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Versöhnung - Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens


Das christliche Zeugnis für die Versöhnung
Basistext

Die Versammlung in Graz - ein Fest der Gemeinschaft

(A1) Aus allen christlichen Kirchen Europas und aus allen Regionen dieses Kontinents sind wir, 700 Delegierte, zusammengekommen. Wir schätzen uns glücklich, Gäste anderer Religionen und Kontinente sowie viele tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Graz gehabt zu haben. "Versöhnung - Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens", ist das Thema, das uns zur Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung zusammengeführt hat. Trotz der vielen bekannten ekklesiologischen Differenzen, die zwischen uns bestehen, und die Spaltungen innerhalb der Christenheit verursacht haben, sind wir uns bewusst, dass uns Jesus Christus in der gemeinsamen Trauer über den Skandal dieser Spaltungen und in unserer gemeinsamen Suche nach Versöhnung vereinigt. In diesem Geist stellen wir in diesem Text bestimmte Beobachtungen und Vorschläge für ein umfassendes Verständnis der notwendigen Versöhnung vor. Das bedeutet nicht, dass wir die Bedeutung der Überwindung bestehender ekklesiologischer Differenzen, deren wir uns durchaus bewusst sind, für eine bessere Zusammenarbeit der Kirchen in Europa, die sich gegenwärtig grundlegenden spirituellen und sozialen Problemen gegenübersehen, übersehen.

(A2) Was kann "Versöhnung" für uns in Europa bedeuten, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Hunderttausende von Opfern unter uns immer noch an den Folgen zweier furchtbarer Weltkriege und grausamer Konflikte, die nach dem Fall der Berliner Mauer tiefe Wunden in unseren Kontinent gerissen haben, leiden? Mit welcher Autorität wagen wir als Christen gegen Ende dieses Jahrtausends über Versöhnung zu sprechen, wenn wir uns daran erinnern, dass es mit der Spaltung der Kirche in West und Ost begann? Die Antwort auf diese Frage ist ein erneuertes und gemeinsames Bekenntnis des Glaubens und der Hoffnung in Gott "durch Jesus Christus, unsern Herrn, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben" (Röm 5,11). Doch bevor wir unseren Kirchen und Gemeinden Rechenschaft von unserer Suche nach der Gabe der Versöhnung und den Formen versöhnten Lebens geben, wollen wir zum Ausdruck bringen, wie glücklich wir ü;ber diese Versammlung in Graz sind. Wer hätte vor acht Jahren, als in Basel die Erste Europäische Ökumenische Versammlung stattfand, zu hoffen gewagt, dass wir uns in einem so tiefgreifend veränderten Europa wiederbegegnen würdenWir freuen uns über das Geschenk der Freiheit und der Bewegungsfreiheit; wir begrüssen die neuen Möglichkeiten, uns gegenseitig zu verstehen, einander zu helfen und miteinander zu leben. Während dieser Tage freuen wir uns vor allem darüber, dass wir als das Volk Gottes in unserem Verlangen nach Einheit den Pilgerweg beschreiten.

Der Reichtum unserer Kulturen und Überlieferungen

(A3) Wir freuen uns über den Reichtum unserer unterschiedlichen Kulturen und Überlieferungen. Allmählich gewinnen wir wieder ein lebendigeres Bild von der Weite und Vielfalt dieses Kontinents, obgleich uns die Nachwehen der Ost-West-Konfrontation, die Europa vier Jahrzehnte lang beherrscht hat, noch zu schaffen machen. Wir waren einander fremd geworden. Aber wir haben in dieser freundlichen und einladenden Stadt Graz ein Fest der Gemeinschaft erlebt und neue Freunde und Freundinnen gefunden. Vor allem aber haben wir erfahren, wie tief unser Glaube uns verbindet.

Gemeinschaft trotz grosser Widersprüche

(A4) Wir wollen die Unterschiede und Gegensätze nicht leugnen, die der Vielfalt, die unseren Kontinent charakterisiert, zu Grunde liegen. In Basel 1989 konnten wir kaum die enormen Umwälzungen, die bald darauf ausbrechen sollten, vorhersehen. Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse weiter Teile der Bevölkerung Zentral- und Osteuropas haben radikale Veränderungen erfahren. Obgleich es bedeutende Unterschiede zwischen den Regionen gibt, so scheint es doch einen generellen Trend zu mehr Freiheit und grösseren Perspektiven zu geben. In einer Reihe von ehemals sozialistischen Ländern sind dadurch Probleme entstanden, dass sich das Rechtswesen und dessen Einrichtungen nur langsam entwickelt und als erneuerungsunwillig erwiesen haben. Nichtsdestotrotz stellten die Veränderungen, die schon einige Zeit vor 1989 begonnen haben, für alle europäischen Gesellschaften eine mehr oder minder grosse Herausforderung dar, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln und die Beziehungen zueinander neu zu definieren.

(A5) Die Freude über die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung hier in Graz hat uns in der Überzeugung bestärkt, dass Europa ein offener Kontinent sein muss. Es ist immer wieder deutlich gemacht worden, dass Europa weder aufgrund geographischer, historischer, religiöser noch kultureller Gründe nicht ohne die anderen Kontinente vorgestellt werden kann. Die Vielfalt Europas basiert auf seiner Offenheit, die sowohl seine Stärke als auch seine Verwundbarkeit ist. Darum ist der Friede unabdingbar.

Von der Freude zum Dank: Versöhnung - die Gabe des barmherzigen Gottes

(A6) Die Freude über das Geschenk der Gemeinsamkeit öffnet unsere Herzen zum Dank an Gott, Vater unseres Heilands Jesu Christi, Schöpfer der Welt und Herr der Geschichte. Wir können von Versöhnung nur sprechen, weil wir sie im Leben unserer Kirchen als die Gabe des Gottes erfahren haben, den die Bibel als "barmherzig, gnädig und geduldig" bezeugt (vgl. 2. Mose 34,6; Ps 103,8; 145,8; 111,4; Joel 2,13; Jona 4,2; Lk 1,50; 2. Kor 1,3). Die Heilige Schrift redet zwar auch vom Zorn und der Eifersucht Gottes, doch tut sie das immer vor dem Hintergrund der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Darin stimmen Juden, Christen und Muslime überein. Hier erkennen wir eine tiefe Verwandtschaft, die sich als Grundlage gemeinsamen Handelns anbietet, nachdem sie von einer langen und bitteren Geschichte der Verfolgungen und Glaubenskriege verdeckt worden ist.

In der Liebe Gottes besteht die Schöpfung

(A7) "Wir sind geliebt, noch bevor die Welt begann", sagte die englische Mystikerin Juliane von Norwich (14. Jh.). Sie bezeugt damit, dass der Urgrund der Schöpfung die Liebe Gottes ist. Diese Liebe trägt und erhält das Leben der Welt von einem Moment zum anderen. In den Klageliedern Jeremias lesen wir: "Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende. Neu ist es an jedem Morgen; gross ist deine Treue" (Klgl 3,22-23). Im Buch Sirach heisst es: "Das Erbarmen des Herrn [gilt] allen Menschen" (Sir18,13). Diese Einsicht zeigt, dass Gottes Liebe den gesamten Kosmos umschliesst. Im Licht der unerschütterlichen Liebe Gottes erkennen wir dankbar die Integrität der Schöpfung, die Würde und Schönheit der Welt, obgleich wir auch wissen, wieviel Schmerz und Sinnlosigkeit in ihr Eingang gefunden haben.

Jesus Christus ist Gottes Liebe in Person

(A8) Wir danken Gott, dass uns in Jesus Christus ein klares Bild seiner Liebe gegeben ist. In einem Akt der Selbstentäusserung ist der Sohn Gottes Mensch geworden und war gehorsam bis zum Tode, sogar bis zum Tode am Kreuz (vgl. Phil 2,5-11). Seine Auferstehung weist auf die Erfüllung aller Prophezeiungen hin. Paulus sagt: "Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung anvertraute" (2. Kor 5,19). Gemäss dem Zeugnis, das der Apostel gegeben hat, beginnt Gott eine neue Schöpfung, indem er Christus von den Toten auferweckt hat. Wir sind aufgerufen, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, der ewige Schuld und Bestrafung, Zorn und Rache nach sich zieht. Wir können und müssen uns aus den Ketten der Schuld und der zerbrochenen Beziehungen befreien und Gottes Frieden suchen. Wir Christen waren wiederholt unwürdige Verkünder und Verkünderinnen der Versöhnung. Unser Leben und unsere Taten sind oft unversöhnt und nicht in Gottes Gnade gegründet, die uns in Jesus Christus offenbart wurde. Wir wollen uns daher in Graz den Ruf des Apostels Paulus zu Herzen nehmen: "Lasst euch mit Gott versöhnen" (2. Kor 5,20).

Gottes Geist wirkt unter uns als Kraft der Versöhnung

(A9) Wir danken Gott, weil die Erneuerung der Versöhnung in der Welt am Werke ist. Es ist die Gabe des Heiligen Geistes, an Pfingsten geschenkt, in der wir die fortwährende Gegenwart des auferstandenen Christus in der Geschichte erfahren (vgl. Mt 18,20; 28,20). Wir nennen den Geist heilig, nicht nur weil er aus Gott kommt, sondern auch weil er die Macht hat, unser Leben zu heiligen, das heisst von Grund auf zu verändern und neue Verhältnisse zu schaffen. Das bringt das griechische Wort für Versöhnung, nämlich "katallagé" (buchstäblich eine totale Veränderung, eine neue Schöpfung, vgl. 2. Kor 5,17), zum Ausdruck. Obgleich wir die Schrammen unseres Mangels an Versöhnung tragen, glauben wir, dass diese versöhnende Kraft auch heute noch in uns wirkt. Sie zeigt sich bereits in unserer Sehnsucht nach Versöhnung (vgl. Röm 8,26f) und macht uns bereit, unser Denken und unser Verhalten umformen zu lassen.

Die Trinität - die alles umfassende Bewegung der Liebe

(A10) Als Zeugen des Mysteriums der Liebe Gottes bekennen Christen ihren Glauben an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. So drücken sie die Erfahrung aus, dass in der Person Jesu und in seiner Bereitschaft, sein Leben für uns alle aufzugeben, die Liebe Gottes des Vaters offenbart ist. Durch den Tod und die Auferstehung Jesu ist uns die Gabe des Heiligen Geistes gegeben, durch den wir an der dynamischen Liebe der Heiligen Trinität teilnehmen. Dieser eine und alles umfassende Akt der Liebe Gottes schliesst die gesamte Schöpfung ein und vermag in die Herzen jedes Menschen einzudringen und sie zu verwandeln, und uns den Ursprung, das Beispiel und das Ziel unserer Existenz zu offenbaren im Sinne Jesu Gebet an den Vater: "Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, sollen auch sie in uns sein" (Joh 17,21).

Gottes Güte leitet uns zur Busse

(A11) Im Licht der Barmherzigkeit Gottes erkennen wir sowohl unsere persönliche als auch unsere gemeinschaftliche Sünde. Wir hören die Frage des Apostels Paulus: "Verachtest du etwa den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weisst du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt?" ( Röm 2,4) Wir lesen Jesu Gleichnis über den argen Knecht, der seinen Mitknecht wegen hundert Denaren ins Gefängnis bringt, obgleich ihm der König eine Schuld von zehntausend Talenten, also 50 Millionen Denaren, erlassen hat (vgl. Mt 18,23-35). Gerade weil wir nicht hoch genug von Gottes Güte denken können, stellen wir fest, wie unwürdig wir sind, sie zu empfangen. So führt uns der Dank für Gottes Grossmütigkeit und Geduld dazu, aufrichtig über unsere Schuld, unsere Verfehlungen und Sünden zu sprechen.

(A12) Wir sind uns darüber bewusst, dass Schuld und Leiden unter uns sehr ungleich verteilt sind. Deshalb wollen wir uns nicht an einer Verallgemeinerung des Rituals der Selbsterniedrigung beteiligen. Wir haben allen Grund, für alle Frauen und Männer in Vergangenheit und Gegenwart dankbar zu sein, die treue und gehorsame Botschafter und Botschafterinnen der Versöhnung Gottes waren, oftmals bis zur Aufgabe ihres Lebens für Christus. Da wir aber in Dankbarkeit für Gottes unermessliche Güte vor Gott treten, erkennen wir unsere Gebrochenheit und Sündhaftigkeit in den Augen Gottes ("coram Deo"). So wie die Baseler Versammlung ein ausführliches Sündenbekenntnis und die Betonung der Konversion zu Gott ("metanoia", vgl. Abschnitt 41ff) angenommen hat, so sind wir hier in Graz aufgerufen, uns unsere Mängel und Verfehlungen im Lichte des Rufes Gottes zur Versöhnung zu stellen. Nur wenn wir bereit sind, unsereFehler und Unterlassungen beim Namen zu nennen, und nur wenn wir unsere Schmerzen über erlittenes Unrecht eingestehen, können wir hoffen, uns gegenseitig von diesen Lasten zu befreien und neue Wege in die Zukunft zu finden. Die Versöhnung, die von Gott kommt, führt uns durch das enge Tor der Busse in das weite Tal versöhnten Lebens.

(A13) Die Art und Weise, wie wir hier in Graz im Kontext der Versöhnung über Sünde sprechen, ist nicht nur und auch nicht in erster Linie an dem falschen Verhalten von Einzelnen oder Gemeinschaften ausgerichtet. Wir möchten vielmehr die Dimension des Bösen ansprechen, die tief in unsere Erinnerung als christliche Gemeinschaften in Europa eingebrannt ist, und die uns bis zu diesem Tage verfolgt.

Kirchenspaltungen

(A14) Wir bekennen gemeinsam vor Gott, dass wir die Einheit, für die Christus gebetet hat (vgl. Joh 17,20f), verdunkelt haben. Wir haben der Welt das unwürdige Schauspiel einer gespaltenen Christenheit geliefert. Das ist die verhängnisvolle Konsequenz der Tatsache, dass im Laufe der Geschichte unterschiedliche Schlussfolgerungen für das Leben unserer Kirchen gezogen wurden. Dies führte oft zu gegenseitigen Anklagen, Verurteilungen und Verfolgungen. So wurde die Glaubwürdigkeit unseres gemeinsamen christlichen Zeugnisses geschwächt.

Christen und Juden

(A15) Wir haben eine lange Geschichte der Schuld gegenüber dem jüdischen Volk. Obwohl Jesus aus dem jüdischen Volk kam, nach dem Fleisch, und obwohl unser Glaube ohne den Glauben des Bundesvolkes undenkbar ist, wird unsere Kultur bis heute von tiefen Spuren des Antisemitismus bestimmt. Durch die Jahrhunderte wurden die Juden in vielen Teilen Europas verfolgt. Christinnen und Christen haben dazu beigetragen, weil sie missverstanden oder geleugnet haben, dass Gott seinen Versprechungen treu bleibt. Beispiele dafür reichen bis in die frühchristliche Zeit zurück und tauchen in den Verfolgungen des Mittelalters auf. Besonders in unserem Jahrhundert war Europa Zeuge der unglaublichen Tragödie der Shoah. In Dankbarkeit erinnern wir uns derjenigen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden vor dem Tod bewahrt haben. Trotzdem flammt Antisemitismus immer wieder auf.

Männer und Frauen

(A16) Wir bekennen vor Gott, dass in unseren Kirchen und in unseren Gesellschaften immer noch eine unwürdige Einstellung zu Frauen besteht. Gott erschuf Mann und Frau nach seinem eigenen Bildnis. Jesus Christus, der menschgewordene Gott, sah Mann und Frau als gleich an und betonte, wie in Galater 3,28 dargestellt, nicht ihre Unterschiede, sondern ihre Einheit. Trotzdem gibt es einen tief verwurzelten, manchmal durch Zitate aus Schrift und Tradition unterstützten, Glauben, dass Frauen ein weniger vollständiges Abbild Gottes seien als Männer, und daher ihre gesamte Existenz und Rolle weniger wertvoll und weniger zu respektieren sei. Deshalb wurden den Frauen in Familie, Kirche und Gesellschaft eine den Männern untergeordnete Rolle zugewiesen. Dies spiegelt sich zum Beispiel darin wider, dass es immer noch nicht genug Freiraum für Frauen gibt, den Reichtum ihrer Gaben und Berufungen in den Diensten (vgl. 1. Kor 12,4-13)und Entscheidungsgremien unserer Kirchen auszudrücken. Die physische Gewalt von Männern gegenüber Frauen erstreckt sich von der systematischen ökonomischen und politischen Diskriminierung bis hin zu alltäglichen Formen häuslicher Unterdrückung. Wenn die Bedeutung der Taufe als Eingliederung aller getauften Christen in den einen Leib Christi ernst genommen wird, so müssen alle Formen der Gewalt gegen Frauen wie gegen jedes menschliche Wesen als Wunden am Leib Christi beschrieben werden.

Bruch zwischen den Generationen

(A17) Wir bekennen vor Gott, dass wir als christliche Kirchen zum Bruch zwischen den Generationen beigetragen haben. Wie die Gesellschaft, so wird auch die Kirche von allen Generationen - Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen - gemeinsam getragen. Jedoch sind Entscheidungsprozesse und Entscheidungsstrukturen nur auf bestimmte Generationen beschränkt, obwohl die Entscheidungen alle Generationen betreffen. Dies steht im Widerspruch zum dynamischen Bild der Kirche als wanderndes Gottesvolk, in dem alle Getauften entsprechend ihren Charismen Verantwortung tragen. Dadurch verlieren die Kirchen besonders bei den jüngeren Generationen an Glaubwürdigkeit.

Überlegenheitswahn europäischer Völker

(A18) Viele unserer Kirchen haben sich massgeblich an der Entwicklung eines europäischen Überlegenheitsgefühls beteiligt, mit dessen Hilfe die Beherrschung der Völker der Erde gerechtfertigt wurde. Unsere Kirchen haben zumeist nicht Einsicht und Kraft genug gehabt, die Zerstörung fremder Kulturen aufzuhalten, Völkermorden Einhalt zu gebieten oder den Sklavenhandel zu bekämpfen. Wir haben oft Königreichen und Machtstrukturen religiöse Legitimation gegeben. Bis heute äussert sich diese Art des europäischen Überlegenheitsgefühls darin, dass wir ein Recht auf die Reichtümer und Märkte anderer Kontinente zu haben glauben, und dabei ihre akuten Probleme aber ignorieren und ihre notleidenden Menschen abweisen. Das ist ein Verrat an Gott, der alle Menschen unbeschadet ihrer rassischen, religiösen und kulturellen Prägungen liebt. Deshalb können wir nicht schweigend zusehen. Während wir uns hier versammeln, leiden in vielen Teilen der Welt Tausende von Mitchristen unter Verfolgung und Not. Wir können nicht in Gleichgültigkeit verharren gegenüber der Tatsache, dass europäische Regierungen politische und wirtschaftliche Beziehungen mit Ländern, in denen Christen leiden, weiterhin aufrecht erhalten.

Missbrauch der Schöpfung

(A19) Wir haben dem göttlichen Gebot, allen Kreaturen mit Achtung zu begegnen und für deren Bewahrung zu arbeiten, nicht entsprochen. Wir haben die biblische Anweisung, uns die Erde untertan zu machen, als Rat sie zu unterwerfen und zu beherrschen missverstanden, als eine Lizenz, den Reichtum der Schöpfung willkürlich und selbstsüchtig auszubeuten, wo es sich doch um einen Aufruf zur Haushalterschaft handelt. Bis heute und gegen unser besseres Wissen verharren wir in unseren gewohnten Verhaltensmustern und bequemen Konsumgewohnheiten.

Busse verdeckt nicht die Unterschiede zwischen uns

(A20) Im Spiegel der Güte Gottes erkennen wir nicht nur, dass wir gemeinsam in Gottes Schuld stehen und seiner Vergebung bedürfen, sondern auch, was wir einander und der Welt schuldig geblieben sind. Doch führt diese Schärfung unseres Gewissens nun auch dazu, die unterschiedlichen Abstufungen von Schuld und Leid unter uns zu benennen. Frauen hatten und haben mehr zu leiden als Männer. Kinder haben mehr gelitten als Erwachsene. Kleinere Völker waren und sind der Aggressivität mächtigerer Völker oft schutzlos ausgeliefert. Das Recht von Minderheiten wurde und wird mit Füssen getreten. Das gilt zum Beispiel für die Sinti und Roma, deren bittere Geschichte von Verachtung und Verfolgung überall in Europa eine beschämende Wirklichkeit ist. Es gilt auch für die Menschen, die aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der Karibik stammen und immer wieder Opfer von Rassenhass und Fremdenfeindlichkeit werden. Wir wollen die tiefen Unterschiede zwischen Tätern und Opfern nicht verwischen. Wir sagen nicht, dass wir alle in gleicher Weise schuldig sind oder gelitten haben. So ist es denen unter uns, die aus den westlichen Ländern Europas kommen, ein Anliegen, ausdrücklich auszusprechen, dass viele von uns während dieser Zeit über die Leiden von Christinnen und Christen hinweggesehen haben, die in den Ländern unter kommunistischer Vorherrschaft leben mussten. Wir reden nicht von Vergessen. Es geht um mehr als den blossen Respekt unserer Erinnerungen. Wir verstehen Versöhnung zwischen uns als den immer wieder neuen Versuch, Verbitterung und Verdrängung in unseren Erinnerungen zu vergegenwärtigen und sie dadurch einer Heilung zuzuführen.

Versöhnung ist kein Ersatz für Gerechtigkeit und Wahrheit

(A21) Wir bestätigen ausdrücklich, dass die Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit durch die Botschaft von der Versöhnung nicht ausser Kraft gesetzt wird. Leider ist das Wort "Versöhnung" für viele Menschen zu einer billigen Vokabel geworden, weil es oft dazu benutzt worden ist, Schuld zu verharmlosen und den Mantel falscher Nachsicht über Geschehnisse zu breiten, die kritischer Offenlegung bedurft hätten. Wer Unrecht leidet, muss sich auf ein Rechtswesen verlassen können, das von unbestechlichen Richterinnen und Richtern vertreten wird und faire Verfahren garantiert, damit die Würde des Geschädigten wieder hergestellt und der erlittene Schaden ausgeglichen werden kann. Wer das Recht bricht, muss auf Bestrafung gefasst sein. Es gibt für den Täter von Unrecht keinen Anspruch auf Versöhnung, genauso wenig wie von den Geschädigten eine gleichsam automatische Vergebungsbereitschaft erwartet werden darf.

Gnade geht weiter als Gerechtigkeit

(A22) Trotzdem halten wir fest, dass die Barmherzigkeit Gottes das Recht, das Menschen zu bilden und zu pflegen haben, umfassen und tragen muss. Nur so lässt sich vor der Gefahr schützen, dass Gesetze als Instrument von Machtkämpfen oder für egoistische Interessen missbraucht werden. Die Versöhnung Gottes reicht weiter als alle Sühne, Genugtuung und Berichtigung, die unsere Rechtsordnungen herbeiführen können, denn sie vermag, unser verwundetes Leben zu heilen und unsere Würde wieder aufzurichten. Wo wir von der Macht dieser Versöhnung berührt sind, können wir darauf verzichten, unsere Leiden aufzurechnen und zu vergleichen, so wie wir auch aufhören können, unsere Schuld zu leugnen und zu verdrängen. Als die von Gott ohne Mass und Ende Begnadigten erfahren wir, dass Gnade vor Recht geht.

In der Schule des Erbarmens

(A23) "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!" heisst es bei Lukas (6,36). Einer der vielen, oft unbekannten Zeugen dieser Botschaft war der heilige Isaak der Syrer (7. Jh.). Er schlug vor, dass unser Leben als Christinnen und Christen einem Eintritt in die "Schule des Erbarmens" gleichkomme. Er war davon durchdrungen, dass der Geist des barmherzigen Gottes in uns ein "barmherziges Herz" schaffen wolle. "Was ist nun ein barmherziges Herz? Es ist das Herz, welches sich um der ganzen Schöpfung willen verzehrt, für die Menschheit, die Vögel, die Tiere, die Dämonen und für jedes Geschöpf... Durch sein grosses Erbarmen wird sein Herz demütig, und er kann es nicht vertragen, irgendeine Verletzung oder den kleinsten Kummer in der Schöpfung zu hören oder zu sehen" (71. Homilie). Wir entdecken in diesen Worten eine Spiritualität des "Mit-Leidens" mit Gottes Schöpfung, die an die radikale Demut und Armut vieler christlicher Reformbewegungen erinnert, vor allem an die des Heiligen Franziskus von Assisi. Dieses "Mit-Leiden" ist sehr viel mehr als Mitgefühl oder Mitleid. Ihre Grundlage ist das unbestechliche Wissen um das Leid der Opfer. Darum sucht sie nach Möglichkeiten, jene wieder aufzurichten, die erniedrigt wurden und fordert die, die Unrecht tun, auf, ihre ungerechtfertigte Machtausübung aufzugeben. Wiederherstellung und Korrektur, das Aufgeben und der Verzicht bilden die Grundlage für eine Praxis der Versöhnung. Diese findet ihren vollen Ausdruck in dem Gebot Jesu: "Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt" (Joh 13,34-35). Diese tief empfundene und gegenseitige Liebe zu leben, ist nötig und möglich.

Der Strom der Liebe zwischen den Generationen

(A24) Die "Schule des Erbarmens" gibt es auch in unserer Zeit und an vielen Orten. Sie findet ihren ersten Niederschlag in der Familie. Viele Frauen und Männer, Grosseltern, Eltern und Kinder, Verwandte, Freundinnen und Freunde geben davon tägliches Zeugnis in der Wirklichkeit einer unerwarteten und unauffälligen Barmherzigkeit. Durch die Generationen fliesst ein Strom der Liebe. Er bewährt sich ohne grosse Worte, wo Zerwürfnisse bereinigt werden, wo Böses mit Gutem vergolten wird und Menschen versuchen, ihre Gegner mit Freundlichkeit und Liebe für sich zu gewinnen (vgl. Mt 5,44). Gerade weil wir wissen, wie tief die Konflikte zwischen den Generationen reichen und wie verbreitet die Gewalt zwischen den Generationen ist, bekräftigen wir, wie wichtig die Aufgabe der Versöhnung zwischen den Geschlechtern und Generationen ist. Die Bestätigung der Würde unserer älteren und jüngeren Mitmenschen, der Schutz der Schwachen und die Sicherung des Rechts auf Leben der Kinder, einschliesslich der Ungeborenen, sind der Gradmesser für die Menschlichkeit unserer Gesellschaften. Es ist eine grosse Herausforderung für die Kirchen, die Würde und Heiligkeit allen Lebens zu bestätigen.

Versöhnte sind Gehilfen der Freude

(A25) In der "Schule des Erbarmens" ist die sichtbare Einheit ("Koinonia") der Kirchen eines der zu verfolgenden Hauptthemen. Der Apostel ermahnt die Christen von Ephesus: "... ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält" (Eph 4,2f). Wir haben allen Grund, für die Art und Weise, wie wir einander näher gekommen sind, dankbar zu sein. Wir beziehen uns zum Beispiel auf die 5. Europäische Ökumenische Begegnung von KEK und CCEE (Santiago de Compostela, 1992) sowie auf die Vereinbarungen von Leuenberg, Meissen und Porvoo. Zur gleichen Zeit müssen wir feststellen, dass es neue Schwierigkeiten und komplexe Situationen gibt, die uns herausfordern, neue Initiativen zu ergreifen. Wie die Generationen vor uns sind wir aufgerufen, nach der von Christus gestifteten sichtbaren Einheit, zu streben. Wir schulden der Welt, das Wort von der Versöhnung in und unterunseren Kirchen zu bewahren. Dazu gehört, aufrichtig zu benennen, was uns noch trennt, um Vorbehalte und Misstrauen zu überwinden. Dazu gehört auch, alles gemeinsam zu tun, was wir mit gutem Gewissen gemeinsam tun können. Das ist mehr, als wir gemeinhin denken. Frauen haben eine spezielle Gabe bei der Entwicklung einer Spiritualität des Teilens, der Anwaltschaft und des Feierns bewiesen. Der Apostel Paulus hält fest: "Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude; denn im Glauben seid ihr fest verwurzelt" (2. Kor 1,24). Dies umfasst Gebet und Fürbitte, den Dienst in der Nachbarschaft und den Städten, gemeinsame Erziehungs- und Ausbildungsprogramme, diakonische Projekte und gemeinsame Missionsprogramme. Wir erachten es als ebenso wichtig, dass Mehrheitskirchen die Anliegen von Minderheitskirchen in ihren jeweiligen Ländern respektieren und unterstützen.

Versöhnte Partnerschaft und der Dialog mit anderen Religionen und Kulturen

(A26) Wir versuchen zu beherzigen, dass Gott "keinem von uns ... fern" ist, wie der Apostel Paulus den Athenern bezeugte (Apg 17,27). Loyalität zu unserem Glauben sollte mit der Achtung vor den Einsichten Andersglaubender einhergehen. Es ist eine dringende Aufgabe der Kirchen, die Beziehung zwischen Evangelium und Kultur zu reflektieren. Es ist ebenso wichtig, unsere Missionspraktiken zu überdenken. Wie wichtig diese Einstellung ist, wird uns deutlich bewusst, wenn wir uns an die Religionskriege erinnern, die eine blutige Spur durch die Geschichte unseres Kontinents gezogen haben. Bis heute stehen religiöse Gegensätze in der Gefahr, für politische Konflikte instrumentalisiert zu werden. Darum fällt uns in den Kirchen die Verantwortung zu, entschlossen und aktiv für die Auflösung ererbter Feindbilder und die Schaffung dauerhafter Bündnissysteme einzutreten. Wir dürfen nicht zulassen, dass unterschiedliche Glaubensüberzeugungen benutzt werden, um kriegerische Konflikte zu rechtfertigen. Das bedeutet für uns auch, Missverständnisse und Rivalitäten im Blick auf andere Religionen abzubauen. Gegen alle Vorboten eines unausweichlichen "Kampfes der Kulturen" wollen wir Toleranz und Zusammenarbeit fördern. Eine besonders dringliche Aufgabe sehen wir in bezug auf den Islam, nicht nur weil heute an die 30 Millionen muslimische Gläubige in Europa leben, sondern weil zwischen dem Christentum und dem Islam eine lange und bittere Geschichte der Verunglimpfungen und Feindschaften besteht, die im Geiste versöhnter Nachbarschaft überwunden werden muss. Jungen Menschen muss eine bedeutende Rolle im gegenwärtigen interreligiösen und interkulturellen Dialog zukommen. Der Prozess der Globalisierung, steigende Mobilität und effektivere Kommunikationsmöglichkeiten haben geholfen, neue Möglichkeiten für einen solchen Dialog und eine neue Offenheit und Toleranz gegenüber der Vielfalt zu erschliessen.

Schutz der Schwachen - Wirtschaft im Zeichen von Barmherzigkeit

(A27) Europa ist im Grunde ein reicher Kontinent, nicht nur hinsichtlich der natürlichen Ressourcen, sondern auch hinsichtlich der Tradition menschlicher Initiativen und Kreativität. Trotzdem wachsen die Heere der Frauen und Männer, die arbeitslos, Sozialhilfeempfänger, obdachlos und notleidend sind. Die politische Freiheit und die Stärkung der Demokratie, die seit 1989 in unseren Ländern so ermutigende Fortschritte gemacht haben, erhöhten noch weiter die Vielfalt der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Darunter leiden vor allem alte Menschen, Grossfamilien, alleinerziehende Mütter und junge Menschen. Behinderte werden noch stärker als bisher ausgegrenzt, obgleich einige Länder deren Versuche zur Selbstverwirklichung verbessert haben. Asylsuchende werden in ganz Europa immer häufiger abgewiesen, während rassistische Übergriffe zunehmen.

(A28) lm Spiegel der Barmherzigkeit Gottes erscheint unsere von engen Geldinteressen und forcierter Profitgier geprägte Wettbewerbsgesellschaft als zutiefst rücksichtslos und unbarmherzig. Wir treten in den Kirchen für die Entwicklung ökonomischer Systeme ein, die auf den Schutz der Schwachen in allen Teilen der Welt abzielen und auf die inhärenten Werte aller Menschen gerichtet sind. Wir suchen nach Systemen, die Kreativität nicht nur für den Profit, sondern auch für die Solidarität und die Lösung sozialer Probleme durch eine Partnerschaft zwischen dem Staat und persönlichen und gemeinschaftlichen Initiativen fördern. Es ist schädlich und sinnlos, aus Europa eine Festung zu machen, die sich gegen die Nöte anderer Kontinente abzuschotten sucht. Ebenso erfordert es das Lebensrecht der kommenden Generationen, dass wir, die heute Lebenden, die Kosten unserer Art zu wirtschaften nicht länger auf die Zukunft abwälzen. Die Konsequenz von Versöhnung besteht eben auch im Verzicht auf exzessiven Gewinn und unverhältnismässigen Konsum. Es ist unsere Aufgabe, Kriterien für soziale, wirtschaftliche und politische Lösungen zu entwickeln, die es uns ermöglichen, sie hinsichtlich menschlicher Würde, Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität zu bewerten.

Versöhnung und Friedenspolitik

(A29) Die Politik ist eine wichtige Arena der Versöhnung. Wir treten für die Entwicklung von Sicherheitskonzepten ein, die ganz Europa umfassen, und die vermeiden, dass Europa für andere Teile der Welt zur Bedrohung wird. Die Entwicklung gemeinsamer demokratischer Institutionen und die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit von ganz Europa stärkt die Stabilität und vermindert die Konfliktgefahr. Auf der anderen Seite, wenn Teile Europas in einem Sicherheitsvakuum gelassen werden, könnten die Gelegenheiten einer politischen Manipulation alter Spannungen zunehmen. Die Europäischen Institutionen sollten als Instrumente der Versöhnung und für die Schaffung eines Europas ohne trennende Grenzen dienen, wo Sicherheit durch Zusammenarbeit und nicht durch Abschreckung gesucht wird. Wir bekräftigen die Aussage von Basel, wonach es "in unseren Ländern oder auf unserem Kontinent ... keine Situation [gibt], die einen Einsatz von Gewalt verlangen oder rechtfertigen würde" (Nr. 61). Wir lassen uns nicht in der Überzeugung beirren, dass Völkerversöhnung möglich ist, auch wenn dieses Wort oft missbraucht wurde. Deshalb befürworten wir die Entwicklung und Förderung von freiwilligen Diensten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Versöhnung im Haushalt des Lebens

(A30) Wir sind (zufällig) die erste Generation in der langen Geschichte der Menschheit, denen es vergönnt ist, diese Erde von aussen zu sehen. Wir nehmen sie als den "blauen Planeten" wahr, umgeben von dünnen Luft- und Gasschichten, wie verloren in der ungeheuren Weite des Universums. Umso grösser ist unser Staunen darüber, dass diese Erde solch eine unermessliche Vielfalt von Lebewesen beherbergt. Wir beginnen zu lernen, dass dieser Planet klein, endlich und verletzlich ist, während wir gewohnt waren, ihn für "eine grenzenlose Welt"zu halten. Darum nahmen wir uns auch die Freiheit, die Güter der Erde ohne Rücksicht auf ihren Eigenwert und ohne Beachtung ihrer Begrenztheit auszubeuten. Jetzt wird uns bewusst, dass wir dabei sind, die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu überschreiten und damit den Haushalt aller Kreaturen, der auch unser eigenes Heim ist, zu verwüsten. Versöhnung mit der Natur heisst darum unter anderem für uns, die Integrität der klimatischen Bedingungen und der ökologischen Systeme zu bewahren und das Recht aller Lebewesen auf die Unverletzlichkeit ihrer genetischen Eigenart zu achten.

Versöhnung und weltweiter Lastenausgleich

(A31) Die Geschichte Europas und auch unserer Kirchen ist auf vielfältige Weise mit der anderer Kontinente verzahnt. Das Zeitalter des Kolonialismus wich einer neuen Ära, in der Grossmächte ihre Machtansprüche durchsetzen. Europa bleibt zwar eine bedeutende globale Macht und die gegenwärtigen Pläne, die Europäische Union zu stärken und zu erweitern, müssen von der Erkenntnis der globalen Verantwortung geprägt sein. In dem sogenannten "globalen Dorf" wird es jedoch immer schwieriger, dass nur der Staat das zur Verfügung stellt, was die Menschen für ein gutes Leben erwarten. Mit der zunehmenden Globalisierung aber besteht die sehr realistische Gefahr, dass Menschen dem Markt und den Wirtschaftsmächten untergeordnet werden. Als gläubige Menschen können wir nicht akzeptieren, dass Reichtum in den Händen einiger weniger Privilegierter konzentriert wird. Globale Möglichkeiten müssen mit globalen Regeln und globale Vermarktung mit einem globalen Netz der Solidarität einhergehen. Die Erde ist unser kostbares aber verwundbares Zuhause. Wir müssen unsere Schulden gegenüber der Umwelt sorgfältig überwachen und die Verteilung der Finanzschuld unter den Völkern der Erde neu bewerten, weil der Erlass von Schulden eine wichtige Voraussetzung ist. Wahre Versöhnung ruft uns auch dazu auf, die Verträglichkeit gegenwärtiger Management-, Produktions- und Konsumpraktiken zu überprüfen. Unsere Bereitschaft, auf unfaire Vorteile zu verzichten, ist eine lebenswichtige Voraussetzung für eine gerechtere Verteilung und die Bewahrung der natürlichen Ressourcen der Erde.

Versöhnung - Annahme unserer Endlichkeit

(A32) Es geht bei Versöhnung nicht nur um ethische Herausforderungen. Der Gedanke des Loslassens und Verzichtens zielt auf Kernfragen menschlicher Existenz. Wir erkennen hinter den Versuchen, möglichst alles zu haben, zu besitzen, zu kontrollieren und zu verteidigen, auch das wahnhafte Bemühen, die Nähe des Todes zu leugnen oder doch wenigstens die Risiken des Lebens abzusichern und soweit als irgend möglich zu beherrschen. Sobald wir uns hingegen mit unserer Endlichkeit anfreunden, werden wir aufgeschlossen für die Möglichkeiten, die wir als Mitmenschen und Mitgeschöpfe in einer endlichen Welt haben. Indem wir lernen "unsere Tage ... [zu] zählen" (Ps 90,12), kommen wir dem Mass des Menschlichen näher und damit auch dem Mass des Verträglichen für alle Geschöpfe. Wenn wir von einer "Schule des Erbarmens" sprechen, meinen wir keine beschaulichen Enklaven, sondern eine Bewegung des Widerstands gegen die verbreitete Tendenz, die Menschen in "Gewinner" und "Verlierer" aufzuteilen und ihren Wert danach zu bemessen. Wir wissen, um die Endlichkeit des menschlichen Lebens, und doch glauben wir daran, dass wir auf einen neuen Himmel und eine neue Erde hoffen dürfen. Der Horizont der Erwartung des Reiches Gottes wandert mit uns und hilft uns, unser Mass als sterbliche Menschen zu finden und alle Versuchungen der Allmacht und Überheblichkeit zu bekämpfen. Das Magnifikat der Mutter Jesu erinnert uns daran, dass Gott die Gewaltigen von ihren Thronen stösst und die Niedrigen erhebt (vgl. Lk 1,52).

Die Versöhnung feiern

(A33) Versöhnung nimmt unser ganzes Leben in Anspruch, aber sie ist mehr als Arbeit und alles andere als Zwang. Sie bleibt eine Energiequelle, die uns von Gott her erreicht und erhält. Deshalb verstehen viele unserer Kirchen Busse und Versöhnung als ein Sakrament, als eine Tiefendimension unseres Daseins, die uns in der Hektik des Alltags leicht aus den Augen gerät. Diese sakramentale Dimension ist in unseren Kirchen in verschiedener Weise zum Ausdruck gekommen. Doch ist es wichtig zu wissen, wieviel uns gemeinsam ist. Wir bestehen darauf, dass der Sonntag mehr als ein freier Tag ist, und versuchen, ihn durch unsere Gottesdienste zu heiligen. Damit bezeugen wir auch, dass wir Menschen nicht über die Zeit verfügen, sondern unseren Platz in der Zeit finden müssen. Jede Taufe ist ein Hinweis auf die einzigartige Würde, die allen Menschen zukommt. Im Wasser der Taufe erkennen wir die Gegenwart des Geistes, der die Quelle allen Lebens ist und uns zu einem Teil des Leibes Christi werden lässt. In der Eucharistie feiern wir letztlich unsere Teilhabe am Werk des Versöhners, der sein Leben gab, damit wir unserer ganzheitlichen Bestimmung gemäss leben können und durch seine Wunden geheilt werden (vgl. Jes 53,5). Weil er uns mit sich selbst und untereinander versöhnt hat, sind wir verpflichtet, alle notwendigen Schritte zu einer gemeinsamen Feier der Eucharistie zu unternehmen.

Erlassjahr im Geist der Versöhnung

(34) Die Herausforderungen und Aufforderungen für die Familie der Christen in Europa werden bei der kommenden Feier zur zweiten Jahrtausendwende nach der Geburt Christi, unseres Herrn und Heilandes, wie in einem Brennglas deutlich. Das "Gnadenjahr des Herrn" ist ein entscheidender Moment in unserer Geschichte, an dem wir in unserer Unzulänglichkeit durch den Geist, der uns zu Jüngerinnen und Jüngern Christi macht, erneuert werden. Der Geist sendet uns aus, die "gute Nachricht" zu verkünden. Unser christlicher Glaube verlangt, dass wir uns für die Freiheit und Würde aller Menschen einsetzen. In unserem Hunger für Gerechtigkeit erheben wir unsere Stimme für die Armen, und insbesondere für solche Länder, deren Zukunft durch die lähmenden Auslandsschulden und unsere habsüchtige Ausbeutung ihrer nicht erneuerbaren Ressourcen, gefährdet ist. Der Geist ruft uns auf, umzukehren und uns erneuern zulassen als Menschen, die mit Gott und untereinander versöhnt sind. Der Geist drängt uns unaufhörlich für die Aufhebung der tragischen Spaltungen, die den Körper Christi verwunden, zu beten und zu arbeiten. Der Geist geleitet uns in das dritte Jahrtausend und erinnert uns an Jesu Verheissung, immer bei uns zu sein. Der Geist erfüllt uns mit dem Vertrauen, dem Mut und der Erkenntnis, dass uns selbst die Botschaft der Versöhnung und der Dienst an der Versöhnung aufgetragen sind.

(A35) Das Gebet und das Hören auf das Wort Gottes waren für uns während dieser Tage ein Fest der Versöhnung. Dadurch haben wir die Gabe Gottes erfahren und sind einander näher gebracht worden, um uns zu befähigen, die nächsten notwendigen Schritte auf unserer Reise zu gehen. Wir haben uns an die Wunder der Liebe Gottes und an unser Versprechen, Jesus zu folgen, indem wir unsere Nachbarin und unsern Nachbarn lieben wie uns selbst, erinnern lassen. Wir sind ermutigt worden, fest in der Erwartung des Gottesreiches zu bleiben. "Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes" (2. Kor 1,3).
 

* Angenommen mit 454 Stimmen, bei 5 Gegenstimmen und 31 Enthaltungen.
Übersetzt aus dem englischen

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