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5.4. Mögliche Entscheidungen und notwendige Hilfen


5.4.1. Vorbereitung der Entscheidung

(5) Die Vorbereitung auf eine Entscheidung in Fragen des Wehrdienstes beginnt bereits im Kindes- und Jugendalter.

5.4.1.1. Die mittelbare Vorbereitung

Im sozialistischen Erziehungs-, Bildungs- und Berufsbildungssystem wird starker Wert auf eine frühzeitige Motivation für den Wehrdienst gelegt. Dies beginnt bereits im Kindergarten. Die intensive Vorbereitung der Jugendlichen erfolgt aufbauend auf den Wehrunterricht mit dem Wehrlager und der vormilitärischen Ausbildung für Oberschüler und Lehrlinge. Für den einzelnen besteht dadurch die Gefahr, festgelegt zu werden, bevor er selbst fähig ist, eine Entscheidung zu fällen. Wir erkennen die Aufgaben:

(6) Christliche Eltern sollen ihre Kinder zur Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben erziehen, zum Verzicht auf Anwendung von Gewalt anleiten und Zivilcourage einüben. Sie sollen sich selbst mit den Fragen des Wehrdienstes auseinandersetzen, um ihren Kindern bei deren Gewissensentscheidung helfen zu können (vgl. 6-Friedenssicherung).

(7) Die christlichen Gemeinden sollen im Rahmen ihrer Unterweisung durch geeignete Information die Bewußtseinsbildung der Kinder und Jugendlichen sowie der Eltern in der Friedensfrage fördern.

(8) Die Kirchenleitungen werden gebeten, diesbezügliche Beratungsmöglichkeiten zu intensivieren und für eine ökumenische Koordinierung Sorge zu tragen.

(9) Die Kirchenleitungen werden gebeten, sich dafür einzusetzen, daß Wehrunterricht und vormilitärische Ausbildung abgeschafft werden. Als erster Schritt ist die Anerkennung der Gewissensentscheidung von Schülern, Lehrlingen und Studenten, eine Ausbildung an Waffen abzulehnen, anzusehen.

(10) Die Kirchenleitungen werden gebeten, sich gleichzeitig dafür einzusetzen, daß im Bildungswesen und Berufsleben militärische Zielsetzungen, Inhalte und Strukturen abgebaut werden. Die internationalen Bemühungen um Entspannung und Frieden sollten auch auf diese Weise gefördert werden.

5.4.1.2. Die unmittelbare Vorbereitung

(11) Die Entscheidung des jungen Wehrpflichtigen ist von großer Tragweite. Sie betrifft nicht nur die Zeit des Wehrdienstes, sondern sein ganzes weiteres Leben. Durch den Fahneneid oder das Gelöbnis bleiben die Wehrpflichtigen zur Leistung militärischer Dienste im Frieden und auch im militärischen Konflikt bis hin zum Kriegsfall verpflichtet. Auch Frauen sind bereits im Fall der Mobilmachung von der Wehrpflicht betroffen. Es ist notwendig, der Einbindung von Frauen in militärische Strukturen entgegenzuwirken.
Es genügt nicht, Wehrdienst deshalb zu leisten, weil alle es tun, es verlangt wird oder gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird; es genügt aber auch nicht, Wehrdienst zu verweigern, weil andere es anraten oder es selbst tun. Jeder Wehrpflichtige steht vor einer weitreichenden Gewissensentscheidung, ob und in welcher Weise er Wehrdienst leisten kann oder nicht.
Wir erkennen die Aufgaben:

(12) Wehrpflichtige sollen sich sachkundig machen und eine am Evangelium orientierte Gewissensentscheidung fällen.

(13) Familienangehörige, Partner und Freunde sollen dem Wehrpflichtigen den Freiraum für eine eigene Entscheidung gewähren, diese Entscheidung respektieren und bereit sein, die sich daraus ergebenden Folgen mitzutragen.

(14) Die Gemeinden sollen durch rechtzeitige Beratung beim Finden einer Entscheidung helfen und deren Konsequenzen und Tragweite bewußt machen.

(15) Die Kirchenleitungen werden gebeten, dafür Sorge zu tragen, daß für den Wehrpflichtigen in der Phase der Entscheidungsfindung ausreichende Begleitung und Beratung gegeben wird. Beratungsstellen für Wehrpflichtige sollen eingerichtet beziehungsweise die Arbeit der vorhandenen intensiviert werden; eine ökumenische Koordinierung soll erfolgen. Für diese Aufgaben sollen aktuelle Hilfen umgehend erarbeitet werden.


5.4.2. Mögliche Entscheidungen

(16) Wir bieten folgende Orientierungen und Hilfen zur Entscheidung angesichts der derzeit möglichen Wege an:

5.4.2.1. Wehrdienstverweigerung

Wehrpflichtige, die in der heutigen Situation Wehrdienst verweigern und ihre Entscheidung vom Evangelium her begründen, geben ein Zeugnis der Gewaltfreiheit. Sie handeln im Vorgriff auf eine zukünftige Weltfriedensordnung und leisten damit einen prophetischen Dienst. Viele sind durchaus bereit, nichtmilitärischen Dienst für das Gemeinwohl zu leisten. Trotzdem sind sie durch ihre Entscheidung zur Zeit noch Benachteiligungen ausgesetzt und stehen außerhalb des geltenden Rechts. Sie müssen deshalb bereit und in der Lage sein, die strafrechtlichen Folgen auf sich zu nehmen.
Wir erkennen die Aufgaben:

(17) Die Gemeinden sollen Wehrdienstverweigerern und ihren Familien in den Belastungen, die sich ergeben können, beistehen.

(18) Die Kirchenleitungen werden gebeten, sich verstärkt für die Verankerung des Rechts auf Wehrdienstverweigerung aus Glaubens- und Gewissensgründen in der Rechtsordnung der DDR einzusetzen.

(19) Die Kirchenleitungen werden gebeten, weiterhin dafür einzutreten, daß eine rechtliche Gleichstellung derer erfolgt, die den Fahneneid oder das Gelöbnis geleistet haben und sich später aus Glaubens- und Gewissensgründen zur Erfüllung nicht mehr in der Lage sehen.

(20) Die Kirchenleitungen werden gebeten, sich dafür einzusetzen, daß die noch bestehenden Benachteiligungen für Wehrdienstverweigerer in Ausbildung, Schule und Beruf beseitigt werden.

(21) Die Kirchenleitungen werden gebeten, solange der Staat an einer allgemeinen Wehrpflicht festhält, sich für die Einrichtung alternativer ziviler Dienste einzusetzen, vorrangig im sozialen und ökologischen Bereich. Falls erforderlich, sollten die Kirchenleitungen auch Einsatzmöglichkeit im diakonisch-caritativen Bereich anbieten.

(22) Die Kirchenleitungen werden gebeten, sich in den internationalen ökumenischen Gremien für die allgemeine Anerkennung und Verwirklichung des Menschenrechts auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen einzusetzen.

5.4.2.2. Wehrdienst ohne Waffe als Bausoldat

(23) Wehrpflichtige, die den Wehrdienst ohne Waffe leisten und ihre Entscheidung aus dem Evangelium begründen, geben damit ein Zeichen für den Verzicht auf militärische Gewaltanwendung. Der Dienst als Bausoldat stellt den schwierigen Versuch dar, dieses Zeugnis unter militärischen Bedingungen zu geben. Wer Wehrdienst ohne Waffe leistet, muß wissen, daß er durch ein Gelöbnis rechtsverbindlich militärischen Gehorsam verspricht. Vor seinem Gewissen bleibt er trotzdem für sein Handeln unter Befehl verantwortlich.

Wir erkennen die Aufgaben:

(24) Bausoldaten sollen auch durch ihr mitmenschliches Verhalten in den militärischen Strukturen ein bewußtes Friedenszeugnis geben.

(25) Die Gemeinden sollen die Bausoldaten am Standort und im Heimatort seelsorgerlich begleiten, um mögliche Konflikte aufzuarbeiten und das Gewissen am Evangelium zu orientieren.

(26) Die Kirchenleitungen werden gebeten, weiterhin dafür einzutreten, daß Bausoldaten ausschließlich an zivilen Objekten eingesetzt werden.

(27) Die Kirchenleitungen werden gebeten, sich dafür einzusetzen, daß noch bestehende Benachteiligungen für Wehrdienstleistende ohne Waffe in Ausbildung, Schule oder Beruf beseitigt werden.

5. 4.2.3. Wehrdienst mit Waffe

(28) Wehrpflichtige, die Wehrdienst mit Waffe leisten und sich in ihrem Gewissen an das Evangelium gebunden fühlen, haben ausschließlich die Aufgabe, Krieg zu verhindern und Frieden zu sichern; denn Waffendienst ist heute nur noch vom Ziel der Kriegsverhütung her zu rechtfertigen. Waffendienstleistende sollen sich für Verringerung und Verhinderung von Gewalt und den Aufbau einer internationalen Ordnung des Friedens und der Gerechtigkeit einsetzen (vgl. 1 - Grundlegung 1.2.3.2 und 4 - Friedenssicherung).

(29) Wer Wehrdienst mit Waffe leistet, muß wissen, daß er sich durch den Fahneneid zu militärischem Gehorsam verpflichtet. Dieser Eid behält seine Verbindlichkeit auch über den Grundwehrdienst hinaus. Befehlen, die im Widerspruch zum Völkerrecht und seinen allgemeinen Prinzipien stehen, darf der Soldat nicht Folge leisten. Vor seinem Gewissen bleibt er auch unter Befehl für sein Handeln verantwortlich.

Wir erkennen die Aufgaben:

(30) Jeder, der Wehrdienst mit der Waffe leistet, soll sich über Verpflichtung und Grenzen militärischen Gehorsams kundig machen. Er soll sich um den Abbau von Feindbildern und Haß sowie um Überwindung jeder Form von Grausamkeit bemühen.

(31) Die Gemeinden sollen die Soldaten am Standort und im Heimatort seelsorglich begleiten, um mögliche Konflikte aufzuarbeiten und das Gewissen am Evangelium zu orientieren.

(32) Die Kirchenleitungen werden gebeten, sich darum zu bemühen, die erforderlichen Freiräume für Gewissensentscheidungen der Soldaten zu sichern. Dies kann zugleich durch Initiativen in der weltweiten Ökumene geschehen.

Dazu gehören:

Die Aufhebung der Rechtsentschuldigung des Befehlsnotstandes, die Abschaffung - soweit noch vorhanden - des Standrechtes und der Todesstrafe im Militärstrafrecht, die Einrichtung einer internationalen Anrufungsinstanz für Verweigerer von Befehlen, die im Widerspruch zum Völkerrecht und seinen allgemeinen Prinzipien stehen.

(33) Die Kirchenleitungen werden gebeten, sich darum zu bemühen, die seelsorgerliche Betreuung schwerkranker oder schwerverwundeter Soldaten in militärischen Objekten sicherzustellen.

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