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Zürich, Ökumenische Frauenbewegung, Feministisch-theologische Thesen, 1988


Feministisch-theologische Thesen zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

Ökumenische Frauenbewegung Zürich

1. Die „Ökumenische Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ will ein weltweites Engagement der Christinnen und Christen gegen die katastrophalen Entwicklungen in Gang bringen, die unsere Welt bedrohen. Eine solche Initiative ist sinnvoll und notwendig. Sie kann aber nur wirksam werden auf der Grundlage einer ehrlichen, präzisen und selbstkritischen Analyse der historischen Ursachen und Entstehungsbedingungen der gegenwärtigen Verhältnisse.

2. Im Zuge des feministischen Bewußtwerdungsprozesses haben Frauen erkannt, daß Analysen heutiger Wirklichkeit, die das grundlegende Herschaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern außer Acht lassen, unrichtig und daher als Ausgangsbasis für Befreiungsbemühungen wertlos sind: Es ist irreführend, weiterhin davon zu reden, „der Mensch“ habe Ungerechtigkeit erzeugt, Kriege angezettelt und die Schöpfung zerstört. Es waren vielmehr immer bestimmte handelnde Subjekte, die historische Veränderungen in Gang gebracht haben und die in je verschiedener Weise zu den Entwicklungen beigetragen haben, die uns heute bedrohen: Frauen sind aufgrund ihrer Unterdrückungssituation an der Prägung von Geschichte und Gegenwart anders beteiligt als Männer. Deshalb fordern wir alle Frauen und Männer, die an der Ökumenischen Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung beteiligt sind, dazu auf, jedes bearbeitete Problem daraufhin zu befragen, welche Rolle der Sexismus bei seiner Entstehung spielt und was die Aufhebung des Sexismus für die Lösung des Problems bedeuten würde.

3. Ein erster Schritt in Richtung auf eine Differenzierung der verallgemeinernden Rede vom „Menschen“ ist die Erkenntnis, daß eine geschlechtsspezifische Sicht der Dinge und damit eine ausdrückliche Anerkennung der strukturellen Sünde des Sexismus Eingang finden muß in die Redeweise von „unserer Schuld“ und „unserer Befreiung“ in Kirche und Theologie. In der Theologie des reichen Westens setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, daß es im Sinne einer adäquaten Wirklichkeitssicht zwischen Armen und Reichen zu unterscheiden gilt: „Kirchen und ChristInnen im reichen Westen bzw. Norden haben eine andere Schuld und brauchen eine andere Befreiung als ChristInnen und Kirchen im armen Süden.“ Analog zu dieser Differenzierung stellen wir uns die geschlechtsspezifische Sicht von Schuld und Erlösung vor: Männer müssen ein anderes Schuldbekenntnis sprechen als Frauen, Frauen brauchen eine andere Befreiung als Männer. Orientiert an den drei Leitbegriffen der Ökumenischen Bewegung wollen wir unser Anliegen verdeutlichen:

4. Zum Begriff „Gerechtigkeit“

„Frauen stellen die Hälfte der Weltbevölkerung dar, verrichten nahezu zwei Drittel aller Arbeitsstunden, erhalten ein Zehntel des Welteinkommens und besitzen weniger als ein Hundertstel des Weltvermögens“ (United Nations Report 1980). Angesichts solcher offiziell bestätigter Fakten ist es verschleiernd, weiterhin von einem geschlechtsspezifischen Armutsbegriff auszugehen. Armut trifft Männer, Frauen und Kinder nicht in gleicher Weise: vielmehr werden Frauen nicht „zufällig“, sondern aufgrund ihres Geschlechts und d.h. aufgrund ihrer Gebärfähigkeit, ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Rolle als unbezahlte Haus- bzw. Subsistenzarbeiterinnen und Hauptverantwortliche für die Erhaltung der Familie systematisch in die Armut getrieben. Daß die Armut vorrangig ein Problem von Frauen und Kindern ist, hat benennbare Gründe, die in der strukturellen Sünde des Sexismus wurzeln:

a) Frauenarbeit wird von der herrschenden Ökonomie bis heute analog zu Naturressourcen behandelt, als minderwertig oder wertlos betrachtet und damit folgerichtig von Erwerb und Vermögen ausgeschlossen: Frauen sind also der geltenden Wirtschaftstheorie zufolge zurecht arm.

b) Jahrhundertelang galten Frauen und Kinder als Eigentum ihrer Ehemänner bzw. Väter, konnten also wie jedes Eigentum wohl erworben und besessen werden, nicht aber selbst erwerben oder besitzen. Diese noch längst nicht überwundene Zuordnung der Frauen zum Bereich der Sachen, die z.T. noch heutiges Recht prägt, untermauert weibliche Armut.

c) Frauen und Kinder sind in den Menschenrechten nicht von Anfang an mitgemeint. Vielmehr haben sich die Frauen erst im 19. Jahrhundert gegen den Widerstand der Männer Zugang zum Geltungsbereich der Menschenrechte erkämpft. Noch heute widerspricht die grundlegende Organisation der Erwerbsarbeit den Menschenrechten: Männerarbeit wird aufgrund einer angenommenen Familienernährerpflicht höher bewertet als Frauenarbeit, obwohl faktisch längst nicht alle Männer Familien ernähren und längst nicht alle Frauen auf einen männlichen Ernährer zählen können.

Die Feminisierung der Armut ist also eine direkte Folge der strukturellen Sünde des Sexismus. Eine Kirche, die solche Zusammenhänge nicht ausdrücklich zur Kenntnis nimmt, verschweigt eine wesentliche Dimension weltweiter Ungerechtigkeit und schreibt die Sünde des Sexismus fort, ohne deren Erkenntnis Gerechtigkeit nicht möglich ist.

5. Zum Begriff „Frieden“

Die Verteidigung von „Weib und Kind“ gilt Männern seit jeher als legitimer Grund, Kriege zu führen. Frauen waren in der Geschichte nur selten aktiv an Kriegen und Kriegsvorbereitungen beteiligt, mußten aber einerseits als Motiv für männliches Kriegsführen, andererseits als Ziel männlicher Gewaltausübung herhalten. Dieselben Männer, die zur Verteidigung ihrer (als keusch vorgestellten) Ehefrauen Krieg zu führen vorgeben, vergewaltigen in jedem Krieg die Frauen ihrer Feinde und betrachten diese Gebärde sexueller Unterjochung als legitimen Ausdruck ihres Sieges über den männlichen Gegner. Die Doppelmoral des Soldaten, in der die Frau nur als ein schutzbedürftiges Wesen einerseits, als ein Objekt für gewalttätige Sexualität andererseits vorkommt, ist eine Manifestation der Sünde des Sexismus, die bis in den bürgerlichen Alltag und seine Sprache hinein unsere Gesellschaft bestimmt. Das Sprachverhalten und die Körperfeindlichkeit des soldatischen Männlichkeitsideals entlarvt die Zusammenhänge zwischen Militarismus und Gewalt gegen Frauen hinlänglich. Ohne die Erkenntnis und die Bearbeitung solcher Zusammenhänge ist Frieden nicht möglich.

6. Zum Begriff „Bewahrung der Schöpfung“

Den Frauen wurde bis in unser Jahrhundert hinein der Zugang zum Bereich Naturwissenschaft und Technik verwehrt mit dem Argument, sie seien dafür nicht begabt und hätten in der Gesellschaft andere Aufgaben zu erfüllen. Frauen hatten und haben bis heute keine Chance, das Paradigma westlicher Naturwissenschaft zu beeinflussen, das den katastrophalen Zerstörungen von Natur, unter denen wir heute leiden, zugrundeliegt. Zwar gibt es heute hochqualifizierte Naturwissenschaftlerinnen, aber eine Chance, das herrschende Paradigma zu korrigieren, haben auch diese Frauen nicht, denn dieses Paradigma ist längst fest etabliert, und der Zugang zu naturwissenschaftlichen Studien und zu den Labors der Hochtechnologien wird nach wie vor von Männern kontrolliert. Nur überangepaßten Frauen, die im Bereich einer von Männern definierten Naturwissenschaft Höchstleistungen vollbringen, wird Eingang gewährt. Alle anderen Frauen gelten nach wie vor als unbegabt, ja sie werden von der geltenden Wissenschaftstheorie selbst in die Nähe der zu beherrschenden Natur gerückt: Francis Bacon, eine der Schlüsselfiguren westlicher Wissenschaftsgeschichte, beschreibt das Verhältnis des Forschers zur Natur analog zu dem zwischen Mann und Frau in der patriarchalen Ehe: wie der Ehemann seine Frau beherrscht und in sie eindringt, so unterjocht der Forscher die Natur, dringt in sie ein und macht sich ihre Kräfte zunutze. Auf sozialer wie auf wissenschaftstheoretischer Ebene besteht ein Zusammenhang zwischen Naturbeherrschung und Frauenunterdrückung. Der Ausschluß der Frauen aus Naturwissenschaft und Technik ist eine Manifestation der Sünde des Sexismus ebenso wie die metaphorische Gleichsetzung von Frau und Natur. Ohne eine Erkenntnis und Bearbeitung dieses Zusammenhanges ist Bewahrung der Schöpfung nicht möglich.

7. Wenn wir Frauen eine geschlechtsspezifische Analyse aller zur Debatte stehenden Probleme fordern, so geht es uns um eine angemessene, differenzierte Sichtweise der Schuldproblematik: darum, für verschiedene Formen von Verantwortung und Beteiligung verschiedene Formen des Schuldbekenntnisses und der Schuldbearbeitung zu entwickeln. Es geht uns nicht darum, eine Schuldosigkeit der Frauen zu postulieren und dem „Feindbild Mann“ die gesamte Verantwortung für die Katastrophe zuzuschieben. Wir Frauen sind aber nicht länger bereit, uns der Herrschsucht, der direkten Naturzerstörung und der kriegerischen Gewaltausübung zu bezichtigen. Unsere Schuld liegt vielmehr darin, daß wir sanft und tatenlos zugesehen haben, wie Männer „sein wollten wie Gott“, daß wir unsere Verantwortung nicht wahrgenommen, vielmehr durch alltägliche, unterwürfige Dienstleistung dem eigenmächtigen Handeln der Männer Vorschub geleistet haben. Wir sehen uns nicht als unschuldige Opfer, sondern als Mitbeteiligte, die ihren spezifischen Beitrag zur Katastrophe geleistet haben. Dafür - und für nichts anderes - sind wir bereit, Verantwortung auf uns zu nehmen.

8. Wenn wir die Einbeziehung der Sünde des Sexismus in alle Problemanalysen der Ökumenischen Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung fordern, wissen wir uns in Übereinstimmung mit dem Evangelium, das Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen verheißt. Eine Kirche, die die Zusammenhänge, auf die wir hinweisen, nicht ausdrücklich zur Kenntnis zu nehmen bereit ist, verschweigt eine wesentliche Dimension der weltweiten Katastrophe und perpetuiert die Sünde des Sexismus, ohne deren Erkenntnis und Bearbeitung dem Evangelium in seiner klaren Forderung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung die elementare Beachtung versagt wird.


Ina Praetorius - Susanne Kramer - Monika Wolgensinger - Irene Gysel

Zürich, 16. August 1988

 

Quelle: Heinz-Günther Stobbe u.a.: Quellen und Zeugnisse. Münster 1995.

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