Oekumenische Treffen: Global
Oekumenische Treffen: Weltregional und national
Oekumenische Treffen: Basisbewegung
UN Konferenzen
NGO Begleitkonferenzen
Bibliographie
House of Studies
Kunstgalerie
Home
   

1. Zukunftsfähigkeit


Wie ist der Begriff "Zukunftsfähigkeit" (sustainability) zu verstehen? Es ist nicht unsere Aufgabe, den gegenwärtigen Gebrauch des Begriffs theologisch zu unterlegen. Wir müssen viel mehr im Licht der Heiligen Schrift die Herausforderung deutlich machen, die die ökologische Krise an uns stellt, und Kriterien festlegen, die unsere Antwort bestimmen. Wie also lesen wir die Zeichen der Zeit richtig?

Für die Kirchen ist es wichtig, das Ausmaß und die Komplexität der Herausforderung zu erkennen, und jeglicher Versuchung zu widerstehen, das Problem dadurch kleiner zu machen, daß bestimmte Aspekte unberücksichtigt bleiben. Die ökologische Verantwortung der Menschen ist in einer zukunftsfähigen Gesellschaft untrennbar mit einer starken Verpflichtung für Gerechtigkeit und Frieden verbunden. Die Konzentrierung auf ökologische Aspekte darf diesen weiteren Kontext nicht außer acht lassen.

Es wird immer deutlicher, daß es auf dem Planeten Erde Grenzen menschlicher Expansion gibt. Immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, daß menschliches Handeln längst die Grenzen überschreitet, die einige Umweltbereiche verkraften können, zum Beispiel die Beschädigung der stratosphärischen Ozonschicht. In vielen anderen Bereichen werden diese Grenzen vermutlich in voraussehbarer Zukunft erreicht werden. Ganz allgemein erkennen wir langsam, daß es für viele Bereiche menschlichen Handelns ein Maß gibt, das nicht überschritten werden darf. Wir sehen uns deshalb mit der erschreckenden Aufgabe konfrontiert, durch Indikatoren festzulegen, wie weit menschliche Expansion gehen darf. In jüngster Zeit hat das Konzept des verfügbaren Umweltraumes an Bedeutung gewonnen, durch das auf die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Erde hingewiesen und gefordert wird, daß alle Menschen Anspruch auf gerechte Anteile dieser begrenzten Ressourcen haben.

Obwohl wir über die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Umwelt noch viel mehr wissen und verstehen müssen, können wir uns doch der Notwendigkeit nicht entziehen, schon jetzt zu handeln. Wir unterstreichen die Wichtigkeit des Grundsatzes, daß "rechtzeitig gewarnt" werden muß. Das heißt, daß wir es uns nicht leisten können, im Falle eines ernsthaften Risikos einer Umweltschädigung hochkarätige wissenschaftliche Beweise abzuwarten, bevor wir handeln, um Schäden vorzubeugen. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß Zukunftsfähigkeit ein "bewegliches Ziel" darstellt: Grenzen menschlicher Expansion können nicht ein für allemal festgelegt werden. Die Zukunft mag uns in positiver oder negativer Weise ein neues ernsthaftes Risiko bereithalten. Deshalb müssen wir einen Raum lassen für das noch Unbekannte.

Für die Kirchen ist die Zukunftsfähigkeit untrennbar mit einem erneuerten Aufruf zur Gerechtigkeit verbunden. Umweltbedrohungen dürfen nicht als Vorwand mißbraucht werden, die gegenwärtige ungerechte Verteilung der Güter der Erde aufrechtzuerhalten. Zukunftsfähigkeit setzt die Bereitschaft voraus, die Gaben der Schöpfung innerhalb der Grenzen, die der Menschheit gegeben sind, zu teilen, sodaß die Grundbedürfnisse aller befriedigt werden.

Die Berufung der Kirchen beinhaltet die Verantwortung und das Eintreten für die Menschen, die unter Armut und Ausbeutung leiden. Sie schließt auch die Sorge um das Leben zukünftiger Generationen mit ein: sie sollten einen Planeten erben, dessen Ressourcen ihnen ermöglichen, ein Leben in Würde zu entwickeln und sich daran zu freuen.

Die Umsetzung einer zukunftsfähigen und umweltgerechten Gesellschaft erfordert also einen radikalen Richtungswandel. Wenn Begriffe wie "nachhaltiges Wachstum" oder "nachhaltige Entwicklung" benutzt werden, wird oft vorausgesetzt, daß der gegenwärtige gesellschaftliche Kurs grundsätzlich aufrechterhalten werden könne. Wir verstehen nachhaltiges Wachstum als einen begrifflichen Widerspruch. Langfristig, vor allem angesichts des rapiden Bevölkerungswachstums, können die menschlichen Forderungen an die Schöpfung nicht noch zunehmen, sondern müssen abgebaut werden. Ein ökologisch ausgeglichenes Leben ist nur möglich, wenn die Reichen bereit sind, für sich selbst eine neue Lebensqualität zu akzeptieren.

Diese Herausforderung verlangt vor allem von den reicheren Industrieländern ein Umdenken, damit die wirtschaftlich schwächeren Länder ihre Situation verbessern können. Ihnen muß die Gelegenheit gegeben werden, nach Wirtschaftswachstum zu streben.

Als ein Beispiel, das zu den Themen gehört, die unsere gegenwärtigen Lebensmuster am meisten in Frage stellen, möchten wir unseren Energieverbrauch nennen. Die Emissionen der Treibhausgase, die vor allem durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen entstehen, setzt uns dem Risiko weitreichender Veränderungen der klimatischen Bedingungen auf unserem Planeten aus. Um die Auswirkungen der globalen Erwärmung zu mildern, sind drastische Einschränkungen unseres Energieverbrauchs erforderlich. 1990 wurde bei der Zweiten Weltklimakonferenz erklärt, daß ab sofort eine kontinuierliche weltweite Reduktion reiner CO2 Emissionen um ein oder zwei Prozent pro Jahr erforderlich sei, um bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts die atmosphärischen CO2 Konzentrationen bei circa 50 Prozent über den vorindustriellen Konzentrationen stabilisieren zu können. Da die Verantwortung für diese gefährlichen Emissionen zur Zeit hauptsächlich bei den Industrie nationen liegt, muß ihre Reduzierung dort noch wesentlich höher liegen. Die Industrienationen verursachen gegenwärtig die Mehrzahl dieser Emissionen, und besitzen auch die Mittel und Technologien, um sie einzuschränken. Gleichzeitig wird erwartet, daß die Emissionen der Entwicklungsländer wegen ihres legitimen Wunsches nach Entwicklung in den nächsten Jahren noch bedeutend zunehmen werden. Zusammengesehen nehmen diese Faktoren die Industrieländer in die Pflicht, ihre Emissionen mehr als vorgegeben zu senken. Das Bevölkerungswachstum wird den Druck noch weiter verstärken.

Angesichts dieser Aussichten wird deutlich, daß viele Dinge, die inzwischen in den Industrieländern für selbstverständlich gehalten werden, in Wirklichkeit nicht zukunftsfähig sind. Dies trifft vor allem auf die gegenwärtigen Mobilitätsmuster in Europa zu, und hier vor allem auf die ständige Ausweitung des Straßen- und Luftverkehrs.

Zukunftsfähigkeit setzt Frieden voraus und bedingt ihn gleichzeitig. Konflikte und Kriege stellen eine akute Gefahr dar, nicht nur für menschliches Leben, sondern auch für die Bewahrung der Umwelt. Sie müssen deshalb auch aus diesem Grund vermieden werden. Die übermäßige Ausbeutung der Ressourcen unseres Planeten scheint in sich selbst zum Konflikt zu führen. Der Streit 1995 zwischen Spanien und Kanada über Fischereirechte war ein Beispiel dieser Art von Spannungen. In verschiedenen Regionen war Wasserknappheit ein Grund für Feindseligkeiten. Solche Streitigkeiten können unter Umständen zu bewaffneten Konflikten führen. Zukunftsfähigkeit erfordert deshalb sowohl eine Verpflichtung zu Gerechtigkeit als auch zu friedenschaffenden Maßnahmen.


weiter


powered by <wdss>

Sitemap | Druckversion | nach oben^


© 2016 by Stiftung Oekumene | eMail: ecunet@t-online.de