11.4.1. Unsere gemeinsame Zukunft
(10) Kein Land und keine Generation kann eine Energieversorgung gestalten,
ohne die weltweite Situation zu berücksichtigen. Der Energieverbrauch
der unterentwickelten Länder muß in den nächsten Jahrzehnten
deutlich steigen. Der absolute Verbrauch an Primärenergie kann und muß
in den Industrieländern in diesem Zeitraum spürbar vermindert werden.
Dies muß nicht zwangsläufig zu einem Verlust an Lebensqualität
führen.
Die globale Orientierung sollte für die nächsten Jahrzehnte ausgerichtet
werden auf die rationelle Nutzung aller Energieträger, den langfristigen
Rückgang der Nutzung fossiler Energieträger und die rasche Erschließung
des im globalen Maßstab beträchtlichen Potentials regenerativer Energiequellen.
Die Orientierung auf Kernenergie ist wegen ihrer ökologischen und sozialen
Auswirkungen und in einer von militärischen Konflikten und Terrorismus
gekennzeichneten Welt keine verantwortbare Grundlage für die zukünftige
Energieversorgung.
Die regionale Zusammenarbeit, aber auch eine Zusammenarbeit zwischen Industrieländern
und Partnern in der Zwei-Drittel-Welt sollte gezielt angestrebt werden. Sie
könnte Wege ebnen zu mehr Gerechtigkeit und einer gemeinsam verantworteten
Zukunft. Es bedarf dazu großer technischer, finanzieller und politischer
Anstrengungen.
11.4.2. Überlegungen für unsere Gesellschaft
Wir müssen in unserer Gesellschaft die angestrebte Lebensweise, ihre
Qualität und ihre zentralen Werte diskutieren, um so Bewertungsmaßstäbe
für die Auswahl und den Einsatz der notwendigen Mittel zu finden. Wir
benötigen als Grundlage für eine Energiestrategie weit über den
Horizont eines Fünf-Jahr-Plans hinausreichende Vorstellungen über
die Ziele unserer Entwicklung. Wir müssen uns wegen der begrenzten ökonomischen
Möglichkeiten jetzt darüber verständigen, welchen Weg wir gehen
wollen und welche Prioritäten sich daraus ableiten.
(12) Einsparung von Energie ist in den nächsten Jahrzehnten unsere
wichtigste, billigste und umweltfreundlichste Energiequelle. Konkrete Möglichkeiten
dafür sind unter anderem der Abbau von Energieverschwendung, die grundlegende
technische Modernisierung und eine bessere Wärmedämmung. Darüber
hinaus ist ein Wandel in der Industriestruktur hin zu weniger energieintensiven
Bereichen unverzichtbar.
(13) Bei der Braunkohlennutzung kann in der DDR durch die Modernisierung
und den Neubau von Kraftwerken sowie durch die gekoppelte Erzeugung von Strom
und Fernwärme in Heizkraftwerken Energie in großem Umfang eingespart
werden. Gleichzeitig müssen umfangreiche technische und organisatorische
Maßnahmen zur Minderung der Umweltbelastung schneller und konsequenter
durchgesetzt werden.
(14) Kernenergie darf nicht Grundlage unserer zukünftigen Energieversorgung
sein. Wir halten energische Bemühungen um den Ausstieg aus dieser Technik
für unumgänglich. Je länger man an der Orientierung auf Kernenergie
festhält, desto schwerer wird es, die Mittel zur Erschließung von
regenerativen Energiequellen aufzubringen.
(15) Regenerative Energiequellen können auch für unser Land
beträchtlich an Bedeutung gewinnen durch den gezielten Ausbau des Forschungs-
und Entwicklungspotentials, die flexible und vorwiegend dezentrale Nutzung der
verschiedenen Quellen (Erdwärme, Kleinwasserkraft, Biomasse, Sonnenenergie,
Wind) und die Beteiligung an der internationalen Erschließung und gemeinsamen
Nutzung des Potentials regenerativer Energiequellen im globalen Maßstab.
Die Hoffnung auf die kontrollierte Kernfusion als unversiegbare Energiequelle
scheint uns nicht gerechtfertigt (prinzipielle und technische Realisierbarkeit,
Wirtschaftlichkeit, ökologische Gefährdungen).
(16) Die Möglichkeiten und Erfolge einer Neuorientierung und Energiepolitik
hängen auch von einem Wandel im Bewußtsein und Verhalten der Verbraucher
ab (vgl. 8-Lebensweise). Wir brauchen das Gespräch untereinander, aber
auch mit Fachleuten und Politikern. Dabei sollte auch die derzeitige Einkommens-,
Preis- und Subventionspolitik mit dem Ziel überdacht werden, neue Verhaltensweisen
der Verbraucher zu stimulieren. Jeder muß lernen und begreifen können,
welch weitreichende Folgen unser Umgang mit Energie hat. Wir müssen uns
um Sachkenntnis bemühen, um die Situation beurteilen zu können. Das
wird es uns erleichtern, selbst vernünftig zu handeln und auch unpopuläre
Entscheidungen zu verstehen und mitzutragen. Inforrnationen dürfen nicht
zurückgehalten, Risiken und Schäden nicht verharmlost, Angst und Leid
nicht verdrängt werden (vgl. 12 - Information).