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Dialog mit den Religionen und Kulturen


Universelle Offenbarung Gottes und Dialog (B11) Wir Christen glauben an einen Gott, der sich allen Menschen mitteilen will. Wir bekennen, dass Gott in Jesus Christus seine Liebe in vollkommener Reinheit und Klarheit geoffenbart hat, aber Gott ist auf geheimnisvolle Weise auch in der ganzen Schöpfung gegenwärtig und spricht zu allen Menschen, die Gott hören wollen, vor allem durch die Stimme des Gewissens. Darum begegnet uns Christen in anderen Menschen, ihren Kulturen und Religionen, immer auch Gott selbst. Obwohl wir glauben, Gottes unüberbietbare Selbstmitteilung in Jesus Christus empfangen zu haben, die sich an alle Menschen aus allen Kulturen richtet, vermag uns doch das Gespräch mit ihnen zu b ereichern, denn wir lernen darin eine neue Seite der unerschöpflichen Fülle Gottes kennen.

Vielfalt als Erbe und bleibendes Merkmal Europas (B12) Es gibt jedoch auch andere Gründe, den Dialog mit anderen Kulturen und Religionen zu suchen. Die ökumenische Versammlung von Basel hat von ihm gesprochen im Zusammenhang mit dem Umbau des europäischen Hauses, der als Teil des Umbaus des ganzen 'Weltdorfes'gesehen werden müsse (vgl. Nr. 89) und hat daraus die Notwendigkeit des Dialogs mit anderen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen abgeleitet (vgl. Nr. 90). Wir fügen hinzu, dass Europa selbst immer ein Ort wechselvoller, spannungsreicher und auch konfliktvoller Beziehungen zwischen verschiedenen Völkern und Religionen gewesen ist und heute, im Zeichen des Pluralismus, eine noch viel grössere Vielfalt unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Überzeugungen aufweist. Derart plural verfasste Gesellschaften brauchen den Respekt voreinander, das Vertrauen ineinander und das Verständnis füreinander, um überleben zu können. Respekt und Vertrauen tragen dazu bei, dass Dialoge zu Verständnis und Verständigung führen. Gerade die Schattenseite der europäischen Geschichte lehrt, zu welch furchtbaren Verfehlungen es kommen kann, wenn es an Respekt, Vertrauen und Verständnis mangelt. Wir treten deshalb in solche Gespräche selten unbelastet ein, sondern bringen manchmal traumatische Erfahrungen mit, die selbst dort noch wirksam sein können, wo sie längst vergessen scheinen. Manchmal genügen dann bereits geringfügige Anlässe, um alte Ängste wachzurufen und überkommene Vorurteile neu zu beleben. Umso mehr können schwerwiegende Ereignisse dazu beitragen, die Gespenster der Vergangenheit zu wecken, die das Miteinander stören oder sogar zerstören. Wo die Erinnerungen Menschen und Völker trennen, ist mehr nötig als E infühlsamkeit und Takt. Da bedarf es nicht selten einer fast übermenschlichen Kraft der Selbstüberwindung, um den zerrissenen Gesprächsfaden neu zu knüpfen. Wir Christen müssen deshalb beständig auf unseren Heiland und Bruder Jesus Christus schauen und darum bitten, dass Gottes Geist uns aufrichtet, tröstet und stärkt.

Verhältnis zum Judentum (B13) Jesus von Nazareth, den wir als Christus bekennen, wurde als Jude geboren und lebte als Mensch in seinem jüdischen Glauben. Als Christus hat er uns Christen den Gott Israels geoffenbart, der seinem Volk die Bundestreue nie aufgekündigt hat. Wir haben teil an demselben Wort Gottes im ersten Testament, am Glauben an den Gott, der uns zu seinem Ebenbild geschaffen hat und aus Sklaverei und Unterdrückung befreit. Das gemeinsame Gebet der Psalmen und die Worte der Propheten haben uns als Christen geistlich geprägt. Dies alles erklärt, dass das Christentum im Ju dentum verwurzelt ist (Röm. 11, 17 f). Unsere Beziehung zum Judentum ist im Hinblick auf das Verhältnis zu anderen religiösen Traditionen unverwechselbar. Die europäische Kultur verdankt dem jüdischen Erbe einen entscheidenden Beitrag in so vielen Bereichen, dass wir sie im einzelnen nicht benennen können. Das Verbrechen der Ermordung und Vertreibung des grössten Teils der europäischen Jüdinnen und Juden ist ein Verlust, den die europäische Kultur nie mehr wird ausgleichen können. Die Schuld daran liegt in besonderer Weise bei dem menschenverachtenden Regime des Nationalsozialismus, das den Versuch unternommen hat, das Judentum in Europa vollkommen auszurotten und sie liegt auch bei Deutschen und Österreichern und anderen, insoweit sie dieses Regime mitgetragen und dagegen keinen ausreichenden Widerstand geleistet haben. Auch einige Kirchen haben versagt. Wir müssen mit Scham bekennen, dass Judenfeindschaft in ganz Euro pa verbreitet war und immer wieder ausbricht. Der rassistische und sozialdarwinistische Antisemitismus, der seit dem 19. Jahrhundert sogar im Gewand aufgeklärter Wissenschaft auftrat, konnte sich ausserdem auf eine lange antijüdische Tradition innerhalb des Christentums berufen, die bis in seine Anfänge zurückreicht. Sie hat weder alle Teile der Christenheit noch alle Phasen der Christentumsgeschichte geprägt. Es gab und gibt Beispiele für ein anderes Verhältnis zum Judentum. Trotzdem bleibt die Schuld bedrückend gross. Wir sind dankbar, dass sich die Auseinandersetzung von Christen und Kirchen mit dem Judentum verstärkt hat und dass dadurch eine Neuorientierung theologischer Lehre und kirchlicher Praxis beginnt. Eine Vielzahl jüngerer kirchlicher Dokumente belegt dies. Dankbar sind wir auch, dass die Zahl jüdischer Gemeinden in vielen Ländern Europas wächst, dass Christen wieder die Möglichkeit haben, mit Juden zusa mmenzuleben und ihr gemeinsames Erbe zu entdecken und zu verstehen.

Gegenwärtige Gestalt europäischer Pluralität (B14) Juden und Muslime haben seit Jahrhunderten auf europäischem Boden gelebt und bildeten in manchen Ländern starke Minderheiten. Im Gefolge von Aufklärung und Säkularisierung hat sich ausserdem ständig die Zahl der Menschen vergrössert, die den christlichen Glauben ablehnen, sich gleichgültig verhalten oder andere Weltanschauungen vertreten. Im kommunistischen Herrschaftsbereich wurde die Religion trotz formeller Religionsfreiheit zugunsten der atheistischen Weltanschauung des Marxismus-Leninismus unterdrückt. Gläubige Menschen sind oft brutal verfolgt worden. Heute treten dort viele verschiedene Gruppen auf und versuchen sich auszubreiten, nicht selten mit fragwürdigen Methoden. In West- und Nordeuropa haben Arbeitsmigrationen, Flüchtlingsströme, Übersiedelungen oder einfach die grössere Mobilität dazu beigetragen, dass nicht nur die christlich-konfessionelle Vielfalt, sondern auch die Präsenz nichtchristlicher Weltreligionen verstärkt wurden. Das betrifft vor allem den Islam, der die grösste Entwicklungsdynamik aufweist, doch dürfen wir die asiatisch-östlichen Religionen dabei nicht übersehen.

Religiöse Offenheit (B15) Es scheint schliesslich, als würde die sogenannte Postmoderne durch eine neue Experimentierlust charakterisiert, die auch die religiöse Dimension des Lebens einbezieht. Wir beobachten manchmal sogar einen Hunger nach religiösen oder spirituellen Erfahrungen. Viele "Propheten", die nicht immer religiöse Ziele verfolgen, bieten ihre Antworten an. Alte religiöse Traditionen werden wiederbelebt, weit entfernte Religionen in Europa heimisch. Selbst innerhalb der christlichen Kirchen wächst das Interesse an nichtchristlichen religiösen Traditionen, die manchmal sogar eine beträchtliche Anziehungskraft entfalten. Wir brauchen eine Verständigung über die Kriterien zur Unterscheidung der Geister. Die Prognose einer fortschreitenden Säkularisierung bis hin zu einem mehr oder minder religionslosen Zeitalter hat sich bisher offenbar weder in Europa noch in anderen Teilen der Welt bestätigt. Die tatsächlichen Verhältnisse bieten ein weitaus komplexeres Bild, und sie lassen im Grunde nur den Schluss zu, dass die Pluralität von Überzeugungen und Lebensweisen ein dauerhaftes Merkmal der Kultur Europas bleiben wird. Alle Überlegungen zum Weg der Christenheit in das nächste Jahrtausend müssen von diesem Grundtatbestand ausgehen.

Toleranz und Versöhnung (B16) Wir halten es für wichtig, uns gemeinsam Klarheit darüber zu verschaffen, dass diese Situation von allen Bewohnerinnen und Bewohnern des europäischen Hauses Toleranz verlangt. Toleranz stellt die Mindestbedingung für ein friedliches Zusammenleben dar. Wie Frieden aber mehr bedeutet als die blosse Abwesenheit von Krieg, erfordert ein fruchtbares Miteinander jedoch die Andersartigkeit anderer Menschen nicht nur zu dulden. Wenn aus der Tatsache der Verschiedenheit eine Quelle des Reichtums werden soll, die allen zugute kommt, müssen die in ihr verborgenen oder offen zutage tretenden Gegensätze miteinander versöhnt werden. Das gilt insbesondere dann, wenn diese Gegensätze in der Vergangenheit gewalttätige Formen angenommen haben oder mit verletzender Schärfe in die Gegenwart hineinreichen. Unversöhnte Gegensätze spalten eine Gemeinschaft, und Erinnerungen an vergangenes Unrecht und Leid vergiften die menschlichen Beziehungen, so lange keine Heilung erfolgt. Die Zeit heilt keine Wunden, sondern lässt sie bestenfalls vernarben, so dass sie unter neuen Belastungen rasch wieder zu schmerzen beginnen. Der Prozess der Versöhnung gleicht einer Entgiftungskur; denn er führt durch Augenblicke der Entblössung, in denen der Schmerz der Beschämung und der Kränkung hervorbrechen. Das sind aber heilsame Schmerzen; denn um vergangenes Unrecht und Leid aus der Welt zu schaffen, müssen Schuld und Kränkung benannt und eingestanden werden. Nur dann ist Vergebung möglich. Denn es gibt keine Versöhnung ohne Wahrheit und Gerechtigkeit. Obgleich alle Gewalt, die Menschen verüben und erleiden, für alle ein tragisches Verhängnis darstellt, kann und darf doch niemals der Unterschied zwischen Tätern und Opfern verwischt werden.

Verhältnis zum Islam (B17) Die Christenheit und das christliche Europa blicken auch auf eine lange Geschichte der Beziehungen zum Islam zurück, der heute die zahlenmässig stärkste nichtchristliche Religion auf unserem Kontinent darstellt. lm mittel- und nordeuropäischen Raum ist der historische Einfluss des Is lam auf die europäische Kultur wenig bewusst. Die Tatsache ist weithin vergessen, dass in anderen Teilen Europas christliche, jüdische und muslimische Gläubige in guter Nachbarschaft lebten. Grundsätzlich gesehen müssen wir mit unterschiedlichen Verhältnissen rechnen, und selbst die Zeit der Osmanischen Herrschaft in Südosteuropa lässt kein pauschales Urteil zu. Dennoch haben Vorurteile auf christlicher wie auf muslimischer Seite in der Geschichte eine enorme, zumeist verhängnisvolle Rolle gespielt. Sie beruhten beiderseits auf leidvollen Erfahrungen, die sich tief in das Gedächtnis der betroffenen Völker einbrannten und gegenteilige Erfahrungen weithin überdeckten. So entstand auf christlicher Seite durch die arabischen, tartarischen und türkischen Eroberungen, auf islamischer Seite durch die Kreuzzüge und den Kolonialismus ein abgründiges Misstrauen, das durch jeden weiteren Konflikt neue Nahrung erhält. Muslime auf der ganzen Welt haben zum Beispiel den jüngsten Krieg in Bosnien im Lichte dieser Geschichte wahrgenommen und als neuen Beweis für die Feindseligkeit des Westens gegenüber dem Islam gewertet. Auf der christlichen und europäischen Seite hat das Schicksal christlicher Minderheiten in einigen islamischen Staaten und die Missachtung der Menschenrechte viele in ihrer Angst und Überzeugung bestärkt, der Islam erlaube grundsätzlich kein gleichberechtigtes Zusammenleben. Fundamentalistische Gruppen mit ihren terroristischen Aktionen scheinen dieses Urteil noch einmal auf grausame Art und Weise zu bestätigen. Es ist nicht unsere Aufgabe, eine abschliessende Meinung zu den schwierigen historischen, moralischen und rechtlichen Fragen zu äussern, die es im christlich-muslimischen Dialog zu besprechen gilt. Wir wollen lediglich die Notwendigkeit dieses Gesprächs unterstreichen, das mancherorts bereits begonnen hat. Dabei kommt dem Verst& auml;ndnis der Menschenrechte nach unserer Auffassung eine Schlüsselrolle zu. Als Christinnen und Christen stehen wir in Solidarität zu denjenigen unserer christlichen Schwestern und Brüder, die unter islamischer Herrschaft leiden mussten und noch leiden müssen. Doch wollen wir uns davor hüten, bei der Beurteilung vergangenen und gegenwärtigen Unrechts mit zweierlei Mass zu messen.

Mission und Dialog in Europa (B18) In vielen Kirchen hat eine intensive Reflexion darüber begonnen, wie man das kirchliche Leben erneuern kann und wie das Zeugnis der Christinnen und Christen in Europa lebendiger und glaubwürdiger werden kann. Dieser missionarische Geist widerspricht dem Dialog mit Angehörigen anderer Religionen nicht. Es ist derselbe Geist, der der ganzen Welt die Gute Nachricht von der Liebe Gottes verkünden will, die uns in Christus offenbart wurde, und der uns die Zeichen der Gegenwart Gottes in allen gerechten und hei ligen Menschen erkennen lässt. Der Geist ermutigt alle, sich zu läutern und mitzuhelfen, das Leben, die Gerechtigkeit und den Frieden in allen Gesellschaften zu fördern.

Kirche und Gesellschaft (B19) Christus, der uns befreit hat, will, dass die Zustimmung zu seinem Evangelium in Freiheit geschieht und dass wir das Gewissen jedes Menschen respektieren, sowie das unsichtbare Handeln des Geistes Gottes in den Herzen der Menschen guten Willens. Auch in bezug auf die institutionellen Beziehungen zwischen Religionen innerhalb einer bestimmten Gesellschaft müssen die Christen um den Respekt gegenüber der Menschenwürde und allen Formen individueller und korporativer Religionsfreiheit bemüht sein. Diese sollen durch staatliche Gesetzgebung garantiert werden.

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