8.2. Die Situation erkennen
(3) Die vielfache und globale Bedrohung der Schöpfung fordert in den
hochentwickelten Industrieländern - zu denen auch die DDR gehört -
eine Umkehr zu neuen Wertvorstellungen, Bedürfnissen und Lebensweisen.
Die heutige Lebensweise ist weithin durch Wertvorstellungen und Bedürfnisse
geprägt, die aus der wissenschaftlich-technischen und ethisch-kulturellen
Entwicklung Europas hervorgegangen sind. Diese Entwicklung ist unter anderem
gekennzeichnet von Macht- und Machbarkeitsdenken, von Wissenschaftsgläubigkeit
und von der Ausbeutung vieler Völker. Sie ging aus von der vermeintlichen
Unerschöpflichkeit der materiellen und geistigen Ressourcen. Der Prozeß
der zunehmenden Industrialisierung und Vergesellschaftung der Produktion ist
nicht von einer entsprechenden Entwicklung der Ethik begleitet worden. So sind
weder die langfristigen Folgen der Produktion, noch die der zunehmenden Entfremdung
der Arbeit ausreichend bedacht worden.
Der Wohlstand und Luxus in Europa wurde auf Kosten sowohl der nahen als auch
der entfernten Welt erreicht. Jetzt stoßen wir mit unserem Tun an die
Verträglichkeitsgrenzen unserer Umwelt. Ständiges quantitatives Wirtschaftswachstum
ist nun gleichbedeutend mit weiterer Zerstörung der Natur, Gefährdung
der Lebensgrundlagen künftiger Generationen, Verarmung vieler Völker
(vgl. 2.- Solidarität) und Heraufbeschwörung von inneren sozialen
und äußeren militärischen Konflikten um die Ressourcen dieser
Welt (vgl. 4 - Friedenssicherung).
(4) Der Regelkreis Produktion - Konsumtion - Bedürfnisse - Produktion
(vgl. 10 - Ökologie/Ökonomie) hat vorwiegend egozentrisch orientierte
und ständig wachsende materielle Bedürfnisse hervorgebracht. Weithin
werden diese an einem einseitigen Bild des Lebensstandards in der Bundesrepublik
Deutschland gemessen. Durch die Erhöhung des Lebensstandards wird die Umwelt
stark belastet und die Befriedigung ökologisch-materieller Bedürfnisse
wie reine Luft und sauberes Wasser erschwert. Beispiele sind die Zersiedlung
der Landschaft durch Wochenendhäuser, die angestiegenen Lärm- und
Abgasbelastungen, die Schadstofflasten durch Landwirtschaft und Industrie in
Wasser, Luft und Boden.
Die Befriedigung materieller Bedürfnisse steht in einem engen Wechselspiel
mit der Erfüllung psychosozialer Bedürfnisse. Deren unzureichende
Erfüllung durch Mangel an Liebe, Anerkennung und Geborgenheit in der Familie,
Arbeitskollektiv und Gesellschaft wird oft durch materiellen Konsum »ausgeglichen«.
Gleichgültigkeit und Einfallslosigkeit, Lüge, Mißtrauen und
Angst zerstören zwischenmenschliche Beziehungen. Familienkrisen, Alkoholmißbrauch,
Zunahme der Kriminalität, der Rückzug ins Private sind äußere
Zeichen für den tiefen Widerspruch zwischen Erwartung und Wirklichkeit
der Lebensgestaltung. Zur Überwindung zwischen Erwartung dieses Widerspruchs
bedarf es der Einsicht, einen Lebenssinn zu suchen, der über den einzelnen
Menschen und das gesellschaftliche System hinausgeht.
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