Berliner Konferenz Europäischer Katholiken (BK), X. Plenartagung, 1988
Berliner Manifest europäischer Katholiken
Die Menschheit steht am Scheideweg. Sie kann in eine friedliche Zukunft gehen
oder in den Abgrund stürzen. Sie kann leben oder untergehen. Wir entscheiden
uns für das Leben und den Frieden. Das ist Gottes Wille, der uns zum Handeln
verpflichtet. Weil Gott durch seine Schöpfung, besonders durch seine Menschwerdung,
Partei ergreift für die Menschlichkeit der Menschen, ist die Gestaltung
menschenwürdiger Lebensbedingungen auf dieser Erde unsere Aufgabe. Der
Frieden ist dafür die erste Voraussetzung. Dabei verstehen wir Frieden
als Abwesenheit von Krieg, Hunger und Unterdrückung sowie als Anwesenheit
von Gerechtigkeit und Freiheit, als Leben in Gemeinschaft mit Gott, mit den
anderen Menschen und mit der ganzen Schöpfung. Angesichts der vielfältigen
Bedrohungen im nuklear-kosmischen Zeitalter sind wir in unserem Christsein total
herausgefordert, so daß zum Friedensgebet unbedingt auch die Friedenstat
hinzutreten muß.
Wir wissen: Der irdische Frieden ist kein Zustand, sondern ein Prozeß,
er ist kein Besitz, sondern ein Weg. Frieden als Gabe Gottes ist uns eine ständige
Aufgabe, die stufenweise zu lösen ist. Die Schöpfung wie auch die
Menschwerdung sind eine einzige und ununterbrochene Liebesbezeugung Gottes.
Jeglicher Bruch zwischen den Menschen und dieser Liebe ist tödlich. Der
Krieg, die Ausbeutung, die Unterdrückung entstehen aus diesem Bruch und
erzeugen nur Haß. Wichtige aktuelle Verpflichtungen sind die Verhinderung
eines Krieges mit Nuklearwaffen, der zum selbstverschuldeten Untergang der Menschheit
führen kann, die Überwindung ärgster sozialer Nöte in der
Welt und die Rettung der Umwelt vor folgenschweren Schädigungen.
Abrüstung - das Gebot der Zeit
Nach dem Washingtoner Vertrag über die Liquidierung der Mittelstreckenraketen
gibt es eine reale Chance, die immer größer werdende Gefahr einer
nuklearen Vernichtung der Menschheit durch die Abschaffung aller Nuklearwaffen
zu beseitigen. Bei gutem Willen aller Seiten ist es möglich, das dritte
Jahrtausend nach Christi Geburt ohne Nuklearwaffen zu beginnen. Schritte zu
diesem Ziel sind das Verbot aller Versuche mit solchen Waffen, die Einrichtung
nuklearwaffenfreier Zonen sowie weitere Null-Lösungen bei diesen Waffensystemen.
Eine besonders grausame und der Menschheit unwürdige Waffengattung
(Johannes Paul II.) sind die chemischen Waffen. Sie müssen verboten und
vernichtet werden.
Besonders in Europa ist eine deutliche Reduzierung der konventionellen Waffen
notwendig. Bestehende Asymmetrien müssen durch Abrüstung auf den jeweils
niedrigsten Stand beseitigt werden. Vordringlich müssen solche konventionellen
Waffen abgerüstet werden, die in ihren Wirkungen den Massenvernichtungswaffen
nahekommen. Teilabrüstungen dürfen nicht durch eine als Modernisierung
verschleierte Nachrüstung anderer Waffensysteme unwirksam gemacht werden.
Entschieden widersetzen wir uns auch Plänen zur Militarisierung des Weltraumes.
Weitreichende Abrüstungsschritte setzen ein neues politisches Denken voraus.
Es muß ein neues Verhältnis zwischen militärischer und ziviler
Macht erarbeitet werden. Alles muß dafür getan werden, das legitime
Sicherheitsbedürfnis der Staaten und Völker auf der Grundlage der
Gewaltlosigkeit und mit anderen als militärischen Mitteln zu befriedigen.
Dabei sind die Sicherheitsinteressen der Nachbarn stets mitzubedenken. Militärdoktrinen,
die auf die Konzeption der strukturellen Nichtangriffsfähigkeit orientieren,
überwinden Mißtrauen und Argwohn. Wie man allseitigen Interessen
genügen kann, zeigen die im Washingtoner Vertrag festgelegten Kontrollmaßnahmen.
Sie sind so umfassend, daß sie die gegenseitige und gemeinsame Sicherheit
gewährleisten. Sie wirken in sich vertrauensbildend und sind beispielhaft
für weitere Verhandlungen im Abrüstungsprozeß.
Vertrauen ist sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis dieses Prozesses. Eine
konsequent auf Frieden, Entspannung, Abrüstung und Zusammenarbeit ausgerichtete
Politik baut Vertrauen auf.
Vertrauensfördernd sind auch einseitige Vorleistungen im Abrüstungsprozeß,
wie sie z.B. der vorzeitige Abzug der Mittelstreckenraketen aus der DDR und
der CSSR darstellte. Eine große Bedeutung für die Vertrauensbildung
haben die Massenmedien, die Schule und die Volksbildung insgesamt. Sie müssen
der Wahrheit dienen und Feindbilder abbauen. Abrüstung setzt finanzielle
Mittel, Rohstoffe und geistige Kräfte frei. Die Staaten haben die Verpflichtung,
die eingesparten Mittel für die gemeinsame Bewältigung der großen
sozialen Nöte in der Welt einzusetzen.
Europa - unser gemeinsames Haus
Als europäische Katholiken machen wir uns Sorgen über die Gestalt
des Hauses, in dem wir gemeinsam leben. Uns steht ein Haus des Friedens und
guter Nachbarschaft, ein friedliches Zusammenleben von Völkern und Staaten
trotz unterschiedlicher historischer Tradition und sozialer Ordnung vor Augen.
In diesem Europa wird das Gemeinsame vor das Trennende gestellt, wenn man die
Eigenarten des Nachbarn achtet, sich in seine Angelegenheiten nicht einmischt
und auch ihm Friedenswillen und Friedensfähigkeit zuerkennt.
Wichtigste Voraussetzung für ein Europa des Friedens und guter Nachbarschaft
ist eine weitgehende Entmilitarisierung des Kontinents. Wenn Europa von allen
Massenvernichtungswaffen und von großen Teilen der konventionellen Rüstung
entlastet würde, wären die Militärblöcke überflüssig.
So würde der Frieden nicht nur im eigenen Hause gestärkt. Die KSZE-Schlußakte
von 1975 enthält bereits grundlegende Regeln einer europäischen Hausordnung.
Sie müssen schon jetzt allseitig und umfassend praktiziert werden und bedürfen
zugleich der Weiterentwicklung.
Von unserem christlichen Menschenbild her messen wir den sozialen und individuellen
Rechten der Menschen eine hohe Bedeutung zu. Die moderne Zivilisation hat manche
dieser Rechte besser durchgesetzt als früher. Andererseits treten neue
Defizite auf, und nicht wenige Mißbräuche kehren Freiheiten in ihr
Gegenteil. Nach unserer Überzeugung und in Übereinstimmung mit der
Enzyklika Sollicitudo rei socialis ist es christliche Pflicht, vor
allem die Rechte der Armen, Unterdrückten und Notleidenden zu verteidigen
und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Wir treten auch für die volle
und allseitige Respektierung der Gewissens- und Religionsfreiheit ein, wie sie
im Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von den Vereinten
Nationen bereits 1948 gefordert wurde.
Europa leidet zunehmend unter schweren Schädigungen der Umwelt. Staatliche,
gesellschaftliche und private Maßnahmen genügten bisher nicht, den
ökologischen Gefahren ausreichend zu begegnen. Ein Umdenken aller Menschen
ist erforderlich, beginnend mit der Einsicht in eigene umweltgefährdende
Lebensweisen. Die Bewahrung der Schöpfung ist eine der höchsten Christenpflichten.
Als Glieder der Kirche und der Gemeinschaft aller Menschen dürfen wir jedoch
nicht eurozentrisch denken. Wir müssen die Probleme der Völker anderer
Kontinente noch stärker in unsere Mitverantwortung einbeziehen. Dabei werden
unsere eigenen Probleme zugleich relativiert.
Hunger und Not schreien nach Gerechtigkeit
Frieden und Gerechtigkeit sind wie zwei Seiten einer Medaille. Sie gehören
zusammen. Unser Ziel ist darum Frieden in Gerechtigkeit. Daß Hunderte
von Millionen Menschen in Hunger, Not und Elend leben, ist kein Naturgesetz
und schon gar nicht Gottes Wille, sondern Folge menschlichen Unrechts. Schwere
soziale Sünden, Machthunger und Profitsucht in Vergangenheit und Gegenwart
tragen Schuld an der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit in vielen Teilen
der Welt. Auch hier ist neues Denken notwendig.
Hunger und Not sind mit Almosen allein nicht zu überwinden. Zur Beseitigung
von Ausbeutung und Unterdrückung bedarf es grundlegender Veränderungen
der Sozialstruktur zugunsten größerer Rechte der Armen sowie umfassender
uneigennütziger internationaler Hilfe. Unterentwicklung und soziale Konflikte
stellen eine ebenso große Bedrohung der Sicherheit dar wie die Rüstung.
Diese nichtmilitärischen Bedrohungen müssen ernstgenommen werden,
denn auch sie können zu Kriegen führen. Wirtschaftliche, soziale und
kulturelle Entwicklung sowie Befreiung aus politischen Fesseln können ungerechte
Gewalt überwinden und Konflikte gewaltfrei lösen.
Umfassende Abrüstung ist ein wichtiges Mittel zur Überwindung von
Hunger und Not, Massenarbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit. Die materiellen
und geistigen Mittel, die jetzt für eine zerstörerische Kriegsmaschinerie
vergeudet werden, müssen menschenwürdiger für den sozialen und
kulturellen Fortschritt der Völker eingesetzt werden.
Solidarität ist eine christliche Tugend. Wir sind solidarisch mit allen
Menschen und Völkern, die um die Befreiung aus sozialen und politischen
Nöten kämpfen und die sich fremder Unterdrückung erwehren. Wir
üben Solidarität in Gebet, politisch-moralischer Unterstützung
und materieller Hilfe.
Wir Priester und Laien aus ganz Europa, auf der X. Plenartagung der Berliner
Konferenz europäischer Katholiken (BK) in Berlin versammelt, rufen unsere
Schwestern und Brüder zu verstärktem Einsatz für die Bewahrung
des Lebens und für die Schaffung eines dauerhaften Friedens auf. In diesem
Sinne rufen wir auf zum Engagement im konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung und im Geiste der Weltkonferenz der
Kirchen im Jahre 1990. Wir betrachten dieses Manifest als einen Beitrag dazu.
Als Menschen, die wir uns zu Jesus Christus bekennen und seinen Namen tragen,
wollen wir der Botschaft vom Frieden auf Erden Geltung verschaffen - auch durch
unser politisches Mitdenken und durch unsere politisch wirksame Tat.
Berliner Konferenz Europäischer Katholiken (BK)
X. Plenartagung der BK in Berlin/DDR, 2.-4. Juni 1988
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