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Hintergrundmaterial zu den Handlungsempfehlungen - Die Suche nach der sichtbaren Einheit der Kirchen


Gabe und Aufgabe der Einheit (B1) Jedes Nachdenken über die ökumenische Lage muss mit der Erinnerung an den Auftrag unseres gemeinsamen Herrn beginnen, vor der Welt jene Gemeinschaft sichtbar zu machen, die nach Ausweis der Heiligen Schrift und aller christlichen Bekenntnisse Gott - Vater, Sohn und Heiliger Geist: die drei Personen im Einen Gott - miteinander bilden. Der Glaube an den dreieinigen Gott, zu dem wir uns bei der Taufe bekennen, verbindet uns als kostbares Gut über alle Trennungen hinweg mit einem festen Band zu einer wirklichen, aber aufgrund dieser Trennungen unvollkommenen Gemeinschaft. Dieser bereits vorhandenen Einheit sollen wir öffentlichen Ausdruck geben und sichtbare Gestalt ver leihen. †ber die Bedingungen und die Form kirchlicher Einheit müssen wir uns noch besser verständigen, doch besteht ein Konsens über die Notwendigkeit einer Einheit in Vielfalt, in der die vielfältigen Verschiedenheiten zwischen uns unsere Gemeinschaft bereichern, anstatt sie zu belasten. Eine solche in sich versöhnte Gemeinschaft könnte auch ein Modell für die Gestaltung des politischen Lebens in Europa bieten.

Last und Auftrag der Versammlung (B2) Als delegierte Frauen und Männer von unseren Kirchen haben wir nicht nur den Reichtum unserer Erfahrungen mit nach Graz gebracht, sondern auch den Konfliktstoff, der sich in unserer Gegensätzlichkeit verbirgt. Wir sind uns aber darin einig, dass es im Licht unseres Glaubens und des ökumenischen Auftrags der Kirchen keinen Grund gibt, der es rechtfertigt, das Gespräch unter uns abzubrechen oder seine Aufnahme zu verweigern. Wir müssen lernen, einander aufmerksam und geduldig z uzuhören sowie unsere verschiedenen Standpunkte mit Freimut und wechselseitigem Respekt vorzutragen. Dazu gehört die Bereitschaft, auch schmerzliche Wahrheiten zu akzeptieren.

Bleibende Notwendigkeit der Versöhnung (B3) Unsere Versammlung verbindet die Absicht, in ökumenischer Gemeinschaft unseren Glauben an die Barmherzigkeit Gottes zu bezeugen und von ihr beflügelt zur Versöhnung in Europa beizutragen. Wir müssen allerdings bekennen, dass die Kirchen in der Vergangenheit oft schlechte Zeuginnen und Zeugen der christlichen Botschaft von der Versöhnung waren, und bis in die Gegenwart hinein unsere durch die Sünde mitbedingte Wirklichkeit die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses beeinträchtigt. Zum Beispiel sind wir Christinnen und Christen immer noch ausserstande, uns alle am Tisch des Herrn zu vereinen. Dieser skandalöse Zustand darf uns niemals gleichgültig lassen, denn er widerspricht dem Willen Gottes und beeintr& auml;chtigt die Glaubwürdigkeit unserer Verkündigung. Das Gleiche gilt besonders auch für die Beziehungen zwischen Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft. Sie verraten immer noch mehr die Sündhaftigkeit der Welt, als dass sie die Absicht des Schöpfers und das Erlösungswerk Jesu Christi widerspiegeln. Ohne Gerechtigkeit gegenüber den Frauen und eine gerechte Würdigung ihrer Fähigkeiten und Leistungen kann nicht von einer wirklich versöhnten Gemeinschaft gesprochen werden.

Geschenk der ökumenischen Bewegung (B4) Die Teilung der Östlichen und Westlichen Kirchen einerseits sowie die Teilungen innerhalb der westlichen Christenheit andererseits, haben das Gesicht Europas in kultureller, politischer und kirchlicher Hinsicht nachhaltig geprägt. Auf dem Wege der Mission wurden die Konflikte innerhalb der westlichen Christenheit in andere Teile der Welt exportiert und die missionarische Sendung der Kirche auch dur ch Konkurrenzdenken und koloniale Motive überschattet. Vor dem Hintergrund dieser überwiegend dunklen Seite der Kirchengeschichte verstehen wir die ökumenische Bewegung, die sich erst im 20. Jahrhundert durchsetzen konnte, als ein Werk und Geschenk des Heiligen Geistes. Zwischenkirchliche Beziehungen im Geiste des Dialogs haben zu konstruktiver Zusammenarbeit geführt. Das theologische Gespräch selbst, das seit vielen Jahrzehnten intensiv geführt wird, hat eindrucksvolle Ergebnisse erbracht, muss aber intensiv fortgesetzt werden. Denn die widerstreitenden †berzeugungen früherer Generationen haben in vielen Fällen zu wechselseitigen Bannurteilen oder Verwerfungen geführt, die wir ernst nehmen müssen. Versöhnte Gemeinschaft setzt voraus, dass solche Verurteilungen mit Blick auf die heutigen Kirchen offiziell aufgehoben werden. Darin vor allem liegt der Sinn theologischer Verständigung und theologischer †bereinkunft. In einigen F& auml;llen wurde auf diesem Wege volle Kirchengemeinschaft möglich, in anderen Fällen gelang es, bindende Vereinbarungen zu treffen, die zwischen den beteiligten Kirchen auf allen Ebenen neue Beziehungen etabliert haben. Im Licht versöhnter Gemeinschaft können wir sogar die Geschichte unserer Trennungen neu verstehen lernen als einen Weg, auf dem der Heilige Geist uns dazu führt, die Fülle der Wahrheit deutlicher zu bezeugen.

Ökumenische Bewegung und Kalter Krieg (B5) In der Zeit des Kalten Krieges erwies sich die ökumenische Verbundenheit in und zwischen den Kirchen häufig als eine wichtige Brücke, über die trotz des Eisernen Vorhangs Hilfe in vielfältiger Form zu jenen Kirchen gelangte, die unter der kommunistischen Herrschaft leben mussten. Als eine Frucht solcher Bemühungen wurde zum Beispiel auch die Konferenz Europäischer Kirchen gegründet, die mit zu unserer Versammlung eingeladen hat. Der Druck, d er von Seiten der sozialistischen Staaten auf die Kirchen Ost- und Südosteuropas ausgeübt wurde, hat manchmal ökumenische Solidarität wachgerufen oder gestärkt, in anderen Fällen jedoch ökumenisches Zusammenleben behindert und Misstrauen zwischen den Kirchen gesät, zumal die kommunistischen Staaten stets bestrebt waren, die Kirchen zu schwächen. Wir wissen zudem um die zwiespältige Rolle, die ökumenische Institutionen und Kontakte mitunter freiwillig oder wider Willen spielten. Wir bekennen, dass es in den westlichen Kirchen des öfteren an Interesse für das Leben und das Martyrium der christlichen Schwestern und Brüder in den Ländern des sogenannten Realsozialismus mangelte und die Solidarität mit ihnen zu wünschen übrig liess.

Ambivalenz der neuen Lage (B6) Das Ende des Ost/West-Konflikts hat die pastoralen und politischen Möglichkeiten aller Kirchen erweitert und auch die ökumeni schen Kontakte auf eine neue Grundlage gestellt. Alte Verbindungen wurden intensiviert, neue geknüpft, die zwischenkirchliche Hilfe umorganisiert und an vielen Stellen in segensreicher Weise eingesetzt. Die neue Situation hat aber zugleich Verunsicherung erzeugt, alte €ngste und zusätzliche Befürchtungen wachgerufen. Die ökumenische Gemeinschaft bleibt schweren Belastungsproben ausgesetzt, und mancherorts drohen sogar Kirchen zu zerbrechen. Die meisten Kirchen müssen sich unter dem Eindruck ihrer schwierigen Lage stark auf ihre inneren Probleme konzentrieren, so dass für sie die zwischenkirchlichen Beziehungen an Gewicht verlieren. Meist hängen ihre Schwierigkeiten mit der Bürde historischer Konflikte zusammen, die ganz unterschiedlich gedeutet und beurteilt werden. Und diese Konflikte sind ihrerseits oft mit dem Grundkonflikt zwischen Mehrheiten und Minderheiten in einem Land oder einer Region verbunden, die sich auch in West-, Süd- und N ordeuropa bemerkbar machen. Oft fällt es dabei auch bei gutem Willen schwer, eine gerechte Lösung zu finden, aber allen beteiligten Kirchen und Christen muss jederzeit bewusst sein, dass unsere erste und oberste Treuepflicht Gott allein gebührt, der uns durch den Heiligen Geist in Schwestern und Brüder verwandelt hat. Wir betonen daher mit der Basler Versammlung: "Alle anderen Loyalitäten (gegenüber Staat, Kultur oder sozialer Gruppe ... ) sind zweitrangig" (Nr. 77).

Proselytismus (B7) Die Wahrhaftigkeit fordert von uns, auch ein Problem anzusprechen, das die ökumenischen Beziehungen in Osteuropa besonders belastet, nämlich das Problem des Proselytismus. Wie an kaum einer anderen Stelle erweist sich dabei schon die Verständigung über die Natur des Problems und die verschiedenartigen Erfahrungen als sehr mühsam und schmerzlich. Wir möchten deswegen einige wichtige Prinzipien in Erinnerung rufen und zuerst festst ellen: Der Geist respektvoller und vertrauensvoller ökumenischer Gemeinschaft verbietet jede Form von Proselytismus. Daher zählt dieses Verbot von Anfang an mit Recht zu den zentralen Regeln ökumenischen Zusammenlebens. Keine Kirche, kirchliche Gemeinschaft oder Bewegung kann sich auf den christlichen Missionsauftrag berufen, wenn sie versucht, mit finanziellen oder propagandistischen Mitteln Angehörige einer anderen Konfession abzuwerben. Wir achten das Recht aller Christinnen und Christen, sich zu einer anderen Konfession zu bekehren, aber das darf niemals durch Druck oder Manipulation herbeigeführt werden. Besonders bei Konversionen von Amtsträgerinnen und Amtsträgern halten wir die gegenseitige Information der betroffenen Kirchen für wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden. Wir halten es für dringend erforderlich, das Verhältnis zwischen dem ekklesialen Begriff des kanonischen Gebiets und dem Menschenrecht auf Religionsfreih eit zu klären und ein gemeinsames Verständnis des kirchlichen Missionsauftrages zu erarbeiten. Wir begrüssen deshalb mit Nachdruck das Dokument der gemeinsamen Arbeitsgruppe zwischen dem Ökumenischen Rat der Kirchen und der Römisch-Katholischen Kirche zum Thema "Die Herausforderung des Proselytismus und der Ruf zum gemeinsamen Zeugnis", dessen Einsichten für das künftige Gespräch hilfreich sein könnten. In jedem Fall sind Behutsamkeit und Respekt im Umgang miteinander die Voraussetzungen dafür, dass wir den christlichen Missionsauftrag in Europa gemeinsam erfüllen können statt in gegenseitiger Konkurrenz.

Ökumenische Räte und Partnerschaften (B8) Mit Blick auf die Zukunft möchten wir jedoch weniger die zwischen uns bestehenden Konflikte betonen, sondern mehr die Zeichen der Hoffnung hervorheben, die es in grosser Zahl gibt. Als einen der wichtigsten Bereiche ökumenischen Fortschritts werten wir die Kirchen- und Christenräte, die in zahlreichen europäischen Ländern gegründet wurden. In ihnen treffen sich regelmässig offizielle Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedskirchen zur Beratung, um Aktionen zu koordinieren oder miteinander durchzuführen, Materialien zur Information oder für die ökumenische Praxis zu erarbeiten oder strittige Fragen miteinander zu besprechen. Diese unentbehrlichen Instrumente des Zusammenlebens und der Zusammen-arbeit sollten überall ein festes Element zwischenkirchlicher Beziehungen bilden. In manchen Ländern existieren darüber hinaus örtliche Partnerschaften zwischen konfessionsverschiedenen Gemeinden, die Kirchengebäude miteinander teilen, gemeinsam Gottesdienste feiern, miteinander beten oder gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, die Verkündigung und das Zeugnis des Glaubens einladender zu gestalten.

Ökumenische Initiativen (B9) Neben solchen formellen Strukt uren der Ökumene existiert ein ausserordentlich weites Feld ökumenischer Initiativen, die auch nur halbwegs vollständig aufzulisten unmöglich ist. Zum Beispiel treffen sich tausende von jungen Menschen aus dem Norden, Süden, Osten und Westen Europas in TaizŽ und vielen anderen Zentren, um miteinander zu singen, zu meditieren, zu beten und miteinander zu diskutieren. lm Blick auf das Thema unserer Versammlung jedoch verdienen jene Aktionen und Initiativen besondere Aufmerksamkeit, die der Verständigung in gewaltsamen Konflikten oder der Versöhnung nach dem Ende von Feindseligkeiten dienen. lhr Spektrum reicht von gemeinsamer Not- und Wiederaufbauhilfe über die Organisation von Begegnungen zwischen Menschen, die den verfeindeten Parteien angehören, bis hin zu Zentren gemeinschaftlichen Lebens. Die Kirchen sollten solche Bemühungen jederzeit öffentlich unterstützen und finanziell nach Kräften fördern. Ökumenische E rziehung, Ausbildung und Fortbildung sind wichtig, um Konflikten vor-zubeugen, ebenso alle Mittel und Wege, die einer gemeinsamen Frömmigkeit dienen. Dazu gehören vor allem gemeinsame Bibelübersetzungen, ökumenische Lieder- und Gebetsbücher und nicht zuletzt gemeinsame Gebetstage, wie der Weltgebetstag der Frauen und die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Denn es genügt nicht, nur Wissen zu vermitteln, es bedarf gemeinsamer geistlicher Erfahrungen und der Einübung einer spirituellen Grundhaltung, die den unbedingten Respekt vor der Freiheit des Gewissens mit der Freude am Reichtum des christlichen Glaubens verbindet.

Grenzen unserer Gemeinschaft und ökumenische Verpflichtung (B10) Es darf unter uns keine Form der Einheit geben, die durch den Verzicht auf die Wahrheit erkauft würde, die uns durch Gott anvertraut ist. Wir haben kein Recht, unsere Mütter und Väter im Glauben zu verdächtigen, sie hätten di e Trennung der Kirchen nur aus unlauteren und verwerflichen Motiven betrieben oder in Kauf genommen. In gleicher Weise gebührt all denen Respekt, die sich um der Wahrheit willen verpflichtet fühlen, an bestimmten †berzeugungen und Entscheidungen festzuhalten, selbst wenn dies unsere Gemeinschaft begrenzt. Es wäre unredlich, solche Grenzen zu verschweigen, und falsch, sie einfach zu überspringen. Trotzdem müssen wir uns selbst ständig ehrlich prüfen, ob wir tatsächlich alles in ökumenischer Gemeinschaft tun, was hier und jetzt möglich wäre, ohne irgendein Gewissen zu verletzen. lm Licht unseres Glaubens und der Herausforderung nach dem ökumenischen Auftrag der Kirche müssen wir den Dialog im Bemühen um die Einheit fortführen. Niemand unter uns sollte es wagen, das Gebet unseres Herrn Jesus Christus um Einheit zu missachten oder die in unseren Köpfen forthallende Weisung des HI. Paulus zu überhören, Botschafter der Versöhnung zu sein. Gott hat uns mit sich selbst durch Christus versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgegeben (2 Kor. 5, 18). Wir können die Gemeinschaft, die Gott uns angeboten hat, letzten Endes nicht selbst herstellen, sondern nur als ein Geschenk Gottes empfangen, indem wir auf dem Weg zur Versöhnung das Evange-lium gemeinsam teilen und leben. Darin liegt eine Pflicht, vor allem aber eine Ermutigung und Hoffnung, die in die Zukunft weist.

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