(1) »Die Schwachen werden unterdrückt, die Armen seufzen. Darum
spricht der Herr: Jetzt stehe ich auf, dem Verachteten bringe ich Heil«
(Ps 12,6).
Wir leben in einer Weit, die durch vielfältige Strukturen der Ungerechtigkeit
gekennzeichnet ist, wie zum Beispiel Apartheid und Rassismus, ökonomische
Unterdrückung, Diskriminierung der Frauen, nationaler Minderheiten und
ihrer Kulturen. Als Christen können wir uns mit keiner Form von Ungerechtigkeit
abfinden. Ungerechtigkeit hat mannigfaltige Wurzeln und Ursachen. Wir beschränken
uns in den beiden folgenden Abschnitten auf die ökonomischen Strukturen,
weil sie das weltweite Unrecht vorrangig bestimmen.
2.1.1. Ungerechte Weltwirtschaftsordnung
(2) Die Menschheit ist durch ein weltweites Wirtschafts-, Handels- und Kommunikationssystem
zu einer eng verflochtenen Einheit geworden, der sich kein Land mehr entziehen
kann. Innerhalb dieser einen Menschheit wirken Strukturen der Ungerechtigkeit,
durch die ein kleiner Teil der Menschheit in der Lage ist, seine ständig
steigenden materiellen Bedürfnisse zu befriedigen und in Reichtum und Verschwendung
zu leben, während ein weitaus größerer Teil der Weltbevölkerung
immer ärmer wird. Schon heute leben 800 Millionen Menschen ständig
am Rande ihrer Existenz. Täglich sterben Tausende von Kindern an den Folgen
der Unterernährung. Und dies alles, obwohl die Nahrungsmittelproduktion
schneller zunimmt als die Bevölkerung wächst (Ausnahme: Afrika) und
die Weltwirtschaft gewaltige Produktivkräfte und Organisationsleistungen
hervorgebracht hat.
(3) Wesentliche Wurzeln und Triebkräfte der weltweiten Strukturen der
Ungerechtigkeit liegen in dem durch kapitalistische, das heißt einseitig
marktwirtschaftliche Mechanismen geprägten internationalen Wirtschafts-
und Finanzsystem. Es wird bestimmt durch die Sucht nach immer mehr materiellem
Wohlstand, die Macht des Geldes und das vorrangige Streben nach Gewinnmaximierung
und neigt dazu, »Armut zu verhöhnen oder einfach zu ignorieren«.
Die Entwicklungsländer werden benachteiligt vor allem durch eine nach wie
vor kolonialwirtschaftlich geprägte internationale Arbeitsteilung, einen
nicht äquivalenten Warenaustausch, eine zunehmende Schutzzollpolitik der
Industrieländer und ein zu wachsender Verschuldung flührendes internationales
Kreditsystem. Damit wird ihnen kaum noch Spielraum gelassen für eine eigenständige,
auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse und die Entfaltung der menschlichen
Gemeinschaft gerichtete Entwicklung.
(4) Auf Initiative der Entwicklungsländer hat sich die UNO schon 1974
für eine neue Internationale Wirtschaftsordnung eingesetzt. Alle Anstrengungen
zu ihrer Verwirklichung sind bisher erfolglos geblieben. Die Umgestaltung der
internationalen Wirtschaftsbeziehungen ist aber eine unerläßliche
Voraussetzung für die Überwindung von Abhängigkeit, Unterentwicklung
und Verelendung. In diesem Zusammenhang kommt auch der umfassenden Abrüstung
große Bedeutung zu, durch die u. a. beträchtliche Mittel für
Entwicklung frei werden können.
2.1.2. Unsere Verflochtenheit
(5) Die sozialistischen Länder haben versucht, ein alternatives Wirtschaftssystem
zu entwickeln. Nicht zuletzt auf Grund ihrer ökonomischen Schwäche
haben sie auf die Gestaltung des Weltwirtschaftssystem wenig Einfluß nehmen
können. Die sozialistischen Länder sind heute weithin in dieses System
integriert. Sie zählen nicht zu den bestimmenden Akteuren und sind sowohl
dessen Opfer als auch Nutznießer. Das gilt auch für die DDR. Sie
ist an wichtigen Mechanismen, durch die die Entwicklungsländer geschädigt
werden, kaum beteiligt (vor allem Profittransfer aus Direktinvestitionen, Hochzinspolitik,
Abzug von Fachkräften). Der Außenhandel der DDR mit den Entwicklungsländern
zeigt jedoch insgesamt eine abnehmende Tendenz. Im Jahre 1987 wurden insgesamt
nur 3,8 Prozent des gesamten Außenhandels mit Entwicklungsländern
abgewickelt (Statistisches Jahrbuch der DDR, Berlin 1987). Nach dem Verständnis
der DDR liegt diesem Handel das »Prinzip des gegenseitigen Vorteils«
zugrunde, wobei vor allem langfristige Abkommen auf Regierungsebene im Blick
sind. So wird ein Teil des Außenhandels auf der Basis der sogenannten
Clearing-Abkommen (Verrechnung Ware gegen Ware) abgewickelt. Damit wird auch
die Absicht verbunden, Verschuldung auszuschließen, weshalb es vielfach
als gerechtere Form der internationalen Wirtschaftsbeziehungen gesehen wird.
Doch sind solche Abkommen hinsichtlich Flexibilität und Warenspektrum eng
begrenzt.
(6) Der Handel der DDR mit Entwicklungsländern weist Merkmale auf, die
für die derzeitigen ungerechten Strukturen charakteristisch sind:
- Die Preisbildung orientiert sich (auch bei Clearing-Abkommen) weitgehend
an den - die Entwicklungsländer benachteiligenden - Preisen der internationalen
Warenmärkte.
- Im Vordergrund stehen nicht Anliegen der Entwicklungsförderung, sondern
der Rohstoffsicherung sowie der Devisenerwirtschaftung, wobei der Valutaüberschuß
vor allem dem Technologieimport aus westlichen Industrieländern dient.
Deshalb konzentriert sich der Handel auch auf ökonomisch fortgeschrittene
Länder (Brasilien, Indien, Irak, Iran), während der mit den am wenigsten
entwickelten Ländern sehr gering ist.
- Es werden vorwiegend Rohstoffe ein- und Fertigwaren ausgeführt. Der
Importanteil an Halbfabrikaten und Fertigprodukten stagniert anteilmäßig
und konzentriert sich auf wenige Länder, zum Beispiel Indien und Ägypten.
(7) Der wichtigste Beitrag der DDR zur Entwicklungshilfe ist die nichtkommerzielle
Ausbildung in der DDR und die Entsendung von Experten. Die Ausbildung in der
DDR entspricht aber oft zu wenig den wirklichen gesellschaftlichen, ökonomischen
und kulturellen Gegebenheiten und Zielen in den jeweiligen Ländern und
ist häufig zu stark ideologisch ausgerichtet.
Betroffen müssen wir feststellen: Auch wir in der DDR ziehen Nutzen aus
der weltweiten Benachteiligung der Entwicklungsländer.
2.1.3. Leben in Solidarität mit den Menschen in der Zwei-Drittel-Welt
(8) Jesus verkündete den Unterdrückten Befreiung und den Benachteiligten
Gerechtigkeit. Wenn wir seine Verheißung eines Friedens in Gerechtigkeit
hören, werden das Elend so vieler Menschen in der Zwei-Drittel-Welt und
die Bedingungen, die es verursachen, für uns zu einer Herausforderung zum
solidarischen Leben und Handeln. Wie können wir uns an die Seite derer
stellen, die Unrecht leiden und mit ihnen zusammen für mehr Gerechtigkeit
eintreten? Wir wollen Christen und Kirchen zu einem Leben in Solidarität
einladen.
Solidarisch leben bedeutet »Bereitschaft, sich im Sinne des Evangeliums
für den anderen zu verlieren, anstatt ihn auszubeuten, und
ihm zu dienen, anstatt ihn um des eigenen Vorteils willen zu unterdrücken.«
(Enzyklika "Sollicitudo Rei Socialis" 38). Solidarität meint
nicht eine einseitige Beziehung von Helfern und Hilfsbedürftigen, sondern
eine partnerschaftliche Beziehung, in der beide an den Kämpfen und Hoffnungen
des anderen teilnehmen, ein Füreinanderdasein und Miteinanderteilen materieller,
kultureller und geistlicher Gaben.
Die biblische Entsprechung für solidarisch leben heißt: den anderen
Nächste werden (vgl. Lk 10,30), mit ihnen leiden und sich mit ihnen freuen
(vgl. Röm 12,15). Das Teilen des eucharistischen Brotes fordert uns heraus,
auch das tägliche Brot zu teilen.
2.1.3.1. Handlungsorientierungen
(9) Auch wir Christen in der DDR stehen in der weltweiten Verantwortungsgemeinschaft
für unsere gemeinsame Erde. Solidarisch leben wir konkret an dem Ort, wo
wir leben. Aber diese Konkretion muß als Teil weltweiten solidarischen
Handelns verstanden werden. Wir wollen gemeinsam mit anderen Wege zu einer gerechteren
Partnerschaft zwischen wirtschaftlich, sozial und kulturell unterschiedlich
entwickelten Ländern suchen. Wir wollen den Horizont unseres Wissens und
Gewissens erweitern, um die fernen Nächsten in unser Denken und Handeln
einzubeziehen.
(10) Wir meinen, daß wir unseren Lebensstandard nicht auf Kosten der
Zwei-Drittel-Welt erhöhen dürfen. Daraus folgt, daß wir die
Orientierung auf immer bessere Befriedigung der ständig wachsenden materiellen
Bedürfnisse und am westlichen Wohlstand aufgeben. Wir wollen beginnen,
bewußter und einfacher zu leben - auch in unseren Kirchen.
(11) Die wirtschaftliche Ungerechtigkeit ist ohne strukturelle Veränderungen
in der Weltwirtschaft und in den Binnenwirtschaften nicht zu beseitigen. Strukturelle
Veränderungen im Sinn der Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung sind
unumgänglich und dringend erforderlich, um bessere Rahmenbedingungen für
die Beteiligung der Entwicklungsländer an der Weltwirtschaft zu schaffen,
und in Richtung auf eine Demokratisierung, höhere Effektivität und
gerechtere Verteilung in den einzelnen Ländern. Wir wollen uns für
solche strukturellen Veränderungen einsetzen.
(12) Wir wollen die Regierung der DDR in ihrem Bemühen um mehr soziale
und ökonomische Gerechtigkeit beim Wort nehmen und unterstützen. In
der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, wie sie in der DDR versucht
wird, kommt die auch uns wesentliche Forderung zum Ausdruck, daß soziale
Gerechtigkeit ein wichtiges Kriterium ökonomischer Prozesse ist. Wir wollen
uns dafür einsetzen, daß dies auch international zur Geltung kommt.
2.1.3.2. Horizonterweiterung und solidarisches Handeln
Wir fordern dazu auf, der Gerechtigkeitsfrage erhöhte Aufmerksamkeit
zu widmen und empfehlen:
2.1.3.2.1. den Christen unseres Landes
(13) selbst Initiativen zu entwickeln, um sich besser über die Situation
in der Zwei-Drittel-Welt zu informieren, Kontakte zu Menschen in der Zwei-Drittel-Welt
zu knüpfen sowie Erfahrungen darüber auszutauschen,
(14) den eigenen Lebensstandard und Lebensstil kritisch zu überprüfen,
sowie bewußt und beispielhaft Einschränkungen auf sich zu nehmen,
zum Beispiel beim Fleischkonsum;
(15) einen deutlich spürbaren Teil ihres Einkommens regelmäßig
für Entwicklungsförderung und Nothilfe in der ZweiDrittel-Welt zur
Verfügung zu stellen,
2.1.3.2.2. den Gruppen, Gemeinden, Regionen unserer Kirchen und kirchlicher
Gemeinschaften
(16) eine Alphabetisierung in Wirtschaftsfragen in Gemeinden zu f%ouml;rdern, weltweite
Ungerechtigkeit öffentlich zu diskutieren, Christen zu befähigen, in ihrem gesellschaftlichen
Umfeld das Gespräch zu diesen Fragen zu führen und so den dringen notwendigen
Bewußtseinswandel voranzubringen
(17) örtliche oder regionale ökumenische Informationsstellen zu
den Problemen der Zwei-Drittel-Welt zu schaffen oder vorhandene besser zu nutzen.
Diese sollten Einsicht in Zusammenhänge vermitteln, Verantwortungsbewußtsein
und Bereitschaft zum Teilen wecken sowie Anregungen für Gemeindeseminare
geben oder zu solchen einladen. Sie bieten sich auch an als Stätten der
Begegnung mit den in der DDR lebenden Ausländern. Die kirchenleitenden
Gremien werden gebeten, solche von der Basis ausgehenden Aktivitäten zu
unterstützen;
(18) daß die Gemeinden regelmäßig und verbindlich einen bestimmten
Beitrag für eine der verschiedenen Formen der Partnerschaft mit der Zwei-Drittel-Welt
zur Verfügung stellen (zum Beispiel 2 Prozent des Haushaltes beziehungsweise
eine fünfprozentige Investitionsabgabe),
(19) daß immer mehr Gemeinden ,Kirchenkreise und kirchliche Werke eine
lebendige Beziehung zu einer Gemeinde oder Kirchenregion in der Zwei-Drittel-Welt
herstellen. Aus einer solchen Beziehung kann eine Partnerschaft gegenseitigen
Gebens und Nehmens entstehen. Ähnliche Beziehungen sollten auch zu Gemeinden
in europäischen sozialistischen Ländern gefördert werden,
2.1.3.2.3. den kirchenleitenden Gremien
(20) die Verflochtenheit der Kirchen in die ungerechten weltweiten Strukturen
in Geschichte und Gegenwart zu analysieren und Veränderungen einzuleiten;
(21) eine gemeinsame Studienarbeit zur Thematik »Christlicher Glaube
und Wirtschaft« in Auftrag zu geben;
(22) die Herausgabe einer kirchlichen Zeitschrift über die Zwei-Drittel-Welt
und eine qualitativ und quantitativ verbesserte Information über Probleme
der Entwicklungsländer in den vorhandenen Kirchenzeitungen, kirchlichen
Sendungen und Informationsdiensten;
(23) in der Ausbildung kirchlicher Mitarbeiter die Beschäftigung von
Theologen aus Asien, Afrika und Lateinamerika zu intensivieren;
(24) die Abhängigkeit von Valutamitteln schrittweise zu reduzieren und
das Gespräch mit westeuropäischen Partnerkirchen über Prioritäten
im Sinne einer vorrangigen Option für die Armen verstärkt zu führen;
(25) die Arbeit der Einrichtungen und Werke, die sich mit Fragen der Zwei-Drittel-Welt
befassen, zu fördern, und sich für ihre verstärkte ökumenische
Zusammenarbeit einzusetzen. Vorrangige Aufgaben sind dabei, die Prinzipien ökumenischen
Miteinander-Teilens zu bedenken, Kirchenleitungen, Hilfswerke und Gemeinden
in diesen Fragen zu beraten und Sachinformationen zu konkreten aktuellen Fragen
der internationalen Wirtschaft bereitzustellen;
(26) daß die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften unseres Landes -
einschließlich ihrer Werke und Hilfsdienste - in eine verbindlichere Kooperation
eintreten, um sich über Kriterien und Prioritäten auszutauschen im
Sinne wirksamerer Strategien des Teilens. In Anknüpfung an schon praktizierte
Koordinierungsgespräche sollte ein wirklich ökumenisches Forum angestrebt
werden;
(27) daß Kontakte mit ökumenischen Partnern in den betroffenen
Ländern hergestellt beziehungsweise ausgebaut werden, um über Projekte
und die Verwendung von Spendengeldern Absprachen zu treffen,
(28) über die Verwendung der Spendengelder die Gemeinden umfassend zu
informieren;
(29) die bewußtseinsbildende, fachliche und sprachliche Vorbereitung
von Kandidaten für den möglichen Einsatz in der Zwei-Drittel-Welt
langfristig zu fördern,
2.1.3.2.4. den kirchenleitenden Gremien, sich bei der Regierung der DDR einzusetzen,
daß
(30) die Außenwirtschaftsbeziehungen der DDR durchsichtig gemacht und
nach umfassender Information in den Medien öffentlich diskutiert werden,
um bewußtseinsbildend die erforderlichen Umstrukturierungen der Wirtschaft
und Änderungen unserer Lebensweise vorzubereiten;
(31) die Möglichkeiten der Kirchen und anderer nichtstaatlicher Organisationen
für Projekte und Programme in der Zwei-Drittel-Welt erweitert werden, zum
Beispiel durch Bereitstellung erforderlicher Kontingente in der staatlichen
Planung, durch Orientierung an den Bedürfnissen der Armen in den Entwicklungsländern
statt an den Überplanbeständen in der eigenen Wirtschaft und durch
dem Anliegen der Solidarität entsprechende Versandbestimmungen;
(32) die Möglichkeiten von ökumenischen Besuchs-, Studien- und Arbeitsaufenthalten
von Christen aus unserem Land in der Zwei-Drittel-Welt und umgekehrt erweitert
werden.
2.1.3.3. Strukturelle Veränderungen
2.1.3.3.1. In Anerkennung der erklärten Bereitschaft der Regierung
der DDR
(33) zur Gestaltung einer Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung beizutragen,
fordern wir die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften auf, in Gesprächen
mit der Regierung unseres Landes sich einzusetzen für verstärkte Wirtschaftsbeziehungen
zu den am wenigsten entwickelten Ländern;
(34) einen erweiterten Import von Halbfabrikaten und Fertigprodukten aus Entwicklungsländern
und den Aufbau entsprechender Produktionsstätten in und mit diesen Ländern;
(35) stärkere Ausrichtung der eigenen Exportstruktur auf die spezifischen
Bedürfnisse der Entwicklungsländer;
(36) den Beitritt zu internationalen Organisationen und Abkommen, die mehr
Gerechtigkeit für Entwicklungsländer erwarten lassen (zum Beispiel
»Gemeinsamer Rohstoffonds« zur Stabilisierung der Rohstoffpreise),
(37) die Verwendung von durch Abrüstung freiwerdenden Mitteln aus dem
Staatshaushalt vorrangig zugunsten der am wenigsten entwickelten Länder.
2.1.3.3.2. Wir empfehlen den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, einzutreten
für
(38) die Ablehnung aller Maßnahmen, die eine eigenständige Entwicklung
der Völker der Zwei-Drittel-Welt behindern, wie dies durch Transnationale
Konzerne, Banken, den Internationalen Währungsfonds sowie mit Projekten
geschieht, die in finanzielle beziehungsweise technische oder technologische
Abhängigkeit von Industrieländern führen,
(39) eine Handels-, Preis- und Kreditpolitik, die in stärkerem Maße
den Vorteil der Zwei-Drittel-Welt berücksichtigt;
(40) die Entwicklung eines internationalen Rechts und der entsprechenden Institutionen
beziehungsweise deren Stärkung (UNO), die Entscheidungen in den Politischen
und wirtschaftlichen Beziehungen im Sinne von mehr Gerechtigkeit herbeiführen
können,
(41) sofortige Maßnahmen zu einer an den Möglichkeiten und Bedürfnisse
der Armen orientierten Lösung der Schuldenfrage, einschließlich eines
Schuldenerlasses für die am wenigsten entwickelten Länder,
(42) sofortige Maßnahmen zur Rettung und Bewahrung der Ökosphäre
auch in der Zwei-Drittel-Welt, einschließlich der Solidarisierung mit
Boykottbewegungen, des Mittragens von Lasten und der Kooperation bei der Suche
nach umweltverträglichen Technologien zur Energiegewinnung. Das schließt
verbindliche Abkommen ein, wie sie die Brundtland-Kommission forderte;
(43) den konsequenten Abbau des internationalen Waffenhandels und der militärischen
Einflußnahme auf die Länder der Zwei-Drittel-Welt, beginnend mit
der Offenlegung derartiger Aktivitäten und der Schaffung internationaler
Kontrollorgane,
(44) die Realisierung des Fonds »Abrüstung für Entwicklung«
(UNO-Konferenz 1987).
2.1.4. Leben in Solidarität - ein Lernprozeß
(45) Wir sind uns klar darüber, daß die Verwirklichung vieler der
hier unterbreiteten Anregungen und Vorschläge Veränderungen nicht
nur in der Wirtschaftspolitik, sondern auch im Lebensstil und Konsumverhalten
der Bevölkerung erfordern. Wir sind mit den Vorschlägen nur in dem
Maße glaubwürdig, in dem wir selbst bereit sind, die heute gebotene
Umkehr zu praktizieren.
Wollen wir der Verantwortung gegenüber der Menschheit und dem Auftrag Gottes
gerecht werden, müssen wir unseren Anteil an Privilegien, verstecktem Rassismus
und der Resignation angesichts von Mechanismen der Ungerechtigkeit bekennen
(vgl. Grundlegung 1.1.3.2.).
(46) Wir laden zu einem Leben in Solidarität mit den nahen und fernen
Nächsten ein und sehen in Gemeinden und Gruppen Lerngemeinschaften und
Orte der Bewußtseinsbildung. Das Ausmaß von Ungerechtigkeit und
Unterentwicklung in der Welt fordert von uns Einsichten und Schritte, die über
die persönliche Betroffenheit hinaus in konkretes und verpflichtendes Handeln
einmünden müssen. Wir wollen festhalten am Gebet, das uns den Blick
schärft und uns Kraft zu veränderndem Handeln gibt.