3. Frieden -- 3.1 Was ist Frieden?Frieden im christlichen Verständnis ist kein Zustand, sondern ein Prozeß. Dieser orientiert sich an dem Ziel eines gewaltfreien Zusammenlebens der Völker, einer Kultur der Liebe zwischen den Menschen, eines schonenden Umgangs mit der belebten und der unbelebten Natur und eines in Freundschaft mit Gott geführten Lebens. Frieden ist deshalb nicht einfach das Gegenteil von Krieg. Die Abwesenheit von Waffengewalt zwischen Staaten ist notwendig; sie reicht aber für die Verwirklichung von Frieden nicht aus. In Jesus Christus ist uns die Fülle des Friedens als umfassendes Heil
(Schalom) entgegengekommen. Im Alten Testament mündet es in den Bund Gottes
mit dem Volk Israel und wird im gerechten Verhalten gegenüber dem Nächsten
verwirklicht. Im Neuen Testament ist dieser Friede die Gabe Gottes, die uns
durch Jesu Leben, Tod und Auferstehung geschenkt wird und im Heiligen Geist
wirkt. Sie führt die endgültige Versöhnung zwischen Gott und
den Menschen herauf und ermöglicht die Aussöhnung zwischen den Menschen.
Sie wird für uns zur ständigen Aufgabe, Unrecht und Gewalttat zu überwinden
und zur Versöhnung der Menschen untereinander in Gerechtigkeit und Frieden
beizutragen. Frieden kann nur in einem umfassenden Prozeß gestaltet werden, in dem Kriegsursachen beseitigt werden und internationales Vertrauen aufgebaut wird. In dem Maße, in dem dies gelingt, werden die Androhung und Anwendung von Gewalt in den zwischenstaatlichen Beziehungen überwunden den können. 3.1.1 "Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein" (Jes 32,17)Zwischen Frieden und Gerechtigkeit besteht ein unlösbarer Zusammenhang. Der Friede ist das "Werk der Gerechtigkeit", indem Menschen ihr Verhalten an der göttlichen Gerechtigkeit ausrichten. Dabei sind die menschliche Würde, die in der durch Jesus Christus erfüllten Gottesebenbildlichkeit gründet, und das Existenzrecht aller Geschöpfe Maß und Grenze menschlichen Handelns. Im Unfrieden kann keine umfassende Gerechtigkeit gedeihen, und ohne Gerechtigkeit läßt sich kein dauerhafter Friede aufbauen.3.1.1.1Diese Gerechtigkeit nimmt für uns in Gottes Gerechtigkeit ihren Ausgang.
Gott offenbart sich Israel in seiner Rettungs- und Heilstat (vgl. Ex
3,7). Er fordert als Antwort, daß jeder rechttut gegenüber dem Nächsten:
"Lernt Gutes zu tun, sorgt für das Recht, helft den Unterdrückten,
verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen" (Jes 1,17).
Daraus entsteht Gemeinschaft mit den Mitmenschen in Gerechtigkeit und Frieden. 3.1.1.2Würde und Rechte des Menschen sind im biblischen Glauben verwurzelt. Gott ist es, der Würde und Recht verleiht, der Mensch ist immer der Empfangende. Die Würde des Menschen ist in der biblischen Schöpfungslehre begründet.
Gott schuf "den Menschen als sein Abbild" (Gen 1,27). Dieser Schöpfungsakt
hat dem Menschen eine unverlierbare Würde gegeben: "Du hast ihn nur
wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast
ihm alles zu Füßen gelegt." (Ps 8,6 f.) Damit weist Gott
dem Menschen einen besonderen Platz und eine besondere Verantwortung in der
Schöpfung zu. Abbild Gottes zu sein, begründet die spezifische Würde
eines jeden Menschen. Sie beruht nicht auf individuellen Eigenschaften und ist
keine Qualität, die nur für wenige reserviert wäre. 3.1.2 Schuld, Vergebung, VersöhnungChristen und Kirchen haben jahrhundertelang das Führen von Kriegen als legitimen Ausdruck staatlicher Macht und Souveränität verstanden. Christliche Ethik, etwa in Gestalt der Lehre vom gerechten Krieg, war eine Ethik der Begrenzung zwischenstaatlicher Gewaltanwendung. Der Schritt zu einer Lehre vom gerechten Frieden fordert von Christen und Kirchen ein Bekenntnis ihrer Schuld und Umkehr, die sich in konkreten Handlungen der Aussöhnung, Vertrauensbildung und Solidarität äußern muß.Die Aussöhnung betrifft in besonderer Weise jene Völker, zwischen denen kriegerische Auseinandersetzungen stattgefunden haben und stattfinden. Sie gründet in der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, im Bekenntnis der eigenen Schuld und in der Hoffnung auf Vergebung. Daraus können Einsicht und Engagement für eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft und für das Bemühen um eine weltweite Friedensordnung erwachsen.Für die Zukunft stellt sich besonders die Aufgabe der Gewaltminderung.
Lange Zeit hielten es auch Kirchen für gerechtfertigt, Überzeugungskonflikte
mit Gewalt auszutragen. Kirchenspaltungen waren so nicht nur in sich selbst
Quellen des Unfriedens, sondern sie führten auch zu Konfessionskriegen.
Erst allmählich wuchs die Einsicht, daß Glaubensfreiheit der Würde
des Menschen angemessen ist. Aber zugleich nahmen es Kirchen und Christen in
Europa hin, daß zwischenstaatliche Konflikte bereitwillig zum Kriegsgrund
erklärt wurden. |
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