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Villigst, II. Westfälische Friedenstage, 1986


Auf dem Weg zu einem Bundesschluß
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

2. Westfälische Friedenstage

1. Anstösse zu neuer Bewegung (Wo kommen wir her?)

Die christliche Basis regt sich wieder. Sie hat an Klarheit über ihre Ziele und an ökumenischer Weite gewonnen. Ihr gemeinsames Ziel ist im Sinne des biblischen „Shalom“: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Viele trauern der Zeit vor dem Herbst 1983 nach, als Hunderttausende auf dem Weg waren. Viele haben sich wieder zurückgezogen; manche kämpfen gegen die Resignation. Aber noch immer gibt es Gruppen, die den Impuls lebendig erhalten, wie die 1. Westfälischen Friedenstage in Villigst oder die Siegener Versammlung 1984 zeigen. Andere Gruppen sind hinzugekommen, neue Querverbindungen zu 3.-Welt-Gruppen, Anti-Apartheid-Gruppen, Ökologie-Gruppen etc. sind im Entstehen. Die Reaktorkatastrophe in der UdSSR hat ein neues Erwachen bewirkt.

Was früher als richtig erkannt worden ist, bleibt gültig: „Die Friedensfrage ist eine Bekenntnisfrage.“ „Die Zeit ist da für ein Nein ohne jedes Ja.“ Die 6. Vollversammlung des ÖRK in Vancouver hat erklärt: „Wir glauben, daß für die Kirchen die Zeit gekommen ist, klar und eindeutig zu erklären, daß sowohl die Herstellung und Stationierung als auch der Einsatz von Atomwaffen ein Verbrechen gegen die Menschheit darstellen, und daß ein solches Vorgehen aus ethischer und theologischer Sicht verurteilt werden muß. Die Frage der Atomwaffen ist aufgrund ihrer Tragweite und der drohenden Gefahren, die sie für die Menschheit mit sich bringt, eine Frage christlichen Gehorsams und christlicher Treue zum Evangelium.“

Die gleiche Vollversammlung des ÖRK erklärte: Kein Frieden ohne Gerechtigkeit. „Frieden kann nicht auf ungerechten Strukturen aufgebaut werden ... Frieden, sagt uns der Prophet Jesaja, ist eine Frucht der Gerechtigkeit. Die Kirchen sind heute aufgerufen, ihren Glauben neu zu bekennen und Buße zu tun für ihr Schweigen angesichts von Ungerechtigkeit und der Bedrohung des Friedens. Für die Jünger gibt es keine Alternative zur biblischen Vision von Frieden, die Gerechtigkeit für alle einschließt, zur Vision der Ganzheit und der Einheit des ganzen Volkes Gottes. Dies ist das Gebot der Stunde.“

So rief die Vollversammlung dazu auf, daß die „Kirchen ... auf allen Ebenen - Gemeinden, Diözesen und Synoden, Netzwerken christlicher Gruppen und Basisgemeinschaften - zusammen mit dem ÖRK in einem konziliaren Prozeß zu einem Bund zusammenfinden“ sollten. Die Einbindung der Mitgliedskirchen in einen konziliaren Prozeß gegenseitiger Verpflichtung (Bund) für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der ganzen Schöpfung ist seither ein vordringliches Ziel ökumenischer Bemühungen. Sie hat Gestalt gewonnen in dem Plan einer ökumenischen Weltversammlung im Jahr 1990. Viele Kirchen und ökumenische Gruppen sind der Einladung des ÖRK gefolgt und beteiligen sich aktiv an der Vorbereitung und Verwirklichung dieses Planes (vgl. Brief des Präses an die Gemeinden vom 17.04.1986; für weitere Informationen s. „Rahmen des ökumenischen Prozesses zur gegenseitigen Verpflichtung (Bund) für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Sonderdruck aus „Junge Kirche“ Heft 4/1986; ebenso Aufsätze von H. Falcke und G. Reese in Heft 5/1986; ferner „Ökumenischer Informationsdienst“ Nr. 1-4).

2. Die Zeit drängt! (Wo stehen wir heute?)

Das Ziel einer eindeutigen und wechselseitigen Verpflichtung der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist weit gesteckt. Aber die Zeit drängt. Wir müssen lernen, den langen Atem der Hoffnung mit kleinen, aber entschiedenen Schritten zu verbinden. Der Prozeß hat begonnen. Entscheidend sind nicht die schnellen Ergebnisse, sondern daß wir uns überhaupt auf den Weg machen.

Viele fragen: Können wir warten bis zu einer Weltversamnmlung in vier Jahren? Was trägt es aus, von einem „konziliaren Prozeß“ zu sprechen? Besteht nicht die Gefahr, daß dadurch Verwirrung und Unklarheit entsteht und die aktuellen Probleme verdrängt werden? Denn: Die Zuspitzung des Bürgerkrieges in Südafrika, der Fortgang der Rüstung (besonders die SDI-Pläne), der amerikanische Angriff auf Libyen, die Reaktorkatastrophe in der UdSSR etc. sprechen eine überdeutliche Sprache: Die Zeit drängt! Das Bewußtsein der Gefahren zu verdrängen, kann tödliche Folgen haben. So stand es auch in dem Aufruf des Düsseldorfer Kirchentages 1985 zu einem ökumenischen „Konzil des Friedens“. Schon nach zwei Jahren Vorbereitung sollte das Konzil zusammentreten, so wurde gefordert. Für viele war dies ein Hoffnungszeichen. Andere bleiben mißtrauisch und sehen die Gefahr eines Konzils „von oben“, das die Bewegung neutralisiert. (Zum Stichwort „Konzil des Friedens“ s. die Dokumentation von Aktion Sühnezeichen „Auf dem Weg zu einem Konzil des Friedens“, Berlin 1986; ebenso C. F. v. Weizsäcker, Die Zeit ist reif, in: Evangelische Kommentare Heft 5/1986, S. 276 ff.).

Aber die Fragen sind reif! Werden die Kirchen und die Christen den Mut haben, der einfachen Wahrheit des Evangeliums standzuhalten, angesichts der undurchschaubaren „Eigen-gesetzlichkeit“ des weltpolitischen Machtspiels? Manche Erfahrungen scheinen dagegen zu sprechen. Würde ein Drängen auf eindeutiges Reden im Licht des Evangeliums nicht erst recht die Uneinigkeit der Kirchen offenbar machen und ihre Fähigkeit zu Bündnissen mit anderen Partnern verringern? Es gibt auch ermutigende Erfahrungen, wie z.B. die Erklärung der Westfälischen Synode 1982, die aus einem breiten Beratungsprozeß in der Kirche auf allen Ebenen entstanden ist. Aber noch immer gilt: Die Christen und Kirchen sind der Welt ihr entscheidendes Zeugnis schuldig. Sie leben von der Verheißung des Geistes Gottes, der ihnen die Worte schenken und sie in die Wahrheit führen wird.

Der Prozeß hat begonnen: Wir brauchen keine Erlaubnis durch die Kirchenleitungen, um uns anzuschließen. Wir haben auch gelernt, daß es nicht genügt, Forderungen an Kirchenleitungen zu richten; wir müssen uns selbst verpflichten. Das 1970 angestoßene „Konzil der Jugend“ in Taizé hat gezeigt, wie eine prophetische Vision, die von einem zum anderen weitergegeben wird, neue Kräfte freisetzt. Manche haben sich durch persönliche Friedensverträge verpflichtet; andere haben eine Selbstverpflichtung zum „ökumenischen Miteinander-Teilen“ übernommen, und der Gedanke des Bundesschlusses hat Gestalt gewonnen im Blick auf ökumenische Solidarität mit südafrikanischen Christen.


3. Weggefährten (Wir sind mit anderen auf dem Weg und laden alle dazu ein.)

Die Zahl der Weggefährten wächst. Viele Kirchen und Christen in anderen Ländern sind uns in manchem voraus. Auch bei uns gibt es immer mehr ermutigende Beispiele von Gruppen, die sich zu ökumenischen Netzen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zusammenschließen.

Andere Kirchen und Christen haben sich bereits vor uns auf den Weg gemacht. Sie haben Konflikte und öffentliche Auseinandersetzungen, Anfeindungen und Mißdeutungen in Kauf genommen. Ihr Zeugnis ist eine wichtige Ermutigung, denn sie zeigen uns, daß die christliche und ökumenische Gemeinschaft an der Herausforderung zum prophetischen Zeugnis nicht zerbröckelt, sondern wächst. Dazu gehören: Die Pastoralbriefe der Katholischen Bischöfe in den USA (1983), der Generalsynode der Niederländischen Reformierten Kirche (1980), die Stellungnahmen der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR gegen Geist und Logik der Abschreckung und für Sicherheitspartnerschaft (1982 und 1983), das Kairos-Dokument aus Südafrika (1985) u.a.m. (die genannten Texte sind u.a. dokumentiert in „Bischöfe zum Frieden“, Stimmen der Weltkirche 19, Bonn 1983; Kirche und Frieden, EKD-Texte 2, Hannover 1982).

In der Bundesrepublik hat sich u. a. das ökumenische Netz in Baden ausdrücklich als „Öku-menisches Netz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ konstituiert. Der seit einem Jahr von einer Gruppe von ökumenischen Initiativen herausgegebene „Ökumeni-sche Informationsdienst“, der sich die Anregung und Förderung dieses Prozesses zur Aufgabe macht, verzeichnet in seiner letzten vierten Nummer vom Mai 1986 bereits 15 Gruppen und Initiativen auf dem Weg. Zu den Weggefährten im katholischen Raum zählen Pax Christi und die Initiative Kirche von unten. In Westfalen gibt es Anknüpfungspunkte für ein Netz (z.B. „Frauen für den Frieden“, Solidarische Kirche u.a.), das die einzelnen Gruppen durch geteilte Verantwortung entlasten und ermutigen kann, im konkreten Fall die Kräfte zu bündeln.


4. Ein gemeinsames Ziel (In welche Richtung gehen wir?)

Noch ist nicht klar, wie das weitgesteckte Ziel erreicht werden kann, daß die Kirchen mit einer Stimme zu den Herausforderungen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sprechen. Eine Voraussetzung ist, daß wir neu lernen, daß die Einsicht in die Wahrheit des Evangeliums und das Wachsen in ökumenischer Gemeinschaft einander nicht ausschließen, sondern sich wechselseitig bedingen. Zum eindeutigen und gemeinsamen Reden muß die Bereitschaft zum solidarischen Handeln kommen. Dahin zielt der Aufruf zu einem Bundesschluß.

Verschiedene Zielbestimmungen scheinen im Konflikt miteinander zu stehen: Eine ökumenische Weltversammlung mit dem Ziel eines Bundesschlusses unter Beteiligung der ganzen Breite des Volkes Gottes, eine all-christliche Zusammenkunft von Repräsentanten der christlichen Kirchen, ein ökumenisches Konzil im strengen Sinne des Wortes. Jede der Zielbestimmungen muß einer doppelten Erwartung zu entsprechen versuchen: Sie muß Entschiedenheit und kirchliche Verbindlichkeit mit der Beteiligung der ganzen Kirche vereinigen. Dafür gibt es nur wenige Vorbilder in der Geschichte der Kirche. Die Spannung zwischen den beiden Erwartungen ist kaum aufzulösen. Entschiedenes Reden fordert den entschiedenen Widerstand heraus; wo eindeutig geredet wird, sind Gegensätze kaum zu vermeiden. Aber die Wahrheit des Evangeliums steht über allen noch so fest begründeten Überzeugungen. Die Autorität kirchlichen Redens wurzelt in der Hoffnung und Erwartung, daß durch das Wirken des Heiligen Geistes alle Glieder der Kirche einstimmen können.

Ob Versammlung oder Konzil - gemeinsam ist das Ziel, daß Kirchen mit einer Stimme reden. Aber solches Reden hat nur dann Gewicht in der Menschheit im ganzen, wenn diese Stimme innerhalb der Kirchen gehört und als verbindlich anerkannt wird. Wir müssen neu lernen, auch im Streit um die Wahrheit die Gemeinschaft untereinander festzuhalten. Darin gründet die Friedensfähigkeit der Christen.

Aber wichtiger noch als das gemeinsame Reden ist die Fähigkeit und Bereitschaft, Konsequenzen zu ziehen, für Gerechtigkeit und Frieden gemeinsam zu handeln, füreinander einzutreten. Darauf zielt die Vorstellung von einem Bundesschluß zwischen den Kirchen in Erinnerung an den Friedensbund Gottes mit seinem Volk, das unter den Völkern der Erde verstreut lebt. Eine ausdrückliche Selbstverpflichtung der Kirchen, dem Gott des Friedens und der Gerechtigkeit zu dienen und den Göttern der Macht, des Besitzes und der Sicherheit abzusagen, wird ihren Preis fordern. Aber sie schließt keinen aus, sondern lädt alle dazu ein, sich dieser Verpflichtung anzuschließen.


5. Den Mut haben, Kirche zu sein (Was können wir tun?)

Wer ist „die Kirche“, der unsere Hoffnung auf eindeutiges Reden und verbindliches Handeln gilt? Die Kirche, als das Volk Gottes, lebt in unterschiedlicher Gestalt. Statt auf die Initiativen anderer zu warten, müssen wir den Mut gewinnen, selbst Kirche zu sein, und zwar auf allen Ebenen: In Gemeinden und Kirchenkreisen, in Gruppen, Verbänden und Netzen, in kirchlichen Ausschüssen und Synoden.

Viele warten auf ein Wort, eine Initiative oder Stellungnahme der „Kirche“. Aber wer ist „die Kirche“? Die meisten - auch in der Kirche - denken an die hauptamtlichen Vertreter, die Kirchenämter und Leitungsgremien. Auch die innerkirchliche, kritische Opposition bestätigt nur zu oft diese Haltung.

Für die Bewegung in Richtung auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist es entscheidend, sich von der Fixierung auf die Amtskirche zu lösen. Kirche lebt in vielerlei Gestalt. Sie ist kein Verband, sondern eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, Gemeinschaft von Unterschiedenen.

Jede Gemeinde, jede Gruppe ist selbst Kirche - unter der Bedingung, daß sie ihr Engagement unter das Zeugnis des Evangeliums stellt und die Bezogenheit auf die anderen Gemeinschaften anerkennt. Sie muß als Kirche erkennbar bleiben für andere Christen und sich für Veränderungen ihre Einsicht in die Wahrheit des Evangeliums offenhalten. Entscheidend ist, daß wir auf allen Ebenen von Kirche das Leben in „verpflichteter Gemeinschaft“ neu entdecken und einüben. So können wir die „Konzilsfähigkeit“ unserer Kirche stärken. Die folgenden Punkte beschreiben Schritte zu diesem Lernprozeß:

ZUSAMMENKOMMEN. Kirche in jeder ihrer Gestalten verwirklicht sich, wo Menschen zusammenkommen im Namen Jesu Christi. Das Zusammenkommen im Namen Jesu Christi ist nicht eine Versammlung von Gleichgesinnten sondern Gleichberufenen.

TEILEN. Gemeinschaft in der Kirche verwirklicht sich, wo Menschen beginnen, zu teilen, was sie zum Leben brauchen, aber auch Hoffnungen und Ängste, Erfahrungen von Bedrohung und Befreiung. Bereitschaft zum Teilen schließt die wechselseitige Rechenschaft und - wo nötig - Korrektur ein.

VERGEWISSERUNG. Kirche lebt aus dem biblischen Zeugnis der Hoffnung. Dieser Grund bedarf der gemeinsamen Vergewisserung im Dialog über und mit der Bibel. Wir müssen neu lernen, die Bibel mit den gleichen Augen zu lesen, mit denen wir unsere Welt sehen.

ERKENNEN / BEKENNEN. Die Begegnung mit dem biblischen Zeugnis öffnet uns die Augen zur Erkenntnis unserer Gefangenschaft und gibt uns den Mut, Jesus Christus, das Leben der Welt, im Angesicht der Mächte des Todes zu bekennen.

FÜRBITTE. Die einfachste und eindringlichste Form wechselseitiger Verpflichtung ist das Eintreten füreinander in der Fürbitte vor Gott. Gemeinschaft wächst durch die konkrete und namentliche Fürbitte.

VERPFLICHTUNG. In den letzten Jahren sind viele christliche Gruppen aus einer bewußt übernommenen, wenn auch begrenzten und veränderbaren Selbstverpflichtung heraus gewachsen. Andere haben die Form des Bundesschlusses vor Gott neu belebt. Wir müssen lernen, auch Verabredungen zum gemeinsamen Handeln als Ausdruck verpflichteter Gemeinschaft zu bekräftigen.

VERKNÜPFEN. Jede Zelle verpflichteter Gemeinschaft lebt in ausdrücklicher und indirekter Beziehung zu anderen Gruppen, Gemeinden etc. Partnerschaften machen dieses Bezogensein erfahrbar. Wir sind bereits Teil eines Netzes und eingeladen, daran weiterzuknüpfen. (Zur Anregung vgl. U. Duchrow, Das Ökumenische Netz in Baden als Erfahrung des Geistes Jesu Christi, in: ders. Weltwirtschaft heute. Ein Feld für bekennende Kirche?, München 1986, S. 231 ff.)

Die Arbeitsgruppe: Helga und Johannes Carl, Ute Hedrich, Ingeborg Vollgold-Melchior, H. Lessing. Dr. Konrad Raiser, Klaus-W. Vollgold

Villigst, den 26. September 1986

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