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Siegen, II. Oekumenische Versammlung, 1986


Siegener Beitrag zu einem Bundesmanifest

  1. Kirchen und Christen sind herausgefordert, für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Die Antwort auf die Herausforderungen kann nicht beliebig bleiben. An ihr entscheidet sich heute Nachfolge oder Verleugnung Jesu. Weil wir im Glauben eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit finden wollen, haben wir uns versammelt.

  2. Im Hören auf Gottes Wort sind wir vor die Entscheidung gestellt, wem wir dienen wollen: Dem lebendigen und befreienden Gott, dem Vater Jesu Christi, dessen Bundesvolk wir sind, oder den Götzen unserer Zeit; den Götzen des Todes in Rassismus, Sexismus, wirtschaftlicher Ausbeutung, Militarismus und im Mißbrauch von Wissenschaft, Technologie und Macht. Solche Momente, in denen sich das Volk Gottes von neuem auf den Weg macht, um Gott zu dienen, Buße zu tun und umzukehren von falschen Wegen, nennt die biblische Überlieferung Bundeserneuerung.

  3. Der Weg zu einem Konzil des Friedens und der Gerechtigkeit für die Menschen und die ganze Schöpfung ist ein solcher Prozeß der Bundeserneuerung.
    Gott hat in Jesus Christus die Welt mit sich und die Menschen untereinander versöhnt. In der Geschichte mit seinem Volk Israel und im Leben Jesu Christi hat er uns gezeigt, wozu wir berufen sind: zu Schwestern und Brüdern in der Einen Menschheit. Im Abendmahl/Eucharistie feiern wir als Glieder an dem einen Leib Christi den Bund des Friedens und der Gerechtigkeit. Weil Gott für uns diesen Bund eröffnet hat, können wir uns auf den Weg der Ausbreitung dieses Bundes machen: der Vermehrung von Gerechtigkeit und Frieden, der Bewahrung der Schöpfung, der Aufrichtung von gesunden, heilen und ganzen Beziehungen.

  4. Wir wollen uns auf den Weg machen, den Bund Gottes zu bekräftigen und anzunehmen in unserem Tun und Unterlassen. Darum prüfen wir unser eigenes Leben und die Strukturen, in denen wir leben, ob sie Gebot und Willen Gottes entsprechen. Wir wollen erkennen, wessen Bundesgenossen wir sind, in welche Abhängigkeiten wir uns begeben haben, um dann zu konkreten Schritten der Umkehr zu gelangen.

  5. Wir erklären:
    Es darf um Gottes Willen nicht sein, daß wir gegeneinander Krieg führen.
    Aber wir sind eingebunden in das System der atomaren Abschreckung und seines militärisch-industriellen Komplexes, das die Welt spaltet, Hunger und Armut vergrößert und die Feindschaft institutionalisiert.
    Militärische Sicherheit ist zu einem Götzen unserer Zeit geworden. Das Abschreckungssystem verheißt uns Frieden und fordert den Gehorsam gegenüber seiner eigenen Logik und seinen Gesetzen. Aber dieser Friede ist kein Friede. Es ist der Frieden der Reichen auf Kosten der Armen. Dieser „Friede“ produziert zu seiner Aufrechterhaltung immer neue Ängste und immer weitere Aufrüstung. Die Produktion von Rüstungsgütern und deren Export verheißt wirtschaftlichen Profit. Die Entwicklung von Weltraumwaffen und die Utopie der Unverwundbarkeit zur Beherrschung der Welt, Kriegsführungsstrategien und die dazugehörenden Waffensysteme lassen einen globalen Krieg immer wahrscheinlicher werden, der die Zerstörung allen Lebens bedeutet.
    Zu diesem Thema war es aus zeitlichen Gründen nicht möglich, sich auf Beispiele zu einigen. Als Herausforderungen an das politische Handeln der Kirchen wurden unter anderem oft genannt: Eintreten gegen Weltraumrüstung und weitere Atomversuche; Absage an die Götzen Sicherheit und Abschrechung, Eintreten für Sicherheitspartnerschaft; Schritte zur Aussöhnung mit den Völkern der Sowjetunion und zum Abbau des Antikommunismus; Unterstützung gewaltfreier Widerstandsformen und Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung als dem deutlicheren Zeichen. Als Herausforderung an die Kirchen, selbst Kirche des Friedens zu werden, wurden unter anderem oft genannt: Infragestellung der Struktur der Militärseelsorge, Einrichtung und Unterstützung eigener Friedensdienste.

  6. Wir erklären:
    Es darf um Gottes Willen nicht sein, daß wir einander das tägliche Brot verweigern.
    Aber wir sind eingebunden in ein kapitalistisches Wirtschaftssystem und eine Weltwirtschaftsordnung mit ihren transnationalen Konzernen und Banken, in denen eine privilegierte Minderheit die Mehrheit der Menschheit ausbeutet. Der Grundsatz der Gewinnvermehrung wird über die Befriedigung der Grundbedürfnisse aller Menschen gestellt.
    Hunger ist kein Schicksal. Hunger wird gemacht. Er ist ein Produkt ungerechter Verteilung von Lebensmitteln, Rohstoffen und Produktionsgütern. Während in der EG mit hohem finanziellen Aufwand Jahr für Jahr Lebensmittel vernichtet werden, verhungern jährlich 40 Millionen Menschen und lebt ein Viertel der Menschheit unterhalb der Existenzgrenze. Das herrschende Weltwirtschaftssystem ist dem rassistischen Apartheidssystem vergleichbar, denn es enthält den meisten Völkern die Beteiligung an der wirtschaftlichen und politischen Macht vor. Es schafft strukturelle Arbeitslosigkeit und fördert politische Unterdrückung und die Verletzung der Menschenrechte um des Profits willen. In der Schuldenkrise agiert der Internationale Währungsfonds als neo-koloniales Instrument zur ökonomischen und ideologischen Kontrolle der armen Länder. Unser Reichtum ist die Armut der Anderen. Aber noch immer meinen wir, das Elend der Menschen besser ertragen zu können als die Mühen der Veränderung.
    Als Herausforderungen an die Kirchen für ihr politisches Handeln wurden mit Vorrang genannt: Eintreten für umfassende und bindende Sanktionen gegen die Republik Südafrika; Eintreten für einen Schuldenerlaß zugunsten der 2/3-Welt. Als Herausforderungen an die Kirchen, Kirche der Gerechtigkeit zu werden, wurden mit Vorrang genannt: Abbruch der Verbindungen zu Banken, die mit Südafrika Geschäftsbeziehungen unterhalten; Revision der eigenen wirtschaftlichen und finanziellen Struktur gemäß den Kriterien von Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

  7. Wir erklären:
    Es darf um Gottes Willen nicht sein, daß wir die Schöpfung zerstören.
    Aber wir sind eingebunden in ein Zusammenspiel von Wissenschaft und Technologie, das die Grenzen dessen überschreitet, was der Schöpfung zugemutet werden kann. Im Machbarkeits- und Fortschrittswahn treibt der Mensch zu Taten, die vor der Natur und den Menschen nicht mehr verantwortet werden können. Das wird bersonders deutlich an der militärischen und zivilen Nutzung der Atomenergie.
    Die Endlichkeit der Ressourcen und die begrenzte Belastbarkeit der Erde wird mißachtet. In unserem Lebensstil und unseren Produktionsmethoden verkennen wir das Lebensrecht der Schöpfung, in dem das Leben der Menschen wurzelt. Der Grundbestand der Schöpfung wird angegriffen: Der natürliche Kreislauf der Natur zerstört, Atome gespalten und Gene manipuliert. Zur Haushalterschaft sind wir aufgefordert, aber wir leben über unsere Verhältnisse. Als Treuhänder für unsere Kinder haben wir die Erde empfangen, aber wir leben so, als käme nach uns die Sintflut.
    Als Beispiel für die Herausforderung an das politische Handeln der Kirchen wurde genannt: Eintreten für die sofortige Stillegung aller Atomanlagen.

  8. Über diese Themen haben wir unter uns Übereinstimmung gefunden. Sie sind das Ergebnis eines Lernprozesses, der nicht erst auf dieser Versammlung begonnen hat. In verschiedenen Versammlungen und Aktionen haben wir schon versucht, Schritte der Umkehr zu beschreiben und zu gehen. Wir sind betrübt, daß unsere Stimme dabei in unseren Gemeinden und Kirchen nicht immer als aufrichtiges Zeugnis für das Leben der Welt gehört worden ist. Wir verstehen uns als Teil dieser Kirchen. Aber in Konflikten um Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung sehen wir heute die ganze Kirche vor Entscheidungen gestellt und zu gemeinsamem und eindeutigem Handeln herausgefordert. Worte allein genügen nicht mehr.

  9. Wir verpflichten uns darum untereinander und voreinander, für unser Leben Konsequenzen zu ziehen aus dem, was wir als Willen Gottes erkannt haben. Die Einsicht in unsere Mitverantwortung für die Strukturen der Ungerechtigkeit, des Unfriedens und der Schöpfungszerstörung darf nicht ohne Folgen bleiben.
    Wir verpflichten uns zu einem Handeln, das sich gegen Geist, Logik und Praxis der Abschreckung stellt.
    Als Beispiele für dieses Handeln nennen wir: Solidarität mit Opfern der Rüstungsindustrie; Abbau von Feindbildern zwischen Völkern; Solidarität mit Flüchtlingen; Unterstützung gewaltfreier Widerstandsformen.
    Wir verpflichten uns zu einem Handeln, das sich an der Not und den Bedürfnissen der Armen, der politisch Verfolgten, der an den Rand Gedrängten, der Unterdrückten, an den Opfern von politischer, militärischer und wirtschaftlicher Gewalt orientiert.
    Als Beispiele für dieses Handeln nennen wir: Wir wollen aktiv für Boykott- und Sank-tionsmaßnahmen gegen die Republik Südafrika eintreten. Wir wollen beginnen, eine Sanctuary-Bewegung in der Bundesrepublik aufzubauen.
    Wir verpflichten uns zu einem schonenden Umgang mit der Natur, zu einem haushalterischen Umgang mit den Ressourcen der Erde und zum Widerstand gegen Technologien, deren direkte Auswirkungen und mögliche Gefahren für Mensch und Schöpfung so gefährlich sind, daß sie unverantwortbar sind.
    Als Beispiele für dieses Handeln nennen wir: Aus Dankbarkeit für Gottes Schöpfung verpflichten wir uns, unser Essen bewußter auszuwählen und einzunehmen. In unserer Kirche treten wir dafür ein, daß kirchliche Häuser und Einrichtungen nach diesen Grundsätzen geführt werden, bei Gemeindeveranstaltungen diese Grundsätze berücksichtigt werden, in der Gemeinde über den Zusammenhang zwischen unserer Ernährungsweise und dem Hunger in der Welt aufgeklärt wird. Angesichts des Hungers in der Welt und der Zerstörung der Lebensgrundlagen treten wir als Kirche für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und für die Bewahrung der Schöpfung ein. Wir fordern z.B., den Import von Futtermitteln für Tiere zu vermindern, den Import von Luxuslebensmitteln zu reduzieren, gerechte Preise für Agrarprodukte aus der 2/3-Welt zu ermöglichen, den ökologischen Anbau zu fördern und die Massentierhaltung einzuschränken.
    Die Prioritäten unseres jeweiligen konkreten Handelns mögen dabei verschieden sein, aber sie ergänzen sich und sind Teile eines gemeinsamen Prozesses der Umkehr.

  10. Wir haben uns untereinander informiert und Rechenschaft darüber abgelegt, was wir tun wollen, um den Bund mit Gott zu erneuern. Wenn wir zurückgehen in unsere Gruppen und Gemeinden, werden wir das Gespräch mit anderen suchen darüber, ob sie sich den jeweiligen Bundesverpflichtungen, die wir übernommen haben, anschließen können. Wir wollen uns in unserer unmittelbaren Umgebung umschauen nach denen, die gemeinsam mit uns auf dem Weg sind und mit ihnen zusammenarbeiten.
    Dabei wollen wir uns besonders mit denen zusammenschließen, die von den Auswirkungen von Ungerechtigkeit, Unfrieden und Schöpfungszerstörung betroffen sind; denen in der sogenannten „3. Welt“ und denen in unserer eigenen Gesellschaft. Wir wollen uns selbst und andere an Verpflichtungen erinnern, die wir schon eingegangen sind, z.B. Partnerschaften, und sie neu aktivieren und ausbauen. Wir wollen vor allem auch über die Grenzen unserer Konfessionen hinweg weiter zusammenbleiben und zusammenarbeiten.

  11. Wir wissen, daß unter uns Christen noch Uneinigkeit darüber besteht, was der heute gebotene Ausdruck unseres Gehorsams gegenüber Gottes Willen ist. Darüber muß der konziliare Streit weiter geführt werden. Aber wir wissen auch von schon vorhandener Übereinstimmung. Daran wollen wir uns orientieren und zu gemeinsamen Handlungsperspektiven gelangen. Wir hoffen, daß eine Bewegung unsere Kirchen erfassen wird, die die Welt nicht mehr übersehen und übergehen kann: Eine Bewegung für das Leben und gegen den Tod, eine Bewegung, die sich der Mitwirkung an Krieg, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung verweigert und in der treuen Nachfolge Jesu zeichenhaft eine andere Wirklichkeit lebt, die Wirklichkeit des Reiches Gottes.

  12. Das Ziel einer eindeutigen und wechselseitigen Verpflichtung der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist weit gesteckt. Der Weg dorthin wird aus Erfolgen, aber auch aus Durststrecken und Niederlagen bestehen. Zur Stärkung wollen wir auf unserem Weg das Feiern nicht vergessen. Wir wollen uns des Sabbats erinnern, den Tag des Bundes, und ihn feiern. Es ist der Tag Gottes, der Tag der Ruhe nach der Arbeit, der Tag des Lobes über Gottes Schöpfung und die Feier des Lebens. Es ist der Tag der aktiven Selbstbegrenzung um des Rechtes der Schwachen und Armen willen. In der Erinnerung an die Auferstehung Jesu und die Stiftung des Sabbats wollen wir die Durchbrechung der Gewohnheit feiern, wollen feiern, daß nicht alles so bleibt, wie es ist.

II. Ökumenische Versammlung, Siegen, 21.-23. November 1986

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