3.2. Erfahrungen und Probleme
(vgl. 1 - Grundlegung 1.1.2 und 1.2.2.3)
(6) Die DDR ist eines der Länder, in denen die Befriedigung materieller
Grundbedürfnisse für alle gewährleistet ist. Andererseits leben
in unserem Land viele Menschen mit enttäuschten Erwartungen. Nicht alle
Gründe für solche Enttäuschungen sind DDR-spezifisch. Der rapide
ökonomische und soziale Wandel, den die wissenschaftlich-technische Revolution
verursacht, überfordert das Orientierungsvermögen vieler. Die gesellschaftliche
Wirklichkeit wird oft als undurchschaubar erlebt. Das fördert Nischenexistenz
und Aussteigermentalität. Diese Gegebenheiten teilt die DDR mit vielen
anderen Ländern.
Es gibt aber Probleme, die das gesellschaftliche Zusammenleben zusätzlich
belasten. In Ausbildung und Beruf wird großer Wert auf sogenannte »gesellschaftliche
Arbeit« gelegt. Viele fühlen sich dadurch bedrängt. Aus unterschiedlichen
Gründen gehen sie darauf ein, weil sie meinen, ihre »Staatstreue«
durch Funktionen und Mitgliedschaften in Organisationen beweisen zu müssen,
da davon Fortkommen, Anerkennung und Privilegien in höherem Maß abhängen
als von beruflicher Leistung. Schon in der Schule wirken Zwänge zur Mitgliedschaft
in der Pionierorganisation und in der FDJ, sowie zur Teilnahme an Jugendweihe
und Wehrunterricht. Sie sind Teil einer umfassenden ideologischen Erziehung.
Konformismus und Opportunismus sind oft ihre Folgen.
Der grundsätzliche Anspruch der Staats- und Parteiführung in Politik
und Wirtschaft zu wissen, was für den einzelnen und die Gesellschaft als
Ganzes notwendig und gut ist, führt dazu, daß der Bürger sich
als Objekt von Maßnahmen, als »umsorgt« erfährt, aber
viel zu wenig eigenständige, kritische und schöpferische Mitarbeit
entfalten kann. Dadurch wird die Lösung anstehender sozialer, ökologischer
und ökonomischer Probleme in unserem Lande behindert, zugleich aber auch
der Blick auf die weltweiten Probleme verstellt, in die auch wir unauflösbar
verflochten sind. Die dadurch gegebene Spannung zwischen Regierenden und Regierten
verhindert den inneren Frieden, beeinträchtigt aber auch den Hausfrieden
im gemeinsamen europäischen Haus.
(7) Warum sind so wenige bereit, Verantwortung für das Gemeinwohl zu
übernehmen? Viele engagieren sich nicht - aus Bequemlichkeit oder aus Berührungsängsten.
Andere meinen: es lohnt sich nicht, es bringt nur Nachteile. Diese Haltung beruht
auf alltäglichen Erfahrungen:
Wenn sich Bürger aufgrund gemeinsamer Interessen außerhalb gesellschaftlicher
Organisationen zusammenfinden, geraten sie schnell in den Verdacht staatsfeindlicher
Aktivitäten.
Wer unbequeme Vorschläge unterbreitet, begegnet oft einem Bürokraten,
der vor allem Richtlinien durchsetzen muß und selten einem, der bereit
und in der Lage ist, sachgerechte Entscheidungen für seinen Verantwortungsbereich
zu treffen.
Wer irgendwie auffällt und sich nicht wie erwartet verhält, muß
mit Rückwirkungen in ganz anderen Lebensbereichen rechnen. Durch solche
Ohnmachtserfahrungen werden Menschen entmutigt oder verbittert.
(8) Es fehlt in der DDR weithin an Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Weil vom
Bürger erwartet wird, daß er sagt, was man hören will, hat er
sich daran gewöhnt, etwas anderes zu sagen, als er denkt, und anders zu
handeln, als es seinen Überzeugungen entspricht.
Es fehlt in der DDR die volle Rechtssicherheit. Das Eingabewesen macht den Bürger
zum Bittsteller, ohne die wichtige Einsicht zu vermitteln, daß seine Interessen
durchaus im Widerspruch zu anderen berechtigten Interessen stehen können.
Viele in unserem Land sehen ihre Besonderheiten oder ihre besonderen Probleme
nicht hinreichend berücksichtigt wie zum Beispiel Alkoholiker, Behinderte,
Homosexuelle, Strafentlassene. Sie fühlen sich deshalb an den Rand gedrängt
und ungerecht behandelt. Ihre Möglichkeiten, sich zu artikulieren und gegebenenfalls
in Selbsthilfegruppen zu organisieren, sind eingeschränkt.
Jugendliche werden gesellschaftlich und staatlich gefördert. Wenn sie aber
durch besondere Ausdrucksformen, zu denken, zu sprechen und sich zu kleiden,
auffallen, werden sie oft als störend betrachtet, mitunter sogar kriminalisiert.
Dabei fällt es staatlichen Stellen und vielen in der Gesellschaft schwer,
zu akzeptieren, daß diese Jugendlichen damit auf vorhandene Probleme aufmerksam
machen.
Frauen sind in der DDR gesetzlich gleichberechtigt. Aber in von Männern
geprägten Strukturen können sie sich nicht genügend entfalten
und ihren Einfluß zu wenig geltend machen. Belastungen durch Beruf und
Familie und die Abhängigkeit von Traditionen erschweren es ihnen, ihre
eigenen Werte zu erkennen und sie zu verwirklichen.
(9) Aus den Belastungen der beruflichen und gesellschaftlichen Existenz suchen
viele Zuflucht im privaten Bereich des Lebens. Aber auch hier gibt es Spannungen
und Probleme. Wie in anderen Industrieländern gelten Wohlstand und beruflicher
Erfolg weithin als Leitbilder für Lebensglück und Lebenserfüllung.
Diese einseitige Orientierung auf einen selbstbezogenen Lebensstil ist ein wesentlicher
Grund für die Krise der Familie, die sich u. a. in einer hohen Scheidungsquote
zeigt (vgl. 8-Lebensweise). Viele Kinder wachsen ohne Vater auf. Es ist schwer,
in dieser Situation den Kindern gerecht zu werden. Um der gewünschten oder
notwendigen Berufstätigkeit willen wird die Erziehungsaufgabe weitgehend
staatlichen Institutionen (Krippe, Kindergarten, Hort) übertragen, ohne
nach den Folgen für das Kind zu fragen. Sein Bedarf an Liebe wird oft zu
wenig gedeckt. Vielleicht führt dies später zu Verhaltensauffälligkeiten
und -störungen, Bindungsunfähigkeiten und Aggressivität. Die
kreativen und kommunikativen Fähigkeiten der zukünftigen Generation
stehen auf dem Spiel.
Die Beziehungen zu den Großeltern, dem Freundeskreis und anderen, die
für die Stabilität der Familie so wichtig sind, verkümmern. Die
Möglichkeiten zur familiären Betreuung alter und kranker Menschen
sind eng begrenzt, und oft ist auch die Bereitschaft dazu nicht vorhanden. Dadurch
wird die Pflege in Heimen von vielen als selbstverständlich betrachtet,
statt Notbehelf zu bleiben. Überbelegung und Personalmangel haben teilweise
unwürdige Zustände in Alten- und Pflegeheimen zur Folge. Die Begegnung
mit Leidenden und Sterbenden wird aus dem gesellschaftlichen Erleben fast völlig
verdrängt (vgl. 9-Leben bewahren).
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