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Neue Praxis ökologischer Verantwortung, jetzt und im Hinblick auf kommende Generationen


Warten der Schöpfung auf Vollendung (B40) Die Ökumenische Versammlung von Basel hat mit Recht die europäischen Kirchen daran erinnert, dass die Friedensverheissung Gottes keineswegs nur dem Menschen, sondern der ganzen Schöpfung gilt (vgl. Nr. 26). Die überströmende schöpferische Lebensfülle des dreifaltigen Gottes und die alles verwandelnde Kraft von Gottes Barmherzigkeit bringt beständig die staunenerweckende und geheimnisvolle Welt der geschöpflichen Wirklichkeit hervor und durchdringt sie, um sich in ihr immer klarer und herrlicher auszudrücken. Basel sagte: "Gemeinsam mit der ganzen Schöpfung warten wir, dass uns diese zukünftige Herrlichkeit offenbart werde, und wir wissen, dass erst dann unsere Sünde endgültig besiegt sein wird. Aber wir wissen auch, dass diese Zukunft bereits hier und jetzt in unserem Leben auf Erden begonnen hat. Deshalb ist es unsere wichtigste Aufgabe, hier und jetzt Gottes Frieden und Gerechtigkeit zu suchen - im Bewusstsein unserer Solidarität mit der ganzen Schöpfung Gottes" (Nr. 27).

Ursprüngliche religiöse Ehrfurcht gegenüber der Schöpfung (B41) Von der inneren, gleichsam geistlichen oder sakramentalen Dimension der Welt, in der wir leben, wissen alle Religionen in irgendeiner Weise. Schon früh erfuhren sie voll Ehrfurcht in der gewaltigen Schönheit des Kosmos oder der schier unzerstörbaren Lebenskraft der Erde die Grösse und Lebendigkeit des Göttlichen. Auch in den weisheitlichen Traditionen des ersten Testaments, bei Paulus im zweiten Testament und in einer Fülle von Zeugnissen patristischer Theologie begegnet uns diese Haltung der Ehrfurcht, des Staunens und der Freude angesichts des göttlichen Schöpfungswerkes. Es blieb späteren Generationen vorbehalten, diese Spur fast zu vergessen oder zu verwischen und den jüdischen und christlichen Schöpfungsglauben in eine religiöse Rechtfertigung menschlicher Naturbeherrschung umzudeuten, die keine Schranken kennt. Dieses Missverständnis unserer eigenen Überlieferung hat nicht nur dazu geführt, die Weisheit anderer Religionen und Kulturen gering zu achten und oft auch deren Überlieferung zu vernichten. Sie hat ausserdem dazu beigetragen, die masslose Zerstörung der Natur zu legitimieren, deren Zeuginnen und Zeugen wir alle sind.

Neuzeitliche Wissenschaftsgläubigkeit (B42) Die moderne Naturwissenschaft lebt wesentlich von der "Entzauberung der Natur", die vor allem in der jüdisch-christlichen Tradition in Gang gesetzt wu rde, und hat sich zu einem der bedeutsamsten Mittel menschlicher Naturbeherrschung entwickelt. Die segensreiche Wirkung ihrer Erkenntnisse und ihrer technischen Nutzung in vielen Bereichen des menschlichen Lebens kann niemand im Ernst leugnen wollen. Doch spätestens seit der Entdeckung der Atomenergie erwachte im allgemeinen Bewusstsein ein Gespür für die Zwiespältigkeit dessen, was früher stolz als "der wissenschaftlich-technische Fortschritt" gefeiert wurde. Er hat sowohl im Bereich der planwirtschaftlich als auch im Bereich der marktwirtschaftlich geprägten Länder zu grossen ökologischen Verwüstungen geführt. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Probleme rücken die ökologischen Notwendigkeiten weiter in den Hintergrund.

Schönheit der Schöpfung (B43) Bei aller Kritik an der Wissenschaft dürfen wir nicht vergessen, was wir ihr verdanken. Wir meinen damit nicht nur die praktischen Erleicht erungen des Lebens durch die Technik oder die Leistungen der Medizin. Die moderne Forschung öffnet uns auch auf ganz neue Weise die Augen für die Wunder der Schöpfung und nicht zuletzt für ihre ästhetische Qualität. Die Raumfahrt hat uns erstmals in der Menschheitsgeschichte einen Blick auf unseren eigenen Planeten ermöglicht, und die Astronomie liefert tagtäglich Bilder von atemberaubender Schönheit. Je mehr wir in mikroskopische Tiefen eindringen oder in astronomische Weiten vorstossen, desto klarer wird uns, wie sehr die Schöpfung unsere Fassungs- und Vorstellungskraft übersteigt. Wir als gläubige Menschen können nicht anders, als darin ein Gleichnis für die überwältigende, alles überstrahlende Grösse und Herrlichkeit Gottes zu sehen. Daher gibt es aus unserer Sicht keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glauben. Richtig verstanden, kann uns die Wissenschaft helfen, d ie ästhetische und spirituelle Dimension der Natur auf eine Weise zu erfahren, die uns modernen Menschen und gleichzeitig alter Weisheit entspricht. Es handelt sich also darum, unser einseitiges Verhältnis zur Schöpfung zu korrigieren und im präzisen Sinn des Wortes mehr in ihr sehen zu lernen als nur den Gegenstand unseres Wissensdurstes oder das Objekt profitabler Ausbeutung.

Überforderung unserer Verantwortlichkeit (B44) Ein Blick auf die Kulturgeschichte zeigt, dass Menschen von Anfang an versucht haben, sich auch vor den Bedrohungen zu schützen, die von der Natur ausgehen, und die Kräfte der Natur für sich zu nutzen. Selbst wenn sie aus einem Geist ehrfürchtiger Naturverbundenheit entsprungen sein mögen, sind wesentliche Kulturleistungen wie die Erfindung des Ackerbaus häufig Eingriffe in die Natur mit manchmal nachteiligen Folgen, die allerdings selten so dramatisch in Erscheinung getreten sind wie heute. Wenn die m oderne Wissenschaft und Technik diese Situation dennoch einschneidend verändert haben, so offenbar deshalb, weil sich mit ihrer Hilfe die Reichweite des menschlichen Handelns immer drastischer verstärkt hat. Die Folgen unseres Handelns überschreiten immer häufiger den räumlichen und zeitlichen Horizont, den wir als Handelnde zu überschauen vermögen. Darin liegt nicht zuletzt die besondere Gefährlichkeit der Atomenergie, gleichviel, ob sie militärischen oder friedlichen Zwecken dient. Doch lehrt dieses Beispiel nur einen allgemeinen Sachverhalt, der völlig neue moralische Fragen aufwirft. Das Kriterium der Korrigierbarkeit bringt die Verantwortung der jetzt lebenden Generation gegenüber den kommenden Generationen zum Ausdruck: Wir müssen unterlassen, was die Lebensmöglichkeiten kommender Generationen stark einschränkt oder bedroht. Die Entdeckung einer notwendigen Solidarität mit den Nachgeborenen deckt sich mit der Erkenntnis des christlichen Glaubens, derzufolge die Schicksalsgemeinschaft der Schöpfung Gottes nicht allein die Lebenden umfasst, sondern alle, die vor uns gelebt haben oder nach uns kommen. Sie umfasst auch alle Mitgeschöpfe.

Bewahrung der Schöpfung (B45) Die Geschichte lehrt, dass die christlichen Kirchen das notwendige Umdenken bei sich selbst beginnen müssen. Einmal mehr brauchen sie dazu das ökumenische Gespräch, um jene Elemente in den verschiedenen christlichen Traditionen neu zu entdecken und wiederzubeleben, die uns helfen, unsere Verantwortung für Gottes Schöpfung besser zu verstehen und wahrzunehmen. Die Verantwortung des Menschen gegenüber dem Schöpfer einzuschärfen, scheint der richtige Weg zu sein, einen engen Anthropozentrismus zu überwinden. Andere Ansätze, zumal aus nichtchristlichen Religionen, betonen mehr die Heiligkeit allen Lebens oder die Verbundenheit des Menschen mit der Natur. Auc h die ökologische Forschung akzentuiert vor allem den wechselseitigen Zusammenhang, der in und zwischen den verschiedenen Ökosystemen besteht. Aus unserer Sicht kommt es darauf an, sich bewusst zu machen, dass die ökologische Verantwortungdes Menschen nicht ausreichend begründet wird, wenn sie nur mögliche negative Folgen des menschlichen Handelns für den Menschen selbst in den Blick nimmt. Schon der Begriff "Umwelt" ist deshalb nur mit Vorsicht zu gebrauchen. Der Begriff der "Bewahrung der Schöpfung", der zur Trias des ökumenischen Prozesses gehört, will gerade darauf aufmerksam machen, dass der Schöpfung insgesamt ein vom Menschen unabhängiger, allein im Willen des Schöpfers verankerter Wert zukommt, den alles menschliche Denken und Handeln zu respektieren hat. Die bei der Rio-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (1992) beschlossene Agenda 21 stellt einen international vereinbarten Handlungsrahmen da r, der jetzt lokal, regional und national auf seine Umsetzung wartet. Dazu sollen Leitbilder und Rahmenpläne konzipiert werden, die eine nachhaltige Entwicklung von Kommunen und Regionen im 21. Jahrhundert gewährleisten, um der Verantwortung vor den zukünftigen Generationen gerecht zu werden. Der konziliare Prozess der Kirchen, der in den frühen 80er Jahren begann, hat im Agenda 21-Prozess seine politische Entsprechung gefunden. Christliche Initiativen, Gruppen und Organisationen können im gemeinsamen ökumenischen Vorgehen auf lokaler, nationaler und gesamteuropäischer Ebene zu Kristallisationskernen werden und Synergieeffekte unserer Gesellschaften freisetzen.

Paradigma Artenvielfalt (B46) Es mag hilfreich sein, aus der fast unüberschaubaren Fülle ökologischer Themen zwei herauszugreifen, um zu verdeutlichen, was uns wichtig ist. Wir nennen zuerst das Problem der Artenvielfalt. Die Weltversammlung der Christen in Seoul f& uuml;r Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hat wiederholt, was die Versammlung von Basel bereits gefordert hatte, nämlich die Bestrebungen zum Schutz der Artenvielfalt zu unterstützen. Die Weltkonferenz von Rio de Janeiro hat 1992 eine Konvention zum Schutz der Artenvielfalt verabschiedet. Dennoch verschlechtert sich die Situation: 50 bis 100 Arten verschwinden pro Tag hauptsächlich im tropischen Regenwald. Dadurch wird die Schöpfungsordnung massiv gestört. Auch Europa ist betroffen: die intensive Land- und Forstwirtschaft, der verschwenderische Umgang mit Boden, die Zerstörung von Feuchtgebieten tragen dazu bei, dass die Artenvielfalt abnimmt. Abgesehen von den ökologischen und ökonomischen Konsequenzen des Artensterbens ist es uns wichtig, auf den Respekt vor der Artenvielfalt und auf die Freude, die die Menschen daran haben können, hinzuweisen. lm Schlussdokument von Basel heisst es kurz: "Für uns als Christe n zeigt sich in der Artenvielfalt die Freigiebigkeit unseres Schöpfers" (Nr. 87). Das wird Menschen, die unseren Glauben nicht teilen, schwerlich überzeugen, aber vielleicht dürfen wir sie dennoch bitten zu bedenken, ob nicht der Reichtum der Natur einen eigenen Wert darstellt, für den wir eintreten müssen, sobald wir ihn einmal erkannt und erfahren haben.

Paradigma Klimaschutz (B47) Seit Urzeiten haben die Menschen auf dieser Erde ihre Abhängigkeit vom Wetter als eine Gegebenheit von elementarer Zweideutigkeit erlebt: die Sonne lockt das Grün der Blume hervor, aber sie verbrennt auch das Gras. Das Wasser befeuchtet die Erde, aber es kann sie auch fortreissen. Die Verehrung der Naturkräfte ging deshalb Hand in Hand mit der Angst vor den Naturgewalten. Wissenschaft und Technik halfen, diese Angst zu bewältigen, indem sie dazu beitrugen, die Naturgewalten zu bändigen und menschlichen Interessen dienstbar zu machen. Das Gef& uuml;hl für die Unendlichkeit des Raumes verführte die Menschen dazu, sich über die langfristigen Auswirkungen ihres Handelns auf den Boden, die Luft oder das Wasser keine Gedanken zu machen. Allmählich aber wird uns klar, dass viele Naturkatastrophen eigentlich keine Naturkatastrophen, sondern katastrophale Folgeerscheinungen menschlicher Unternehmungen sind, unter denen Landwirtschaft, Industrie, Verkehr und Tourismus die grösste Rolle spielen. Es steht heute fest, dass wir Menschen tatsächlich die klimatischen Bedingungen unseres Planeten verändern, ohne die wahrscheinlich verheerenden Folgen auch nur überblicken, geschweige denn korrigieren zu können. Unser auf Naturbeherrschung angelegtes Handeln stösst hier endgültig an eine prinzipielle Grenze. Diese Einsicht macht uns deutlich, dass wir den Respekt gegenüber den grundlegenden Bedingungen unseres Lebens, die ausserhalb unserer Macht stehen und die wir Christinnen und Christen als von Gott gesetzt begreifen, wiedergewinnen müssen.

Ökologisches Bewusstsein und ökologisches Fehlverhalten (B48) Das ökologische Bewusstsein in der Gesellschaft und in den Kirchen hat in den letzten Jahrzehnten deutliche Fortschritte gemacht, die dankbar zu begrüssen sind. Es ist in gewissem Sinne müssig, darüber nachzudenken, ob die Kirchen dabei eine Vorreiterrolle gespielt haben oder nicht. Viel entscheidender ist, dass auf nicht wenigen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens ein grösserer Widerspruch existiert zwischen dem Bewusstsein und dem tatsächlichen Verhalten. Die Kirchen machen hierbei keine Ausnahme. Eine lange Liste von Deklarationen, Proklamationen und Konventionen zeugt von guten Einsichten und Absichten, ohne dass sie bisher eine grundsätzliche Kehrtwende zu erzeugen vermochten. lnzwischen mehren sich im Gegenteil die Anzeichen dafür, dass der wirtschaftliche Druck den Aspekt ökologischer Verantwortung überall wieder in den Hintergrund drängt. Wir halten das aus ethischen, aber auch aus ökonomischen Gründen für kurzsichtig, denn spätestens die kommenden Generationen werden für unser Fehlverhalten büssen und bezahlen müssen. Mit ökologischen Schönheitsreparaturen ist es längst nicht mehr getan. So schwer es uns auch fällt, das zu begreifen: Wir sind herausgefordert, unsere gesamte Wertordnung zu verändern. Unser gegenwärtiger Lebensstil und unsere gesellschaftlichen Grundwerte entsprechen unseren unmittelbaren Bedürfnissen und Interessen. Zu einem schöpfungsgerechten Lebensstil und einer schöpfungsgerechten Gesellschaftsordnung gehört deshalb eine schöpferische Neuordnung unseres Wertsystems: In Ausübung seiner Verantwortung hat der Mensch Rücksicht zu nehmen auf den Eigenwert der Mitwelt, der auf dem Willen des Schöpfers gründet.

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