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7.2. Was bedeutet es für uns, Kirche des Friedens zu werden?


7.2.1. Kirche des Friedens werden heißt, die Last der Geschichte anzunehmen und Schuld zu bekennen.

(4) Wir können nicht Kirche des Friedens werden, ohne unser Versagen als Schuld vor Gott und den Menschen zu bekennen und um Vergebung zu bitten. So müssen wir eingestehen, daß es unseren Kirchen nicht gelungen ist, die Liebe Christi umfassend zu leben und für alle Menschen erfahrbar zu machen. Wir Christen haben uns in der Geschichte vielfach auf die Seite der Herrschenden gestellt, auch dann, wenn durch die Herrschaft Ungerechtigkeit, Mißachtung, Leid und Tod verbreitet wurden. Die Kirchen haben sich durch die Rechtfertigung ungerechter Verhältnisse als gottgewollte Ordnung mit Schuld beladen und häufig das Vertrauen der unterdrückten Menschen verloren.

(5) Das Verhalten der Christen zu den Gliedern des Gottesvolkes des Alten Bundes, den Juden, entsprach weitgehend nicht dem Liebesgebot des Evangeliums. Die Geschichte der europäischen Christenheit kennt schreckliche Beispiele von Judenhaß. In der jüngsten Vergangenheit unseres Volkes gipfelten Gleichgültigkeit, Überheblichkeit und Menschenverachtung in der systematischen Vernichtung von sechs Millionen Juden. Die Wurzeln dieses Verbrechens reichen zurück bis zu den Anfängen unserer theologischen und kirchlichen Traditionen. Wir bekennen uns mitschuldig an dem Unrecht, das den Juden durch unser Volk geschehen ist.

(6) Die Unterbewertung der Frau in vielen Epochen der geschichtlichen Entwicklung unserer Kirchen trotz der im Neuen Testament ausgesprochenen Anerkennung der Frau ist eine der Ursachen für viele noch nicht überwundene Diskriminierungen der Frauen.
Vorurteile gegenüber Frauen sind auch heute noch im religiösen und kirchlichen Denken zu finden. Die uneingelöste Forderung, das Verhältnis der Geschlechter zueinander partnerschaftlich zu gestalten, verpflichtet unsere Kirchen vom Auftrag Christi her in besonderer Weise.

(7) Auch an der Schuld unseres Volkes an zwei Weltkriegen tragen unsere Kirchen mit. Insbesondere wurden wir an den osteuropäischen Völkern Polens und der Sowjetunion schuldig. Umkehr zum Frieden muß deshalb für uns heute die Mitwirkung an der Überwindung der Institution des Krieges einschließen. Im Verzicht auf militärische Gewalt als Mittel der Politik sehen wir einen notwendigen Schritt zur Schaffung einer europäischen und weltweiten Friedensordnung. Deshalb stellen sich die Kirchen auch hinter diejenigen, die aufgrund ihrer Überzeugung den Wehrdienst verweigern.

7.2.2. Kirche des Friedens werden heißt, den Platz der Kirchen in unserem Land zu erkennen und anzunehmen.

(8) Unsere Kirchen haben heute gute Voraussetzungen für ein eigenständiges Friedenszeugnis. Die Trennung von Kirche und Staat hat dazu beigetragen. Bisher haben wir diese Chance zu wenig genutzt. In den Kirchen herrschte die Sorge vor, das Wort Frieden sei einseitig politisch besetzt. Zur Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gehört jedoch der Dienst am Frieden für Nahe und Ferne. Die Einladung zum konziliaren Prozeß ist für uns eine Chance zum ökumenischen Friedenszeugnis.

(9) Unsere Kirchen kritisieren oft den Mißbrauch von Macht bei anderen, selbst aber leben sie zu wenig beispielhaften, verantwortlichen Umgang mit der Macht vor. Deshalb sollen kirchenleitende und gemeindeleitende Gremien und Personen konstruktive Kritik annehmen, den Dialog suchen und Entscheidungen nur nach Rücksprache mit den Betroffenen fällen. Sie müssen lernen, Frauen innerhalb kirchlicher Strukturen nicht zurückzusetzen, die verschiedenen Aufgaben unter Geistlichen und Laien, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Fähigkeiten und Begabungen entsprechend zu teilen und auch den Gemeinden Rechenschaft über ihr Tun zu geben, wie es dem Evangelium entspricht.

(10) Unsere Kirchen können auch mit knapper werdenden Mitteln einladende Kirchen sein. Deshalb ist es nicht nötig, daß wir uns immer wieder abhängig machen von Geld, das nicht aus unseren Gemeinden kommt. Wir müssen lernen, nicht über unsere Verhältnisse zu leben und das Miteinanderteilen einüben.

(11) Unsere Kirchen orientieren sich manchmal noch an Leitbildern von Kirche, die der heutigen Realität in der DDR nicht entsprechen. Nur wenn Kirchenleitungen, Pfarrer und Mitarbeiter, Gemeinden und Gruppen den Ort unserer Kirchen in unserem Land nüchtern erkennen und annehmen, können sie dem Auftrag Gottes gerecht werden.
Wie finden wir zu einer realistischen Selbsteinschätzung, die der wirklichen Verfassung unserer Gemeinden entspricht und ihre geistlichen Kräfte freisetzt?

7.2.3. Kirche des Friedens werden heißt, im weltweiten ökumenischen Horizont zu denken und zu handeln.

(12) Als Kirchen an der Nahtstelle der beiden Bündnissysteme in Europa leben wir in einer historisch gewachsenen geistlichen Gemeinschaft mit den Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland. Deshalb haben wir eine besondere Chance zum Brückendienst der Versöhnung. Wir suchen neue Wege für Vertrauensbildung, Verständigung und für Kontakte zu Menschen unserer Nachbarländer, besonders auch im Osten.

(13) Unsere Kirchen stehen in einem zunehmenden Kontakt mit Kirchen in der Zwei-Drittel-Welt. Das macht uns unsere Aufgabe bewußt, zu jener Gerechtigkeit beizutragen, die eine Bedingung des Friedens ist. Unser Streben nach materiellem Reichtum hindert uns an der notwendigen Umkehr in die Gerechtigkeit. In der Begegnung mit dem geistlichen Reichtum vieler Kirchen der Zwei-Drittel-Welt werden unsere Maßstäbe korrigiert.

(14) Unsere Kirchen beginnen die weltweite Ökumene als Lerngemeinschaft für ein wahrhaft ökumenisches Friedenszeugnis zu erleben, das nicht im politisch-ideologischen Ost-West-Schema gefangen bleibt. In der Spannung zwischen unseren staatsbürgerlichen Pflichten und unserer ökumenischen Verantwortung entdecken wir uns als Glieder des universalen Friedensbundes Gottes. Weil der Frieden Christi uns verbindet, sind wir gemeinsam auf einen Weg gewiesen, der das Androhen von Gewalt überwindet und das Führen von Krieg ausschließt.

7.2.4. Kirche des Friedens werden heißt, ein gemeinsames verbindliches Zeugnis zu geben.

(15) Die ökumenische Bewegung hat in unserem Land nach 1945 zu neuen Aufbrüchen in unseren Kirchen und zu vielfältigen Kontakten zwischen christlichen Gemeinden geführt. Wir sind dankbar, daß unsere Kirchen trotz bestehender Trennung begonnen haben, aufeinander zuzugehen. Die Ökumene, die wir bereits leben, ist ein verheißungsvolles Zeichen für die volle Gemeinschaft der Kirchen. Wir haben die Hoffnung und die Bitte, daß der Weg, zu dem wir aufgebrochen sind, zu einem tieferen gegenseitigen Verstehen beiträgt und uns zur Gemeinschaft am Tisch des Herrn führen wird.

(16) Unsere Kirchen tun sich schwer, unter ihrem Dach entstandene Zwei-Drittel-Welt-, Friedens-, Umwelt-, Frauen und andere Gruppen als einen ernstzunehmenden Ausdruck von Zukunftsverantwortung zu begreifen. Was wir heute in unseren Kirchen als »Zeichen der Zeit« (Mt 16,3) erkennen, ist oft von solchen Gruppen zuerst ins Gespräch gebracht worden. Kirchenleitungen, Gemeinden und Gruppen sollen einen offenen, sachbezogenen und kritischen Dialog miteinander suchen, zusammenarbeiten und voneinander Anregungen für das Leben der Gemeinden und die Arbeit der Gruppen aufnehmen.

(17) In unseren Kirchen haben immer beide, Frauen und Männer, aktiv, aber selten gleichberechtigt mitgearbeitet. Es ist an der Zeit, den wesentlichen Beitrag der Frauen am Leben der Kirchen durch gleichberechtigte Mitverantwortung und Mitgestaltung von Theologie und geistlichem Leben zu gewährleisten. Männer und Frauen sollten in unseren Kirchen einen angstfreien Umgang miteinander wagen und partnerschaftliche Zusammenarbeit einüben.

(18) In unseren Kirchen finden wir einen großen Reichtum an unterschiedlichen theologischen Überzeugungen und praktischen Haltungen, der Ausdruck der Freiheit unseres Glaubens ist. Unsere geistliche Vielfalt darf aber nicht zum Vorwand werden, Gott die geforderte Umkehr zu verweigern. Sie muß vielmehr in den Dienst unserer Aufgabe treten, mit einem gemeinsamen Zeugnis auf die Herausforderungen der Weltstunde zu antworten.

(19) Einige unserer Kirchen haben die Ergebnisse ihrer theologischen Urteilsbildung zu den großen Menschheitsgefährdungen in bekennenden Aussagen zusammengefaßt. Sie machen damit deutlich, daß die Bedrohungen unseren Glauben herausfordern und uns zu Antworten des Glaubens nötigen. Wie können und müssen wir gemeinsam antworten, daß unser Reden eindeutig als christliches Zeugnis erkannt wird?

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