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Ostfriesland - Ökumenisches Friedenstreffen, 1986


Schlußerklärung - Ökumenisches Friedenstreffen Ostfriesland

Am 15. November 1986 trafen sich in Aurich 180 Christen aus 7 Konfessionen, um sich gemeinsam für eine Ökumenische Weltversammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen - und um gleichzeitig zu überlegen, was im eigenen Wirkungsbereich - in der Region Ostfriesland aus christlicher Verantwortung zur Förderung des Friedens gesagt und getan werden kann.

In 4 Arbeitsgruppen wurden Wünsche an eine ökumenische Weltversammlung herausgearbeitet und konkrete Schritte genannt, die von jedem einzelnen Christen gewagt werden können und in Richtung Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung weisen.

Auf der Schlußversammlung des Ökumenischen Friedenstreffens Ostfriesland wurde folgendes Ergebnis zusammengetragen:

„Uns verbindet der Glaube an den lebendigen Jesus Christus, der den Weg der Liebe gegangen ist und uns zur Nachfolge ruft. Er hat uns gelehrt, daß es kein wichtigeres Gebot gibt, als Gott und unsere Mitmenschen zu lieben wie uns selbst.

Jede Mißachtung dieses Doppelgebotes rückt uns weiter weg vom Frieden. Kritisch wollen wir uns fragen, ob wir uns wirklich keine anderen Götter geschaffen haben - neben oder gar über dem Herrn. Mit Herz und Verstand wollen wir prüfen, ob wir unsere Mitmenschen lieben wie uns selbst, so daß Gott in und unter uns leben kann.

Wir sehnen uns nach einer ökumenischen Weltversammlung, die unüberhörbar und unmißverständlich bekennt, daß alle Menschen Kinder eines Gottes sind, die nur dann in Frieden miteinander leben können, wenn sie sich als Geschwister begreifen.

Dieses Bekenntnis, dieser Glaube darf durch nichts - durch keine anderen Götter - eingeschränkt oder unterlaufen werden.

Wir hoffen auf eine ökumenische Weltversammlung, die den Mut hat, jene anderen Götter, die die Menschheit bedrohen, beim Namen zu nennen - und die die Phantasie hat zu konkreten Schritten zu dem einen Gott - zu konkreten Schritten auf dem Weg der Liebe - zu ermutigen.“

(Basierend auf Mk. 12,29-31 / Mt. 7,12 / Joh. 4,12 / Mt. 22,37-40 / Lk. 10,25-28)

Arbeitsergebnisse der Gruppenarbeit:


1. Frieden durch Abrüstung

Die gegenwärtige Situation ist gekennzeichnet

  • durch einen ungehemmten Rüstüngswettlauf
  • durch Waffenexporte
  • durch Erzeugung von Feindbildern
  • durch Drohung mit Massenvernichtungsmitteln
  • durch Angst vor Vernichtung.

Wir wollen die Illusion von Sicherheit durch Waffen aufgeben und unser Vertrauen auf Gott setzen. Wir wollen lieber leiden als töten. Wir erwarten von einer ökumenischen Versammlung

  • ein deutliches Wort in dieser Situation
  • ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungsmitteln
  • die Aufforderung zu notfalls einseitigen ersten Abrüstungsschritten
  • ein Bekenntnis, daß gerade christliche Staaten mit der Aufrüstung und den Rüstungsexporten schuldig werden in der Dritten Welt
  • die Forderung nach Beschränkung auf ausschließlich defensive Waffensysteme, solange ein gänzlicher Verzicht nicht erreicht ist.


2. Frieden durch Gerechtigkeit

Wenn Frieden durch Gerechtigkeit erwachsen soll, dann fordern wir:
Ausrufen eines Fastens, zur Sensibilisierung für offene und verdeckte Formen von Ungerechtigkeit.
Neuordnung des Agrarmarktes, um Überproduktionen und Vernichtung von Lebensmitteln zu beenden.
Die hochverschuldeten Länder der Dritten Welt müssen durch Verzicht auf Zinsforderungen und Stundung entlastet werden.
Ausrufung eines „Halljahres“ der Befreiung.
Einsatz für gerechtere Preise für Produkte aus der Dritten Welt durch Bewußtmachen der Lebensverhältnisse in den Erzeugerländern.

Wir wollen von unten her die sozialen Ungerechtigkeiten in unserem eigenen Land zum Thema in unseren Kirchen machen und Druck ausüben. Wir verlangen, die vorhandene Arbeit gerechter zu verteilen. Wir wollen gleichzeitig Zeichen setzen, indem wir Lücken für neue, sinnvolle Arbeit suchen. Dazu sind wir zu einer Solidaritätsabgabe bereit.
Wir verlangen den Abbau von Überstunden und die Möglichkeit zur Arbeitszeitverkürzung. Wir sehen, daß dabei Verzichte nötig sind, zu denen wir bereit sind.

Wenn alle Menschen Geschöpfe eines Gottes sind, dann sind sowohl Frauen als auch Männer vor Gott gleich. Wenn wir danach leben wollen, dürfen wir den Sexismus, der die Männer und Frauen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit festlegt, nicht mehr länger dulden. Durch den Sexismus erleidet die Frau fast überall auf der Welt Diskriminierung und Unterdrückung. Um Gerechtigkeit auch zwischen den Geschlechtern herzustellen, müssen die gesellschaftlichen Strukturen so beschaffen sein, daß der Zugang zu Bildung, Arbeit, Politik und Freizeit für alle gleich gewährleistet ist. Dies darf kein Privileg, sondern muß eine Selbstverständlichkeit sein.

Das Zusammenleben kann nur dann in Freiheit geschehen, wenn jede Frau und jeder Mann die Möglichkeit hat, zwischen verschiedenen Lebensentwürfen (z.B. Kinder zu haben oder nicht, berufstätig zu sein oder nicht, zu heiraten oder nicht) zu wählen, ohne dafür diffamiert zu werden. Wir setzen voraus, daß Männer bzw. Frauen bei solch wichtigen Entscheidungen das Gemeinwohl ebenso wie auch die eigenen Bedürfnisse und Interessen berücksichtigen (Mt. 22,39).

Um diesem Ziel näherzukommen, fordern wir:

  • Die hannoversche Landeskirche soll die Stelle einer Beauftragten für die Gleichstellung der Frau einrichten.
  • Alle kirchlichen Gremien sollen paritätisch besetzt werden.
  • Der nächste freiwerdende Superintendentenposten in Ostfriesland soll von einer Frau besetzt werden.

Frieden ist die Frucht der Gerechtigkeit (Jes. 32,17). Wenn wir dieser Erkenntnis folgen, dann darf in der Friedenserziehung das Problem „Sexismus“ nicht verschwiegen werden. Aus diesem Grunde fordern wir, die Problematik, die sich durch Diskriminierung und Unterdrückung der Frau ergibt, im Konfirmandenunterricht zu verdeutlichen und als festen Bestandteil mit in den Themenkanon aufzunehmen.


3. Frieden mit der Schöpfung

Gott hat den ganzen Kosmos geschaffen und das friedliche Zusammenleben aller Geschöpfe gewollt. Unsere Erfahrungen jedoch widersprechen der biblischen Hoffnung auf den Frieden, dem Schalom Gottes für die ganze Schöpfung. Wir spüren selbst, wie sich die ganze lebendige Welt ängstet, wie sie leidet und auf Befreiung wartet (Röm. 8).

Wir sind Leben inmitten von Leben, das leben will (A. Schweitzer). Der moderne Mensch dagegen hat sich allein in das Zentrum des Denkens und Handelns gerückt.
Wir wollen die anderen Geschöpfe neben uns neu entdecken, ihren Eigenwert respektieren und uns erneut in den guten Schöpfungswillen Gottes hineinfinden (Gebet). Unsere Hinwendung zur ganzen Schöpfung und unser Einsatz für das Leben (Tun des Gerechten, Bonhoeffer) bringt uns entfremdete Geschöpfe dem Schöpfer und seiner Welt nahe und „befreit zu dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“ (Barmer Erklärung 1934).

Wir sehen die Existenz unserer Erde massiv von der Zerstörung durch den Menschen bedroht. Der Mensch führt Krieg gegen die Schöpfung. Wir halten eine sofortige Umkehr für notwendig, denn jeder Tag des weiteren Zögerns macht das Weiterleben auf unserer Erde nur noch unwahrscheinlicher.
Umweltzerstörung ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen gegen alles Lebendige. Sie muß weltweit als solches geächtet und bestraft werden. Umweltverträgliches Wirtschaften bedeutet für uns u.a. konkret:
Freiheitsstrafen für die Verursacher von Umweltzerstörung; vor der Herstellung eines Produktes ist die gesicherte Entsorgung des Abfalls nachzuweisen; Ersatz von Giftstoffen durch umweltverträgliche Stoffe; Stop weiterer Landschaftsversiegelung; kein weiterer Ausbau der Atomenergie; schnellstmöglicher Ausstieg aus ihr und Ersatz durch erneuerbare Energien.

Als Verbraucher müssen wir lernen, das richtige Maß zu finden zwischen Askese und Ausbeutung. Die Kirchen sollten eine Gegenreklame machen, um wirkliche Bedürfnisse von manipulierten zu unterscheiden. Dann könnte sich herausstellen, daß eine Veränderung des Verbraucherverhaltens nicht weniger, sondern mehr Wohlbefinden erzeugt, weil wir unsere Bedürfnisse dem Schöpfungswillen anpassen.

Wir wollen unseren Lebensstil ernsthaft verändern. Wir sind bereit, uns für die Erhaltung von Gottes Schöpfung einzuschränken und mit der Umkehr zu beginnen.


4. Erziehung zum Frieden

Friedenserziehung ist ein Prozeß. Wir sind dabei zu lernen; wir sind auf dem Weg:

  • sensibel zu werden für uns und für andere
  • uns selbst und andere anzunehmen, weil Gott uns angenommen hat
  • nicht nur die anderen, sondern auch die eigenen Aggressionsgefühle wahrzunehmen und angemessen damit umzugehen.

Für unsere Bemühungen zur Friedenserziehung bedeutet das:

  • Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im persönlichen und im politischen Bereich
  • Erwachsene und Heranwachsende machen aneinander bewußt, daß jedes Handeln auch politisches Handeln ist und als solches gesehen und geübt werden muß, z.B. Friedenserziehung muß auch in der Schule ihren legitimen Raum haben. Auch Kriegsdienstverweigerer müssen neben der Bundeswehr die Möglichkeit bekommen, sich in der Schule darzustellen.
  • Abbau von Feindbildern durch den Versuch, Andersdenkende zu verstehen.

Wir erwarten von den Kirchenleitungen, daß sie unsere Bemühungen ernstnehmen und unterstützen.

Aurich, am 15. November 1986

 

Quelle: Heinz-Günther Stobbe u.a.: Quellen und Zeugnisse. Münster 1995.

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