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Engagement für die Versöhnung in und zwischen den Völkern und Nationen und Stärkung gewaltfreier Formen der Konfliktbewältigung


Versöhnung, Dialog und Gewaltverzicht (B32) Im Abschlussdokument der Ökumenischen Versammlung von Basel nahmen die Überlegungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik breiten Raum ein. Sie drückten den wachsenden Wunsch aus, die Trennungen in Europa zu überwinden. Die Vision demokratischer und gewaltloser Transformation wurde als Hoffnung für die Zukunft formuliert. Zivilgesellschaftliches Engagement fügte dem Entspannungsprozess eine neue Dimension hinzu (vgl. Nr. 59). Da aber Transformationsprozesse immer wieder auch Konflikte enthalten, betonte das Basler Dokument: "L assen wir diesen Prozess der Wandlung zu einem Prozess der Versöhnung werden" (Nr. 62). Als einen Weg zur Versöhnung empfahl die Basler Versammlung den Dialog über den entzweienden Graben in Europa hinweg (Nr. 60). Als entscheidende Voraussetzung für Dialog und Versöhnung wurde der grundsätzliche Verzicht auf Gewalt gefordert. Denn: In unseren Ländern oder auf unserem Kontinent gibt es keine Situation, die einen Einsatz von Gewalt verlangen oder rechtfertigen würde (Nr. 61).

Erfahrungen nach 1989 (B33) Der grosse Weltkrieg blieb aus, allerdings auch der grosse Friede. Die Gründe für die Angst, dass Europa sich in ein atomares Inferno verwandeln könne, haben sich verringert. Stattdessen aber kehrte der konventionelle Krieg nach Europa zurück, begleitet von unvorstellbarer Brutalität, von Raub, Vergewaltigung, Vertreibung und "ethnischen Säuberungen". Der Gesamteindruck verdüstert sich dur ch die Bilder von Hunger, Völkermord und Flüchtlingselend, die uns aus anderen Teilen der Welt erreichen. Noch immer nutzt politische Macht den Krieg als Instrument zur Durchsetzung oder Absicherung ihrer Interessen. Die meisten Menschen fühlen sich in dieser Situation hilflos und ratlos. Viele Christinnen und Christen fragen sich, was angesichts dessen die vorrangige Option für die Gewaltfreiheit bedeutet. Unser Glaube erlaubt jedoch weder Resignation noch Zynismus. Deshalb bekräftigen wir im Anschluss an Basel, dass wir in unseren Ländern und auf unserem Kontinent daran mitwirken müssen, keine Situationen zuzulassen, die einen Einsatz von Gewalt verlangen oder rechtfertigen könnten. Deshalb ist vor allem eine kohärente und konsequente Friedenspolitik notwendig. Auf der Ebene bestehender Institutionen (EU, NATO, Europarat, OSZE) wird es darum gehen müssen, die Veränderung ihrer Aufgaben im Licht einer zukunftsorientierten, gesam teuropäischen Sicherheits- und Friedenspolitik zu beurteilen. Die Erweiterung von Institutionen darf keine neuen Spannungen provozieren, die ein Europa umfassendes, OSZE-weites Sicherheitskonzept behindern. An der Politik der Abrüstung muss konsequent festgehalten werden. Friedenspolitik verlangt heute darüber hinaus die Vorbeugung gegen Konflikte und die Förderung einer vertrauensvollen Kultur der Verständigung. Dabei können insbesondere zivile Organisationen, Friedensdienste und auch die Kircheneinen entscheidenden Beitrag leisten.

Rolle der Kirchen in Konflikten (B34) In einer Vielzahl von gewaltsamen Konflikten spielen neben ökonomischen, sozialen und politischen Ursachen ethnische und religiöse Faktoren eine Hauptrolle, und zwar in jeder Phase des Konfliktverlaufs. Gerade bei Bürgerkriegen, die in der Regel durch besondere Grausamkeit gekennzeichnet sind, fällt es schwer, das Zusammenwirken und die politische Funktionalis ierung der verschiedenen Elemente zu durchschauen. Auch das Verhalten von Religions- und Konfessionsgemeinschaften bietet kein einheitliches Bild. Selbst innerhalb einer Religion oder Kirche können in bezug auf denselben Konflikt gegensätzliche Positionen eingenommen werden. So werden Religionen und Kirchen zum Teil des Problems. Umso wichtiger ist es, die oft ungeklärten Verhältnisse von Religion, Kirche, Volk und Nation zum Thema zu machen und besonders die Beziehung zwischen religiöser und ethnischer Identität zu reflektieren sowie aus den gewonnenen Einsichten praktische Konsequenzen zu ziehen. Mit Hilfe anerkannter Verfahren neutraler Mediation sollten alle am Konflikt Beteiligten sich verpflichten, zu einer einvernehmlichen Klärung ihrer Positionen zu gelangen. Dieses könnte schon im Vorfeld von Konflikten zur Entschärfung der Situation führen. Religionen und Kirchen werden in ihrer Glaubwürdigkeit an dem gemessen, was sie im Vorfeld von Konflikten zur Problemlösung beitragen. lhre Aufgabe zur Versöhnung beginnt hier und nicht erst, wenn die militärische bzw. gewalttätige Phase des Konfliktes beendet ist.

Wachsende Bedeutung ziviler Konfliktlösungen (B35) Kriege des klassischen Typs als Kriege zwischen souveränen Staaten haben seit dem Zweiten Weltkrieg deutlich abgenommen. Stattdessen hat die Zahl gewaltsamer Konflikte mit oder ohne Beteiligung regulärer Streitkräfte, die innerhalb eines Staates oder grenzüberschreitend ablaufen, erheblich zugenommen. Aus diesem Befund ergeben sich zwei sicherheits- und friedenspolitische Konsequenzen. Die internationale Integration von Streitkräften hat sich als ein wichtiges Instrument zukunftsorientierter Militär- und Sicherheitspolitik erwiesen. Die Bedeutung der Konfliktvorbeugung und nichtmilitärischer Mittel und Massnahmen der Konfliktbearbeitung darf nicht länger marginalisiert, sondern mus s ins Zentrum politischen Handelns gerückt werden. Da das Völkerrecht jeden Angriffskrieg verbietet und den Verteidigungskrieg nur eingeschränkt erlaubt, ist jede rechtlich und moralisch vertretbare Sicherheitspolitik darauf auszurichten, den Nationalstaaten die Fähigkeit zu nehmen, eigenständig Krieg zu führen. Als Ausgleich müssen globale und regionale kollektive Sicherheitssysteme (UN, NATO, OSZE, Europarat) unter besonderer Betonung ihrer friedenserhaltenden und friedensfördernden Aufgaben gestärkt werden.

Konfliktverhütung und gewaltfreie Konfliktschlichtung (B36) Stärkeres Gewicht als jemals zuvor ist aber vor allem auf die Instrumente der Konfliktverhütung und der gewaltfreien Konfliktschlichtung zu legen. Gerade die jüngsten Beispiele militärischer Auseinandersetzungen innerhalb und ausserhalb Europas haben eindringlich gezeigt, dass jenseits der Schwelle offener Gewaltanwendung sich eine Interventi on von aussen als äusserst schwierig darstellt. Friedenspolitisch kommt es deshalb darauf an, diese Gefahr rechtzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. Dabei behält die klassische Diplomatie ihre unverzichtbare Funktion. Dringlich muss sie aber konzeptionell und praktisch ergänzt werden durch Instrumente nichtstaatlicher Politik, deren Charakter zivilgesellschaftlich ist. Hier kommt den Kirchen eine bedeutsame Rolle zu. Sie sind sowohl national verankert als auch international verknüpft. Die ökumenische Gemeinschaft ist auch eine Art seismographisches System, das gesellschaftliche Erschütterungen registrieren, Informationen sammeln und an die entscheidenden Stellen leiten kann. Sie kann und muss auch selbst in Krisensituationen aktiv werden, sei es in der Form kirchlicher Diplomatie oder durch aktive gewaltfreie, demonstrative symbolische Aktionen.

Ökumene und Völkerverständigung (B37) Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Bewegu ng für Praktisches Christentum ins Leben gerufen, um aus dem erschütternden Versagen der Kirchen zu lernen und sie besser zum Dienst an der Völkerverständigung, zu befähigen. Tatsächlich wurde danach ein Netzwerk ökumenischer Kontakte zwischen Personen, Gemeinden und Kirchen geknüpft, das sogar während des Zweiten Weltkrieges und später im Kalten Krieg die Kluft zwischen den verfeindeten Lagern überspannte und unersetzliche Dienste leistete. Heute existiert ein Netzwerk von tausenden von Kontakten und Partnerschaften zwischen Gemeinden in Ost und West und Nord und Süd in Europa. Viele kirchliche Laienorganisationen, Dienste und Werke haben ebenfalls eine aktive Rolle in der Verständigung zwischen den Völkern und Kirchen übernommen. Diese Aktivitäten bilden die Basis des ökumenischen Engagements im europäischen Versöhnungsprozess. Sie sollten auf die Anerkennung ihrer Kirchen und der Öffe ntlichkeit insgesamt zählen dürfen. Ebenso bemühen sich der Ökumenische Rat der Kirchen, die Konferenz Europäischer Kirchen, der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen und einzelne Kirchen darum, in europäischen Konfliktregionen zu vermitteln. All dies ist auf die unbeirrbare Überzeugung angewiesen, dass die Zusammengehörigkeit des Volkes Gottes die Grenzen zwischen den Völkern überschreitet und nationale wie ethnische Loyalität der ökumenischen Gemeinschaft als sichtbarem Ausdruck der Einheit des Leibes Christi nachrangig ist.

Der Einsatz der Kirchen für die Opfer der Barbarei (B38) Nationale und ethnische Konflikte haben zumeist einen wirtschaftlichen oder politischen Hintergrund, sind aber ihrer Eigenart nach vor allem Identitätskonflikte. In der Friedensforschung heisst es, sie seien deshalb besonders schwer unter Kontrolle zu bringen und beizulegen, weil sich über Identität nicht oder kaum verhandeln Iässt. Ökonomische oder politische Interessensgegensätze können erfahrungsgemäss leichter durch Konsens und Kompromiss aufgelöst oder ausgeglichen werden. Bei der Angst vor dem Verlust der eigenen Identität spielen meist geschichtliche Erinnerungen, kollektive Traumata und nationale Mythen eine zentrale Rolle und verleihen Identitätskonflikten eine über das Politische weit hinausreichende kulturelle Dimension. Gewalt, die sich gegen die Identität von Personen und Gruppen richtet, nimmt fast zwangsläufig barbarische Formen an. Ritualisierte Akte der Demütigung, vor allem die Schandtat organisierter Vergewaltigung, aber auch die gezielte Zerstörung von Gottesdienststätten, Bibliotheken, Denkmälern oder anderen Symbolen einer ethnischen, nationalen oder religiösen Kultur etc. dienen dazu, die betroffenen Menschen ihrer menschlichen Würde zu berauben. Wo das geschieht oder geschehen ist, m& uuml;ssen sich die Kirchen unzweideutig auf die Seite der Opfer stellen, um ihre Würde zu verteidigen oder ihnen zu helfen, ihre Würde wieder zu gewinnen. Kirchen müssen im wörtlichen und übertragenen Sinn des Wortes Räume schaffen für die Opfer, in denen sie ihr Leid still, schreiend oder klagend vor Gott bringen oder anderen Menschen erzählen können. Den Opfern gebührt immer das erste Wort, erst dann können auch die Täter erwarten, Gehör zu finden. Auch das muss allerdings sein. Denn niemand verliert jemals den Anspruch, gerecht behandelt zu werden. Die Kirchen können kein Recht sprechen und darum weder Kriegsverbrechen ahnden noch andere Verbrechen, die etwa während einer Diktatur verübt wurden. Sie können aber neben der Seelsorge an Opfern und Tätern mithelfen, die rechtliche Behandlung von Verbrechen durch die nationale und internationale Gerichtsbarkeit zu erreichen. Die Kirchen sollten sich dafür einsetzen, Wahrheits- und Versöhnungskommissionen auf den nationalen wie lokalen Ebenen zu initiieren und mitzutragen, und für ihre Arbeit den institutionell notwendigen Rahmen zu schaffen.

Schalom-Dienste (B39) Die Versammlung von Basel hat einen Grundsatz formuliert, der das Leitprinzip künftiger Friedenspolitik sein sollte: Gewaltlosigkeit muss als aktive, dynamische und konstruktive Kraft verstanden werden, die von der unbedingten Achtung vor der menschlichen Person ausgeht (Nr. 86). Von diesem Geist muss alles Handeln beseelt sein, das Wege der Versöhnung öffnen will, selbst der Dienst von Soldaten. Gewaltlosigkeit ist ein Wesenselement der Lehre und des Zeugnisses von Jesus Christus. Die Weigerung, tötende Gewalt anzuwenden, verdient den Respekt und Beistand aller Kirchen. Dies gilt auch für die konstruktive Rolle, die Frauen in Friedens- und Versöhnungsprozessen immer wieder unter Beweis stellen. Das Engagement der Ki rchen für nichtmilitärische Konfliktlösungen, vorbeugende Massnahmen und Versöhnungsarbeit in politischen, sozialen, ethnischen oder religiösen Spannungsfeldern verlangt eine grosse Anzahl von Personen, die in Grundhaltungen und Methoden gewaltfreier Konfliktbearbeitung geschult sind. In Basel wurde deshalb angeregt, die Kirchen sollten ökumenische Schalom-Dienste bilden, um Männern und Frauen die Gelegenheit zu bieten, sich für die Völkerverständigung zu engagieren (vgl. Nr. 80). Einige Initiativen haben begonnen, diesen Vorschlag umzusetzen. Nun ist es Zeit, dass die Kirchen auf der Basis der vorhandenen Erfahrungen Rahmenbedingungen schaffen, die die Ausbildung und Arbeit von Friedensmissionen (Peace Teams), Friedensfachdiensten (Peace Ministries) und Zivilen Friedensdiensten (Civil Peace Services) in breiterem Umfang ermöglichen. Dabei sollen solche Dienste auch als Ersatz für den Militärdienst gelten können. E s ist eine realistische Perspektive für uns, dass in den nächsten Jahren in allen europäischen Ländern Zentren in kirchlicher Trägerschaft entstehen, die neben einer praktischen Ausbildung auch der spirituellen Einübung in den Geist der Gewaltlosigkeit dienen.

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