Oekumenische Treffen: Global
Oekumenische Treffen: Weltregional und national
Oekumenische Treffen: Basisbewegung
UN Konferenzen
NGO Begleitkonferenzen
Bibliographie
House of Studies
Kunstgalerie
Home
   

1.2. Umkehr in den Schalom


1.2.1. Schalom als Grundorientierung

(17) Wir haben gesehen, daß Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung in unserer Weltsituation drei miteinander verflochtene Probleme sind. Sie stehen aber auch in einem theologischen Zusammenhang. Dies ließe sich von der Gerechtigkeit aus darstellen: denn nach biblischem Verständnis schafft Gottes Gerechtigkeit wirklichen Frieden (Röm 5,1), und das ist der Grund für die auch die Schöpfung umgreifende Hoffnung (Röm 8,19-21); sodann bringt menschliche Gerechtigkeit Frieden und verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung hervor. Auch von der Schöpfung her ließe sich das Ganze darstellen: denn der Gesamtzusammenhang von Schöpfung, Erhaltung und Vollendung umfaßt auch Gerechtigkeit und Frieden.
Wir schlagen »Schalom« als die alle drei Bereiche umfassende Orientierung vor. An dem Wort Schalom ist uns ein mehrfaches wichtig:

(18) Es entstammt aus der hebräischen Bibel und ist der alltägliche Gruß des Volkes Israel. Schalom ist auch der Gruß, den Jesus den Seinen entbietet (Joh 20,19-21) und den die Jünger Jesu weitertragen sollen (Mt 10,21 f). Es erinnert unsere Kirche an unsere gemeinsame Wurzel in der Heilsgeschichte Gottes mit dem Volk Israel. Uns Deutsche erinnert es an die Judenverfolgung, in der unser Volk mit den Juden zugleich den Schalom Gottes von sich stieß. Umkehr in den Schalom ist darum für unser Volk ein Angebot von besonderer Dringlichkeit und Gnade.

(19) Schalom ist in den biblischen Überlieferungen ein überaus vielschichtiger Begriff. Er reicht hinaus über das, das wir normalerweise mit dem Wort »Frieden« ausdrücken. Er meint soviel wie: Ganzsein, Heilsein, Wohlsein. Schalom ist Frucht der von Gott geschenkten Gerechtigkeit und gewinnt wahrhaftig Gestalt, wo die Gerechtigkeit Gottes Menschen zueinander in die neue Beziehung der Liebe treten läßt (vgl. Jes 32,17 zusammen mit Mt 5,20 ff; Röm. 6,18; 12,10 f). Schalom meint den Frieden des einzelnen mit Gott sowie Frieden, der Menschen und Völker miteinander verbindet. Er ist der verheißene Friede der ganzen Schöpfung, wie ihn Gott am Ende der Geschichte heraufführen wird. Schalom ist auf die Schöpfung bezogen auch dadurch, daß Gott den Chaosmächten wehrt und die Schöpfung im Schalom bewahrt (vgl. Ps 29). Schalom hat, wer weise ist und mit Gottes Ordnungen und Walten in der Schöpfung rechnet (vgl. Ps 37,37 f).

(20) Gottes Schalom meint das Ganzsein des Lebens in heilen Beziehungen, wie es in der Schöpfung angelegt ist und in Gottes rettendem Handeln hergestellt wird. Dies hat entscheidende Bedeutung für unseren heutigen Umgang mit der Wirklichkeit. Die Ökologie lehrt nämlich, die Natur als ein Geflecht von Kreisläufen zu verstehen, in das wir eingebunden sind. Der Friede kann in unserer wechselseitig verflochtenen Welt nicht gegeneinander errüstet, sondern nur miteinander vereinbart werden, er muß also kommunikativ und kooperativ verstanden werden. Gerechtigkeit schließlich ist das gemeinschaftsgerechte Verhalten in der Überlebensgemeinschaft der Menschheit, in der auch die Rechte des einzelnen zur Geltung kommen müssen. Der Schalom Gottes ist eine geradezu revolutionäre Einweisung zu neuem Verhalten in dieser Wirklichkeit.

(21) Im Schalom als von Gott verheißener endzeitlicher Wirklichkeit sind Schöpfung, Geschichte und Reich Gottes, Heil und Wohl, Gottes und des Menschen Handeln zu einem Ganzen verbunden. Die in Christus und im Glauben an ihn bereits gegenwärtige Schalom-Wirklichkeit will schon jetzt in alle Bereiche des Lebens ausgreifen, und wir nehmen eine Sehnsucht nach dieser Wirklichkeit allenthalben wahr (vgl. oben 1.1.3.3.). Wir leben aber in einer Welt, in der das Gesetz der Sünde und des Todes noch nicht überwunden ist.

(22) So unterscheiden sich die Gerechtigkeit und der Friede, die wir in der Weit herstellen können, von dem Frieden und der Gerechtigkeit des Reiches Gottes. Die Schöpfung wird weiter unter dem Gesetz von Kampf und Sterben stehen. Jeder Versuch, in der Welt das endgültige Friedensreich zu errichten, enthält in sich die Gefahr, in Totalitarismus, Selbstüberforderung und Zwang einzumünden.
Dennoch gibt es Entsprechungen zwischen dem von Gott geschenkten und verheißenen Schalom und der in der Welt möglichen Ordnung und Schöpfungsbewahrung. Christen, die um Gottes Verheißung wissen, können und dürfen die Gestalt der Welt nicht dem Selbstlauf überlassen. Wir wissen, daß Gott Gerechtigkeit und Frieden auch in dieser Welt will, und daß dazu die Bewahrung der Schöpfung gehört.
Weil sie um das Kreuz wissen, lassen Christen sich auch durch Fehl- und Rückschläge nicht entmutigen, sondern vertrauen auf je neue Möglichkeiten, die Gott heraufführen wird. Sie wissen um Irrwege und Fehlentscheidungen auch bei bestem menschlichen Bemühen. So wie sie selbst immer neuen Mut aus erfahrener Vergebung finden und auf Barmherzigkeit angewiesen sind, sind sie auch barmherzig gegenüber anderen, die sich um die Gestaltung unserer Welt mühen.

1.2.2. Umkehr zum Schalom als Frucht der Gerechtigkeit

1.2.2.1. Schalom ist die Frucht der Gerechtigkeit (Jes 32,17)

(23) Das biblische Verständnis von Gerechtigkeit ist an Gottes rettendem Handeln orientiert: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen« (Ex 3,7). Gottes Richten und Gerechtigkeit sind nicht ein neutrales Urteilen, sondern ein Handeln, das in einem Konflikt zwischen Ungleichen rettend und befreiend für die Schwachen und Unterdrückten eintritt. Dem Volk befreiter Sklaven gibt Gott ein Recht, das es darauf verpflichtet, den Schwachen und Rechtlosen, den Armen und Fremden, den Witwen und Waisen Recht zu schaffen (Ex 21-23,9). Aus der Gesellschaft befreiter Sklaven darf nicht wieder Sklavenhaltergesellschaft werden. Auch in Israel aber sammelt sich Macht und Reichtum in der Hand Weniger auf Kosten der Verarmenden und Unterdrückten. Dagegen wendet sich die prophetische Kritik. »Den Schwachen und Armen verhalf er zu Recht. Heißt das nicht, mich wirklich erkennen? - Spruch Gottes« (Jer 22,16).

(24) Das Kommen des Gottes dieser Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt des NT. Indem die Gottesherrschaft kommt, widerfährt den Armen, den Leidenden und den nach Gerechtigkeit Hungernden Heil (Mt 5,1 ff; Luk 6,20-23). Jesus lebt die Nähe der Gottesherrschaft in der Zuwendung zu den Armen, Kranken, Ausgeschlossenen und Schuldiggewordenen. So verkündet er frohe Botschaft für die Armen (Mt 11,5). Zur Gottesherrschaft umkehren heißt daher, dieser Gerechtigkeit Priorität geben vor der Sorge um Existenzsicherung und Wachstum (Mt 6,24-34). Die nachösterliche Gemeinde aber bezeugt, daß Gottes rettende Gerechtigkeit durch die Selbsthingabe Jesu Christi unsere Beziehung zu Gott zurecht gebracht hat, so daß wir uns nun mit all unseren Fähigkeiten seiner Gerechtigkeit zur Verfügung stellen können im Dienst der Liebe an denen, die Hilfe brauchen (Röm. 1,17-6,23).

(25) So soll die Gemeinde Jesu Christi eine Solidargemeinschaft mit den Armen sein, in welcher Macht und Herrschaft im Zeichen des Dienstes kritisiert und abgebaut werden, der Weg der Gewaltlosigkeit gegangen wird und Zeichen einer Gemeinschaft des miteinander Teilens und der Teilhabe aufgerichtet werden (Mk 10,42-45; Mt 5,5; 11,25-30, Lk 19,1-10).

1.2.2.2. Ist Schalom die Frucht der Gerechtigkeit, so muß der Friedensdienst unserer Kirchen im Ost-West-Konflikt mit dem Dienst an der Gerechtigkeit im Nord-Süd-Konflikt verbunden sein.

(26) Der Rüstungsaufwand in Ost und West ist schon darum unverantwortbar, weil er das Brot der Armen verschlingt. Würde der Ost-West-Konflikt so abgebaut, daß damit nur dem Interesse der Staaten im Norden gedient, das ökonomische Nord-Süd-Gefälle aber zementiert würde, so widerspräche das dem Schalom als dem gerechten Frieden.

(27) Ebensowenig können die Kirchen einen Frieden der nationalen Sicherheit gutheißen, der durch Unterdrückung aufrecht erhalten wird. Schalom schließt den Befreiungskampf für Gerechtigkeit ein und die Friedhofsruhe eines ungerechten Unterdrückungsregimes aus. Freilich stellt sich im Befreiungskampf das Problem der Gewaltanwendung (vgl. dazu 1.2.3.):

(28) Unter dem Kriterium der Gerechtigkeit im Nord-Süd-Konflikt haben wir zu prüfen, ob und wie die Wirtschaft und Wirtschaftspolitik unseres Landes beteiligt ist an den Mechanismen, die weltwirtschaftliche Ungerechtigkeit hervorbringen, was in unserem Land gegen diese Mechanismen getan wird und welche konkreten Schritte zu mehr Gerechtigkeit gegangen werden können. Das wird in dem Text 2.1. - Solidarität ausgeführt.

(29) Zur Herstellung internationaler ökonomischer Gerechtigkeit bedarf es einer gerechten und rechtlich bindenden Weltwirtschaftsordnung, für die sich die Kirchen einsetzen müssen. Auf dem Weg dahin vertreten wir als Grundorientierung für die von uns zu treffenden oder mit zu vollziehenden Entscheidungen eine vorrangige Option für die Armen.
Das bedeutet: die Entscheidung in ökonomisch-politischen Fragen und in Fragen des persönlichen Lebensstils müssen auch in ihrer Verflochtenheit mit dem Problem der Zwei-Drittel-Welt (Der Begriff »Zwei-Drittel-Welt« wird hier anstelle des Begriffs »Dritte Welt« verwendet) verstanden werden und vor den Armen verantwortbar sein.

(30) Die Kirchen haben in diesem Prozeß die Aufgabe, ein Anwalt der Armen zu sein, was sie nur können, wenn ihr eigenes Handeln vor den Armen verantwortbar ist. Zu der vorrangigen Option für die Armen gehört weiter, daß wir uns nicht auf den Konsumstandard westlicher Überflußgesellschaften fixieren, sondern von dem spirituellen Reichtum der Kirchen der Armen lernen. Aus der vorrangigen Option für die Armen folgt zum Beispiel, daß sich unser Lebensstandard nicht zu Lasten der Solidarität mit den Armen erhöhen darf (vgl. 2. 1. - Solidarität).

1.2.2.3. Gerechtigkeit stellt sich auch als innergesellschaftliche Aufgabe in der DDR.

(31) Gerechtigkeit stellt sich in der DDR als die Aufgabe, dem Gemeinwohl aller zu dienen. Die sozialistische und kommunistische Bewegung versteht sich von ihrem Ursprung her als eine Hoffnungsalternative zum Kapitalismus. Gerechtigkeit gilt für sie als Ziel eines Geschichtsprozesses, durch welchen die freie Entwicklung eines jeden als Bedingung der freien Entwicklung aller ermöglicht wird. Wir Christen wissen uns von der Bibel her verpflichtet, durch unseren Einsatz für Gerechtigkeit dem Gemeinwohl zu dienen. Die vollkommene Gerechtigkeit ist für uns das vollendete Reich Gottes; deshalb bleibt sie für uns innergeschichtlich eine Utopie. Wir suchen aber die Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens, die sich um die Verwirklichung von Gerechtigkeit mühen. Kriterium für wahre Gerechtigkeit ist für uns die Solidargemeinschaft mit dem schwächsten Glied unserer Gesellschaft. Wir messen die wirkliche Freiheit derer, die alle Möglichkeiten der Selbstentfaltung haben, an der Befreiung derer, die in ihrer Selbstentfaltung und Selbsteinbringung für das Gemeinwohl behindert werden (vgl. 3 - Gerechtigkeit in der DDR). Die bedrohte Menschheit als ganze braucht Formen menschlichen Zusammenlebens, die dem gemeinsamen Überleben dienen. Auf der Suche danach sind soziale und ökonomische Modelle nötig, die mehr Gerechtigkeit und zugleich Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger verwirklichen. Um dieser Hoffnung heute näher zu kommen, bedarf auch der in der DDR existierende Sozialismus einer Umgestaltung (vgl. 3 - Gerechtigkeit in der DDR).

(32) Die ist erforderlich in Richtung auf mehr Demokratie, denn Bürokratismus, Zentralismus, unzureichende Kontrolle der Macht, Undurchschaubarkeit vieler Entscheidungen und Institutionen behindern die Mündigkeit und eigenverantwortliche Mitarbeit der Bürgerinnen und Bürger.
Umgestaltung ist erforderlich in Richtung auf mehr Offenheit auch im weltanschaulichen Bereich und eine dementsprechende Kultur des Meinungsstreites, denn das Abgrenzungsdenken, die Verbindung des Machtmonopols der Partei mit dem ideologischen Wahrheitsmonopol und die Selbstrechtfertigungszwänge des Staates, in die er durch seine eigenen Glücksversprechungen gerät, verhindern die Bildung einer bewußten und kritischen Öffentlichkeit.
Umgestaltung ist erforderlich in Richtung auf mehr Rechtlichkeit, welche die individuellen Menschenrechte im Rahmen der Basisrechte und Teilnahmerechte klarer definiert und unabhängige gerichtliche Instanzen schafft, denn bürokratische Entscheidungen und das Eingabewesen machen die Bürgerinnen und Bürger abhängig und zu Bittstellern. Wenn den Bürgerinnen und Bürgern zugemutet werden muß, aus politischen Gründen auf die volle Wahrnehmung bestimmter Menschenrechte (zum Beispiel Freizügigkeit) vorübergehend zu verzichten, so ist dies nur auf der Basis einer klaren und kontrollierbaren Rechtlichkeit und Gleichheit vertretbar.
Umgestaltung ist erforderlich in Richtung auf eine neue Prioritätensetzung. Bleibt die sozialistische Gesellschaft mit den westlichen Gesellschaften unter der Vorherrschaft ökonomischer Zielsetzungen, bleiben Wirtschaftswachstum, Produktivitätssteigerung, Befriedigung wachsender Konsumbedürfnisse die herrschenden Werte, so wird die überlebenswichtige Umgestaltung und Umkehr zu Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung verfehlt und verhindert (vgl. 8 - Lebensweise). Die Rolle des Staates als Bedürfnisbefriediger legt die Bürgerinnen und Bürger auf die Rolle des Trägers von Bedürfnissen fest und kultiviert dadurch steigendes Anspruchsdenken. Ökonomie muß in Ökologie und in die sozialen und politischen Zielsetzungen gerechten und friedlichen Zusammenlebens eingeordnet werden (vgl. 10 - Ökologie/Ökonomie).

1.2.3. Umkehr zum Schalom als dem Frieden der Völker

1.2.3.1. Das AT bezeugt die Hoffnung auf den Frieden der Völker, der von der Herrschaft der Gerechtigkeit Gottes ausgeht. (Vgl. dazu Jes 9,5-6; 32,17-18; Ps 72; Mi 4,1-5 u.a.).

(33) Im AT legt »Schalom« das Heil aus, das Jesus Christus gebracht hat. Sein Kommen bedeutet Frieden auf Erden für alle Menschen (Lk 2,14). Der Friede erwächst aus der rettenden Gerechtigkeit, durch die Gott unser Leben zurechtbringt (Röm. 5, 1). Er erwächst aus der Versöhnung zwischen Gott und Mensch, die zugleich Versöhnung über innerweltliche Konfliktgrenzen hinweg stiftet (Eph 2,14ff).

(34) Dieser Friede wird sich als Völkerfriede erst mit der Vollendung des Reiches Gottes ganz verwirklichen. Aber in der Hoffnung darauf und aus dem in Christus schon gekommenen Frieden lebend, sollen die Kirchen und jeder Christ unter den Bedingungen einer noch von Konflikten und Gewalt gezeichneten Welt Werkzeug des Friedens sein (Mt 5,6; Röm. 12,17-21). »Kirche des Friedens werden heißt, das zu leben, was die Kirche durch das Gnadenangebot Gottes in Jesus Christus eigentlich schon immer ist: Versöhnungsgeschehen zwischen Gott und Mensch, geschwisterliche Gemeinschaft zwischen Menschen, Friedenszeichen trotz fortbestehender Feindschaften in dieser Welt« (vgl. 7.1.1.).
Der Weg dieses Friedens ist durch Gewaltfreiheit, Dienstbereitschaft und konfliktfähige Feindesliebe geprägt (Mt 5,39 ff; Mk 10,42 ff). Die Hoffnung auf eine gewaltfreie Friedensordnung, die sich im AT andeutet, wird durch Wort und Weg Jesu ins Zentrum gerückt und ist von der christlichen Gemeinde exemplarisch zu leben (Mi 4,1-5 u. Mt 5,1-16). Das steht im scharfen Gegensatz zu dem Zwangs- und Gewaltfrieden des Römischen Reiches, dem Konzept der pax romana. Gerade in der heutigen Situation, wo um der Humanisierung politischer Macht willen Gewalt abgebaut werden muß, kommt dem gewaltfreien Friedensweg Jesu neue politische Bedeutung zu.

1.2.3.2.

(35) Dieser Frieden ist in der Welt der modernen Massenvernichtungsmittel zu bezeugen, in der die Institution des Krieges als nicht mehr taugliches Instrument internationaler Konfliktlösung überwunden werden muß. Die Erfahrungen mit dem die Aufrüstung eskalierenden Abschreckungssystem fordern Abrüstung und den Übergang zu einem System der politischen Friedenssicherung (vgl. 4 - Friedenssicherung). Schalom als Beziehungswirklichkeit weist auf ein kommunikatives, kooperatives Friedensverständnis. Eine politische Entsprechung dazu bildet das Konzept der »Gemeinsamen Sicherheit«. Es besagt, daß der Friede nicht gegeneinander errüstet, sondern nur miteinander vereinbart werden kann.

(36) Mit der notwendigen Überwindung der Institution des Krieges kommt auch die Lehre vom gerechten Krieg, durch welche die Kirchen den Krieg zu humanisieren hofften, an ein Ende. Daher muß schon jetzt eine Lehre vom gerechten Frieden entwickelt werden, die zugleich theologisch begründet und dialogoffen auf allgemein-menschliche Werte bezogen ist. Dies im Dialog mit Andersglaubenden und Nichtglaubenden zu erarbeiten, ist eine langfristige ökumenische Aufgabe der Kirchen.

(37) In der Zeit des Übergangs bis zu einem umfassenden System politischer Friedenssicherung treten wir vorrangig für gewaltfreie Wege des Friedensdienstes ein. Zwar ist Wehrdienst mit der Waffe mit dem Ziel der Kriegsverhütung im Prozeß der Abrüstung als vertretbarer Weg für Christen noch nicht auszuschließen, aber der gewaltfreie Weg des Friedens Christi und die schon erkennbare politische Vernünftigkeit gewaltfreier Konfliktregulierung weisen Kirchen und Christen vorrangig auf gewaltfreie Wege des Friedensdienstes.
Als Grundorientierung in den Fragen des Friedens vertreten wir deshalb eine vorrangige Option für die Gewaltfreiheit.
Sie ist geltend zu machen in öffentlicher Urteilsbildung und Stellungnahmen, wie in der Beratung Wehrpflichtiger und dem Eintreten für einen alternativen zivilen Dienst (vgl. 5 - Wehrdienst). In der Friedenserziehung findet sie ihren Ausdruck in der Überwindung von Vorurteilen und Feindbildern und der Befähigung zu friedlicher Konfliktlösung (vgl. 6 - Friedenserziehung) Sie leitet die Kirchen in ihrem Bemühen, Kirchen des Friedens zu werden (vgl. 7 - Kirche des Friedens), dazu an, in all ihrem Engagement selbst dem gewaltfreien Friedensweg Jesu zu folgen.

1.2.3.3.

(38) Im Schalom, der unsere Beziehungen heilt, erkennen wir die Verheißung für unsere wechselseitig verflochtene Welt, die zugleich eine Welt wachsender Konflikte ist. Die Menschheit muß sich in ihrer Verflochtenheit als Überlebensgemeinschaft organisieren (vgl. 1.1.1.) in einer verbindlichen Rechtsgestalt, die den Schwächeren schützt und Konflikte politisch löst. Leitbild sollte dafür die Schalomgemeinschaft offener partnerschaftlicher Beziehungen sein.
Die eine Christenheit, aus Juden und Heiden erwählt, ist als der Leib Christi, der unser Schalom ist, der Leib des Schalom (Eph 2,14 ff). Aus Frauen und Männern, unterschiedlichen kulturellen Traditionen, Klassen und Rassen zusammengesetzt, ist sie berufen, »Hoffnungszeichen für die Einheit der Menschheit« zu werden. Als Glieder dieser Schalomgemeinschaft sollen Kirchen, Gemeinden und Christen bei ihrem Engagement vor Ort in die Weite dieses globalen Verantwortungshorizontes hineinwachsen. Sie sollen die ökumenischen Beziehungen friedenspolitisch wirksam machen, für die Stärkung der Vereinten Nationen, für innerstaatliche Geltung internationalen Rechts und für rechtliche Instrumente nationaler Konfliktlösung eintreten.
So vertreten wir die Verpflichtung der Christen und Kirchen für einen ökumenischen Friedensdienst. Dieser ökumenische Friedensdienst entspricht der Priorität, die heute der menschlichen Überlebensverantwortung vor allen partikularen Interessen zukommt. In ihm verwirklicht sich zugleich die vorrangige Option für die Armen, die Gewaltfreiheit und den Dienst für den Schutz und die Förderung des Lebens (vgl. 1.2.4.3.).

1.2.4. Umkehr zum Schalom der Schöpfung

1.2.4.1. Der Schalom umgreift die ganze Schöpfung.

(39) Die Schöpfungsdarstellung in Gen 1 und die Schöpfungspsalmen (zum Beispiel Ps 104) entwerfen das Bild einer heilen Schöpfungsgemeinschaft in wohlgeordneten Lebensräumen. Diese biblische Sicht findet Entsprechung im heutigen ökologischen Denken.
Der Mensch als Frau und Mann ist einerseits Glied der Schöpfungsgemeinschaft, andererseits als Ebenbild Gottes der Haushalter über die ihm anvertrauten Mitgeschöpfe. Seine Herrschaft ist am Leitbild des gerechten Königs orientiert, der Schalom in der Schöpfung wirkt (Ps 72).

(40) Im Noachbund wahrt Gott den Schöpfungsfrieden unter den Bedingungen der in die Schöpfung eingebrochenen Gewalt, indem er eienen Bund mit allem Lebendigen schließt, für die fragliche Zukunft der Schöpfung einsteht und den Dienst am Weitergehen des Lebens verbindlich macht (Gen 9). Die prophetischen Verheißungen weisen darüber hinaus zur Vollendung der Schöpfung in der Heilung ihrer Konflikte und der Fülle des Lebens (Jes 11,5-9; 32,15-20; Hos 2,20 ff; 14,2 ff).

(41) Das NT nimmt diese Verheißung auf und sieht sie in Christus verbürgt. Der Friede und die Versöhnung, die er gebracht hat, tragen die Schöpfung (Kol 1,20). In der verheißenen Befreiung der Söhne undTöchter Gottes gründet die Befreiungshoffnung für die leidenden Mitgeschöpfe. So werden die Christen in eine Hoffnungssolidarität mit der leidenden Schöpfung gerufen (Röm 8,19 ff). Das liegt auf der Linie der rettenden Gottesgerechtigkeit für die Leidenden und auf der Linie der Kreuzesnachfolge, die sich unter das Kreuz der Leidenden beugt. So zeigt sich auch hier der unlösbare Zusammenhang von Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsverantwortung.

(42) Die Bibel bezeugt die Endlichkeit der Schöpfung. Ihr Ende ist zugleich die Krise (krisis griech.: Gericht) der Sünde und aller gott- und schöpfungswidrigen Mächte. So schärft das Ende der Welt den Ernst der Umkehr ein. Die Endlichkeit unseres Lebens und der Welt ernst zu nehmen und anzunehmen, haben wir besonders nötig, weil der Fortschrittsglaube dies verdrängt hat. Die Bejahung der eigenen Grenzen aber gehört zur Geschöpflichkeit und Menschlichkeit.
Die christliche Botschaft bewahrt uns aber zugleich vor einer lähmenden Fixierung auf das Ende und seine Krisen und es widersteht einem apokalyptischen Fatalismus. Denn das Ende der Welt ist auch als Ende das Werk des Schöpfers, der seine Schöpfung vollenden will. Das Ende, das Gott der Welt bereitet, ist also nicht ein Ende, in dem das Chaos über den Schalom triumphiert und die rettende Gerechtigkeit Gottes vor den zerstörerischen Folgen menschlichen Machtmißbrauchs kapituliert, sondern es ist als Gottes Werk die Kehrseite der Vollendung. Darum kann die christliche Gemeinde in jedem Gottesdienst die Schöpfungsvollendung vorwegnehmend feiern. Weil sie die Welt auch in ihrem Ende der Schöpfertreue Gottes anvertraut, kann es in einem altkirchlichen Gebet sogar heißen: »Es vergehe die Welt und es komme dein Reich!«. So macht uns gerade das Wissen um unsere Endlichkeit und Begrenztheit nicht zynisch oder resignativ, sondern aktiv zu konkretem Tun en des Gerechten und zur Arbeit an Vorzeichen und Gleichnissen der Vollendung mitten im Alltag der Welt.

1.2.4.2. Umkehr in den Schöpfungsfrieden heißt, aus Verengungen des Denkens zur Ganzheitlichkeit umkehren.

(43) »Bewahrung der Schöpfung« ist nicht auf die ökologischen Probleme im engeren Sinne einzuschränken. Sie thematisiert vielmehr die Ganzheit der Schöpfung und umfaßt auch die Aspekte der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Menschheitsgeschichte, in der um Frieden und Gerechtigkeit gerungen wird, ist ein Teil der Geschichte der Schöpfung und die Heilsgeschichte Gottes mit dem Menschen mündet in die Vollendung der Schöpfung.

(44) Zu dieser Ganzheitlichkeit müssen wir umkehren aus Verengungen, die es im europäischen Denken auf den Menschen, seine Gottesbeziehung, seine Seele, »Existenz« oder Personalität gibt. In der wissenschaftlich-technischen Wahrnehmung der Welt haben wir von einem instrumentellen Denken, das die Mitgeschöpfe zum bloßen Objekt für das Subjekt Mensch macht und ihren Wert auf ihren Nutzwert für den Menschen beschränkt, zu einem kommunikativen Denken umzukehren. Wir müssen uns als Glieder der Schöpfungsgemeinschaft verstehen, den Eigenwert der Mitgeschöpfe und das verletzbare Gleichgewicht ökologischer Systeme respektieren. Im Konflikt Mensch/Natur Solidariiät mit dem schwächeren Konfliktpartner üben heißt, allen lebenden Organismen artgerechtes Leben zu ermöglichen (vgl. 8 - Lebensweise und 10 - Ökologie/Ökonomie).

(45) Für die Fragen des Völkerfriedens heißt dies, daß militärische Rüstung mit ABC-Waffen auch darum unverantwortbar ist, weil hier die eigene Sicherheit auf Kosten der von Massenvernichtung bedrohten Mitgeschöpfe gesucht wird.
Für die Fragen der Gerechtigkeit bedeutet es, daß sie innerhalb der ökologischen Rahmenbedingungen und Grenzen wirtschaftlichen Wachstums hergestellt werden muß. Die Kosten sozialer Gerechtigkeit dürfen wir nicht den Mitgeschöpfen aufladen, um uns selbst Lebensstiländerungen zu ersparen. Der neuzeitliche Weg, den Mangel durch immer extensivere und intensivere Ausbeutung der Natur und ihre totale Beherrschung zu überwinden, muß korrigiert werden. Soziale Gerechtigkeit muß durch umweltverträgliche Wirtschaft erreicht werden.

1.2.4.3. Umkehr in den Schöpfungsfrieden heißt, vom Machtdenken zur Solidarität mit den Mitgeschöpfen umkehren.

(46) Die Menschheit, die sich in ihrer Entwicklung von der Übermacht der Natur emanzipiert und sich Mitgeschöpfe dienstbar machen mußte, hat sich die Natur so weitgehend unterworfen, daß jetzt die Mitgeschöpfe von der Barmherzigkeit des Menschen abhängen. Verringerung der Gewalt, schonende Technik, Sparsamkeit im Verbrauch von Ressourcen sind um des gemeinsamen Überlebens willen geboten. Damit gewinnt das biblische Zeugnis von der befreienden Gerechtigkeit, die sich den Leidenden zuwendet, eine neue Bedeutung für unseren Umgang mit den Mitgeschöpfen. Die biblische Kritik an unterdrückender und ausbeutender Macht wird zum Kern der Kritik an einer fehlgeleiteten wissenschaftlich-technischen Zivilisation, an deren Wiege der Satz von Francis Bacon stand: Wissen ist Macht. Daß die Sanftmütigen, die Gewaltfreien das Land beziehungsweise die Erde besitzen werden (Mt 5,5), ist heute eine Verheißung von nicht nur friedenspolitischer, sondern auch ökologischer Bedeutung. In dem Kreuz Jesu, als der gewaltfreien Überwindung der Gewalt, liegt so auch Hoffnung für die leidenden Mitgeschöpfe.
Umkehr zum Schöpfungsfrieden bedeutet daher Umkehr von der Vorherrschaft des Machtdenkens zum Vorrang des solidarischen Denkens, zum Denken vom Schwächeren her; von der Überbewertung des Täterseins zur Bereitschaft mit zu leiden.
Von hier aus ist auch die weltanschauliche Überbewertung der Arbeit im dialektischen Materialismus als zentrale anthropologische Kategorie, die auch die Sicht des Mensch-Natur-Verhältnisses bestimmt, anzufragen.

(47) So vertreten wir als Grundorientierung in der Schöpfungsverantwortung eine vorrangige Option für den Schutz und die Förderung des Lebens. Diese Option ist im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie geltend zu machen als vorrangiges Eintreten für das ökologische Erhaltungsinteresse vor dem ökonornischen Wachstums- und technischen Machbarkeitsinteresse. Sie weist in die Richtung einer umweltverträglichen Ökonomie in der Einheit von Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik (vgl. 10 - Ökologie/Ökonomie).
Da die Energiewirtschaft der Hauptindex für den Machtgebrauch des Menschen gegenüber der Natur ist, muß die Option auf umweltverträglichere Wege der Energieumwandlung und -anwendung führen (vgl. 11 - Energie).
In diesen Fragen wird das Experimentieren mit Alternativen zu fördern sein (zum Beispiel ökologischer Land- und Gartenbau, erneuerbare Energien). Es wird aber auch vor ökologischer Romantik und der Illusion von Totalalternativen zur Industriegesellschaft zu warnen und demgegenüber darauf zu achten sein, daß die Veränderungsimpulse mit dem Produktionsprozeß vermittelbar sind und so für ihn verändert werden können. Zu dem allen ist eine ausreichende Information notwendig (vgl. 12 - Information):
Die vorrangige Option für den Schutz und die Förderung des Lebens will Wertvorstellungen und Lebensweisen verändern. Sie will zum Beispiel die Einsicht wecken, daß für die Lebensqualiät gelingende mitmenschliche Beziehungen Vorrang vor Besitzsteigerung haben, Kommunikation vor Konsum geht, eine wohnliche Umwelt lebenswichtiger ist als die Befriedigung vieler künstlich erzeugter umweltbelastender Bedürfnisse (vgl. 8 - Lebensweise).
Schließlich läßt uns diese Option eintreten für das Leben, wo es besonders schutzlos, vernachlässigt oder der solidarischen Hilfe bedürftig ist, wie das ungeborene Leben, die älteren Menschen, die Behinderten, die psychisch Kranken, die Sterbenden und das den neuen Möglichkeiten der angewandten Biowissenschaften ausgesetzte Leben (vgl. 9 - Leben bewahren).

weiter


powered by <wdss>

Sitemap | Druckversion | nach oben^


© 2017 by Stiftung Oekumene | eMail: ecunet@t-online.de