindern und Frieden und Sicherheit zu gewährleisten: Die Theorie der gegenseitigen Abschreckung. 1934 sagte Dietrich Bonhoeffer in seiner berühmten Rede in Fanö, in der er zu einem Friedenskonzil aufrief: „Es gibt keinen Weg zum Frieden über den Weg von Garantien. Denn Frieden muß gewagt werden, er ist das eine Große Wagnis und läßt sich nie und nimmer garantieren. Frieden ist das Gegenteil von Garantien. Garantien fordern, heißt Mißtrauen haben, und Mißtrauen fragt nach Krieg. Garantien suchen, heißt sich selbst beschützen wollen.“ In seiner Encyclica Pacem in Terris schrieb Papst Johannes der XXIII (1963): „Nötig ist, daß das Gesetz, auf dem der Frieden jetzt basiert, durch ein ganz anderes Gesetz ersetzt wird, welches bestimmt, daß wahrer Frieden unter den Völkern nicht auf militärischem Gleichgewicht aufbauen kann, sondern nur auf gegenseitigem Vertrauen“. Es waren die Evangelischen Kirchen in der DDR, die immer wieder aufgerufen haben, „dem Geist, dem System und der Praxis der Abschreckung abzuschwören“. Die Abschreckungsstrategie demonstriert ihr wahres Gesicht in der maßlosen Menge von Waffen und in der dämonischen Spirale des Rüstungswettlaufes: Die Welt könnte durch das heutige Waffenarsenal mehrere Male verwüstet werden.

    Ein Kernwaffenkrieg ist nun aber auch für jeden rechtschaffenen Menschen vollkommen unannehmbar. Er vernichtet, was er beschützen will und steht regelrecht in Konflikt mit dem Auftrag, die Schöpfung zu behüten. Darum bleibt es geboten, daß die Kernbewaffnung stark zurückgedrängt wird und schließlich verschwindet (das gilt übrigens von all diesen Waffen, den Atomwaffen, den Biologischen Waffen und den Chemischen Waffen). Die Vollversammlung von Vancouver machte sich die Empfehlung des öffentlichen Hearings des Ökumenischen Rates der Kirchen über Kernwaffen und Abrüstung (Amsterdam 1981) zu eigen:

    „Wir glauben, daß die Zeit gekommen ist, daß die Kirchen einmütig erklären müssen, daß sowohl das Produzieren und Aufstellen, als auch das Gebrauchen der Kernwaffen eine Sünde gegen die Menschheit ist, und daß dergleichen Aktivitäten aus ethischen und theologischen Gründen verurteilt werden müssen ...“ In seinem Brief an Regierung und Volksvertreter faßt der Rat der Kirchen in den Niederlanden 1984 die Überzeugung der Kirchen folgendermaßen zusammen: „Obwohl innerhalb der Kirchen verschiedene Auffassungen bestehen hinsichtlich der konkreten politischen Schritte auf dem Weg zur Abrüstung, Einmütigkeit besteht in der Auffassung, daß der tatsächliche Gebrauch von Kernwaffen im Konflikt steht zu Gottes Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Einmütigkeit herrscht auch in der Überzeugung, daß eine fortgesetzte Aufrüstung keine größere Sicherheit, sondern gerade größere Unsicherheit mit sich bringt und daß dadurch die Gefahr totaler Vernichtung der Schöpfung in ernstem Maß zunimmt“. Diese Worte sind auch jetzt noch gültig.

    Die Überzeugung gewinnt außerdem an Boden, auch in den Kirchen, daß konventionelle Waffensysteme entwickelt werden, die nicht weniger mörderisch und bösartig sind als Kernwaffen. Durch das Vorhandensein der Waffenarsenale drängt sich aufs neue die Frage der Legitimität aller Kriegshandlungen auf. Dabei sind die „kleinen“ Kriege uns ebenso sehr eine Sorge wie der (gefürchtete) Dritte Weltkrieg. Das Urteil der Vollversammlung des Ökumeni-schen Rates der Kirchen in Amsterdam 1948, daß Krieg vollständig im Widerspruch steht zu Gottes Wille, gilt jeder Form von Krieg.


  3. Das „nein“ der Kirchen fordert auch ein „ja“ heraus: Nämlich die Perspektive einer Alternative zum heutigen „Frieden durch nukleare Abschreckung“. In dieser Hinsicht nahmen die Evangelischen Kirchen in der DDR die Rolle einer Vorhut ein und zwar durch ihr Plädoyer für „Sicherheitspartnerschaft“ oder auch „gemeinsame Sicherheit“. Im nuklearen Zeitalter kann die Sicherheit des einen nicht mehr gegen den anderen verwirklicht werden, sondern nur zusammen mit dem anderen. Dies macht sowohl Schritte in Richtung Abrüstung notwendig - durch Verhandlungen und wenn nötig einseitig - als auch Schritte in Richtung Entspannung.

    Die Kirchen müssen nachdrücklich dafür plädieren, daß die Übereinkunft vom Dezember 1987 über die Abschaffung von Raketen kurzer und mittlerer Reichweite zu weiteren Schritten auf dem Weg zu tatkräftiger Abrüstung führt. Diese Übereinkunft ist von historischer Bedeutung, weil zum ersten Mal auf eine ganze Kategorie von Kernwaffen verzichtet wird. Nun müssen die Chancen auf bessere Beziehungen zwischen Ost und West voll ausgeschöpft werden. Erneuerung dieser Beziehungen und eine Beendigung des Feind-Denkens ist von größter Bedeutung für den Frieden.

    Die Beendigung des Feind-Denkens kann einerseits durch grenzüberschreitende Kontakte geschehen, und zwar über die Grenzen der beiden Blöcke hinweg. Auf vielen Ebenen der Gesellschaft sollten Kontakte zwischen Ost und West gefördert werden, auch und gerade durch die Kirchen.

    Die Römisch-Katholischen Bischöfe von Europa schrieben kürzlich: „Die Fähigkeit aufmerksam zu sein für Friedenssignale ist heute eine hohe politische Tugend. Ohne Kontakte und Gespräche werden solche Signale nicht wahrgenommen oder nicht richtig verstanden!. Andererseits ist von größter Wichtigkeit eine auf Frieden gerichtete Erziehung, die Vorurteilen und unnötigen Ängsten entgegenwirkt. Die Kirchen können sich nicht begnügen mit schallenden Reden gegen Atomkrieg und Wettrüsten. Sie werden in ihrem eigenen Unterricht der Friedensausbildung einen starken Vorrang und der Friedenserziehung in Familie, Schule und Gesellschaft jegliche Unterstützung geben müssen. Auch werden alle, die vor der Entscheidung stehen, den Militärdienst zu tun oder nicht, ihre Entscheidung ernst prüfen müssen, welches der beste Dienst für den Frieden ist.

    Es ist deutlich, daß daneben Wachsamkeit gegenüber Unterdrückung und Verfolgung, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Diskriminierung, Folter und Mord, inhumanes Asylrecht, Einschränkung des Rechtes auf freie Ausübung der Religion und Meinungsäußerung und Mißachtung der Menschenrechte im Allgemeinen geboten ist. Diese bekannt zu machen und Alarm zu schlagen kann wie ein machtloses Gebaren erscheinen, darf aber unter keiner Bedingung aufgegeben werden, schon deshalb nicht, weil es auf längere Zeit mehr Erfolg bringen kann, als man jetzt zu hoffen wagt.

    Hoffnungsvoll ist jedenfalls, daß in unserer Welt mit ihren Kommunikationsmitteln Tyrannen wohl kaum mehr unbemerkt und unwidersprochen ihren Gang gehen können, und daß Verfolgte und Unterdrückte immer wieder Verteidiger finden. Hoffnungsvoll ist auch, daß die Proteste gegen die fortgesetzte Aufrüstung nicht verstummen, und daß auf beiden Seiten der großen Grenzen danach gesucht wird, sich kennenzulernen und sich wiederzuerkennen. Hoffnungsvoll ist sicher auch, daß durch den Vertragsabschluß im Dezember 1987 tatsächlich ein erster Schritt auf dem Weg zu Entspannung und Abrüstung getan wurde.

    Wir können nie mehr zurück hinter die Aussage, daß Frieden mehr ist als die Abwesenheit eines (offenbar möglichen) Krieges. Nicht die Garantie dieser eigenen Sicherheit steht damit an erster Stelle, sondern die Ehrerbietung der Rechte der Menschen und die Förderung des Friedens für alle Menschen dieser Welt. „Alle haben Frieden oder niemand“ (Papst Paul II in Sollicitudo Rei Socialis).

6. Im Widerstand gegen Verschmutzung und Zerstörung

„Auf einmal merkt der Mensch, daß er die Natur durch seinen unbesonnenen Raubbau zu vernichten droht, und daß, wenn er an der Reihe ist, er das Opfer der Umweltverschmutzung zu werden droht. Aber nicht nur die menschliche Umgebung wird durch Verschmutzung, Abfall, neue Krankheiten und die absolute Vernichtungskraft des Menschen zu einer bleibenden Bedrohung: Der Mensch selbst hat seine eigene Gesellschaft nicht mehr in der Hand, so daß die Lebensumstände, die er der Zukunft überläßt, untragbar werden können“ (Papst Paul VI in Octagesimo Adveniens).

„Heutzutage, so müssen wir konstatieren, kommen Natur und Umwelt in Schwierigkeiten. Es wird immer deutlicher, daß die Erde nicht ohne weiteres dem Druck einer zunehmenden Bevölkerungszahl gewachsen ist, ebensowenig den Folgen der menschlichen Habsucht und der zunehmenden Verschmutzung, die angerichtet wird. Aus dem Auftrag an den Menschen, ein guter Verwalter der Erde zu sein, ist nicht viel geworden“ (Über Kirche und Umwelt, von der Arbeitsgruppe Kirche und Umwelt vom Rat der Kirchen in den Niederlanden, 1988).

  1. Die Kirchen müssen bekennen, daß sie erst sehr spät (und dann noch mit Zurückhaltung) den Bedrohungen Aufmerksamkeit schenkten, denen Natur und Umwelt - und damit auch der Mensch selbst - ausgeliefert sind. Es waren die Umweltgruppen, die dafür die Augen geöffnet haben. Jetzt erst steht die Umweltproblematik neben Armut und Hunger und dem bedrohlichen Rüstungswettlauf ausdrücklich auf der Tagesordnung der Kirchen.

    Auch müssen die Kirchen bekennen, daß eine einseitige Auslegung der Bibelworte über den bei der Schöpfung an den Menschen gegebenen Auftrag „... füllet die Erde und machet sie euch untertan ...“ (Gen. 1, Vers 28) mitschuldig ist an Entwicklungen, die zu der heutigen ökologischen Krise geführt haben. Das macht zumindest eine neue Besinnung über diese Bibelworte und über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur im allgemeinen notwendig.

    Es ist Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Unsere Welt erlebt zur Zeit eine Umweltkrise ohnegleichen, die sich in zahllosen lokalen und weltweiten Problemen äußert. Jeder Mensch wird damit in mehr oder weniger starkem Maß konfrontiert, aber es sieht ganz danach aus, daß auch hier die Last auf den Schultern der Ärmsten liegen wird.

    Umweltprobleme gibt es nicht erst seit gestern oder heute. Sie sind jedoch zu einer unvorstellbaren Größenordnung angewachsen. Auch sind die Folgen irreparabel. Und was heute noch nicht beunruhigend erscheint, kann es morgen schon sein. Umweltprobleme entstehen, wenn auf die natürliche Umgebung durch menschliches Eingreifen so Einfluß genommen wird, daß ökologische Funktionen und Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten. Umweltausbeutung und Umweltverschmutzung führen zu Umweltschäden und schließlich zur Umweltvernichtung.

    Die Berichte über die Entwicklungen sind alarmierend. Die Rodung von Wald nimmt schnell zu, und das mit allen bekannten Folgen für Pflanzen- und Tierarten und für den Wasserhaushalt. In den Niederlanden ist die Hälfte der Wälder durch sauren Regen angegriffen. Immer mehr Ackerland auf der Welt verändert sich in Wüste. Zu intensives Fischen und Verschmutzung bedrohen den Fischbestand in vielen Gewässern, was zu einer Zerrüttung der Nahrungskette in den Meeren führt und zu Problemen für den Nahrungsvorrat. Überall auf der Welt findet eine fatale Verunreinigung der Umwelt statt, die sowohl das Wasser, den Boden wie auch die Luft betrifft. Katastrophen der Industrie wie Bhopal, Basel und Tschernobyl haben nicht nur lokale Folgen für die Gesundheit von Mensch und Umwelt, sondern auch einen Einfluß bis weit über die Landesgrenzen hinaus.

    Dennoch nimmt die Zahl der Kernreaktoren überall in der Welt zu (die Niederlande sind noch immer eine glückliche Ausnahme), ohne daß für die Entsorgung des gefährlichen Kernabfalls eine Lösung gefunden wäre, (wobei man hinzufügen muß, daß die Energieproduktion aus Kohle auch große Probleme aufwirft). Die Verletzung der Ozonschicht und die Zunahme des Kohlensäuregehaltes in der Atmosphäre sind sehr ernst zu nehmen. In einem beunruhigend hohen Tempo sterben Pflanzen- und Tierarten aus. Kurzum: Die ökologischen Systeme, die das Leben auf der Erde ermöglichen, drohen zusammenzubrechen. Eine schauderhafte Umkehrung der Verheißung von Jesaja 32 zeichnet sich ab: Der Garten wird eine Wüste und der Wald gleicht einem Totenacker ...

    Internationale Studien und Gutachten betonen den Ernst der Situation und halten die unausgewogenen internationalen Verhältnisse, die Überproduktion und den Konsum der sogenannten reichen Länder, sowie das explosive Anwachsen der Weltbevölkerung für die wichtigsten Ursachen der Umweltprobleme. Immer deutlicher wird, daß die Erde die wachsende Anzahl Bewohner, die angerichtete Verschmutzung und die Verschwendung von Rohstoffen nicht länger ertragen kann. Unser Wohlstand ist eine ernste Bedrohung geworden für das Wohlergehen aller, sicher aber für die kommende Generation.

    Es ist schwer zu sagen, wo die Umweltkrise am schlimmsten ist, aber deutlich ist, daß die Armen in der Dritten Welt momentan die schlimmsten Schläge einstecken müssen. Ihr Leben ist so stark abhängig von der direkten Umgebung, daß eine Verschlechterung der Situation von Natur und Umwelt einen unmittelbaren Angriff auf ihre Lebensumstände zur Folge hat. Das Komplizierte der Situation ist, daß nun gerade der Kampf gegen Armut und Hunger zu großen Umweltproblemen führt (z.B. die Rodungen von Wald). Umweltprobleme führen zwangsläufig wieder zu zunehmender Verarmung. So hängen soziales Unrecht und Umweltprobleme eng zusammen. Ein Teufelskreis!


  2. In der Bibel werden Menschen immer wieder aufgefordert, Gerechtigkeit und Frieden zu stiften. Einen direkten Aufruf zum Einsatz für die Erhaltung von Natur und Umwelt finden wir da nicht, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Das Verhältnis von Mensch und Natur war damals ein völlig anderes als heute. Der Mensch war vollkommen abhängig von der Natur. Die Natur war eher eine Bedrohung für den Menschen, als heute, wo eher der Mensch zur Gefahr für die Natur geworden ist. Schriftworte über das Unterwerfen der Erde und das Herrschen über die Natur müssen im Kontext verstanden und ausgelegt werden. Sie handeln von dem mühsamen Versuch des Menschen, einen bewohnbaren Platz auf der Erde zu finden und seine Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Damals mußte der Mensch sich gegen das Chaos zur Wehr setzen, heute richtet er selbst das Chaos an.

    Vielsagend ist, daß Gen. 1 einen Zusammenhang herstellt zwischen der Schöpfung des Menschen nach Gottes Bild und dem Auftrag zu herrschen. Das bedeutet, daß die Weise wie der Mensch seine „Herrschaft“ ausübt, klare Grenzen hat. Diese soll nämlich ein Abbild sein der sorgenden und bewahrenden Weise, wie der Schöpfer selbst tätig ist. Gen. 2: „Und der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn bebaue und bewahre.“ Die entsprechenden hebräischen Worte können auch übersetzt werden mit „dienen“ und „hüten“. Worte für einen sorgsamen Umgang, gerichtet auf die Entfaltung der Schöpfung.

    Der Ökumensche Rat der Kirchen hat in diesem Zusammenhang den Begriff „integrity of creation“ eingeführt und ihn mit dem Begriffspaar „justice and peace“ verbunden. Man kann das am Besten übersetzen mit „Bewahrung der Schöpfung“. Das hat sicher Beziehung zum Umwelt- und Naturschutz, aber die Bedeutung ist weiter gefaßt. Es geht hier um die Gemeinschaftlichkeit alles Geschaffenen, wobei Mensch und Natur in Abhängigkeit voneinander stehen, sich gegenseitig zu Segen und Fluch werden können. Für diesen Gedanken bietet die Bibel mehr als genug Anknüpfungspunkte. Mensch und Natur werden aber auch als Schicksalsgenossen gesehen. Die Erneuerung, die das Reich Gottes bringt, schließt die Natur ein. So wird in Jesaja 24 gesagt, daß das Unrecht der Menschen zur Folge hat, daß die Erde trauert und daß der Wein trauert und der Weinstock verkümmert. Aber wenn die Befreiung kommt, dann werden die Wüste und das dürre Land sich erfreuen, und die Steppe wird jauchzen und blühen wie eine Narzisse (Jes. 35). Die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur wird in der kirchlichen Tradition am deutlichsten im Sonnengesang Franz von Assisis zum Ausdruck gebracht, in dem die Erde Mutter genannt wird und Sonne und Mond, Wind und Meer, Wasser und Feuer Schwestern und Brüder heißen.

    Wegen dieser Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, wo der Mensch eher Hüter als Besitzer ist, kann der Raubbau an der Natur durch menschliches Handeln und Mißhandeln als „Chamas“ Gewalttätigkeit, abgestempelt werden, was nicht weniger unmenschlich ist als die Gewalt in Gestalt sozialer Ausbeutung, politischer Unterdrückung und Aufrüstung.

    Ausdrücklich wurde beim Bundesschluß mit Noah (und d.h. mit der ganzen Schöpfung) der Gewalt gegen Tiere klare Grenzen gesetzt (Gen. 9, Vers 1-7). Da wird gesagt, daß ein Tier für die Ernährung des Menschen getötet werden darf, wenn das nötig ist, daß es dem Menschen aber verboten ist, das Blut von Tieren, die Kraft ihres Lebens, zu verzehren. Er darf nicht willkürlich über ihr Leben herrschen. Sie sind ja in den Bund aufgenommen.

    Vielsagend ist, daß nicht nur dem Menschen, sondern auch dem Land ein Sabbat gegönnt wird (Leviticus 25, Vers 1-7). Jedes siebte Jahr ist ein Sabbatjahr. Dann soll nicht gesät und gemäht werden. Damit wird angedeutet, daß die Gaben der Schöpfung nicht unerschöpflich sind und daß die Erde dem Menschen nicht grenzenlos zu Diensten steht.


  3. Durch den Bericht über die beunruhigende Umweltproblematik haben wir wieder einen Blick für die biblischen Begriffe bekommen, die die Schicksalsverbundenheit zwischen Mensch und Natur deuten. Mensch und Natur können nur gemeinsam überleben. Zu lange hat in der kirchlichen Verkündigung und in der Theologie der Mensch und seine Verbindungen zu Gott und dem Mitmenschen im Mittelpunkt gestanden. Daß die Schöpfung mehr umfaßt, lag nicht selten außerhalb des Interesses.

    Die Kirchen werden sich nun angesichts der Umweltproblematik einem Lernprozeß unterziehen müssen. Dazu gehört ein intensives Hören auf diejenigen, die sich schon seit Jahr und Tag mit Umweltfragen beschäftigen und die Informationen geben können über die kritischen Situationen und über die gebotenen Maßregeln und richtiges Verhalten. Das bedeutet gleichzeitig eine gründliche Besinnung auf den biblischen Auftrag, die Erde zu bearbeiten und zu bewahren und auf die Frage, was das für Wissenschaft und Technik, für politische Führung und persönlichen Lebensstil bedeutet.

    Dabei sollen nicht nur die nüchterne Notwendigkeit und das wohlverstandene Eigeninteresse oder die Sorge um die Zukunft der Erde im Mittelpunkt stehen. Das wäre eine zu schmale Basis für eine Änderung von Gesinnung und Verhalten. Es ist an der Zeit, aufs neue das Gebot der Ehrfurcht vor aller Schöpfung zu betonen. Die Sorge zu überleben ist wichtig, aber das Staunen über und die Ehrfurcht vor der Schöpfung ist mindestens so wesentlich für eine verantwortungsvolle Sicht von Natur und Umwelt. Das hat auch Bedeutung für die Besinnung innerhalb der Kirchen über die Probleme im Zusammenhang mit dem Beginn und dem Ende menschlichen Lebens und im Zusammenhang mit biogenetischen Manipulationen.

    Es sieht so aus, als ob die Sorge um Natur und Umwelt immer mehr Aufmerksamkeit gewinnt, sowohl bei der Bevölkerung als auch bei den Behörden. Es werden Richtlinien aufgestellt, Gesetze entworfen, Strategien für dauerhafte Entwicklung ausgedacht. Informationsprogramme gestartet und alternative Technologien entwickelt. Doch scheint das nicht genug zu sein. Zudem werden dergleichen Entwicklungen durchkreuzt von anderen (wirtschaftli-chen) Interessen. Eine Mentalität „nach uns die Sintflut“ scheint weit verbreitet und noch immer vorherrschend zu sein.

    Darum ist es von großer Bedeutung, daß die Kirchen anfangen, sich in der Umweltproblematik vollkommen sachkundig zu machen. Ausdrücklich müßte die Möglichkeit erörtert werden, die die Menschen persönlich haben, so verantwortungsvoll wie möglich zu leben. Das muß zu deutlichen Entscheidungen führen. Ein persönlicher Lebensstil, der von Schlichtheit und Sorgsamkeit gekennzeichnet ist, und öffentliche Stellungnahmen sind für sich allein noch keine Lösung der Umweltproblematik, aber sie sind ein guter Anfang und können dazu beitragen, daß die Problematik auch in der Politik ernst genommen wird. Deutlich ist jedenfalls, daß hier gesellschaftliche Strukturen angeklagt werden und daß politische Maßnahmen geboten sind. Anregend kann das Vorbild der Umweltbewegungen sein, die durch unermüdliches Aussenden von Notsignalen zu erreichen wußten, daß die Problematik endlich auf die Tagesordnung der Kirchen kam.

    „Entscheidend ist, daß die Kirchen und Gemeinden Hoffnung weitergeben und deutlich machen, daß die Verantwortung für die Schöpfung Gottes nicht gelähmt werden darf durch apokalyptische Ängste, sondern im Gegenteil, im Vertrauen auf Gottes Versprechen zur Entdeckung und Befreiung kreativer Kräfte im Menschen führt“ (Erklärung der Evangelischen Kirche und der Römisch-Katholischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland, Verant-wortung wahrnehmen für die Schöpfung, 1985).

[Übersetzung: Margarethe Tenckhoff]

Ein Glaubensbrief
über Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung,
zusammen mit einer ersten Orientierung
als Hilfe für die Überlegungen in den Kirchen
Leitungsgruppe des Rates der Kirchen in den Niederlanden
1988

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