Niedersachsen, Oekumenische Versammlung, Sendschreiben, 1988
Sendschreiben Ökumenische Versammlung in Niedersachsen
Der Ökumenische Rat der Kirchen hat alle Christinnen und Christen, Gemeinden
und Kirchen aufgefordert, in einen konziliaren Prozeß gegenseitiger Verpflichtung
(Bund) für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten.
Wir folgen diesem Aufruf und finden uns vom 9. bis 11. September 1988 zu einer
Ökumenischen Versammlung in Hannover zusammen. Wir hören diese Aufforderung
als den Ruf unseres lebendigen Gottes zur Umkehr und Nachfolge mit unseren Worten
und Taten.
Wir sind auf dem Weg. In Initiativgruppen und Gemeinden brechen wir auf, um
die lebenszerstörenden Strukturen, in die wir uns verstrickt haben, zu
überwinden.
In einem Brief an Kirchen und Gemeinden
- benennen wir unsere Verstrickung und Mitschuld,
- bekennen wir, woran wir uns auf unserem Weg orientieren wollen,
- verpflichten wir uns, den Weg der Umkehr und Nachfolge Jesu Christi fortzusetzen.
Wir wollen uns in unsere Gruppen, Gemeinden und Kirchen entsenden lassen, um
mutiger und eindeutiger als bisher unseren Weg zu gehen. Wir suchen Gespräche
und gemeinsames Handeln mit allen, die für Gerechtigkeit, Frieden und die
Bewahrung der Schöpfung eintreten.
Wir sehen unsere Verstrickung in Ungerechtigkeit, Friedlosigkeit und die Zerstörung
der Schöpfung
Ungerechtigkeit
Als Bürgerinnen und Bürger einer der reichsten Industriegesellschaften
der Erde sind wir nicht nur verstrickt in ein Wirtschaftssystem, das überall
in der Welt, also auch bei uns, zahllose Opfer zur Folge hat, sondern auch Nutznießer
dieses Systems. Daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer
werden, beruht auf einer Ordnung, die nicht am Leben, sondern am
Profit orientiert ist. Die Zweidrittelwelt hat nicht die Kraft sich gegen den
reichen Norden durchzusetzen: Ihre ungeheure Schuldenlast liefert sie den Interessen
der Gläubigerstaaten aus. Diese diktieren über die Handelsstrukturen,
die Weltbank, den internationalen Währungsfonds und die Transnationalen
Unternehmen die Lebensbedingungen der Menschen in den verschuldeten Ländern.
So setzen sie die direkte Ausbeutung während der Kolonialzeit mit anderen
Mitteln fort. Nicht nur weltweit sind wir in Ungerechtigkeit verstrickt, sondern
haben auch teil an ungerechten Strukturen in unserem eigenen Land, entweder
als Bevorzugte oder als Benachteiligte.
Friedlosigkeit
Wir sind verstrickt in ein System der Abschreckung, das durch die Androhung
der gegenseitigen Vernichtung den Frieden zu sichern meint. Tatsächlich
aber schließt es die Bereitschaft ein, mit dieser Drohung Ernst zu machen,
und fordert das ständige Streben nach militärisch-technischer Überlegenheit
heraus. Deshalb geht der Rüstungswettlauf trotz des Vertrages über
den Abbau der Mittelstreckenraketen ungehindert weiter. Die Kosten für
diese Hochrüstung zahlen die Länder der Zweidrittelwelt mit Hunger
und Tod. Die mit dem Feindbild des Kommunismus bzw. Kapitalismus begründete
Aufrüstung in West und Ost garantiert in Wirklichkeit die Herrschaft des
Nordens über den Süden. Zur Verteidigung von Machtansprüchen
und zur Sicherung von wirtschaftlichen Interessen unterstützen auch demokratische
Regierungen Regime, deren Militär- und Polizeiapparate Menschen foltern
und morden. Wir erkennen, daß wir zur Verminderung von Gewalt und zum
Abbau von Feindbildern in unseren Lebensbezügen zu wenig beitragen.
Zerstörung der Schöpfung
Wir sind mitschuldig und haben teil an der Ausbeutung und Zerstörung der
Schöpfung. Durch die Zusammenhänge von Technologie und Wirtschaftsinteressen
sind wir verstrickt in ein Denken und Handeln, das bestimmt ist von vermeintlichen
Sachzwängen und Fortschrittsgläubigkeit. Die Grenzen dessen, was der
Schöpfung zugemutet werden kann, sind längst überschritten. Besonders
deutlich wird dies bei den Folgen der Atomenergie - vom Abbau des Uranerzes
bis zur ungeklärten Frage der Entsorgung - und bei der Fortpflanzungs-
und Gentechnologie. Industrielle Expansion, die Industrialisierung der Landwirtschaft
und die Umweltverschmutzung durch Industrie und Haushalte zerstören die
natürlichen Kreisläufe der Natur. Boden, Wasser und Luft sind durch
zum Teil hochgiftige Stoffe verseucht, die entweder gar nicht oder nur schwer
abbaubar sind.
Wir erinnern uns an unsere Vergangenheit
Ohne Erinnerung kann es Versöhnung unter den Menschen und Völkern
und mit der Natur nicht geben. Wir haben aus der Geschichte unseres Volkes erfahren,
zu welchen Akten der Barbarei wir Menschen fähig sind. Voller Scham und
Schmerz erinnern wir uns daran, was Deutsche anderen Menschen und Völkern
angetan haben. Wir dürfen den Völkermord bei der Kolonisierung Afrikas
nicht vergessen. Wir denken an die Opfer des Krieges, insbesondere des Vernichtungskrieges
im Osten, und an die Opfer in den Konzentrationslagern. Für sie alle nennen
wir stellvertretend Russen, Polen, politische Gefangene, Juden Sinti, Roma,
Homosexuelle, Behinderte. Wir erinnern an die Schuld der Kirchen, durch ihr
Schweigen zu den Verbrechen im Dritten Reich und durch ihre Unterstützung
des Krieges. Wir erinnern da-ran, daß wir Deutschen unmittelbar nach Kriegsende
überzeugt waren: Nie wieder Waffen! Nie wieder Krieg! Wir erinnern
auch an die jahrhundertelange Unterdrückung und Verfolgung von Frauen,
die in ihren Rechten bis heute benachteiligt werden.
Wir glauben an den Gott des Lebens
Wir werden durch die Verheißungen der Bibel befreit zu unserem Engagement
für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.
Wir hören, daß die Propheten des Alten Testaments Partei nahmen für
die Unterdrückten und Entrechteten und den Zorn der Mächtigen nicht
scheuten. Wir erinnern uns an ihre Vision von einem gewaltfreien Umgang der
Menschen miteinander und mit der Natur, von einem Frieden, der nicht auf Waffengewalt
und Abschreckung beruht, sondern auf Gerechtigkeit, die den Armen, Schutzlosen
und Verwaisten Recht verschafft. Wir glauben, daß Jesus Christus, der
Gekreuzigte und Auferstandene, die Mächte des Todes überwunden hat.
Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er leidet mit uns und gibt uns Hoffnung,
daß die Liebe den Tod besiegt. Er gibt uns Kraft, für das Leben aufzustehen.
Jesus Christus war gesandt, den Armen das Evangelium zu verkündigen,
den Gefangenen zu predigen, daß sie frei sein sollen, den Blinden, daß
sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen
(Lk 4,18). Darum heißt für uns, auf Christus zu hören: auf die
Stimme der Armen hören, die Probleme unserer Zeit mit ihren Augen sehen,
von ihnen lernen und nicht mehr mit den Mächtigen gemeinsame Sache machen.
Jesus ruft uns zu einer Umkehr von dem Weg der Macht und Konkurrenz hin zu einem
Weg der Liebe und Solidarität.
Wir vergewissern uns unserer Hoffnungen
Glauben und Erinnern helfen uns, den Weg in die von Gott verheißene Zukunft
zu gehen, die bestimmt ist von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Auf diesem Weg sind wir angewiesen auf Visionen. Wir haben die Vision von einem
Frieden in Gerechtigkeit, in dem die Wölfe bei den Lämmern wohnen
und die Schwerter zu Pflugscharen werden. Wir haben die Vision,
in einer Gesellschaft zu leben, die nicht mehr auf aggressives Wirtschaftswachstum
setzt. Wir haben die Vision, in einem entmilitarisierten Europa zu leben, das
die Zweidrittelwelt und die Ressourcen der Erde nicht länger ausbeutet.
Wir haben die Vision, in einer Welt zu leben, in der die Menschen mit allen
Geschöpfen geschwisterlich zusammenleben. Diese Visionen geben uns die
Kraft und weisen uns den Weg, auf dem wir die lebensbedrohenden Entwicklungen
überwinden.
Wir lassen uns ermutigen durch unsere Erfahrungen
Wir kehren um zu einem Engagement für alles Leben auf der Erde und erfahren,
daß wir trotz unseres schuldhaften Verstricktseins in todbringende Mächte
und Strukturen voller Hoffnung leben können. Auf unserem Weg erfahren wir,
daß wir aus unserer Resignation und Ohnmacht befreit werden. Wir werden
frei, unsere Begabungen zu nutzen. Mit großer Hoffnung erfüllt uns,
daß wir uns als Glieder eines weltweiten Netzes von Frauen und Männern
sehen können, die sich auf dem gleichen Weg befinden. Gemeinsam mit ihnen
mischen wir uns ein in die politische Auseinandersetzung, denn Krieg, Ungerechtigkeit,
Unterdrückung, Ausbeutung, Feindbilder und Verschwendung sind unvereinbar
mit der Nachfolge Jesu.
Wir vereinbaren konkrete Schritte
Wir wollen uns und anderen Mut machen, bedrängende Probleme wahrzunehmen,
zu analysieren und gemeinsam mit anderen Veränderungen herbeizuführen.
Dort, wo wir leben und arbeiten, wollen wir konkrete Schritte unternehmen und
dabei den Blick schärfen für die weltweiten Zusammenhänge: lokal
handeln - global denken.
Gerechtigkeit
Unter Gerechtigkeit stiftender Partnerschaft in der einen Welt verstehen wir
ein Zusammenleben von Christen als den Gliedern an dem einen Leibe Jesu Christi.
Aus diesem Partnerschaftsverständnis gegenseitiger Hilfe, wechselseitigen
Lernens und gemeinsamen Feierns (Sundermann) begreifen wir von neuem das
Evangelium Christi als eine entschiedene Parteinahme Gottes für die Armen
und Unterdrückten.
Kirche und Geld
Wir stellen fest, daß es in unseren Kirchen gegenwärtig keine Wirtschaftsethik
gibt, die sich wirklich am Evangelium mit seinen Grundwerten Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung orientiert. Eine solche - für
das Verhalten von Christen und Kirchen verbindliche - Orientierung müßte
die konkrete Gestaltung von kirchlichen Haushaltsplänen, Rücklagen
und Geldanlagen (Zukunftssicherung) bestimmen. Darum müssen entsprechende
ethische Kriterien entwickelt werden. In diesem Zusammenhang fordern wir:
- Offenlegung allen kirchlichen Vermögens und der Kapitalbewegungen (Verwendung
der Rücklagen, Aktien, Zinsen usw.);
- Anlage der Rücklagen der Kirchen gemäß ihrer Option für
die Armen (z.B. bei der Ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft EDCS);
- Aufklärung über das gegenwärtige Wirtschaftssystem und die
Verstrickung der Kirchen in dieses System (z.B. im Rahmen kirchlicher Bildungsarbeit
wie Konfirmanden- und Religionsunterricht, Erwachsenenbildung sowie in Predigthilfen).
Verschuldung der Zweidrittel-Welt
Wir fordern die Bundesregierung, die Banken und den Internationalen Währungsfonds
zu einem umfassenden und wirksamen Schuldenerlaß auf und zur Entwicklung
gerechter Wirtschafts-, Finanz- und Handelsbeziehungen gegenüber den Ländern
der Zweidrittel-Welt. Eine Einschränkung unseres Lebensstandards nehmen
wir bewußt in Kauf. Der Schudenerlaß soll dienen
- der Wahrung elementarer Menschenrechte (mit besonderem Augenmerk auf die
Menschenrechte der Frau),
- der Beseitigung struktureller Ungerechtigkeit (z.B. durch Landreform),
- der Beendigung der Naturzerstörung.
Unsere Verantwortung für Südafrika
Ein besonders deutliches Beispiel für die herrschenden Weltwirtschaftsstrukturen
ist die apartheid-stützende Funktion der Beziehung bundesdeutscher Banken
und Firmen mit der Republik Südafrika und Namibia. Wir wollen verstärkt
in unseren Kirchen auf dieses Problem aufmerksam machen und auf verschiedenen
Ebenen auf die Kündigung kirchlicher Konten bei solchen Banken hinarbeiten.
Als Vorbild für andere kirchliche Gremien begrüßen wir die Entscheidung
des Kirchenkreistages Wolfsburg, die Konten bei der Dresdner Bank zu kündigen,
sowie den Antrag des Kirchenkreises Ronnenberg vom 14.3.1988 an die Landessynode
der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Dieser Antrag beinhaltet, Geschäftsbeziehungen
der Landeskirche mit an Südafrika-Geschäften beteiligten Banken zu
überprüfen und - falls auf Veränderung der Geschäftspraktiken
zielende Gespräche mit diesen ergebnislos bleiben sollten - abzubrechen.
Wir fordern alle Kirchenkreise auf, diesen Antrag zu unterstützen. Wir
fordern die Landessynode auf, diesen Antrag dringlich zu beraten. Wir fordern
die anderen Kirchen in Niedersachsen auf, in ähnlicher Weise Initiativen
zu ergreifen.
Partnerschaft mit der Zweidrittel-Welt
Wir fordern die Kirchengemeinden zur Partnerschaft mit Gruppen und Projekten
der Zweidrittel-Welt auf. Konkrete Schritte dazu sind:
- entwicklungspolitische Bildungsarbeit, die einer Almosenmentalität
wehrt (z.B. bei Projekten von Brot für die Welt und Misereor
durch gezielte Information über das Projektland);
- Einrichtung von entsprechenden Planstellen auf Kirchenkreis-, Propstei-,
Kirchenbezirks- und Dekanatsebene;
Knüpfen direkter Kontakte zwischen Produzenten und Verbrauchern;
- Einsatz von entwicklungspolitischen Geldern für strukturverändernde
Projekte, insbesondere für die Verbesserung der Lebensbedingungen von
Frauen;
- Aufdeckung unseres Anteils an Gewaltstrukturen (z.B. Zusammenhang von Sextourismus
und Umgang mit Sexualität und Gewalt in unserer Gesellschaft);
Zusammenarbeit mit bestehenden Eine-Welt-Gruppen;
Wir fordern die Kirchen auf, über die Situation von Ländern der Zweidrittel-Welt
aus der Perspektive der Unterdrückten zu informieren. Dies gilt z.B. für
die einseitige Berichterstattung über Äthiopien. Für dieses Land
fordern wir, daß eine internationale, unabhängige Kommission den
Mißbrauch bei der Verteilung der Hilfsgüter durch die Militärregierung
Äthiopiens überprüft und die Menschenrechtsverletzungen aufdeckt.
Armut bei uns
Wir wollen eine Kirche, die die Ursachen und Folgen der Armut bei uns benennt
und sich nicht mit ihnen abfindet. Wir wollen eine Kirche, die sich gemeinsam
mit den Frauen und Männern, die in Armut leben, für eine Verbesserung
der materiellen Verhältnisse der Arbeits-losen und Sozialhilfeempfängerinnen
einsetzt, z.B. für eine Anhebung der Sozialhilfe um 30%.
Wir wollen eine Kirche, die die Gründung von Arbeitsloseninitiativen und
-projekten verstärkt anregt und finanziell sowie personell unterstützt.
Wir wollen eine Kirche, die in ihrem Bereich Modelle solidarischen Teilens praktiziert:
- Teilen von Arbeit, womit auch Teilen von Erwerbs- und Hausarbeit zwischen
Männern und Frauen gemeint ist. Damit Frauen einen gerechten Anteil an
der Erwerbsarbeit haben, muß auch in den Kirchen ein Quotenregelung
(50 %) eingeführt werden.
- Verzicht auf Weihnachtsgeld für höhere Gehaltsgruppen.
- Abbau der Gehälterhierarchie.
- Abschaffung des kirchlichen Beamtentums und der Anlehnung an staatliche
Gehaltsregelungen.
Homosexuelle Menschen
Wir fordern, daß die Kirchen homosexuelle Menschen akzeptieren und nicht
ausgrenzen und ihnen gleichberechtigt Berufsmöglichkeiten eröffnen.
Ausländische MitbürgerInnen
Wir verpflichten uns und fordern die Kirchengemeinden auf, in Partnerschaft
mit AusländerInnen und Flüchtlingen zu leben. Dieses beinhaltet,
- Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen,
- Unterschlupf zu gewähren,
- Kontakt- und Begegnungsstellen für Flüchtlinge einzurichten,
- interkulturelle Erziehung und entsprechende Lehrerfortbildung zu initiieren.
Zur Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation von AusländerInnen
treten wir ein für
- das kommunale Wahlrecht für langjährig in der BRD lebende AusländerInnen,
- ein zügiges und faires Asylverfahren, die Aufhebung der Unterbringung
von Flüchtlingen in Heimen, des Arbeitsverbotes und der Begrenzung des
Aufenthaltes auf einen Landkreis.
Frieden
Wir wollen auf den Gott des Lebens vertrauen und uns nicht auf Sicherheit durch
Abschreckung verlassen, die ganze Völker zu Geiseln nimmt.
Militarisierung
Wir wollen der anhaltenden Militarisierung in unserem Land entgegentreten.
Dieses verbietet jegliche Zurschaustellung und Verherrlichung von Waffen auf
Flugtagen und Waffenschauen (z.B. Flugtage in Nordholz, ILA in Hannover)
Kriegsdienstverweigerung
Wir bekräftigen das Votum der Vollversammlung des ÖRK in Vancouver,
daß sowohl die Herstellung und Stationierung als auch der Einsatz
von Atomwaffen ein Verbrechen gegen die Menschheit darstellen, wie auch
die Folgerung: Die Christen sollten Zeugnis dafür ablegen, daß
sie es ablehnen, sich an einem Konflikt zu beteiligen, bei dem Massenvernichtungswaffen
oder andere Waffen, die wahllos alles zerstören, eingesetzt werden.
Deshalb sehen wir die Kriegsdiestverweigerung als eine heute ethisch gebotene
Handlungsweise an und treten mit Nachdruck für sie ein.
Damit soll den Soldaten unter uns eine Gewissensentscheidung nicht abgesprochen
werden. Wir bitten sie aber, öffentlich zu erklären, daß sie
nicht bereit sind, Massenvernichtungswaffen einzusetzen, und daß sie sich
auch in einem konventionellen Krieg die Gehorsamsverweigerung vorbehalten.
Zivildienst
Die Kirchen sollen sich dafür einsetzen,
- daß der Zivildienst der z.Zt. als Ersatz für den Wehrdienst eingebunden
ist in die Gesamtverteidigung, als Friedensdienst ausgestaltet wird;
- daß die selbstverständliche Zurückstellung von Theologiestudenten
vom Wehrdienst nach § 12 des Wehrpflichtgesetzes aufgehoben wird.
Militärseelsorge
Wir fordern die Kirchen auf, die bisherige Praxis der Militärseelsorge
kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, ob der Seelsorgeauftrag an Soldaten
auch in kirchlicher Eigenständigkeit durch Ortsgemeinden in Standortnähe
wahrgenommen werden kann.
Zivilverteidigung
Wir treten dafür ein, öffentlich zu machen, daß durch das Konzept
der Zivilverteidigung im Mobilmachungsfall die Bevölkerung militärisch
eingeplant ist. Kirchenvorstände, Gruppen und Einzelpersonen sind aufgefordert,
in Gemeinde- und Kreisverwaltungen nachzuforschen, wie die Planung der Zivilverteidigung
in ihrem Bereich aussieht.
Soziale Verteidigung
Gruppen gewaltfreien Widerstandes, Gruppen gemeinsamen, einfachen Lebens und
der geplante Zusammenschluß von Gruppen, die auf die soziale Verteidigung
hinarbeiten, machen uns Mut uns für Gewaltfreiheit in unserer Gesellschaft
und zwischen den Völkern einzusetzen. Wir laden Gemeinden und Gruppen ein,
sich über das Konzept der sozialen Verteidigung zu informieren und gewaltfreie
Handlungsweisen einzuüben.
Wir fordern unsere Kirchen und ihre Einrichtungen der Aus- und Fortbildung auf,
all ihre Bildungsmöglichkeiten zu nutzen, um das Konzept der sozialen Verteidigung
zu vermitteln.
Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion
Die Ausblendung der besonderen Schuld gegenüber dem zur Vernichtung
bestimmt gewesenen Sowjetvolk ist der verhängnisvollste und folgenschwerste
Vorgang der deutschen Nachkriegsgeschichte(W. Kruschel). Unser Volk muß
sich endlich auch mit diesem Teil seiner Vergangenheit auseinandersetzen, denn
nur so ist auf Dauer eine friedliche Nachbarschaft mit der Sowjetunion möglich.
Nur so können wir das schreckliche Erbe des Krieges überwinden, das
antikommunistische Feindbild, den Glauben an den Vorrang von Stärke und
Sicherheit in Innen- und Außenpolitik.
Wir verpflichten uns, die Diskussion darüber in die Gemeinden und die Öffentlichkeit
zu tragen, und fordern die EKD zu einer Denkschrift, die Katholische Bischofskonferenz
zu einem Hirtenbrief und die anderen Kirchen zu ähnlichen Stellungnahmen
auf.
Wir bitten die Kirchen, Begegnungen mit Menschen aus der Sowjetunion finanziell
und organisatorisch zu fördern.
Bewahrung der Schöpfung
Wir wollen die Schöpfung mit all unseren Kräften vor der Vergiftung
und Vernichtung schützen, sie pflegen und wiederherstellen.
Kernenergie
Es gibt keine sog. friedliche Nutzung der Kernenergie. Darum lehnen
wir die Nutzung der Kernenergie und ihre Weiterentwicklung entschieden ab. Wir
fordern die Kirchen auf, die Bundesregierung zu drängen, folgende Maßnahmen
zu veranlassen:
- sofortiger Beginn des geordneten Ausstiegs aus der Kernenergie;
- Einstellung aller laufenden Genehmigungsverfahren für Atomanlagen
(wie WAA, Brüter, HTR-Modul);
- Abbruch der begonnenen Arbeiten an den geplanten Endlagern Asse, Schacht
Konrad und Gorleben;
- Abrechnen der Gebühren für die Müllbeseitigung nach dem
Verursacherprinzip;
- Verbot von Atommülltransfer in Länder der Zweidrittel-Welt;
- Bereitstellung von öffentlichen Mitteln in großem Umfang für
die Entwicklung von regenerierbaren Energieformen;
- Neugestaltung von Stromtarifen, die zum Energiesparen anreizen.
Gen- und Reproduktionstechnologien
Wir fordern alle Ebenen der Kirchen auf, sich über Gen- und Reproduktionstechnologien
zu informieren.
Die Kirchen sollen eindeutig Stellung beziehen gegen die Forschungen in diesen
Bereichen, bei denen die Grenzen der Verantwortbarkeit überschritten sind.
Wir fordern die politischen Gesetzgeber auf, ein Verbot der Genom-Analyse zu
erlassen, um uns vor der Verwertung von Gen-Informationen durch Versicherungen
und Arbeitgeber zu schützen. Wir fordern eine sofortige Beendigung staatlicher
Förderung für gentechnologische Forschungsprogramme sowie das Verbot
weitergehender Forschung.
Landwirtschaft
Wir fordern die Politiker auf, die Landwirtschaftspolitik auf ökologischen
Landbau und artgerechte Tierhaltung auszurichten und Ausbildung, Beratung und
finanzielle Förderung entsprechend umzuorientieren.
Darüber hinaus fordern wir von Politikern, das Tierschutzgesetz so zu verändern,
daß der Tierquälerei in der Massentierhaltung und bei Tierversuchen
ein Ende gesetzt wird.
Bei der Verpachtung kirchlicher Ländereien müssen ökologisch
geführte Betriebe und kleinere landwirtschaftliche Betriebe bevorzugt werden,
die durch die Strukturmaßnahmen der EG benachteiligt sind. Wir fordern
von unseren Kirchen, die Landverpachtungsgesetze so zu verändern, daß
diese Pächter geringere Preise zu bezahlen brauchen.
Lebensstil
Wir fordern die Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen auf, alle Entscheidungen
auf Umweltverträglichkeit zu überprüfen und entsprechend zu handeln,
z.B.
- umweltverträgliche Reinigungsmittel einzusetzen und die Anwendung von
umweltschädlichen Chemikalien zu unterlassen;
- in Tagungshäusern Vollwertkost anzubieten und den Hauswirtschaftsleiter/innen
entsprechende Fortbildung zu geben.
Wir wollen durch einen einfachen, schöpfungsgerechten Lebensstil die Umweltbelastungen
weitgehend reduzieren helfen. Wir fordern die Gemeindemitglieder als Verbraucher
auf, ihr Konsumverhalten zu ändern (z.B. in Bio-Läden oder bei Erzeugern
einzukaufen) und ihre Ernährung auf Vollwertkost umzustellen.
Hannover, den 9.-11. September 1988
weiter
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