6.2.1.
Vorurteile werden im Erziehungsprozeß als Einstellungen gelernt. Sie
können zunächst notwendige Orientierungshilfen in der Vielfalt unserer
Wirklichkeit sein und existieren bereits vor persönlichen Erfahrungen und
beeinflussen diese. Feindbilder knüpfen an latente negative Vorurteile
an. Sie sind individuelle und kollektive Irrtümer, besetzt mit starken
negativen Gefühlen. Mit der Wirklichkeit stimmen Vorurteile und Feindbilder
nicht oder nur teilweise überein. Durch die Realität oder durch logische
Argumente lassen sie sich nur schwer korrigieren. Feindbilder dehumanisieren
den Gegner und machen so auch seine Vernichtung ohne schlechtes Gewissen möglich.
6.2.2. Feindbilder entstehen und halten sich unter bestimmten Voraussetzungen
(3) bei Menschen, die mit sich selbst nicht in Frieden leben. Besonders dem
Menschen, der wenig Annahme erfahren hat, und dem autoritätsabhängigen
Menschen fällt es schwer, sich mit seinen Eigenschaften, Bedürfnissen
und Wünschen zu erkennen und anzunehmen. Erziehungsziele in Familie, Kindergarten,
Schule und Kirche, die diesen Prozeß nicht zulassen, erschweren Selbsterkenntnis
und Selbstannahme. So erzogene Menschen sind gezwungen, all das, was sie bei
sich nicht erkennen oder ablehnen (Angst, Aggression ... ), bei anderen zu verurteilen.
Dabei sind ihnen die vermittelten Feindbilder und Vorurteile eine Hilfe und
ersparen eine möglicherweise schmerz- und angstbeladene Analyse der eigenen
Situation.
(4) bei Menschen, die nicht friedlich-partnerschaftlich handeln können.
Menschen, die an sich selbst nur erfahren, daß Probleme und Konflikte
durch Sieg oder Niederlage gelöst werden, sind weder motiviert noch in
der Lage, Konflikte zu analysieren, auszuhalten und auszutragen. Sie sind im
Vermitteln zwischen Gegensätzen nicht geübt.
(5) in den von Menschen geschaffenen Strukturen der Ungerechtigkeit, Unterdrückung
und Entmündigung, die ohne Vorurteile und Feindbilder nicht bestehen können.
6.2.3.
(6) Vorurteile und Feindbilder dienen in erster Linie der Schuldzuweisung
und eigenen Rechtfertigung. Sie machen blind für die gemeinsame Bedrohung,
für gemeinsame Interessen, gemeinsame Verantwortung und verhindern gemeinsames
Handeln. Sie liefern den Vorwand für Gewalt und Aggressivität und
für das Beharren in Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Haß.