9. Den Menschen dienen - das Leben bewahren - 9.1. Die Herausforderung zur Verantwortung für menschliches Leben
(1) Die staunende, verwundert klingende Frage des Psalmisten an Gott: »Was
ist der Mensch, daß du an ihn denkst, des Menschen Kind, daß du
dich seiner annimmst?« (Ps 8,5) klingt fremd für den Menschen, der
sich und sein Leben in die eigene Hand genommen hat. Mit Hilfe der Wissenschaften
hat der Mensch in hohem Maße sein Leben gesichert, sich ungeahnte Möglichkeiten
und neue Horizonte eröffnet, aber sich auch eine fast schrankenlose Herrschaft
über die Natur und über das menschliche Leben selbst angemaßt.
Aus der Geschichte unseres Volkes wissen wir, wie unmenschlich mit menschlichem
Leben umgegangen wurde. Wir sind betroffen, daß auch heute weltweit Einstellungen
und Handlungsweisen zu bemerken sind, die die Würde und Einmaligkeit menschlichen
Lebens in Frage stellen. Wir denken dabei an Hochrüstung mit kalkulierter
Massenvernichtung, an genetische Schädigungen als Folgen chemischer Großindustrie
und Radioaktivität, an menschenverachtenden Rassismus, an das Sterben Einzelner
und ganzer Völker durch Hunger und Ungerechtigkeit, physische und psychische
Folter, an genetische und andere biologische Manipulationen.
Viele Menschen sehen diese Probleme als Herausforderung und wollen Verantwortung
wahrnehmen. Besorgnisse und Ängste besonders am Beginn menschlichen Lebens
im Mutterleib, Probleme körperlich und geistig Behinderter und ihrer Familien,
die Not psychisch kranker Menschen und schließlich die Unsicherheiten
im Alter, bei Sterben und Tod sind Schwerpunkte notwendiger Entscheidungen.
(2) Die geforderte Hilfe muß sich gerade in diesen schwierigen Situationen
bewähren. Helfen kann nur, wer die Probleme und Belastungen Einzelner und
ganzer Gruppen sieht und sich ihnen stellt. Beispielhaft sei auf folgende Bereiche
hingewiesen: Eine Schwangerschaft kann aus verschiedenen Gründen
zu einer schweren Belastung werden, zum Beispiel wenn sie ungewollt ist oder
wenn Frauen allein gelassen werden und die psychische und soziale Annahme des
Kindes nicht gewährleistet ist; wenn eine Behinderung des Kindes erkennbar
wird, oder die Partnerschaft oder die berufliche Entwicklung der Eltern entscheidend
gefährdet scheint.
Behinderte und ihre Familien erleben oft zusätzliche Belastungen
ihrer ohnehin erschwerten Situation, zum Beispiel wenn sie im Alltag demütigende
und herablassende Umgangsformen ertragen müssen; wenn sie sich von der
Gesellschaft nicht als gleichwertige Bürger anerkannt sehen und um gesetzlich
vorgesehene Hilfeleistungen bitten und kämpfen müssen, wenn für
mehrfach schwergeschädigte Kinder Fördereinrichtungen nicht vorhanden
sind und nur Pflegeplätze angeboten werden, wenn die Förderung Behinderter
mit dem Erreichen des Erwachsenenalters beendet wird, beziehungsweise für
sie keine geeigneten Wohnmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Psychisch Kranke erfahren oft ausgesprochene und unausgesprochene Vorurteile,
zum Beispiel, wenn der Umgang mit ihnen gemieden wird und sie nach Genesung
nicht selbstverständlich in ihrem alten Arbeitskollektiv aufgenommen werden;
wenn durch ungenügende Unterbringung tatsächliche Besserungsaussichten
nicht genutzt werden; wenn sie zu wenig Verständnis finden und in Verzweiflung
getrieben werden.
Sterbenden wird häufig die Begleitung verweigert und das Sterben
selbst ignoriert, zum Beispiel wenn das Leben ohne Tod gedacht wird und deshalb
nicht auf das Sterben vorbereitet wird, oder der Gedanke an den Tod durch eine
bloße Orientierung auf Leistung und Nutzen verdrängt wird; wenn Sterbende
allein gelassen werden und in ihrer Gegenwart über sie und nicht mit ihnen
gesprochen wird; wenn die Pflegebereitschaft nicht gefördert wird.
Die unmittelbar Betroffenen fühlen sich in diesen Situationen oft isoliert
und bei der Entscheidungsfindung überfordert. Wer berät Männer
und Frauen, die mit einem möglichen Schwangerschaftsabbruch konfrontiert
werden, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführten oder durchführen
ließen? Wer berät Familien psychisch kranker und behinderter Mitmenschen?
Wer kümmert sich um einsame alte Menschen? Wer steht Sterbenden und ihren
Angehörigen bei?
Das sind nicht nur Fragen von Christen; sie werden zunehmend von vielen Nichtchristen
in unserer Gesellschaft gestellt. Manche Antworten auf diese Fragen lassen uns
unbefriedigt. Vieles wird auch in unserer Gesellschaft verdrängt.
Notwendig ist darum: für die Probleme und Aufgaben sensibler zu werden,
die Betroffenen seelsorgerlich zu begleiten, nach Wegweisung Ausschau zu halten,
Konflikte nicht zu scheuen, barmherzig zu sein. Unser Gewissen ist gefordert.
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