(1) Auf unserem gemeinsamen Weg für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung
sind uns in zahlreichen Zuschriften Erfahrungen, Fragen und Erwartungen im Blick
auf die gesellschaftliche Situation in unserem Land vorgetragen worden. Wir
können und wollen diesen Fragen nicht ausweichen. Wir stellen uns ihnen,
indem wir nach dem für unsere Gesellschaft Guten fragen. Dabei lassen wir
uns in der Bindung und Freiheit unseres Glaubens von folgenden biblischen Erkenntnissen
leiten:
3.1.1.
(2) Nach dem Willen Gottes ist jeder Mensch dazu berufen, als sein Geschöpf
und Ebenbild in Würde zu leben. Darin gründet die wesenhafte Gleichheit
aller, ohne daß ihre Verschiedenheit und Einmaligkeit eingeebnet wird.
Darin erkennen wir die Verpflichtung, das Recht des anderen zu achten und zu
wahren und uns für Entrechtete, Bedrängte und Schwache einzusetzen.
Wenn wir belastende Erfahrungen von Menschen in unserem Land beschreiben, dann
versuchen wir damit dem Weg Jesu zu entsprechen, der die Not der Menschen zu
seiner Sache gemacht hat.
3.1.2.
(3) Gerechtigkeit ist nach biblischem Verständnis Gottes Gabe und Verheißung,
die im gemeinschaftsgerechten Verhalten auf unsere Antwort wartet. So wird über
die Situation des Einzelnen hinaus auch die gesellschaftliche Wirklichkeit zu
unserem Aufgabenfeld. In unserem Einsatz für Gerechtigkeit sollen wir dazu
beitragen, daß das Zusammenleben in unserem Land den Menschen in ihrer
Vielfalt gerecht wird. »Kriterium für wahre Gerechtigkeit ist für
uns die Solidargemeinschaft mit dem schwächsten Glied unserer Gesellschaft«
( 1 - Grundlegung - 1.2.2.3.).
»Mehr Gerechtigkeit in der DDR« bedeutet darüber hinaus heute
zugleich, mit Entschiedenheit die Überlebensfrage bei der Gestaltung unserer
gesellschaftlichen Entwicklung zu berücksichtigen. Die Verantwortung für
die notwendigen Entscheidungen kann dabei nicht nur Einzelnen aufgeladen werden.
Wir brauchen vielmehr Formen des gesellschaftlichen Zusammenwirkens, die die
Teilnahme, Mitverantwortung und Mitwirkung der vielen nötig und möglich
machen. Wenn wir von daher Erfordernisse und Erwartungen aussprechen, dann wollen
wir damit unseren Beitrag zum notwendigen gesellschaftlichen Erneuerungsprozeß
geben.
3.1.3.
(4) In seiner Verkündigung vom Reich Gottes hat Jesus uns die Vollendung
der Gerechtigkeit verheißen. Gottes Gerechtigkeit ist Maßstab und
Perspektive für unser Handeln. Menschliche Gerechtigkeit kann daran gemessen
nur vorläufig sein.
So bleibt auch unser Einsatz für Gerechtigkeit der Zweideutigkeit, dem
Mißerfolg und der Verkehrung bester Absichten verhaftet. Auch müssen
wir uns als Christen und Kirchen fragen, wie es bei uns selbst - in unseren
Gemeinden und Kirchen - mit der Verwirklichung der Gerechtigkeit, mit Mitverantwortung
und Mitwirkung steht. Wenn wir Aufgaben für die Christen, Gemeinden und
Kirchen formulieren, dann tun wir es in dem Wissen, daß wir an dem gemessen
werden, was wir selbst zu tun bereit sind. Wir glauben, daß Gott unseren
Einsatz für Gerechtigkeit im Kommen seines Reiches vollendet. Wir vertrauen
darauf, daß Gottes Geist überall dort wirkt, wo sich Menschen ehrlich
um Gerechtigkeit bemühen.
(5) Wir sind als Christen berufen, »der Stadt Bestes« zu suchen
(Jer 29,7). Wir sind nicht dazu berufen, weil wir besser wären oder alles
besser wüßten. Wichtige Fragen sind unter uns strittig und bedürfen
eines weiteren Gespräches. Dennoch wollen wir versuchen, mit unseren Erkenntnissen
und Einsichten, mit unseren Gaben, Kräften und auch Grenzen dem Gemeinwohl
zu dienen und Mitverantwortung zu übernehmen. Darum treten wir für
einen umfassenden Dialog in unserer Gesellschaft ein, in dem Probleme offen
benannt, um die notwendigen Entscheidungen gemeinsam gerungen und die nötigen
Schritte miteinander gegangen werden.