11.2.1. Weltweite Fragen
(3) Der beispiellose hohe Energieverbrauch in den Industriestaaten und die
Energie-Not in der Zwei-Drittel-Welt führen zu regionalen und globalen
Problemen. Leistungsfähige Großtechnik, verbunden mit Unfallrisiken
und oft hohen grenzüberschreitenden Schadstoffbelastungen kennzeichnen
die Situation in den hochindustrialisierten Gebieten. Der akute Energiemangel
in den unterentwickelten Ländern und die oft sehr einfache, wenig effiziente
Verbrennung von Holz und Dung tragen zur Versteppung und anderen Problemen bei.
Die weltweite Waldvernichtung und die Verbrennung fossiler Rohstoffe führen
zu bedrohlichen Veränderungen in der Erdatmosphäre. Technologien und
Strategien zur Befriedigung des Energiebedarfs wurden bisher nur aus der Interessenlage
der Industrieländer entwickelt, Gesichtspunkte wie ihre Verträglichkeit
für Mensch und Umwelt und die Verwendbarkeit in den unterentwickelten Ländern
spielten kaum eine Rolle.
11.2.2. Energie in unserer Gesellschaft
(4) Wir in der DDR haben nach den USA und Kanada unter den führenden
Industriestaaten der Welt den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an
Primärenergieträgern. Gründe dafür liegen in der heutigen
Energieträgerstruktur, im hohen Anteil energieintensiver Industriezweige,
in der Überalterung von Anlagen und Geräten und im verschwenderischen
Umgang mit Energie in Haushalten und Wirtschaft. Der Vergleich mit dem internationalen
Entwicklungsstand zeigt, daß das durch Maßnahmen zur Energieeinsparung
und rationellen Energieanwendung erschließbare Potential bei uns besonders
groß ist.
Es wird durch die derzeitigen Bemühungen längst nicht ausgeschöpft.
In den Prognosen für die nächsten Jahrzehnte wird aus der direkten
Kopplung von Wirtschaftswachstum und Energieeinsatz eine ständige
Steigerung des Energieverbrauchs abgeleitet.
(5) Einheimische Braunkohle soll auch in den nächsten Jahrzehnten
unser Hauptenergieträger sein.
Der Braunkohlen-Tagebau nimmt Menschen die Heimat, zerstört Landschaft,
Kultur und soziale Strukturen. Weil Anlagen zur Rauchgasreinigung nicht vorhanden,
wenig wirksam oder ungenutzt sind, kommt es in der DDR zu einer hohen Luftbelastung,
insbesondere durch Staub, Schwefeldioxid und Stickoxide. Beim Ausstoß
von Schwefeldioxid steht unser Land bezogen auf die Bevölkerungszahl an
der Spitze der Industrieländer. Waldsterben, gesundheitliche Schäden
und die Zerstörung von Bausubstanz sind die deutlichsten Auswirkungen.
(6) Zunehmend soll Kernenergie zur Erzeugung von Strom und Fernwärme
eingesetzt werden. Auch ihre Nutzung wirft schwerwiegende Probleme auf. Wie
in anderen Uran Förderländern werden auch in der DDR die Folgen des
Abbaus und der Aufbereitung von Uranerz nicht beherrscht. Uns beunruhigt die
unvermeidliche Freisetzung von radioaktiven Substanzen aus Anlagen der Kernenergetik
(vom Erzabbau über Aufbereitung und Reaktorbetrieb bis zur Wiederaufarbeitung).
Ein schwerer Unfall ist auch für unsere Kernkraftwerke nicht auszuschließen
und würde unserem Land ökologisch, sozial und ökonomisch schwerste
Schäden zufügen. Die sichere Endlagerung von hochradioaktiven Abfällen
über Zehntausende von Jahren ist weltweit nicht gelöst. Kernkraftwerke,
Wiederaufarbeitungsanlagen und Endlager für atomaren Müll können
nicht vor der Zerstörung durch Terroranschläge oder Krieg geschützt
werden.
(7) Der Energiegewinnung aus lokalen und regenerativen (=erneuerbaren)
Energiequellen wird in Prognosen für unser Land kaum eine Bedeutung
beigemessen. Gründe dafür sind die einseitige Betrachtungsweise aus
der Sicht einer zentralisierten und großtechnischen Energieversorgung
sowie die Ausrichtung auf die Elektroenergie.
(8) Der private Verbrauch von Energie hat in der DDR die höchsten
Zuwachsraten. Diese Energie wird nur unvollständig erfaßt und oft
pauschal berechnet. Für private Verbraucher und auch für unsere Kirchengemeinden
sind die Preise subventioniert. Das Fehlen klarer Informationen über die
Folgen unseres verschwenderischen Umgangs mit Energie erschwert zusätzlich
die Herausbildung eines angemessenen Problembewußtseins.