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Themenbereich 1: Versöhnung suchen Leben gewinnen in den Spannungen und Spaltungen der Kirchen


Bericht der Arbeitsgruppe 1.1
Gemeinschaft der Kirchen - Blockaden, Hoffnungszeichen, Wege

Dankbar und froh sehen wir die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zwischen den Kirchen: Von Verurteilung und Abgrenzung führte unser Weg zu Verständnis, Akzeptanz und gemeinsamer Arbeit. Wir sehen aber auch Trennungen, die unsere Glaubwürdigkeit noch beeinträchtigen. Der Weg der Versöhnung zwischen den Kirchen muß weitergehen, um unseren gemeinsamen Auftrag wirksam tun zu können.

Folgende Schritte zur Überwindung konfessioneller Vorurteile und Schranken wurden uns wichtig:

1. Besinnung auf unsere Grundlagen und unser gemeinsames Zeugnis

Für eine tatsächliche und tiefgreifende Versöhnung zwischen uns ist es wichtig, miteinander die gemeinsamen Grundlagen unseres Glaubens - die Bibel und die altkirchlichen Bekenntnisse - neu zu entdecken. Wertvolle Hilfen dazu werden in den ökumenischen Dokumenten "Taufe, Eucharistie und Amt" (Lima-Erklärung) und "Gemeinsam den einen Glauben bekennen" angeboten. Große Hoffnungen werden auf den Einigungsprozeß zur Rechtfertigungslehre gesetzt.

Wichtigen Gesprächsbedarf sehen wir bei der Frage, wie und wodurch Menschen zu Christen und Gliedern der Kirche werden. Einig sind wir in der grundsätzlichen Zusammengehörigkeit von Taufe und Glaube, von Ruf Gottes und Antwort des Menschen. Wie sich diese Zusammengehörigkeit im menschlichen Leben realisiert und wie sie durch kirchliche Handlungen in richtiger Weise biographisch verortet werden kann, muß unter den christlichen Kirchen noch weiter gemeinsam besprochen werden. "Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe" (Eph 4) - das ist unsere gemeinsame Grundlage trotz aller noch vorhandenen Unterschiede. Wir wünschen uns, daß auch in Gemeinden ökumenisch über diese Themen gesprochen wird. Ökumenische Gemeinschaft soll nicht zum Vergessen oder Verdrängen, sondern zur Neuentdeckung des gemeinsamen und des eigenen Erbes führen.

2. Geistliche Gastfreundschaft

Ein zentraler Punkt auf dem Weg zur Versöhnung ist, daß wir gegenseitig am Reichtum unserer Spiritualität Anteil geben und nehmen. Den "geistlichen Ökumenismus", den das II. Vatikanische Konzil "die Seele der Ökumene" nennt, haben wir als geistliche Gastfreundschaft hier in Erfurt gemeinsam erfahren: In ökumenischen Pilgerwegen, Andachten, Gottesdiensten und in Gesprächen über Glauben und Weltverantwortung. Dankbar sind wir für die Anregungen der Konsultation zur Ökumenischen Versammlung "Solidarität der Kirchen mit den Frauen" zum Thema Spiritualität.

Wir ermutigen dazu, auf allen Ebenen die bereichernde Vielfalt geistlichen Lebens zu entdecken, ökumenische Gottesdienste zu feiern, aber auch wechselseitig die Gottesdienste anderer Gemeinden zu besuchen, verläßliche Informationen einzuholen und lebendige Beziehungen zu Christen aus anderen Kirchen herzustellen. In diesem Geben und Nehmen kann die Liturgie ebenso als Bereicherung erfahren werden wie das freie Gebet.

Wir ersehnen die volle Gemeinschaft am Tisch des Herrn. Viele sehen in der eucharistischen Gastfreundschaft einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel. Andere sind der Überzeugung, daß die Glaubensgemeinschaft der Kirche unabdingbare Voraussetzung der eucharistischen Gemeinschaft ist. Wir wissen uns verpflichtet, alles zu tun, daß die volle Gemeinschaft so bald wie möglich erreicht wird.

Wichtig ist, die Grenzen der Teilnahme- und Aufnahmefähigkeit unserer jeweiligen Partner zu erkennen, zu respektieren und trotzdem nicht von der Suche nach mehr Versöhnung und Gemeinschaft abzulassen. Denn Formen geistlichen Lebens sind nicht beliebig austauschbar, sondern sind von Glaubensinhalten getragen, von denen sie nicht getrennt werden dürfen. Wesentlich ist, daß unterschiedliche spirituelle Praxis Menschen zu gemeinsamem relevanten Handeln befähigt.

3. Gemeinsamer Dienst in der Welt

Unsere ökumenische Arbeit ist kein innerkirchlicher Selbstzweck, sondern steht unter Auftrag und Verheißung Jesu, "damit die Welt glaubt". Ebenso zeigen Erfahrungen in Kirchen, Gemeinden, Initiativen und Basisgruppen, daß Trennendes schwindet und Gemeinsamkeit wächst, wo wir uns nicht nur um uns selbst drehen, sondern gemeinsam in gelebter Nächstenliebe den Dienst an der Welt tun. Gerade in dieser Dimension wird Ökumene als Versöhnung erfahrbar und setzt sichtbare Hoffnungszeichen im Sinne des konziliaren Prozesses.

Gemeinsames Reden und Handeln in der Öffentlichkeit ist zudem in einer säkularisierten Gesellschaft unaufgebbare Voraussetzung dafür, glaubwürdig zu sein und Gehör zu finden, wenn wir unseren Mund für die Stummen und die geplagte Schöpfung Gottes öffnen.

4. Vorbereitung auf das Jahr 2000

Im Bewußtsein unserer Gemeinden ist die Jahrtausendwende ein bedeutsames Ereignis. Viele Menschen werden Hoffnungen und Befürchtungen daran knüpfen. Alle Kirchen sind zu diesem Datum besonders herausgefordert, den Dank für das Kommen Jesu Christi und das Vertrauen auf Gottes bleibende Treue zu bezeugen. Wir freuen uns über die Kirchen, die bereits Vorbereitungen für dieses Ereignis treffen.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends sollten wir ein ökumenisches Zeichen der Einheit des Leibes Christi geben. Unser Zeugnis wird einladender, unser Dienst für die Menschen überzeugender, je mehr wir weiter zusammenwachsen.

Wir bitten Kirchen und Gemeinden vor Ort, ihre Kräfte zu bündeln und zu gemeinsamen Veranstaltungen aus Anlaß der Jahrtausendwende zu kommen, sei es im lokalen und nationalen Bereich oder auf der Ebene der Weltchristenheit. Wir regen an, daß die II. Europäische Ökumenische Versammlung in Graz den Vorschlag des Generalsekretärs des ÖRK aufgreift, daß die Kirchen sich verpflichten, im Jahr 2000 in einen "Dialog der Wahrheit, der Liebe und des Lebens" zur Vorbereitung eines allgemeinen christlichen Konzils einzutreten.

 

Bericht der Arbeitsgruppe 1.2
Entscheidungsfindung in den Kirchen -
Legitimationen, Strukturen und Finanzen

Unsere Aufgabe in Erfurt war eine ungewöhnliche Fragestellung. Wir hatten zu fragen nach den Grundlagen der Entscheidungen, die unsere Kirchen jeweils für sich treffen, und die für den konziliaren Prozeß als unserem ökumenisch gemeinsamen Projekt wichtig sind.

Wir halten fest, daß der interkirchliche Austausch über jeweils interne Vorgänge für das Vorankommen des ökumenischen Gesprächs sehr hilfreich ist. Dieser Austausch braucht gleichwohl eine spezifische Methodik, die den Respekt vor der Eigenständigkeit der Partner ausdrückt. Dazu sind folgende Schritte notwendig:

  1. Am Beispiel einer konkreten Fragestellung berichten die Teilnehmer der anwesenden Kirchen über die jeweils vorhandenen Autoritätsstrukturen, die Entscheidungsprozesse und die Beteiligung der jeweiligen Glieder und Grenzen der eigenen Kirche. Dieser Gedankenaustausch führt zu einem Lernprozeß über die internen Entscheidungsvorgänge der einzelnen Kirchen.
  2. Entscheidungen der anderen Kirche wahrnehmen und bewerten: Durch dieses Gespräch lernen die Teilnehmer die Spielräume anderer Kirchen realistischer einschätzen, wodurch falsche Erwartungen und Enttäuschungen vermieden werden können.
  3. Diese Selbstvergewisserung und Fremdwahrnehmung ermöglicht das offene Gespräch über mögliche Gemeinsamkeiten und noch vorhandene Dissense.
Die Anwendung dieser Methodik im konziliaren Prozeß erleichtert die Annahme und Umsetzung von Beschlüssen der ökumenischen Versammlung in den Mitgliedskirchen der ACK. Der so gestaltete Dialog hilft den christlichen Kirchen weiter miteinander auf dem Weg zu einer stärkeren konziliaren Verbindlichkeit zu bleiben. Er läßt teilhaben an der jeweiligen Geschichte, löst Blockaden oder läßt wenigstens verstehen, wie Blockaden, die noch nicht aufgelöst werden können, zu deuten oder zu begrenzen sind. Die Arbeitsgruppe hat dies an beispielhaften Problemfeldern erprobt und ist zu folgenden Ergebnissen gekommen:

1. Christliches Zeugnis in der Gesellschaft

Viele Aktivitäten von Kirchen richten sich auf innerkirchliche Vorgänge. Darum wird kirchliches Leben von vielen Menschen als sie nicht betreffend wahrgenommen. Dadurch wird das Zeugnis und der notwendige Dienst der Kirchen in der Gesellschaft behindert.

Aufgrund der gesellschaftlichen Verantwortung, die den Kirchen insgesamt zukommt, ist es geboten, daß sich die Kirchen gemeinsam zu relevanten Fragen äußern und sich gemeinsam auf die Suche nach Lösungen begeben. Sie sollen sich dabei mit allen gesellschaftlichen Kräften, die sich um das gleiche Ziel bemühen, verbinden. Damit geben die Kirchen ein glaubhaftes Zeugnis ihres Sendungsauftrages und leisten den von ihnen erwarteten Beitrag.

Die beiden großen Kirchen in Deutschland würden eine Bereicherung erfahren, wenn sie die in Deutschland kleineren Kirchen in die Planungen, die zu Entscheidungen und Aktionen führen, wo immer es möglich ist, einbeziehen würden. Wir bitten daher die Mitgliedskirchen und den Vorstand der Bundes-ACK zu prüfen, wie die ACK als gemeinsames Handlungsinstrument weiter entwickelt werden kann. Die Zusammenarbeit, die es zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt, sollte im Sinne des gesamtkirchlichen Zeugnisses in der Welt erweitert werden. Dabei sind unterschiedliche Weisen der Beteiligung denkbar, z.B. durch Einladung zur Mitarbeit oder durch Einladung zur Mitverantwortung.

Das gemeinsame Zeugnis der Kirchen in unserer Gesellschaft kann auch dadurch glaubwürdiger werden, daß die Kirchen sich zu einer eindeutigen Kooperation von vergleichbaren kirchlichen Institutionen entschließen. Wo eine gemeinsame Rechtsträgerschaft (noch) nicht möglich erscheint, sollte eine Kirche stellvertretend für ihre ökumenischen Partner die Rechtsträgerschaft wahrnehmen und sich für die Beteiligung anderer Kirchen öffnen sowie ihnen Mitverantwortung zugestehen.

2. Verhältnis von Frauen und Männern

Frauen und Männer in unseren Kirchen sind noch nicht in gleicher Weise an Ämtern und Diensten beteiligt. Der Anteil der Frauen in kirchlichen Leitungsdiensten ist im allgemeinen noch viel zu gering. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in den Kirchen bedarf vielfach noch einer weiteren Verbesserung. In den Kirchen muß eine stärkere Sensibilität für frauenspezifische Fragen entwickelt werden.

Wir bitten die Kirchen bei der Beschreibung und Besetzung von Stellen, Frauen auf allen Handlungsebenen, insbesondere auf der Leitungsebene, verstärkt zu berücksichtigen, dies gilt auch für Ausbildung, Forschung (theologische Frauenforschung) und Lehre. Eine gründliche Schulung in der gegenseitigen Wahrnehmungsfähigkeit ist dazu notwendig.

3. Strukturen und Entscheidungsfindung in den Kirchen

In den Entscheidungsgremien unserer Kirchen nimmt der Anteil von Ehrenamtlichen und von Frauen auf der je höheren Entscheidungsebene immer mehr ab. Mitunter werden Entscheidungen gefällt, ohne daß die Betroffenen frühzeitig und angemessen konsultiert und getroffene Entscheidungen nicht hinreichend begründet werden. Entscheidungen, die aus theologisch-pastoralen Gründen notwendig sind, sollten nicht durch juristische Argumentation verhindert werden. Wo geltendes Recht solchen Entscheidungen entgegensteht, muß nach Wegen zur Lösung gesucht werden.

Die Beteiligung des ganzen Gottesvolkes an der Entscheidungsfindung soll verstärkt werden.

 

Arbeitsgruppe 1.3
Verhältnis der Kirchen zum Judentum - Überwindung des Antijudaismus

1. Die Verwobenheit des Christentums mit dem Judentum ist bislang im Konziliaren Prozeß zu wenig bewußt gewesen und nicht thematisiert worden.
  • Gerade weil es um den Aspekt der Versöhnung geht, muß die Bewußtmachung und Thematisierung erfolgen - ausgehend vom Konziliaren Prozeß - in Verkündigung, Unterricht und kirchlicher Bildungsarbeit.
2. Das Verhältnis der Kirchen und ihrer Mitglieder (in Deutschland) zum Judentum wird noch immer verharmlost und beschönigt: Die verschiedenen Wurzeln der Judenfeindschaft - theologische, ökonomische, soziale, biologische, politische - sind zu wenig offengelegt worden und wirken deshalb weiter.
  • Die weiterbestehende geheime Sympathie mit antijüdischen Einstellungen muß aufgeklärt und überwunden werden. Dabei haben gerade die Kirchen eine unverzichtbare Aufgabe. Doch ist einem zu leichtfertigen Reden von Versöhnung im kirchlichen und politischen Bereich zu begegnen mit dem Verweis auf das jüdische Verständnis, das vom konkreten Gegenüber zweier Personen ausgeht, zwischen denen es um Schulderkenntnis, Schuldbekenntnis und Vergebung geht.
  • Wir bitten die Mitgliedskirchen der ACK, am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz oder am Sonntag danach, der Opfer der Schoah zu gedenken und konkrete Schritte im Geist der Versöhnung zu gehen.
3. Die Bibelwissenschaft ist in unseren Kirchen aufgeteilt in zwei getrennte Disziplinen: die Exegese des "Alten-" und des "Neuen Testamentes". Zu leicht wird dadurch das Zweite Testament als Erfüllung des Ersten Testamentes verstanden, die genuine jüdische Kanonbildung sowie die jüdische Bewertung und Exegese der einzelnen Schriften ("Tora", "Propheten" und "Schriften") werden übersehen. (Beispiel: 2 Chronik 36,23 als Abschluß der jüdischen Bibel fordert dazu auf, hinaufzuziehen nach Jerusalem; Maleachi 3,23 f. als Abschluß des christlichen "Alten Testamentes" findet seine direkte Fortsetzung in Lukas 1, 17)
  • Die Exegese in der christlichen Theologie und die Bibelarbeit in der Gemeinde haben die jüdische Schriftauslegung aufzunehmen. Die Kooperation zwischen christlicher Exegese und Judaistik ist von daher zu intensivieren. Lehrende und Studierende sollten verpflichtet sein, auch durch Jüdinnen und Juden selbst die jüdische Interpretation der Bibel und ihrer Wirkungsgeschichte im Judentum zu hören. Ebenso sollten sie verpflichtet sein, kritisch die judenfeindliche Wirkungsgeschichte in der christlichen Rezeption der Bibel zu bedenken.
4. Viele Texte und Darstellungen in der langen Tradition kirchlicher Lehre, Verkündigung, Liturgie und Kunst beinhalten noch immer antijudaistische Einstellungen und vereinnahmen in einer Israel enterbenden Weise jüdische Tradition für die Kirche (z.B. "das wahre Israel", das Volk Gottes, die christologische Interpretation der Psalmen)
  • Gebetstexte und Lieder sollten von Antijudaismen befreit werden. Wo christologische oder trinitarische Formulierungen antijüdische Engführungen enthalten, müssen diese erkannt und benannt werden. Das gilt ebenso für antijüdische Formulierungen in neutestamentlichen Schriften. Die vorgegebenen Perikopenreihen und die Kommentare dazu bedürfen einer Revision. Hier liegt eine Aufgabe derer, die für die Gestaltung der Gottesdienste und des Unterrichts verantwortlich sind.
5. Neue offizielle kirchliche Texte über das Verhältnis der Kirchen zum Judentum und zum Verständnis der Heiligen Schrift finden - auch bei Kirchenleitungen - zu wenig Beachtung.

Ein (selbst)kritisches Wahrnehmen von christlichen Aussagen zum Judentum und zur Heiligen Schrift ist (weiter) zu entwickeln und in den Kirchen auszuhalten. Die Einsichten, die in neuen offiziellen kirchlichen Texten formuliert wurden, müssen konsequent in der kirchlichen Lehre, Verkündigung und Liturgie wirksam werden. Die Verkündigung des Evangeliums setzt die Anerkennung des lebendigen Erbes des Judentums voraus.

6. In der Einheitsübersetzung wird der Name Gottes (das Tetragramm JHVA) in die deutsche Sprache übernommen. Damit wird zugleich in der christlichen Liturgie entgegen der am 1. Gebot orientierten jüdischen Tradition und auch entgegen der bisherigen christlichen Tradition dieser Gottesname in einer die Jüdinnen und Juden brüskierenden Weise ausgesprochen.

  • Das 1. Gebot und die ihm folgende jüdische Praxis bedürfen ausdrücklicher Erklärung. Mit den Juden sollten die Christen den einen Gott als den HERRN benennen (bzw. DU, ER, IHN usw.)
7. Durch das Nichtbedenken der jüdischen Tradition und die unkritische Übernahme hellenistischer Denkweisen wird die ursprüngliche Spannung biblischer Bilder und Worte eindimensional oder sogar dualistisch aufgelöst, was entweder zur Verarmung und Mißdeutung führt (z.B. Frieden, Gerechtigkeit) oder sogar zur Verteufelung (vgl. das Bild der Saraph-Schlangen, die in Numeri 21,6 mit "Giftschlangen" und in Jesaja 6,2 mit ãSeraphimÒ übersetzt werden; siehe dazu die Verteufelung der Schlange in Offenbarung 12,9).
  • Es sind Übersetzungen zu empfehlen, welche die Fülle der hebräischen Wortbedeutungen zu wahren versuchen (z.B. die Verdeutschung von Buber-Rosenzweig).
8. Die Offenheit der messianischen Vorstellungen des lebendigen Judentums wird im Christentum oft nicht ausgehalten, sondern führt zu unversöhnter Gegnerschaft. Seine Hoffnungssymbole (z.B. das Neue Jerusalem) werden vereinnahmt und nicht als genuin jüdisch wahrgenommen.
Die christliche Verkündigung muß lernen, das Judentum als eine dem Christentum bereits vorauslaufende und mit ihm gleichzeitig existierende lebendige und vielfältige Größe zu erkennen. Das verbietet jede triumphalistische Überheblichkeit (vgl. Römer 11,20). Es bedarf der Einübung, Unterschiede - z.B. im Messiasverständnis - in gegenseitiger Achtung auszuhalten.
  • Es sind Zugänge zu eröffnen, das Judentum als eine dem Christentum bereits vorauslaufende und mit ihm gleichzeitig existierende lebendige und vielfältige Größe zu erkennen. Das verbietet jede triumphalistische Überheblichkeit (vgl. Römer 11, 20). Es bedarf der  Einübung, Unterschiede - z.B. im Messiasverständnis- in gegenseitiger Achtung auszuhalten.
  • Die biblischen Hoffnungssymbole sind ein Anstoß zum gemeinsamen Bemühen um die Gestaltung einer Welt in Gerechtigkeit und Frieden.
9.Der noch weiter wirksame Absolutheitsanspruch der christlichen Kirchen schließt das Judentum aus der Heilsgemeinschaft des Volkes Gottes aus - entgegen Römer 9-11.
  • In der Praxis der christlichen Kirchen bedarf es der Erkenntnis, daß Wahrheit in geschichtlichem und sozialem Kontext ausgedrückt wird. Jüdinnen und Juden suchen ebenso wie Christinnen und Christen nach tieferer Wahrheit. Sie halten unterschiedliche Ausdrucksweisen der Wahrheit aus und versuchen, die Wahrheit im (gemeinsamen) Handeln zu bewähren.
10. In der hebräischen Bibel und im Judentum sind Religion und Ethik in einer Weise verknüpft, daß z.B. der Schöpfungsglaube, die Gottebenbildlichkeit des Menschen und die Befreiung aus Versklavung und Unterdrückung konkrete ökonomische Folgen haben (z.B. Schabbat, Jobeljahr). Im Christentum werden z.B. die Worte Sünde, Gerechtigkeit und Frieden nicht mehr in ihrer materiellen Konkretheit verstanden. Sie werden vergeistigt und individualisiert. Das Christentum ignoriert weitgehend, daß das Recht auf Beheimatung und das Gebot der Fremdenliebe Kernpunkte der jüdischen Ethik sind. "Bewahrung der Schöpfung" ist ebenso ein Gebot der hebräischen Bibel wie Friedensauftrag und die Forderung, gerecht zu handeln.
  • An der gemeinsamen Schrift orientierte (möglichst gemeinsame) Reflexion des Handelns sollte für die Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit und des Rechts fruchtbar gemacht werden.
  • Wir sind mitverantwortlich für das Lebensrecht des jüdischen Volkes in der Diaspora und im Staat Israel. Wir haben alles zu vermeiden, was zu einer Polarisierung zwischen dem israelischen und palästinensischen Volk führt. Wir haben vielmehr dazu beizutragen, daß ein Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit möglich ist.

Handeln

1. Die Bewußtmachung und Thematisierung muß erfolgen, gerade weil es um den Aspekt der Versöhnung geht.

2. Einem zu leichtfertigen Reden von Versöhnung im kirchlichen und politischen Bereich ist zu begegnen mit dem Verweis auf das jüdische Verständnis, das vom konkreten Gegenüber zweier Personen ausgeht, zwischen denen es um Schulderkenntnis, Schuldbekenntnis und Vergebung geht. Die weiterbestehende geheime Sympathie mit antijüdischen Einstellungen muß aufgeklärt und überwunden werden. Dabei haben gerade die Kirchen eine unverzichtbare Aufgabe.

3. Die Exegese in der christlichen Theologie hat die jüdische Exegese aufzunehmen. Die Kooperation von christlicher Exegese und Judaistik ist von daher zu intensivieren. Lehrende und Studierende sollten verpflichtet sein, möglichst durch Jüdinnen und Juden selbst die jüdische Interpretation der Bibel und ihrer Wirkungsgeschichte im Judentum zu hören. Ebenso sollten sie verpflichtet sein, um die judenfeindliche Wirkungsgeschichte der christlichen Rezeption der Bibel zu wissen.

4. Liturgische Texte sollten von Antijudaismen befreit werden. Wo christologische und trinitarische Formulierungen antijüdische Engführungen enthalten, müssen diese erkannt und benannt werden. Die vorgegebenen Perikopenreihen und die Kommentare dazu bedürfen einer Revision.

5. Ein (selbst)kritisches Wahrnehmen von christlichen Aussagen zum Judentum und zur Heiligen Schrift ist (weiter) zu entwickeln und in den Kirchen auszuhalten. Die Einsichten, die in neuen offiziellen kirchlichen Texten formuliert wurden, müssen konsequent in der kirchlichen Lehre, Verkündigung und Liturgie wirksam werden. Die Verkündigung des Evangeliums setzt die Anerkennung des lebendigen Erbes des Judentums (und des Islam) voraus.

6. Das 1. Gebot und die ihm folgende jüdische Praxis bedürfen ausdrücklicher Erklärung. Mit den Juden sollten die Christen den einen Gott als den HERRN benennen (bzw. ER, IHN usw.)

7. Es sind Übersetzungen zu empfehlen, welche die ursprüngliche Spannung wahren (z.B. die Verdeutschung von Buber-Rosenzweig).

8. Es sind Zugänge zu eröffnen, das Judentum als eine dem Christentum vorauslaufende und mit ihm gleichzeitig existierende lebendige und vielfältige Größe zu erkennen. Personen, Gruppen und Organisationen, die dies tun, sind zu unterstützen.
Es bedarf der Einübung, Unterschiede - z.B. im Messiasverständnis - in gegenseitiger Partnerschaft auszuhalten.
Die biblischen Hoffnungssymbole können ein Anstoß zum gemeinsamen Bemühen um die Gestaltung einer Welt in Gerechtigkeit und Frieden sein.

9. Es bedarf der (Verbreitung der) Erkenntnis, daß Wahrheit in geschichtlichem und sozialem Kontext ausgedrückt wird und der Bewährung in der Praxis bedarf. Gemeinsam mit Juden (und Muslimen) suchen Christen tiefere Wahrheit, sie halten unterschiedliche Ausdrucksweisen der Wahrheit aus und versuchen, die Wahrheit im (gemeinsamen) Handeln zu bewähren.

10.1 "Bewahrung der Schöpfung" ist ebenso ein Gebot der hebräischen Bibel wie Friedensauftrag und Verheißung und die Forderung, gerecht zu handeln. An der gemeinsamen Schrift orientierte (möglichst gemeinsame) Reflexion des Handelns sollte für die Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit fruchtbar gemacht werden.

10.2 Die Tötung von Tier und Mensch zerstört die Schöpfungsordnung, setzt Aggression frei und fördert die Vernichtungsbereitschaft. Auf Fasten, Fleischverzicht, auf Einübung gewaltfreier Verhaltensweisen sollte deshalb besonderer Wert gelegt werden.

10.3 Aufgrund unserer Geschichte sind wir in Deutschland und Europa in die Problematik des Zusammenlebens von Christinnen und Christen mit Palästinenserinnen und Palästinensern involviert.
Deshalb haben wir alles zu vermeiden, was zu einer Polarisierung zwischen Israelis und Palästinensern beiträgt. Wir haben vielmehr dazu beizutragen, daß ein Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit möglich ist. Auch der Staat Israel ist deshalb als wichtige säkulare Größe anzusehen, er darf jedoch nicht vergöttlicht werden.
 

Prälat Dieter Grande (röm.-kath.), Pastorin Corinna Schmidt (mennonitisch), Bettina Fuhrmeister (EKD), Äbtissin Sr. Maire Hickey OSB (röm.-kath.), Rektor Pater Dr. Gerhard Voss OSB (röm.-kath.), Pfarrer Richard Fischer (EECCS), Pfarrer Othmar Göhring (ÖRK), Dr. Ansgar Koschel (CJZ), Prof. Dr. Martin Stöhr, Josef Tammer (ACK Sachsen).


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