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Schweiz, Evangelische Synode, 1986


Was meinen wir mit dem Bund für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ?

Vorwort

Wie leben wir in der Hoffnung, die Gott in Jesus Christus der Welt geschenkt hat? Wie können wir sie weitergeben?

Was haben wir zu sagen und was zu tun im Blick auf eine Zukunft, die von vielen Kindern, Jugendlichen, Frauen und Männern als bedrohend empfunden wird? Wie können wir wirksamere Werkzeuge im Dienst von Gerechtigkeit und Frieden werden?

Welche Reformen drängen sich für die evangelischen Kirchen auf, wenn sie ihren Auftrag erfüllen sollen? Was können sie tun, damit die Gemeinschaft aller Kirchen gefördert wird?

Diese Fragen standen am Anfang des gemeinsamen Weges, den wir als Schweizerische Evangelische Synode seit 1983 gegangen sind. Das Thema für die erste Versammlung in Biel „Dennoch hoffen“ prägte die Synode. Sie ging davon aus, daß wir durch das Evangelium auf einen Weg der Hoffnung gesandt werden.

Seit der ersten Zusammenkunft haben wir uns mit zahlreichen Fragen beschäftigt. Wir haben dabei erfahren, wie schwierig es ist, gemeinsame Perspektiven zu entdecken und zu formulieren. Wir haben auch erfahren, welche Kraft in der Gemeinschaft liegt. Der Austausch und das gemeinsame Suchen haben sich immer wieder als Quelle der Ermutigung erwiesen.

Der Vorschlag des Reformierten Weltbundes und des Ökumenischen Rates der Kirchen, daß sich die Christen aller Konfessionen „in einem konziliaren Prozeß“ zu einem „Bund für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“ zusammenfinden sollen, ist uns von Versammlung zu Versammlung wichtiger geworden. Wir möchten Teil dieses Prozesses sein und meinen, daß der Vorschlag den evangelischen Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften einen Weg eröffnet, wirksamere Werkzeuge im Dienst des Evangeliums zu sein.

Der vorliegende Text ist ein Versuch, zu klären, welche Bedeutung Gottes Bund in der heutigen, vielfach bedrohten Zeit für uns hat.


1. Wir glauben und gehen davon aus, daß Gott sich in seiner Liebe allen Menschen zuwendet und ihnen die Fülle des Lebens geben will.

Gott thront nicht hoch über den Himmeln in unerreichbarer Höhe. Er, der Schöpfer aller Dinge, lebt in allem, was atmet und wächst. Mehr noch: er nimmt sich seiner Schöpfung an. Er will nicht zulassen, daß der Mensch, das Geschöpf, das er „nach seinem Bilde“ geschaffen hat, sich selbst zerstört. Die Erde mit ihren Kreaturen soll nicht zugrundegerichtet werden. Sie sollen vielmehr zur Fülle des Lebens kommen.

Das ist Gottes Bund: Die Zusage, daß Gott sich allen Menschen, ja der gesamten Schöpfung, zuwenden will.

Auch wenn diese Zusage tausendmal ignoriert, verraten und mit Füßen getreten wird, bleibt Gott doch bei seinem Wort. Ja, er geht darüber hinaus: er macht die Zusage eines neuen Bundes. Indem Christus Mensch wird, tritt er an unsere Seite und läßt uns erfahren, was Gemeinschaft mit ihm heißt. Er macht in seiner Person die Kraft der Liebe sichtbar, läßt sich aber auch in die äußerste Verletzlichkeit treiben. Indem Jesus am Kreuz stirbt, wird der Mensch in seiner Auflehnung gegen Gott, in seiner Maßlosigkeit und Gewalt enthüllt. Indem Gott Jesus auferweckt, wird deutlich, daß Gottes Liebe stärker ist als alle Mächte der Zerstörung. Die Kraft seiner Liebe wird schließlich alles durchdringen.

Jedesmal, wenn wir das Abendmahl feiern, hören wir die Worte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute zur Vergebung der Sünden. Der tiefste Sinn des Bundes ist in diesem einen Satz ausgesagt: Gott nimmt uns in unserer Zerbrechlichkeit an und macht uns frei, von neuem Zeugen seiner Liebe in dieser Welt zu sein.


2. Wir glauben und gehen davon aus, daß Gott immer wieder Menschen beruft, seine Treue zu preisen und in dieser Welt zu bezeugen.

Er hat Abraham und Sarah gerufen. Er sagte zu Abraham: Siehe, das ist mein Bund für dich, daß du ein Vater vieler Völker werden sollst (Gen. 17,4). Er hat durch Moses das jüdische Volk gerufen. Er hat es von der Sklaverei und Unterdrückung befreit. „Ihr habt selbst gesehen“, sagt er zu ihm, „was ich den Ägyptern getan und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen und euch hierher zu mir gebracht habe. Und wenn ihr nun auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, so sollt ihr vor allen Völkern mein Eigentum sein; denn mein ist die ganze Erde. Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“ (Ex. 19,4-6).

Das Volk hat seine Berufung immer wieder verleugnet. Es wird zu neuem Gehorsam gerufen. So etwa unter der Herrschaft Josias. Der König suchte das Volk von neuem unter Gottes Willen zu sammeln.
„Und das ganze Volk trat dem Bunde bei“ (2 Kön 23,5).

Nach der großen Niederlage und der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier reden die Propheten Jeremia und Ezechiel von einem neuen Bund, einer neuen Zusage, die Gott machen wird. „Das ist der neue Bund, den ich nach jenen Tagen für das Haus Israel aufrichten will, spricht der Herr: ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und es ihnen ins Herz schreiben; ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein“ (Jer 31,33).

Dieser neue Bund ist in Christus gegenwärtige Wirklichkeit geworden. Da wo er, der Gekreuzigte und Auferstandene, im Glauben angenommen wird, entsteht eine Gemeinschaft von Menschen, die ihr Vertrauen auf Gottes Bund für alle Menschen und die gesamte Schöpfung setzen und bezeugen, daß Gott dabei ist, sein Reich der Liebe herbeizuführen.

Das ist Kirche: Gemeinschaft von Menschen, die durch ihre gemeinsame Existenz ein Zeichen seiner Liebe zu sein suchen.


3. Wir glauben und gehen davon aus, daß die Botschaft von Gottes Bund die Basis für eine „Widerstandsbewegung gegen den Fatalismus“ ist.

Die Botschaft von Gottes Bund ist heute von besonderer Bedeutung. Wir leben in einer Zeit äußerster Bedrohung. Eine Welle von Resignation geht durch die Welt.

Wir reden von Gerechtigkeit. Wir sehen aber, daß das Leben der Menschen wenig geachtet wird. Menschen sterben an Hunger, werden unterdrückt, mißachtet, an den Rand gedrängt. Gewalt und Folter werden im Namen der Ordnung gerechtfertigt. Und um uns herum wird mit Achselzucken erklärt: Opfer sind von jeher unvermeidlich gewesen; sie sind auch heute nicht zu vermeiden. Wer will sich gegenüber diesen Kräften für Gerechtigkeit einsetzen?

Wir reden von Frieden. Wir sehen aber, daß das Arsenal von selbstmörderischen Waffen ständig weiter ausgebaut wird. Ein Konflikt, der das Leben auf unserem Planeten weitgehend vernichten wird, liegt heute im Bereich des Möglichen; manche würden sogar sagen: im Bereich des Wahrscheinlichen. Und um uns herum wird die Meinung vertreten: die Rüstung mit atomaren Waffen ist um unserer Sicherheit willen unerläßlich. Welche Aussicht hat gegenüber diesen Kräften der Einsatz für den Frieden?

Wir reden von Bewahrung der Schöpfung. Wir sehen aber, daß die Eingriffe in die vom Schöpfer gegebene Umwelt immer weitergehende Zerstörung anrichten. Die Kreatur leidet und stirbt. Und um uns herum wird nach wie vor behauptet: Der technologische Fortschritt, der dem Menschen so viel Freiheit bringt, kann nicht ohne diesen Preis erreicht und erhalten werden. Kann dieser Entwicklung noch Einhalt geboten werden?

Wir glauben, daß die Botschaft von Gottes Bund den Grund für neues Vertrauen und neuen Einsatz legt. Sie ist eine Botschaft der Hoffnung gegen alles, was ausweglos erscheint. Sie ruft uns in Erinnerung, daß Gott sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens herbeiführen wird, daß er eine neue Erde schaffen wird. Von Gott her führt auch da ein Weg in die Zukunft, wo wir keinen Weg mehr sehen.

Die Botschaft mit Gottes Bund ruft uns dazu auf, als sein Volk zusammenzustehen und einander Mut zu machen zu neuem Einsatz.

Sie gibt uns nicht die Gewißheit, daß eine „bessere Welt“ herbeigeführt werden kann. Sie gibt uns aber die Gewißheit, daß jeder Schritt der Liebe von Gott als Baustein seines Reiches angenommen wird.


4. Was heißt es, als Kirche unter Gottes neuem Bund zu leben?

Was muß für sie kennzeichnend sein, damit sie ein Zeichen seiner Liebe in der heutigen Welt sein kann? Vier Aspekte seien hier hervorgehoben:


Wir glauben, daß die Kirche unter Gottes neuem Bund eine Gemeinschaft des Austausches und des gemeinsamen Suchens ist.

Am Anfang der Synode sagten wir: Es kann nicht einfach Sache der Kirchenbehörden oder der Spezialisten sein, auf unsere Fragen die Antwort zu geben. Die entscheidenden Anstöße für die Erneuerung der Kirchen und ihrer Verkündigung erwarten wir von der gemeinsamen Besinnung.

Diese Erwartung hat sich bewahrheitet. So wichtig die Kenntnisse von Experten sind, hat sich doch gezeigt, daß das Zeugnis der Kirche nur zur Entfaltung kommen kann, wenn die Einsichten jedes Einzelnen ernst genommen werden. Keine Stimme darf überhört oder übergangen werden.

Nicht weniger hat sich aber gezeigt, daß es des Austausches und der gemeinsamen Besinnung bedarf. Wenn Gott sich ein Volk beruft, richtet er sich zwar an einzelne Menschen. Er redet zu ihnen in der Intimität ihres Herzens. Er wendet sich ihnen zu in ihren persönlichen Fragen. Er macht sie aber zugleich zu Gliedern des einen Leibes. Sie stehen nicht je für sich allein, sondern werden zu einer Gemeinschaft, zu der alle beitragen und in der alle aufeinander angewiesen sind.

Gott will unter uns wohnen. Seine Zusage und ihre Bedeutung für die heutige Welt lassen sich nur in der Gemeinschaft erkennen. Leben unter dem neuen Bund setzt darum den Willen zur Gemeinschaft voraus.

Leben unter dem neuen Bund macht der Vorstellung ein Ende, daß der Glaube eine „Privat-sache“ sei, die „niemanden etwas angeht“. Es gehört zum Bund , daß alle ihre Gaben zusammentragen und gemeinsam vor Gott bringen.

Wenn der Ökumenische Rat der Kirchen von einem „konziliaren Prozeß gegenseitiger Verpflichtung“ redet, hat er diese Art von verbindlicher Gemeinschaft vor Augen.


Wir glauben, daß die Kirche unter Gottes neuem Bund eine Gemeinschaft ist, die sich für alle Menschen öffnet und vor keiner von Menschen aufgerichteten Grenze oder Schranke halt macht.

Gott beruft im Alten Testament ein bestimmtes Volk. Seine Liebe zielt aber von allem Anfang an auf die gesamte Menschheit. In Christus wird diese Absicht endgültig sichtbar. Die Kirche Christi ist eine Gemeinschaft, die sich aus allen Nationen bildet. Sie ist universal. Sie überschreitet die Grenzen der Sprache, der nationalen Zugehörigkeit, der Kultur, der Rasse und der Geschlechter.

Sie verrät ihren Auftrag, wenn sie sich als „geschlossene“ Gemeinschaft versteht. Sie verfehlt ihr Zeugnis, wenn sie sich ausschließlich mit einem Volk, einer Nation, einer Kultur, einer Rasse, oder einem Geschlecht identifiziert.

Wir haben in der Schweizerischen Evangelischen Synode gelernt, wie wesentlich es für die Kirche ist, in diesem universalen Horizont zu leben. Ein glaubwürdiges Zeugnis für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ist nur möglich, wenn die evangelischen Kirchen sich mehr und mehr als Teil der weltweiten Gemeinschaft aller Kirchen verstehen. Eine Kirche, die sich von der Botschaft von Gottes Bund leiten läßt, muß in erster Linie danach fragen, wie sie dazu beitragen kann, daß die Kirche als universale Gemeinschaft ein Ferment für Gerechtigkeit und Frieden unter den Völkern werden kann.

Zwischen Gottes neuem Bund und dem „Bund“ im Sinne der Confoederatio Helvetica entsteht darum unausweichlich eine gewisse Spannung. Wenn sich die evangelischen Kirchen von der Botschaft von Gottes Bund für alle Menschen leiten lassen, müssen sie die übergeordneten Interessen der Gerechtigkeit und des Friedens für alle Nationen in Erinnerung rufen. Sie dürfen weder an den beschränkten Interessen des eigenen Landes hängen bleiben, noch die eigene Sicherheit zum bestimmenden Maßstab des politischen und ökonomischen Handelns machen.
Wir glauben, daß die Kirchen unter Gottes neuem Bund eine Gemeinschaft ist, die in ihrem Leben, Reden und Handeln Gottes „Vor-Urteil“ für die Benachteiligten und Entrechteten widerspiegelt.

Die Evangelien bezeugen uns, daß Jesus immer in erster Linie an der Seite der Benachteiligten und Armen zu finden war. Er ist nicht nur Mensch geworden, sondern hat als Armer unter Armen gelebt.

Die Botschaft von Gottes Bund richtet sich an alle Menschen. Jesus wendet sich aber mit besonderem Nachdruck denjenigen zu, welche Opfer menschlicher Macht, Unterdrückung, Gewalt und Ausbeutung geworden sind. „Gott“, sagt er, „wird Recht schaffen denen, die Tag und Nacht zu ihm schreien.“ Sein Auftreten und seine Predigt sind darum unausweichlich mit einer radikalen Kritik an Macht und Reichtum verbunden.

Wir haben uns in der Schweizerischen Evangelischen Synode von Versammlung zu Versammlung die Frage gestellt, was diese „Parteilichkeit“ Jesu für uns zu bedeuten hat. Was heißt es für die evangelischen Kirchen, was heißt es für jede Gemeinde und jeden Einzelnen, in der Solidarität mit den Benachteiligten sowohl innerhalb als auch außerhalb der Grenzen unseres Landes zu leben?

Wir sind zur Überzeugung gekommen, daß eine Antwort auf diese Frage nur gefunden werden kann, wenn wir uns sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft zum Anwalt der Benachteiligten zu machen suchen.

Wir glauben, daß die Kirche unter Gottes neuem Bund eine Gemeinschaft ist, die „in der Einheit des Geistes das Band des Friedens bewahrt“ (Epheser 4,3)

Gottes neuer Bund, der allen Menschen gilt, kann glaubwürdig nur bezeugt werden von einer Gemeinschaft, die in der Liebe verbunden ist. „Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt“, sagt Paulus. Das Volk, das diese Botschaft verkündigt, muß selbst von der Versöhnung durchdrungen sein.

Jesus hat im letzten Mahl mit seinen Jüngern dargestellt, wie Einheit zu verstehen ist: die Gemeinschaft des Gastgebers mit Gästen, die sich um ihn am selben Tisch versammeln. Sie sind eins, und doch behalten alle ihre Eigenart.

Wir haben in der Schweizerischen Evangelischen Synode immer deutlicher erkannt, daß der heutige Zustand der Spaltung unter den evangelsichen Kirchen, ja unter den Kirchen in der Schweiz überhaupt, im Widerspruch zu Gottes Willen steht. Er kann angesichts des biblischen Zeugnisses auf keine Weise gerechtfertigt werden.

Einheit bedeutet nicht Uniformität. Die Gemeinschaft in Christus läßt Raum für große Vielfalt. Es muß aber deutlich werden, daß die Kirchen in ihrer Vielfalt letztlich von derselben Botschaft erfüllt sind: Gottes Liebe zu allen Menschen und der gesamten Schöpfung.

Jesus hat für diese Gemeinschaft unter seinen Jünger gebetet:
„daß alle eins seien, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, daß auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast“ (Joh. 17,21). Aufgrund dieses Gebets müssen wir ständig von neuem die lebendige Beziehung herzustellen suchen mit allen, die sich zum Namen Christi bekennen.

5. Die Botschaft von Gottes neuem Bund ruft den evangelischen Kirchen der Schweiz ihren Auftrag in Erinnerung. Umkehr und Erneuerung sind erforderlich.

Sind aber die Kirchen, wie wir sie heute erleben, wirklich lebendige Zeichen von Gottes Bund? Wir sind uns in der Schweizerischen Evangelischen Synode immer deutlicher bewußt geworden, in wie mancher Hinsicht sie dahinter zurückbleiben. Wir tragen alle je auf unsere Weise dazu bei.

Die Botschaft von Gottes neuem Bund ist eine Einladung an uns alle zur Umkehr. Sie ist eine Einladung, Gottes Liebe unter uns Raum zu geben und uns den Menschen neu zuzuwenden. Sie ist eine Einladung, uns unter Gottes Bund zusammenzufinden und uns neu auf den Weg zu machen.


6. Was heißt es, Gottes neuen Bund heute zu bezeugen?

Wir nennen fünf Aspekte, die uns besonders wichtig sind:

Gottes neuen Bund bezeugen heißt Gottes Treue in Erinnerung rufen. Gottes Zusage widersteht sowohl falschem Selbstvertrauen als auch der Angst vor der Zukunft.

Die heutige Generation ist durch ein seltsame Mischung von Selbstvertrauen und Angst gekennzeichnet. Einerseits scheint immer mehr „machbar“ zu werden, andererseits wachsen Skepsis und Angst gegenüber der Zukunft. Angesichts der Ungewißheit stellt sich die Versuchung ein, sich von aller Verantwortung zurückzuziehen.

Gottes Zusage des neuen Bundes schenkt dem Menschen eine neue Gewißheit. Er läßt ihn die Kraft seiner Liebe spüren. Er muß sein Leben nicht mehr selbst tragen, sondern kann sich als Gottes Partner erfahren.


Gottes neuen Bund bezeugen heißt sich für eine gerechte Verteilung der Güter in dieser Welt einsetzen.

Gottes Zusage des neuen Bundes macht es unmöglich, sich mit der Ausbeutung, der Armut und dem Hunger in dieser Welt abzufinden. Die Kirche kann nicht anders als jeder Theorie oder Praxis widerstehen, die diesen Zustand direkt oder indirekt zu rechtfertigen sucht. Sie muß die Stimme der Armen zu verstärken suchen.

Das Jubeljahr, das Israel in regelmäßigen Abständen beging (Lev 25), kann in gewisser Hinsicht als Vorbild dienen für die Solidarität, die heute erfordert ist. Wenn fünfzig Jahre vergangen waren, so heißt es in diesem Gesetz, sollten in Israel die Schulden, die einzelne Glieder des Volkes eingegangen waren, erlassen werden. Die Ausbeutung sollte ihre Grenzen haben. Das Jubeljahr war der Augenblick, in dem durch einen besonderen Akt der Solidarität die ursprüngliche Gleichheit der Rechte wieder hergestellt wurde. Sollten unter Gottes neuem Bund nicht ähnliche Akte der Solidarität möglich sein?


Gottes neuen Bund bezeugen heißt sich für die Opfer der Unterdrückung und der Gewalt einsetzen.

Gottes Zusage des neuen Bundes macht es unmöglich, die Augen vor dem Leiden der Opfer menschlicher Unterdrückung zu verschließen. Die Kirche kann nicht anders als jedem Regime widerstehen, das bewußt menschliches Leben eigenen Interessen oder eigener Sicherheit opfert. Sie muß sich der Repression, der Verletzung der menschlichen Würde, der Folter entgegenstellen. Sie muß sich für Menschen einsetzen, die gefährdet sind und für ihr Leben fliehen.


Gottes neuen Bund bezeugen heißt sich für die Erhaltung des Friedens einsetzen

Gottes Zusage des neuen Bundes auferlegt der Kirche die Aufgabe, für den Frieden unter den Menschen einzutreten. Auch wenn Gewalt und Gewalttätigkeit sich nicht aus der Welt schaffen lassen, soll doch die Kirche etwas vom Reich des Friedens vorausnehmen, das Gott herbeiführen will. Sie soll sich mit Nachdruck den Kräften entgegenstellen, die den Konflikt unter den Menschen verschärfen und in kriegerische Auseinandersetzungen umschlagen lassen.

Die Kirche kann nicht anders als dem Unsinn der Rüstung, insbesondere der atomaren Rüstung, widerstehen. Sie muß ein klares und unüberhörbares Nein sagen zu jedem Versuch, die gegenseitige Abschreckung als Sicherung des Friedens auszugeben.


Gottes neuen Bund bezeugen heißt im Respekt vor allem Geschaffenen leben.

Die Zusage von Gottes neuem Bund macht es unmöglich, der fortschreitenden Zerstörung des Geschaffenen durch menschliche Unvernunft widerstandslos zuzusehen.

Gott hat nach der Sintflut einen Bund aufgerichtet für Noah, seine Kinder und alle ihre Nachkommen, sowie „für alle lebenden Wesen, die mit bei euch sind, Vögel, Vieh und alles Wild des Feldes bei euch“. Er verheißt, daß er von sich aus die Schöpfung nicht mehr zerstören werde. Er bekräftigt diese Verheißung durch das Zeichen des Regenbogens.

Erleben wir aber nicht, daß das zerbrechliche Gleichgewicht zwischen Mensch und außermenschlicher Schöpfung durch menschliche Initiative untergraben wird? Erleben wir nicht, daß Gottes Bund von den Menschen als Freibrief für eine maßlosen Umgang mit der Erde mißbraucht wird?

Die Kirche unter dem neuen Bund ist dazu aufgerufen, ein Gegenzeichen gegen diese Entwicklung zu sein.

7. Ein konziliarer Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung? Was heißt es für uns, daran beteiligt zu sein?

Der konziliare Prozeß ist eine Bewegung in den Kirchen.

Der Aufruf an die Kirchen, einen Bund für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zu bilden, will nicht zu einem neuen organisatorischen Zusammenschluß führen. Er will vielmehr, daß die Kirchen sich ihres Auftrages neu bewußt werden und die Beziehungen, die sie miteinander verbinden, vertiefen und festigen.

Das bewußte und aktive Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung gehört unabdingbar zum Bekenntnis der Kirche.

Das Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ist nicht ins Belieben der Kirchen gestellt. Die evangelischen Kirchen der Schweiz müssen deutlich werden lassen, daß Jesus Christus heute nicht an diesen Aufgaben vorbei bekannt werden kann. Bekenntnis heißt nicht nur eine verbale Erklärung, sondern entschiedenes Handeln.

Vertiefte Information ist erforderlich.

Wirkliches Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung kann nur aufgrund von eingehender und zuverlässiger Information zustandekommen. Die Kirchen haben die Aufgabe, durch ihre Information die Stimme der Benachteiligten und Unterdrückten zu Gehör zu bringen. Der konziliare Prozeß ist eine Gegenbewegung gegen die Desinformation, die den Interessen der Mächtigen dient.

Die Voraussetzung für den konziliaren Prozeß ist die Bereitschaft zum Engagement.

Der Aufruf, sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, erfordert von jedem Einzelnen, von jeder Gemeinde, von jeder Kirche eine Neuordnung der Prioritäten. Der Prozeß kann nur in Gang kommen, wenn ihm auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens Zeit, Gebet, Herz und Energie zur Verfügung gestellt werden.

Der konziliare Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung gewinnt Leben durch den Einsatz von Gruppen und Bewegungen.

Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind große Begriffe. Sei werden konkret, wo Menschen sich an einem bestimmten Ort mit einem bestimmten Ziel einzusetzen beginnen. Gruppen, die sich einer bestimmten Aufgabe zuwenden, sind die tragende Kraft des Prozesses.

Nicht alle können sich für alles einsetzen. Jede Gruppe hat zu wählen im Bewußtsein, daß sich andere Gruppen unter derselben Zusage des neuen Bundes anderen Aufgaben zuwenden.

Der konziliare Prozeß erfordert den intensiven Austausch auf allen Ebenen. Er macht es vor allem nötig, daß der Austausch und die Zusammenarbeit über die nationalen Grenzen mit weit größerer Selbstverständlichkeit erfolgen als bisher.

Um gemeinsam Klarheit zu gewinnen über die Fragen, die das Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung aufwirft, bedarf es des ständigen Kontaktes in den Kirchen. Der Aufruf zu einem konziliaren Prozeß ist ein Aufruf zur Kommunikation in der Kirche. Möglichst weite Kreise der Kirche sollten daran beteiligt werden. Synoden sollten sich bewußt als Werkzeuge zur Förderung des konziliaren Prozesses verstehen.

Kontakte unter den Kirchen von Land zu Land sind für das Engagement lebensnotwendig. Klarheit über die Aufgaben der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung läßt sich nur in der weltweiten Gemeinschaft der Kirchen finden. Ökumenische Kontakte können heute nicht mehr von Kirchenbehörden allein wahrgenommen werden, sie müssen auch die Basis über die Grenzen hinweg verbinden.
Da sich Gottes Zusage des neuen Bundes an alle Menschen richtet, sind wir aufgerufen, auch mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich nicht zur Kirche zählen.

Der Glaube an Jesus Christus ist die Grundlage unseres Engagements für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Christen sind aber nicht die einzigen, die sich für diese Ziele einsetzen. Auch wenn wir uns unzweideutig zu Christus und seinem neuen Bund bekennen, verschließen wir uns darum doch der Zusammenarbeit nicht.

Die Begegnung mit Bewegungen, die auf anderen geistigen Grundlagen stehen, kann mithelfen, den eigenen Glauben zu vertiefen und neue Perspektiven zu eröffnen. So wenig wir uns mit der ideologischen Ausrichtung anderer Gruppen oder Parteien identifizieren können und werden, dürfen wir uns doch nicht lähmen lassen von der Angst, im „falschen Lager“ gesehen zu werden. Wir freuen uns vielmehr, wenn für Ziele, die sich aus dem Evangelium ergeben, eine möglichst breite Unterstützung zustandekommt.

Schweizerische Evangelische Synode
8. Synodenversammlung in Basel
14.-16. November 1986
Vorbereitungstext
Basel, 14.-16. November 1986

Quelle: Heinz-Günther Stobbe u.a.: Quellen und Zeugnisse. Münster 1995.

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