Oekumenische Treffen: Global
Oekumenische Treffen: Weltregional und national
Oekumenische Treffen: Basisbewegung
UN Konferenzen
NGO Begleitkonferenzen
Bibliographie
House of Studies
Kunstgalerie
Home
   

Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der BRD, Forum, Zeugnis der VertreterInnen der Gruppen und Netze, Entwurf, 1988


Entwurf für ein Ökumenisches Zeugnis der VertreterInnen der Gruppen und Netze beim Forum der ACK in der BRD

Es geht ums Leben

Gott hat die Erde nicht geschaffen, daß sie zur Wüste werde, sondern er hat sie zum Wohnen gemacht (Jes 45,18). Er will eine Welt, in der alle Geschöpfe in Gerechtigkeit und Frieden leben können.
Deshalb hat er einen Friedensbund mit seiner Schöpfung geschlossen.
Deshalb hat er seinen Bund in Jesus Christus bekräftigt und erneuert.
Deshalb hat er der ganzen Schöpfung den Geist des Lebens versprochen.
Wir hören das große JA Gottes zu aller Kreatur. Aber zum ersten Mal in der Geschichte sind wir Menschen in der Lage, unsere Erde in einen unbewohnbaren Planeten zu verwandeln. Wir sind auf dem Weg, dem Leben ein Ende zu setzen. Was allen Menschen bevorsteht, wenn wir nicht umkehren, erleiden schon jetzt unzählige Menschen hier bei uns und weltweit: Ihr Leben wird bedroht, beschädigt und ausgelöscht.
Es ist kein blindes Schicksal, sondern es sind Menschen, deren Reichtum andere in Armut und Hunger stürzt. Waffen werden von Menschenhand gemacht und eingesetzt, um eigene Interessen zu schützen. Der Raubbau an der Schöpfung wird von Menschen betrieben, um Wohlstand und Lebensstandard zu erhalten und zu mehren. Als Täter, Helfershelfer oder Nutznießer knüpfen wir alle gemeinsam an einem Netz des Todes, das sich über die Erde legt. Macht, Geld und Privilegien sind die Triebfedern dieses Tuns. Sie sind die Götter, die Leben verheißen, aber Tod bringen. Sie fordern Huldigung und Opfer. Sie wollen das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen beherrschen. So darf es nicht weitergehen, wenn wir mit der Schöpfung überleben wollen.

Es darf um Gottes willen nicht sein, daß wir die Vernichtung des Lebens hinnehmen.

Wir spüren, daß die Stunde der Wahrheit da ist. Ein Wettlauf mit der Zeit hat begonnen. Noch können wir den Bund mit dem Tod aufkündigen (Jes 28,15) und zum Gott des Lebens zurückkehren. Er gebietet unserer Selbstzerstörung Einhalt. Er will, daß wir der Gewalt gegen die Schöpfung entgegentreten und für das Leben aufstehen. Er lehrt uns, unsere Welt aus der Sicht der Leidenden und Opfer zu sehen und ruft uns zur Solidarität mit ihnen.
Deshalb bitten wir Gott: Richte unsere Füße auf den Weg der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung. (vgl. Lk. 1,79).

Gerechtigkeit den Menschen

I.

Unser Wirtschaftssystem steht in dem Ruf, allen Menschen gleiche Chancen auf Wohlstand, Glück und Freiheit zu bieten. Es hat unserem Land ein ungeheures Maß an Reichtum beschert. Aber dieser Reichtum wird teuer erkauft: Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riß. Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger sind ihres Menschenrechts auf Arbeit beraubt. Die Armut bei uns nimmt zu. Frauen wird die gleichberechtigte Teilhabe an der Gestaltung unserer Gesellschaft oft verwehrt. Ausländische Mitmenschen werden an den Rand gedrängt. Flüchtlinge hindert man auch aus wirtschaftlichen Gründen daran, in die Bundesrepublik zu kommen; schutzlos und ausgestoßen fristen sie ihr Leben hier.
Deutsche Unternehmen und Konzerne greifen weit über die Grenzen unseres Landes hinaus und plündern Nahrungsmittel, Rohstoffe und Bodenschätze in der Zweidrittelwelt. Ganze Völker werden in Abhängigkeit gebracht und wirtschaftlich ruiniert. Sie werden in Hunger, Armut und Krankheit versklavt, damit wir besser leben können. Banken und Firmen schrecken nicht einmal vor einem offenen Pakt mit dem Apartheidregime in Südafrika zurück, um aus der Unterdrükung von Millionen Schwarzer Gewinn zu schlagen. In den Händen weniger ballt sich wirtschaftliche Macht zusammen. Diese wenigen - es sind fast überall Männer - treffen an den Schlüsselstellen Entscheidungen, die das Leben anderer Menschen bestimmen. Wir sehen bei vielen von ihnen den guten Willen, diese Macht auch im Interesse der Gemeinschaft einzusetzen. Aber sie sind dem Prinzip unterworfen, ohne das unsere Wirtschaftsordnung nicht funktioniert: Sie müssen einen Markt schaffen, der Geld bringt zur Vermehrung des Geldes. Dieses Prinzip ist lebensfeindlich und menschenverachtend. Es führt zum mörderischen Kampf, in dem die Schwächsten auf der Strecke bleiben. Es degradiert Menschen zu Mitteln der Geldanhäufung. Es ist blind und taub gegenüber allen Verletzungen und Zerstörungen des Lebens. Die Versuche, ihm Fesseln anzulegen und seine Auswirkungen abzumildern, haben bei uns zwar bescheidene Erfolge gebracht. Weltweit aber tobt sich unser Wirtschaftssystem umso unghemmter aus. Deshalb ist unsere Wirtschaftsordnung nicht geeignet, soziale Gerechtigkeit bei uns und weltweit zu verwirklichen.

II.

Gott will das Leben der Menschen und nicht ihren Tod. Denn er ist der Liebhaber des Lebens (Weish 11,26). Leben ist das erste Recht des Menschen. Leben braucht Gerechtigkeit wie Nahrung und Wärme; darum „ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Am 5,24). Darum schaue „Gerechtigkeit vom Himmel“ (Ps 85,12); „die Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20), die das Leben erhält, gehe auf über den Menschen.
Der Schrei der Entrechteten und das Seufzen der Armen sollen nicht ungehört verhallen (Ps 71,2). Gott steht auf, „dem Verachteten Heil zu bringen“ (Ps 12,6) und die Fesseln der Unterdrückten zu lösen. Den Armen gehört das Reich Gottes; darum preist Jesus sie glücklich. Er will, daß wir am Aufstand des Lebens gegen den Tod teilnehmen. Deshalb befreit er uns zur Nachfolge: „Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt 6,24). Gott dienen heißt: „Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten!“ (Jes 1,17)

Deshalb sagen wir:

Es darf um Gottes willen nicht sein, daß wir einander das tägliche Brot verweigern.

III.

Als Christinnen und Christen wollen wir mit allen Menschen in der einen Welt geschwisterlich zusammenleben. Weil wir alle eins sind in Jesus Christus (Gal 3,28), nehmen wir nicht länger hin, daß die Rechte der Frauen tagtäglich mißachtet und sie an der gleichrangigen Gestaltung unserer Gesellschaft und unserer Kirchen gehindert werden.
Weil wir alle eins sind in Jesus Christus, wollen wir die Sache der Armen und Entrechteten zu unserer eigenen Sache machen. Wir wollen die Güter dieser Welt teilen und um der Gerechtigkeit willen von unserem Geld, unserer Arbeitszeit und unseren Konsummöglichkeiten abgeben. Wir lassen nicht länger zu, daß das Unrecht unseres Wirtschaftssystems verschwiegen, verharmlost oder gerechtfertigt wird. Es ist schwer, gegen den Strom zu schwimmen und kleine Schritte einer solidarischen Praxis zu entwickeln. Deshalb drängen wir auch auf politische Veränderungen. Als vordringlichste Schritte zur Gerechtigkeit sehen wir an:


1. Die Lebensrechte aller Menschen verwirklichen

Das Wirtschaftssystem ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um der Wirtschaftsordnung willen. Wirtschaftliche Macht und Eigentum haben dem Wohlergehen der Gemeinschaft zu dienen. Wirtschaftliches Wachstum rechtfertigt keine Räuberei. Wie eine Gesellschaft mit den Armen in ihrer Mitte und weltweit umgeht, daran erweist sich ihre Menschlichkeit. Deshalb müssen unsere und die Welt-Wirtschaftsordnung so umgestaltet werden, daß sie die Grundbedürfnisse der Menschen - Arbeit, Einkommen, Nahrung, Gesundheit, Wohnung und Bildung - befriedigen.
Dazu gehört bei uns, daß das Menschenrecht auf Arbeit für Frauen und Männer politisch und wirtschaftlich durchgesetzt wird. Damit alle Arbeit haben, müssen alle Möglichkeiten der Verkürzung und Umverteilung der Arbeitszeit genutzt werden. Eine solidarische Lohn- und Einkommenspolitik darf nicht länger denen geben, die haben, sondern muß von den Besserverdienenden Opfer verlangen zugunsten der schwächsten Glieder unserer Gesellschaft.
Dazu gehört weltweit ein Schuldenerlaß für die armen Länder. Er ist nichts als eine bescheidene Rückgabe eines Teiles des Reichtums, den wir den Ländern der Zweidrittelwelt verdanken.
Die westlichen Regierungen haben sich bisher mit Erfolg dagegen gewehrt, daß das globale System der ungerechten Verteilung grundlegend verändert wird. Unverändert bestimmen die Interessen der internationalen Konzerne und Handelsorganisationen, der Großbanken und der wirtschaftlichen Eliten der Länder der „Zweidrittelwelt“, was auf dem Weltmarkt geschieht. Mit dem Instrument des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank halten die westlichen Industrienationen viele Länder in wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeit fest. Gegen diese Übermacht muß eine neue Weltwirtschaftsordnung auf der Grundlage der gerechten Teilhabe und Selbstbestimmung durchgesetzt werden. Nur so können sich die Völker der „Zweidrittelwelt“ aus ihrer Gefangenschaft befreien.


2. Wirtschaftliche Macht kontrollieren und bändigen

Arbeit hat Vorrang vor dem Eigentum, die Menschen sind wichtiger als die Produktion. Deshalb muß der Eigengesetzlichkeit des Marktes Einhalt geboten werden.
Andere politische Rahmenbedingungen müssen dafür gesetzt werden, was, wie, für wen und mit welcher Priorität produziert wird. Wirtschaftliche Macht darf sich nicht verselbständigen; sie muß wirksam demokratisch kontrolliert und so beschränkt werden, daß sie die Grundrechte nicht faktisch aufhebt.


3. Die Verflechtung von Wirtschaft, Banken und Politik mit dem Regime in Südafrika beenden

Südafrika ist der exemplarische Testfall, ob Reden und Tun unserer Kirchen übereinstimmen. Wir dürfen nicht eher Ruhe geben, bis alle wirtschaftlichen, politischen und kirchlichen Fesseln durchtrennt sind, mit denen wir an das Unrecht gekettet sind. Der Befreiung der Schwarzen zu dienen, ist eine Entscheidung für das Evangelium. Wer das Apartheid-Regime noch länger am Leben hält, schließt sich aus der ökumenischen Gemeinschaft der Christinnen und Christen aus.


Frieden den Völkern

I.

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs sind über 40 Jahre vergangen. Der Friede an der Nahtstelle der Militärblöcke scheint gesichert. Jede Seite droht der anderen mit Vernichtung, und so halten sich beide in Schach.
Aber die lange Zeit des Nachkriegs kann jeden Augenblick zu Ende gehen: Das Vertrauen auf die Allmacht der Waffen ist bei vielen Politikern und Militärs ungebrochen. Unverwundbarkeit durch neue Waffensysteme nährt die Illusion absoluter Sicherheit. Ein auf Mitteleuropa begrenzter Krieg erscheint deshalb wieder denkbar. Jederzeit können die angehäuften Massenvernichtungswaffen die Menschheit mit nuklearem Feuer verbrennen oder im nuklearen Winter erfrieren lassen. Verteidigung unseres Landes unter den gegenwärtigen Bedingungen ist nicht möglich. Krieg bedeutet Landesvernichtung.
Was uns droht, erleben Millionen Menschen schon heute: Mit Waffen aus unseren Rüstungsfirmen werden in anderen Ländern Menschen umgebracht oder unterdrückt. Die Milliarden und Abermilliarden für unsere Hochrüstung zahlen die Länder der Zweidrittelwelt mit Hunger und Tod. Solch ein Friede ohne Gerechtigkeit verdient seinen Namen nicht.
Motor des Abschreckungssystems ist die Angst vor „dem Osten“. Ihm traut man nur Böses zu. Waffen sollen die Freiheit des Westens und die Freiheit des Marktes sichern. Die wirtschaftlichen Einflußsphären und Absatzmärkte dürfen nicht verlorengehen. Deshalb kann der militärisch-industrielle Komplex wie ein Krebsgeschwür unkontrolliert wuchern. Er erscheint vielen Mitbürgerinnen und Mitbürgern als anonym und unkontrollierbar, aber er hat Namen und Adressen. Hemmungen und Skrupel gibt es hier nicht, wenn es um den Gewinn aus dem Geschäft mit dem Tod geht.

II.

Jesus Christus ist unser Friede und will den Frieden unter den Völkern. „Er kam und verkündigte den Frieden, euch, den Fernen, und uns, den Nahen“ (Eph 2,17). Der Zaun der Feindschaft zwischen Juden und Heiden ist eingerissen (Eph 2,14), ja, Christus hat die Feindschaft zwischen den Menschen getötet (Eph 2,16). Wie könnten wir die Feindschaft zwischen Ost und West, Nord und Süd immer und ewig am Leben erhalten? Gott hat seinen Friedensbund nicht hinfallen lassen (Jes 54,10). „Er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Deshalb werden die Friedensstifter Söhne und Töchter Gottes genannt. Deshalb ruft Jesus uns in die gewaltlose Praxis der Feindesliebe, damit wir mit seiner Friedenspraxis Schritt halten. Deshalb warten wir auf den Tag, an dem „das Werk der Gerechtigkeit der Friede sein wird und der Ertrag der Gerechtigkeit Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jes 32,17).

Wir sagen:

Es darf um Gottes willen nicht sein, daß wir gegeneinander Krieg führen.

III.

Als Christinnen und Christen sagen wir NEIN ohne jedes JA zur Herstellung, Androhung und zum Einsatz von Massenvernichtungsmitteln. Für uns ist die Beteiligung an dem Versuch, durch Massenvernichtungsmittel den Frieden zu sichern, keine heute noch mögliche christliche Handlungsweise mehr. Deshalb entziehen wir dem Geist, der Logik und der Praxis des Abschreckungssystems die Legitimation. „Der Friedensdienst der Christen kann kein nationaler Kriegsdienst mehr sein, er muß ein ökumenischer Friedensdienst werden.“ (Heino Falcke) Die Verweigerung von Kriegsdiensten ist für uns heute das eindeutige und gebotene Friedenszeugnis in der Nachfolge Jesu. Weil der Krieg Sünde wider Gott und eine Entwürdigung des Menschen ist, soll er nach Gottes Willen nicht sein. Der „organisierte gegenseitige kollektive Mord“ (C.F.v. Weizsäcker) muß als politische Institution in einer andauernden und fortschreitenden Anstrengung abgeschafft werden. Deshalb muß unser Staat ein für allemal verbindlich auf das Recht zur Kriegführung verzichten. Als vordringlichste Schritte dazu sehen wir an:

1. Sicherheitspartnerschaft entwickeln

Ohne ein neues Denken ist der atomare Wahnsinn nicht zu überwinden. Die gemeinsamen Überlebensinteressen sind wichtiger als die Systemgegensätze. Auf dieser Erkenntnis beruhen die Vorschläge der Sowjetunion, alle Atomwaffen bis zum Jahre 2000 aus der Welt zu schaffen. Ohne Vertrauen zu diesen Vorschlägen wird es kein friedliches Zusammenleben im gemeinsamen Haus der Menschheit geben. Deshalb ist es höchste Zeit, den Antikommunismus und seine Feindbilder zu überwinden. Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion schafft die Grundlage für eine politische und militärische Sicherheitspartnerschaft.
Dazu gehört die sofortige Verwirklichung einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa als vertrauensbildende Maßnahme. Eine schrittweise Umrüstung der Streitkräfte auf reine Verteidigungswaffen („strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“) ist erforderlich. Denn Krieg darf objektiv nicht mehr möglich sein.

2. Abrüstung auf allen Ebenen fördern

Die Abrüstung der Mittelstreckenwaffen muß der Anfang für Abrüstung auf allen anderen Gebieten werden. Eine Politik, die nicht mit aller Kraft dieses Ziel verfolgt, vertritt nicht die Lebensinteressen der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Wir werden uns jedem Versuch, neue Vernichtungswaffen in unserem Land aufzustellen oder alte zu modernisieren, widersetzen. Wir werden nicht hinnehmen, daß unser Alltag und unsere Umgebung immer mehr für militärische Zwecke beansprucht wird.

3. Rüstungsexporte einstellen

Menschen in aller Welt dürfen nicht länger durch Waffen sterben, an deren Produktion Unternehmen aus der Bundesrepublik beteiligt sind. Arbeitsplätze in Rüstungsfirmen müssen umgewandelt werden, damit sie dem Leben dienen statt dem Tod. Wir brauchen die finanziellen Mittel, die Ressourcen, die Kreativität und Leistung der Wissenschaftler/innen und Techniker/innen, die in der Rüstungsindustrie tätig sind, für die Beseitigung von Hunger und Krankheit und die Bewahrung der Schöpfung.

Bewahrung der Schöpfung

I.

Das Bewußtsein für den Umweltschutz ist gewachsen. Denn alle Menschen in der Bundesrepublik spüren die Gefahren am eigenen Leib. Tschernobyl hat uns aufgeschreckt und unsere Hilflosigkeit offenbart. Auch in den Kirchen erinnern wir uns jetzt an den „anderen“ Schöpfungsauftrag, die „Erde zu bebauen und zu bewahren“.
Aber die Katastrophe wird durch die zaghaften Maßnahmen des Umweltschutzes nicht verhindert. Denn die natürlichen Grundlagen des Lebens sind bedroht. Die Luft wird verpestet; daran stirbt der Wald. Chemie und Landwirtschaft vergiften Wasser und Erde; bald werden wir nicht mehr wissen, was wir ohne Gefahr trinken und essen können; Tiere und Pflanzen gehen schon jetzt zugrunde. Der Ozonschutz der Atmosphäre zerreißt; unabsehbare Folgen für das Klima und die Gesundheit sind zu befürchten. Für unseren Konsum wird in der Zweidrittelwelt ein rücksichtsloser Raubbau am Wald und Boden betrieben; der Zusammenbruch der Ökosysteme schlägt auf Menschen dort und weltweit zurück. An diesen Entwicklungen sind wir als Verbraucherinnen und Verbraucher mitschuldig.
Vielleicht zu spät wird uns bewußt, daß Menschen sich zu allmächtigen Schöpfern aufgeschwungen haben. Uneingeschränkt soll die Verfügungsgewalt über Natur und Leben sein. Die Technik verleiht Macht, die erst dann ihre Grenzen findet, wenn die Schöpfung zerstört ist. Alles wird unter unseren Händen zum Rohstoff für die Produktion und zum Objekt unseres Konsums. Alles wird dem Zwang zum wirtschaftlichen Wachstum untergeordnet. Kein Seufzen der Kreatur stört diese Praxis der Gewalt. Denn wir haben die Beziehung zum Leben verloren. Das Denken ist verwüstet, die Herzen sind versteinert und die Seelen beschädigt.

II.

„Wir wissen, daß die ganze Kreatur bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet“ (Röm 8,22). Die Schöpfung sehnt sich danach, „freizuwerden von der Knechtschaft und Verlorenheit zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Denn der Tod droht über das Leben zu siegen. Gottes Geist ist es, der lebendig macht (2 Kor 3,6) und die Herrschaft des Todes in uns und über alle Geschöpfe beenden wird. Als Unterpfand des erneuerten Friedensbundes verspricht Gott: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in Euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch“ (Ez 36,26). Und über die Schöpfung will Gott seinen Geist ausgießen, damit der Friedensbund Gestalt gewinnt (Jes 32,10).

Es darf um Gottes willen nicht sein, daß wir die Schöpfung zerstören.

III.

Deshalb sagen wir: als Christinnen und Christen sind wir der Ehrfurcht vor dem Leben verpflichtet. Wir wollen helfen, die heilige Gabe des Lebens vor industrieller, ökonomischer und zivilisatorischer Zerstörung zu retten. Denn wir sind nicht Herrscher über die Natur, sondern ein Teil ihres Lebenszusammenhangs. Deshalb wollen wir an der Befreiung der Schöpfung mitarbeiten. Zur Haushalterschaft sind wir berufen; deshalb wollen wir nicht mehr über unsere Verhältnisse leben. Als Treuhänderinnen und Treuhänder für unsere Kinder haben wir die Erde empfangen; deshalb wollen wir nicht weiter so leben, als käme nach uns die Sintflut. Wir wollen einen einfachen, schöpfungsgerechten Lebensstil praktizieren. Aber wir drängen auch auf eine politische Umkehr zum Leben. Als vordringlichste Schritte sehen wir an:


1. Auf Risikotechnologien verzichten

Wir erforschen und benutzen Techniken, die uns über den Kopf wachsen. Der Allmachtswahn, alles um jeden Preis und ohne Rücksicht auf die Folgen machen zu können, muß aufhören. Wir wollen nicht länger am Rand des Abgrunds leben müssen.
Die Risiken der Gentechnologie sind unabschätzbar. Der Schutz jeglichen Lebens darf den Interessen von Industrie und Forschung nicht geopfert werden. Wir brauchen eine strikte Genehmigungspflicht und Kontrolle aller gentechnischen Projekte und Verfahren, ein ausnahmsloses Verbot aller Manipulationen an menschlichem Erbgut und Embryonen und eine Selbstbeschränkung der Wissenschaftler. Nur so kann verhindert werden, daß das ökologische System und wir mit ihm an den Folgen gentechnologischer Experimente zugrundgehen.
Die Atomenergie ist nicht beherrschbar. Deshalb wollen wir einen sofortigen Ausstieg aus der Atomtechnologie und einen Exportstopp für Atomtechnologie und -material.


2. Eine neue Energiepolitik entwickeln

Unser Energieverbrauch ist das Meßinstrument der beispiellosen Verschwendung unserer Industriegesellschaft. Wenn wir die Verschwendung der Energie beenden, hat das Signalwirkung für alle anderen Bereiche.
Deshalb treten wir für umfassende Energiesparprogramme und die Entwicklung und den Einsatz von dezentralen, umweltgerechten Alternativtechniken zur Energiegewinnung ein.


3. Eine neue Politik für die Mitwelt durchsetzen

Bisher diktieren die Interessen der Industrie und die Konsumgewohnheiten der Verbraucher, was und wie produziert wird. Besitz- und Konsumrecht geht vor Lebensrecht. Wenn wir mit der Natur Frieden schließen wollen, muß die Natur ihr eigenes Recht erhalten. Die Natur und alle Lebewesen sind um ihrer selbst willen zu schützen. Die Natur muß deshalb als weiterer Faktor neben Arbeit und Kapital bei allen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Wir müssen konsequent nach möglichen Folgen für uns und künftige Generationen fragen. Aber von selbst ändert sich in Politik und Wirtschaft nichts. Es kommt alles darauf an, daß Bürgerinnen und Bürger, Verbraucherinnen und Verbraucher eine neue Politik für die Mitwelt durchsetzen. Dem ungehemmten Verbrauch von Ressourcen müssen politische und rechtliche Grenzen gesetzt werden. Die Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Produktion muß nachgewiesen und kontrolliert werden. Was bei uns verboten ist, darf auch nicht exportiert werden.

Heike Binne - Margot Käßmann - Johanna Linz - Ulrich Frey - Hartmut Lenhard - Reinhard Voß
Februar 1988

Seit Anfang der 80er Jahre und besonders im Vorfeld (1986-87) des Ökumenischen Forums in der BRD (April und Oktober 1988) fanden viele Regional- und einige bundesweite Treffen ökumenischer Initiativen und Netzwerke statt. Ihre Ideen, Vorschläge und Forderungen wurden zu einem „Ökumenischen Zeugnis“ zusammengefaßt, dessen Entwurf von über 30 (der 120) offiziellen Delegierten aller Konfessionen vor Beginn des Forums mitgetragen wurde.
Die hier dokumentierte Fassung des „Entwurfs für ein Ökumenisches Zeugnis“ wurde nach dem Forum aufgrund der Diskussionen zwischen den Unterstützern nochmals endgültig überarbeitet und wird nun von den UnterzeichnerInnen verantwortet

weiter


powered by <wdss>

Sitemap | Druckversion | nach oben^


© 2017 by Stiftung Oekumene | eMail: ecunet@t-online.de