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Assisi, Europäischer Ökumenischer Dialog, 1988


Europäischer Ökumenischer Dialog für Gerechtigkeit, Frieden und Ehrfurcht vor der Schöpfung

An das Volk Gottes in Christus,
an unsre Kirchen und Gemeinden in Europa,
an alle, die den Frieden suchen


Liebe Schwestern und Brüder!

Eine wachsende Zahl von Christen und Gemeinschaften in vielen Kirchen erkennen ihre Aufgabe darin, den konziliaren Weg für Gerechtigkeit, Frieden und Ehrfurcht vor der Schöpfung zu gehen.
Mit dem Ökumenischen Dialog ASSISI 88 (6.-12. August) haben wir unsern Anteil daran genommen.
Wir, das sind die franziskanischen Kommissionen für Gerechtigkeit, Frieden und Ehrfurcht vor der Schöpfung,
das europäische Netz Church and Peace,
der Internationale Versöhnungsbund,
Pax Christi Internationalis und
alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Treffen.
Der Ökumenische Rat der Kirchen hat sowohl offizielle Repräsentanten der Kirchen als auch christliche Gruppen und Gemeinschaften aufgerufen, den konziliaren Prozeß zu gestalten. Wir freuen uns, hier in Assisi einen ökumenischen Dialog dieser Gruppen in Europa zu erleben. Zum Teil wenig bekannt, gehen viele von ihnen schon seit Jahren diesen Weg.
Wir wählten diese Begegnung in der Hoffnung, daß hier Christen von Ost und West, Nord und Süd, - daß verschiedene kirchliche Traditionen einander finden werden. Diese Hoffnung sehen wir nun erfüllt.
Wir versammelten uns in Assisi, um diesen Dialog mithilfe Gottes zu führen, der Klara und Franz die Kraft zum Leben schenkte, zu einem Leben in geschwisterlicher Verbundenheit mit allen Geschöpfen.
Wir sind dankbar, daß wir mit den verschiedenen Gruppen zu diesem Beitrag im konziliaren Prozeß gekommen sind.

Wenn wir heute, am Schlußtag unsrer Versammlung, eine Schlußerklärung geben, dann beginnen wir mit einigen Graffiti aus den Gruppen:

  • Das Ergebnis des Dialogs unterschiedlicher Menschen aus verschiedenen Kirchen und Nationen lohnt, weiter erzählt zu werden.
    Liebe beginnt, wo wir nicht übereinstimmen.

  • Wer lebt, wie Gott es will, der ist reich.

  • Suche nicht, die Dinge zu besitzen. Benutze, was du brauchst.

  • Lerne von andern Gerechtigkeit. Betrachte ihr Beispiel.

  • Weniger nehmen ist besser als mehr geben.

Die folgenden Gedanken sind in der Verantwortung der Trägergruppen formuliert. Sie werden jedoch von der gemeinsamen Erfahrung der ganzen Versammlung getragen.

Wir sind aufgebrochen, den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens zu gehen,
dazu gedrängt aus Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung,
dazu von Gott gerufen durch Jesus Christus,
dazu bewogen von Menschen wie Franziskus und Klara.

Ja, gedrängt aus Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung. Aber wir erleben in uns selbst auch, daß wir von andern Antrieben bedrängt werden. Wir wollen die Schöpfung besitzen und üben willkürlich Macht über sie aus. Wir gehen - so die Technik mißbrauchend - gewaltsam mit der Schöpfung um. Wir suchen nicht nur das, was wir für unsere Grundbedürfnisse brauchen, sondern jagen sinnlos Reichtümern nach und verschwenden die uns anvertrauten Güter.
Die Folgen sind: Verschmutzung, Kahlschlag, Raubbau und eine stete Verringerung der lebendigen Vielfalt in der Natur.
Wir versprechen hier, uns für den Bund Gottes mit seiner Schöpfung neu zu öffnen:
Wir erfahren neu, daß Wachstum und Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen ihre eigne Zeit und ihre eignen Regeln haben. An diesem Erleben wollen wir unsre Kinder teilhaben lassen.
Wir sind dankbar dafür, daß sich Menschen frühzeitig gegen verkehrten Fortschritt stellen. Einige verhinderten z.B. eine zweite Tunnelröhre der Autobahn durch die Tauern in Österreich. Ihre Initiative hilft uns, Eingriffe in die Natur genauer zu prüfen.
Wir erfahren von vielen radikalen Gefährdungen unsrer Mitwelt. So sind die tropischen Regenwälder bedroht. Wir fordern ein Einfuhrverbot für tropische Harthölzer.

Wir sind von Gott gerufen durch Jesus Christus. In ihm erfahren wir, wie Gott allen gerecht ist und wie wir einander gerecht werden können. Dadurch werden wir das Volk Gottes, das inmitten der Völker der Welt dazu berufen ist, Gerechtigkeit und Frieden zu stiften.
Die Tilgung unsrer Schuld ist uns im Evangelium zugesagt. Wir aber sind immer wieder schuldig geworden durch Mißachtung und Unterdrückung. Wir sind noch weit entfernt von einem guten Verhältnis zu Juden und Moslems, zu Indianern und Schwarzen.
Kann unser Leben vor den Augen der Armen und Unterdrückten bestehen? Wir streben danach, daß wir dies miteinander erreichen. Wir wollen die Konsumvergötzung durchbrechen und ein einfacheres Leben führen.
Wir erkennen die Ungerechtigkeit, die Frauen in Kirche und Gesellschaft zugefügt wurde und wird. Die Umkehr der Kirchen im Blick auf die Diskriminierung der Frau bedarf sichtbarer Zeichen.
Uns bedrückt die große Verschuldung armer Länder. Eine Hauptursache dafür ist die Zinspolitik der reichen Länder. Christen sind aufgerufen, auf biblischer Grundlage in der Zinsfrage gerechte Wege zu finden.
Wir verstehen die Asyl suchenden Flüchtlinge in unsern Ländern als Boten weltweiten Unrechts. Wir sind aufgerufen, die Asyl-Gesetze in Europa im Blick auf 1992 nicht zu verengen, sondern zu erweitern.
Das europäische Haus kann nur dann ein glückliches Haus sein, wenn es ein Haus mit offenen Türen ist.
Wir, Mitglieder so verschiedener Kirchen, verpflichten uns, die Wunden anzuerkennen, die unsre jeweilige Kirche andern Kirchen geschlagen hat.
Wir bitten unsre Kirchen, diese Schuld gegenüber Juden und Moslems, Indianern und Schwarzen, Armen und Unterdrückten und den Frauen anzuerkennen und den Weg der Versöhnung zu gehen und Gerechtigkeit anzumahnen in der Schulden-Politik und für die Asylsuchenden.

Wir sind bewegt von Menschen wie Klara und Franziskus:
Sie haben ihre adligen und bürgerlichen Privilegien aufgegeben und durch die Annahme der frohen Botschaft das geschwisterliche Leben mit vielen andern neu gestaltet, besonders mit den Armen und Aussätzigen.
Damit haben sie auch Strukturen des Bösen überwunden, vor allem den Krieg.
Ja, wir sind von ihnen begeistert, von ihrer Nähe zu Christus. Wir wissen, daß uns das Evangelium das Schwert aus der Hand nimmt. Aber wir glauben immer wieder an die Kraft der Gewalt und herrschaftlicher Macht.
Wir lassen uns mehr bestimmen durch die angebliche Bosheit unsrer Feinde als durch die wirkliche Liebe unsres Gottes. Traurig und ratlos stehen wir vor der Beteiligung von Christen an Krieg und Vernichtung.
Soeben haben wir im eucharistischen Abendmahl Gottes Liebesbund mit uns erfahren.
Wir versprechen, gegen die Mächte des Todes seiner gewaltfreien Liebe nachzuleben.
Wir fordern unsre Kirchen auf, ihre Verbindungen mit den Militärmächten zu lösen.
Wir unterstützen unsre Geschwister in Südspanien und Süditalien bei ihrem Widerstand gegen neue Militärstützpunkte der NATO.
Wir hörten das Zeugnis vom Widerstand gegen Atomversuche in der Wüste von Nevada. Wir fordern unsre Kirchenleitungen auf, Atomtests und Atomrüstung zu verwerfen.
Wir wollen Feindbilder abbauen und unterstützen alle Friedensinitiativen - auch die Gorbatschows. Wir sehen uns bestärkt, unsrerseits Wege der Versöhnung zwischen Ost und West zu suchen.
Wir haben unsern Glauben neu verstanden, als wir in unsern Gemeinschaften und Gemeinden anfingen, für den Frieden zu arbeiten. Kirchen, die ökumenische Friedensdienste gestalten, brauchen Friedensarbeiter, brauchen Friedensbrigaden. Wir brauchen die systematische Einführung der Gemeinden in die Gewaltfreiheit des Evangeliums. Wir versprechen, uns an diesen Schritten zu beteiligen.
Alle Staaten fordern wir auf, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung zu achten.

Die gemeinsamen Erfahrungen von ASSISI 88 sollen mehr sein als eine schöne Erinnerung. Es drängt uns nach Austausch in unsern Heimatgemeinden.
In unsern jeweiligen Kirchen soll der konziliare Weg, auf dem wir hier einige Schritte taten, seinen Fortgang finden.
Wir haben in Assisi erfahren, daß wir den Weg nicht allein gehen wollen. Wir sind bereit, die Verbindungen zwischen Gruppen zu stärken, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und für Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung einsetzen. Möglichkeiten dazu bieten uns die bevorstehenden Konvokationen, so für Europa in Basel Pfingsten 1989.
Für all dies brauchen wir eine ausführlichere Darstellung der Botschaft, die wir in unsern Herzen mit nach Hause nehmen. Jedoch wir selbst, jeder und jede von uns, sind die Botschafter des Ökumenischen Dialogs ASSISI 88.

Mit Franziskus und Klara grüßen wir alle

pace e bene

Assisi, 6.-12. August 1988

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