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Schweiz, Feministische Theologien, Offener Brief, 1988


Offener Brief feministischer Theologinnen

An die verantwortlichen Koordinatorinnen und Koordinatoren
des „Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden
und Bewahrung der Schöpfung“ in der Schweiz

Sehr geehrte Damen und Herren, es steht außer Zweifel, daß wir, in der feministisch-theo-logischen Bewegung engagierte Frauen es begrüßen, daß die Kirche Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu ihrem Anliegen macht. Der geplante „Konziliare Prozeß“ scheint uns eine hoffnungsvolle Initiative zu sein, der wir uns anschließen möchten. Aufgrund unserer Erfahrungen mit der Kirche - auch mit Kirchenmitgliedern, die der feministisch-theologischen Bewegung im Prinzip positiv gegenüberstehen - scheint es uns geboten, gewisse Befürchtungen, die wir im Zusammenhang mit dem Konziliaren Prozeß hegen, beim Namen zu nennen und entsprechende Forderungen zu formulieren. Wir haben kein Interesse daran, die Einheit der Kirche bezüglich der drei großen Themen zu gefährden. Diese Einheit ist ein schwer zu erreichendes Ziel und soll von uns Frauen nicht in Frage gestellt werden. Daß wir unsere Befürchtungen zum Ausdruck bringen, soll vielmehr zu größtmöglicher Klarheit bereits in der Anfangsphase des entstehenden Prozesses beitragen und so unnötige Mißverständnisse und Verbitterung vermeiden helfen.(...)

Frauen wurden bisher ungeachtet ihrer Mehrheitsposition in der Kirche als Randgruppe behandelt. Sie durften - ähnlich wie Kinder, Jugendliche, Kirchendistanzierte oder Unterschichtsangehörige - „auch noch etwas sagen“, nachdem die in den entscheidenden Gremien einsitzenden Männer die grundsätzliche Richtung von Theologie und Kirchenpolitik unter sich ausgehandelt hatten. Diese Geschlechterhierarchie wird zwar inzwischen von vielen hinterfragt, sie ist aber längst noch nicht überwunden, weder in der faktischen Zusammensetzung kirchlicher Entscheidungsgremien noch im Bewußtsein des Kirchenvolkes und seiner Leiter. Wir befürchten, daß eine Einheitseuphorie, wie das Unternehmen „Konziliarer Prozeß“ sie erzeugen könnte, solche kircheninternen Probleme an den Rand drängt, „weil es ja schließlich um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ und nicht um (sogenannte) Frauenprobleme gehe. Wir Frauen beharren ausdrücklich darauf, daß ein Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung nur dann glaubwürdig ist, wenn er auf gerechten Strukturen aufbaut. Deshalb fordern wir gleiche Beteiligung von Frauen und Männern in allen geplanten Gremien und Versammlungen des Konziliaren Prozesses. Eine Verlangsamung der Sammlungsbewegung aufgrund solcher Bemühungen um innerer Gerechtigkeit scheint uns trotz der unbestrittenen Dringlichkeit der verhandelten Fragen eher hinzunehmen als überstürzte Aktionen, die alte hierarchische Verhältnisse reproduzieren.

Nicht nur aufgrund quantitativer Überlegungen ist uns an solcher Gerechtigkeit gelegen. Vielmehr scheinen uns die Inhalte, die in den letzten Jahren von feministischen Theologinnen erarbeitet wurden, für einen konstruktiven Umgang mit den drängenden Problemen unserer Zeit unverzichtbar geworden zu sein. Feministisch-theologische Gottesbilder etwa, die die Angewiesenheit Gottes auf die Menschen, Ko-Kreativität und Fähigkeit Gottes zur Schwäche betonen, sind zur Bewältigung der katastrophalen Lage, deretwegen der Prozeß entsteht, hilfreicher als Konzepte, die von einem jenseitigen, patriarchalen Gott prinzipiell nicht abweichen wollen. Eine theologische Anthropologie, die die Verkrümmung und Selbstentfremdung männlicher und weiblicher Menschen durch das patriarchale Machtgefälle nicht ernstnimmt und zum Gegenstand von Nachdenken macht, scheint uns fehl am Platze, wenn es darum geht, die Probleme wirklich an der Wurzel zu fassen. Feministisch-kritische Positionen zu Fragen der Anthropologie sind deshalb einzubeziehen. Eine christliche Ethik, die zwar zahllose Formen von Ungerechtigkeit berechtigterweise anprangert, die aber über das Zerstörungspotential des Besitzverhältnisses Ehe schweigt und gesellschaftliche Mißstände wie Gewalt gegen Frauen und Kinder, Pornographie oder wirtschaftliche Ausbeutung von Hausfrauen bagatellisiert, verschließt die Augen vor einem Grundübel unserer Gesellschaft, das nicht unverbunden neben anderen Formen der Ungerechtigkeit und des Unfriedens steht. Insgesamt erschiene es uns unnütz, mit denjenigen patriarchal-theologischen Konzeptionen von Gott, Schöpfung, Sünde, Erlösung etc., die erwiesenermaßen selbst im Verursachungszusammenhang der heutigen Katastrophe eine gewichtige Rolle gespielt haben, an die Probleme heranzugehen. Auf die radikalen Fragestellungen feministischer Theologinnen kann eine an Selbstkritik interessierte Theologie heute nicht mehr verzichten. Und um theologische Selbstkritik, so nehmen wir an, wird es im Konziliaren Prozeß unter anderem gehen. Wir fordern daher die Einbeziehung feministisch-theologischer Positionen in allen Verhandlungen und Verlautbarungen des Prozesses, und zwar nicht als Fußnote, sondern im Zentrum der theologischen Reflexion. Insbesondere fordern wir Tagungen und Verhandlungen, in denen sich Männer selbst zum Schweigen und Zuhören verpflichten. Denn: wenn Frauen (zunächst) schweigen, so heißt das nicht, daß Männer für sie reden sollen. Und gerade das Zuhören (vielleicht auch das Lesen von Texten, die von Frauen verfaßt sind) scheint uns eine Fähigkeit zu sein, die Männer zu erlernen hätten, wenn sie mit Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ernst machen wollen.

Der Zentralausschuß des Ökumenischen Rates der Kirchen hat für das Jahrzehnt 1988-1998 eine Dekade „Solidarität der Kirchen mit den Frauen“ ausgerufen. Wir begrüßen diese Initiative als Ergänzung und Korrektiv zum Konziliaren Prozeß. Allerdings befürchten wir, daß diese Frauendekade neben dem Prozeß verblaßt und - aus mangelnder finanzieller und ideeller Unterstützung - nicht gleichwertig behandelt wird. Wir fordern daher, daß die Schweizer Kirchen der ökumenischen Frauendekade in jeder Hinsicht gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen wie dem Konziliaren Prozeß, und daß alles getan wird, daß Prozeß und Frauendekade gemeinsam auf das hochgesteckte Ziel Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hinarbeiten.

Frühjahr 1988

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