Botschaft
"Versöhnung suchen - Leben gewinnen" ist das Gebot der Stunde.
Die Aufgabe, für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung
einzutreten, hat keineswegs an Dringlichkeit verloren. Sie steht nach wie vor
auf der ökumenischen und politischen Tagesordnung. Denn trotz unbestreitbarer
und erfreulicher Erfolge und Fortschritte wurde keines der großen Probleme,
die in ihrer Gesamtheit die globale Krise der Gegenwart ausmachen, gelöst,
manche haben sich sogar verschärft. Doch haben die Ereignisse seit 1989
eine neue Dimension zutage treten lassen, für die sich uns der Begriff
der Versöhnung aufdrängt.
Versöhnung ist ein Wort, das hoffen läßt, Feindschaft könne überwunden, Unrecht wieder gutgemacht, verletztes Leben wieder geheilt werden. Es weckt aber auch Unbehagen und Widerstand aufgrund der bitteren Erfahrung, daß das Reden von Versöhnung oft mißbraucht wird, um Unrechtsverhältnisse zu beschönigen und zu festigen.
Wer solchen Mißbrauch vermeiden will, muß die Folgen menschlicher Unversöhntheit und Unversöhnlichkeit klar benennen und seine eigene Schuld daran offen bekennen. Zugleich kommt es darauf an, Erfahrungen gelungener Versöhnung wahrzunehmen, die dazu ermutigen, vor dem Schmerz des Benennens und der Scham des Bekennens nicht zurückzuschrecken.
Für uns Christen hängt beides untrennbar zusammen mit unserem gemeinsamen Glauben an die uns Menschen von Gott geschenkte Versöhnung. Es gibt eine Liebe, die jeden Menschen annimmt, was immer er auch getan oder unterlassen haben mag. Sie verkörpert sich für uns in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Die Kraft dieser Versöhnung ist bis heute wirksam und ruft uns zur Umkehr.
Mit den Augen unseres Glaubens und bezogen auf unseren Auftrag, uns für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, sehen wir in der gegenwärtigen Situation eine Reihe von Problemen, die entschlossenes und geduldiges Handeln aus dem Geist der Versöhnung fordern. Wir können und dürfen uns niemals abfinden:
- mit Massenarbeitslosigkeit, mit Armut und der Ungleichheit von Lebenschancen;
- mit Gewalt in ihren vielfältigen Erscheinungsformen
- mit dem Raubbau an den Lebensgrundlagen unserer und künftiger Generationen.
Wir anerkennen in großer Dankbarkeit das Ende des Kalten Krieges und
den Gewinn an Freiheit für viele Menschen. Doch erleben wir zugleich besorgniserregende,
manchmal alarmierende Entwicklungen. Viele Menschen in Deutschland und in Mittel-
und Osteuropa fühlen sich in ihren Hoffnungen betrogen. Soziale Probleme
haben sich erheblich verschlimmert. Armut nimmt in erschreckendem Ausmaß
zu, während bei anderen der Reichtum wächst.
Diese Kluft zwischen arm und reich gefährdet den sozialen Frieden. An anderen Orten herrschen Krieg, Tod und Zerstörung. Die politische Wende in Europa entläßt uns nicht aus der Pflicht zur radikalen Umkehr, die uns angesichts der globalen Krise als ein Gebot und Angebot Gottes für unsere Zeit erscheint.
Wir erinnern an alte und neue Mißstände oder Gefahren nicht aufgrund höherer Einsicht oder moralischer Überlegenheit. Wir teilen die Ratlosigkeit zahlreicher Menschen, und wir sind uns der Zerrissenheit bewußt, die der Christenheit vor Augen führt, wie oft sie sich gegen Gottes Geist der Versöhnung versündigt. Noch immer sind die Kirchen gespalten. Überdies gibt es innerhalb einzelner Kirchen Spannungen, die wir im Blick auf unseren Versöhnungsauftrag überwinden müssen. Zu häufig sind einzelne und Gruppen Amtsträgern gegenüber machtlos und fühlen sich entmündigt.
Nach wie vor sind Frauen auch in den Kirchen benachteiligt, und oft werden
Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen. Wir haben wahrhaftig allen Grund
zu Selbstkritik und Demut. Um so mehr dürfen wir uns über die mannigfaltigen
Zeichen und Zeugnisse der Versöhnung freuen, die wir gesehen und gehört
haben. Sie beweisen, daß selbst tief verfeindete Völker sich versöhnen,
Täter und Opfer offen miteinander sprechen, Vorurteile und Schranken des
Zusammenlebens überwunden werden können. Sie zeigen auch, daß
Versöhnung niemals erzwungen werden kann, sondern stets ein kostbares und
zerbrechliches Geschenk bleibt.
- Wir halten fest an den vorrangigen Optionen für die Armen, für
Gewaltfreiheit sowie für den Schutz und die Förderung des Lebens.
Dies verpflichtet uns als einzelne und Gruppen, in Gemeinden und Kirchen zu
einem neuen Lebensstil und dazu, uns für eine Politik zu engagieren,
die sich in den Dienst dieser Optionen stellt. In diesem Sinne unterstützen
wir zum Beispiel:
- das Programm "Solidarität der Kirchen mit den Frauen" sowie - im Bereich
der Eine-Welt-Arbeit-Initiativen zu entwicklungsorientierten Geldanlagen;
- das ACK-Arbeitsvorhaben zur Überwindung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit
und Gewalt sowie die verschiedenen Initiativen zur Errichtung ziviler Friedensfachdienste;
- die Bemühungen, die AGENDA 21 der Rio-Konferenz auf lokaler Ebene
umzusetzen sowie Konzepte nachhaltigen Wirtschaftens durchzusetzen.
Wir verstehen sie als Schritte auf einem Weg der Versöhnung, den mitzugehen
wir alle Menschen guten Willens einladen. Alle Christen rufen wir auf, täglich
mit uns um Versöhnung zu beten.
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